Norbert, 53 J. männlich

Norbert griff sich filmreif an die Brust und hätte einen Seufzer ausgestoßen, dafür war aber nicht genug Luft in den Lungen. Also verkniff er nur das Gesicht und schnappte das berühmte Fisch-auf-dem-trockenen-Lied. Zwei Minuten später lernten wir uns kennen. Guten Tag, Narkosearzt mein Name sie haben uns gerufen, wir reanimieren dann mal.
Das war an einem nicht zu sonnigen Montag um 14:15 Uhr.

Am Mittwoch war Norbert unterwegs zu seiner Schwester. Norbert wohnt da wo man viele Berge sehen kann, seine Schwester wohnt da wo man viel nichts und viel Wasser sehen kann. Bei seiner Schwester musste er erstmal einen langen Spaziergang mit dem Hund machen weil ihm die lange Autofahrt doch ungewöhnlich stark zugesetzt hatte. Irgendwie schmerzte auch das Bein. Muss das Wetter sein. Außerdem, was von selbst kommt, geht auch von selbst. Vielleicht morgen mal zum Arzt. VIelleicht.
Trotz frischer Seeluft hatte er das Gefühl gar nicht richtig durchatmen zu können und legte sich viel früher als sonst hin weil der erste Tag an der See ja sowieso immer ganz müde macht. Norbert fuhr ausnahmsweise schon am Samstag nach Hause. Am Montag musste er wieder zur Arbeit und da wollte er sich noch ein wenig ausruhen, so von zuhause.    
Am Sonntag tat ihm das Bein weh. Am Montag ging Norbert mit dem Hund und seinem wehen Bein raus, obwohl er so schlecht Luft bekamn.
Im Park brach Norbert dann zusammen. Eine Passantin (die Heldin der Geschichte!) eilte zu ihm hin, rief den Rettungsdienst und blieb bei Norbert. Als der RTