Regelrechter Verlauf.

Auf Erwins Nachttisch steht ein Foto wie er im karierten Kurzarmhemd in geselliger Runde dem Fotografen zuprostet. Ein Mensch mit Mimik, Charakter, Ausstrahlung und Seele.
Erwin ist so der Typ alter Herr der seine Flaschen getrennt und gerne auch einzeln zum Glascontainer bringt. Der Typ, dem seine Frau die Kleidung nicht rauslegen muss weil es sowieso immer auf ein kariertes Hemd mit Hosen aus dem blassbunten Graufarbenspektrum hinausläuft. Der Typ Mann der bis vor ein paar Jahren mit dem Kurzhaardackel (Rassehund!) spazieren gegangen ist und abends die 6m²-Rasenfläche des Gemeinschaftsgrundstücks vor dem 6-Parteien-Mehrfamilienhaus mit Wasser sprengt.
In den letzten Wochen kam es wiederholt vor, dass Erwin sich bei der Gartenarbeit setzen musste. Die Pumpe. Zwei Mal wurde er sogar bewusstlos. Jaja, sowas passiert sagt Erwin. Wahrscheinlich zu wenig getrunken. Der Hausarzt stellt eine schwere Herzfunktionsstörung fest, weitere Untersuchungen ergaben eine Auswurfleistung von nur noch 5%. Für sich genommen nicht mit dem Leben vereinbar, allerhöchstens durch ganz langsame Gewöhnung an so ein schlecht funktionierendes Herz.
Die Ursache ist eine Aortenklappeninsuffizienz, eine große Herzklappe die eigentlich wie ein Ventil Blut nur in eine Richtung durchlässt aber bei Erwin jetzt offen wie ein Scheunentor stand und das Blut, welches gerade aus dem Herzen in die Hauptschlagader gepumpt wurde sofort wieder ins Herz zurückströmen lässt. Effektiv wird dadurch nur noch sehr wenig Blut in den Körper gepumpt, bei Erwin noch 5%. Normal wären >55%. Bei Anstrengung kann das dazu führen, dass einem auch schon mal schwarz vor Augen wird.
Erwin entschied sich für die Operation. So wie fast alle traf er keine Vorsorge. Mit 75 Jahren stand er ja eigentlich in Saft und Kraft, da muss man sich um solche Dinge keine Gedanken machen.
Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung, Patientenverfügung, Testament. Bei Erwin kam es nach der operativen Aortenklappenrekonstruktion (Wiederherstellung der großen Herzklappe) am 1. Tag nach der OP zu einer Nahtinsuffizienz mit Nachblutung. Erwins Herz wurde schnell schwach, Erwin wurde reanimiert, kam notfallmäßig in den OP, wurde mehrere Tage beatmet, die Nieren setzten aus, die Lunge verschlechterte sich, eine künstliche Dialyse wurde nötig, Erwin wurde nicht richtig wach, eine Beatmung wurde über einen Luftröhrenschnitt fortgesetzt, die Tage gingen ins Land, jeden Tag eine neue Komplikation, irgendwann Stagnation, Erwin blickte nun an die Decke.
Der Pat. solle zur heimatnahen Therapie verlegt werden war die offizielle Begründung. Seine Frau sei ja so schlecht mobil. Die Herzklinik wollte ihn nicht länger behalten. Klar, man benötigt neue Betten, neue Patienten, neue Operationen, Kapazitäten braucht das Land.
Für Erwin änderte sich die Decke von glatt verputzt auf gelöchert.
Der Neurologe hat ihn heute besucht, meinte Erwin würde völlig adäquat reagieren. Das meint, dass er die erwartbaren Reaktionen auf Aufforderung zeigt. Von uns, den behandelnden Ärzten der Intensivstation kann das keiner bestätigten, weil Erwin für unser Verständnis immer nur an die Decke schaut, ziemlich egal was man macht. Erwin und seine Frau sind von einem regelrechten Verlauf ausgegangen. Alles wird gut gehen haben die Ärzte gesagt. Dann sind sie bald wieder zuhause.
Erwin wird nie wieder seinen Rasen sprengen. Erwin wurde für einen Heimbeatmungsplatz angemeldet. Kein Rehapotential, das CCT (Röntgenschichtuntersuchung des Schädels) zeigt einen großen Schaden, am ehesten im Rahmen der Reanimation nach der zweiten OP. Jetzt wird nach einem Platz gesucht wo beatmete Patienten gepflegt werden. Bis zum Ende.

Annotation:
Ich kann nur immer wieder betonen wie wichtig es ist, für den Fall der Fälle vorzusorgen. Ein geplatztes Blutgerinnsel im Kopf, ein schwerer Autounfall, ein Darmverschluss mit kompliziertem, intensivmedizinischem Verlauf. Auch jungen Menschen kann sehr schnell, sehr schlimmes passieren und es gehört zu den Pflichten eines jeden Menschen sich mit solchen Eventualitäten auseinanderzusetzen. Dafür braucht es keine vorgefertigten Standardtexte. Im Gegenteil! Schreibt im Klartext auf, was ihr wünscht, was nicht. Was ihr bei anderen erlebt habt, was ihr für Euch wollt und was nicht und wer im Fall eines Falles Euch gesetzlich vertreten darf. Das kann und soll am bestene in eigenen Worten formuliert werden.
Es würde für uns so vieles vereinfachen.

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16 Gedanken zu “Regelrechter Verlauf.

  1. sehr traurig. selbst auch schon oft erlebt.

    ich habe eine patientenverfügung; im fall wie oben beschrieben, dass ich nicht mehr wach werde oder wenn im falle des wachwerdens schwerstbehindert sein würde, möchte ich, dass die geräte abgestellt und organe entnommen werden. lieber rette ich wenigstens ein leben, als dauerhaft ein bett zu blockieren und kosten zu verursachen, die ich nicht mehr nötig habe.

    aber: dürft ihr das wirklich so umsetzen, wenn es der wunsch eines patienten ist?

    1. Ja, das dürfen „wir“ nicht nur, das müssen wir. Eine Patientenverfügung zu ignorieren entspricht einer Körperverletzung.
      Das Problem ist, dass viele PV mit einer Klausel à la „Wenn zwei Ärzte unabhängig voneinander feststellen, dass ich mich in einem unabwendbaren Sterbeprozesse befinde“ oder so ähnlich. Das wird nie passieren! Niemals kann und wird sich ein Arzt festlegen, dass ein unabwendbarer Sterbeprozess eingetreteten. Man kann und wird immer argumentieren, dass es eine potenziell behebbare, akute Ursache gibt. Ich kann gerne dazu mal einen Blogeintrag verfassen, ist aber sicher etwas spezieller.
      Besser ist es im Freitext viel aufzuschreiben, am besten von Hand. Das hilft Ärzten dann wirklich weiter.

      1. Du hast mir echt zu denken gegeben und ich werde mich auf jeden Fall drum kümmern…. Wäre aber wirklich super, Du könntest dazu einen Beitrag schreiben, etwa mit ein paar Formulierungen, die der Laie so nicht kennt. Beispiel: Abschalten, falls hirntot -> was genau gilt als hirntot, etc. Eben damit es nicht zu solch problematischen Formulierungen kommt wie Du sie oben geschildert hast, bei denen man sich eigentlich auf der sicheren Seite wähnte….
        LG und nochmal danke fürs „anstupsen“,
        Jeb

      2. welcher zeitraum wäre da angemessen bzw. ab wann wäre es absehbar, dass man nicht mehr wach wird, egal ob nun nach einem unfall oder op-bedingt?
        wachkoma z.b. ist da für mich das gleiche in grün. will ich auch nicht.

        meine frühere chefin hat die verfügung vor über 9 jahren quasi beglaubigt, aber sie als allgemeinmed hatte auch nicht wirklich die ahnung, ob das überhaupt so als mein wunsch respektiert würde.

        erneuern müsste ich die auf jeden fall mal, dann eben handschriftlich.

        eine klausel habe ich nicht drin, ich habe es so verfasst wie in meinem ersten kommentar geschrieben. also wenn jemand mann und / oder kindern sagt, dass ich da noch drölf monde so liegen werde, dann darf dieser jemand schonmal skalpell & eisköfferchen zücken.

        aber zur betreuungsverfügung: ist die nicht hinfällig, wenn ich eine patientenverfügung bei mir habe?

  2. Sowas macht nachdenklich….. Danke dafür! Aber -mal ganz naiv gefragt- reicht es denn bei sowas nicht, wenn der Ehepartner weiß, was man möchte? Oder darf der das in so einem Fall dann nicht entscheiden?
    Lg, Jeb

    1. Nein, ein beliebter Irrglaube. Der Ehepartner hat medizinsch gesehen per se gar keine Rechte außer vielleicht ein Besuchsrecht. Dafür gibt es eine Betreuungsverfügung.
      Patientenverfügung = was ich will und was ich nicht will.
      Betreuungsverfügung = wer meinen Willen in meinem Sinne durchsetzen soll, wenn ich mal nicht mehr so kann wie ich will.
      Vorsorgevollmacht = unter Umständen umfassend gültige Entmündigung der eigenen Person und Übertragung der Persönlichkeitsrechte auf die genannte Person.

      Eine Betreuungsverfügung ist nicht das Papier wert auf dem sie geschrieben ist, solange Du Deinen Willen äußern kannst. in dem Moment, in dem Du sie brauchst weil Du Dich selber nicht mehr äußern kannst (Schädel-Hirn-Trauma o.ä.) wird sie zum wertvollsten Dokument was Du besitzt. Viele gehen davon aus, dass im Falle eines Falles automatisch der Ehepartner als Betreuer bestimmt wird. Das ist mitnichten der Fall!

      Grüße!

      Der Narkosearzt

  3. Gut das Du an das Thema erinnerst. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, das eine Verwandte nach einem Schlaganfall an allerlei Maschinen gehängt wurde, auch Beatmung obwohl Sie solche Maßnahmen nicht wollte. Sie war danach 1,5 Jahre schwerster Pflegefall und ich glaub atmen war das einzige was Sie dann noch konnte….
    Fände ich super wenn Du dazu mal einen Artikel verfasst würde mich sehr interessieren.
    Ich möchte nämlich nicht an einer Maschine oder Bettlägerig ewig lang vor mich hinsterben.

    1. Ja, da ich im Moment auf der Intensiv bin ist das nun mal Alltag. Es kommen auch wieder andere Zeiten.
      Es kommt sogar sehr sicher etwas zu dem Thema! Eine Art FAQ zum Thema Patientenverfügung und Vorsorge. Ich plane das so für Oktober/November.

  4. Ich find das so schwierig. Ab wann ist man „tot“ bzw. wird nie wieder aufwachen. Und wann verhindere ich mögliche Heilungschancen durch eine Verfügung, gehts das überhaupt? Wie kann ich das richtig formulieren?
    Ich hab ein Kind, bin alleinerziehend, zwar gibt es Großeltern, aber sicher nicht auf ewig…. Irgendwie denke ich manchmal, ich hab doch keine andere Wahl als Maximaltherapie.
    Vllt beruhigt sich dass wenn mein Partner das Kind offiziell adoptieren konnte und ich weiß sie wird immer gut versorgt, egal was kommt.

    1. 1) Bei einem endgültigen Verlust der für ein Lebewesen typischen und wesentlichen Lebensfunktionen.
      2) Ja das geht.
      3) Eine Herausforderung, aber einfacher als ein Stefan Kießling in die deutsche Fußballnationalmanschaft findet.
      Alles Gute!

      1. Das dachte ich mir,in sofern würde ich mich über einen Blogpost der darauf näher eingeht freuen!

        Naja, wenn man mal davon ausgeht, dass die Defensive bei der WM total versagt dann besteht Hoffnung, dass Löw bald weg ist, also hat Kießling durchaus reelle Chancen. (Ob er nach dem Spruch vom Richter noch Bock auf den DFB hat ist ein anderes Thema).

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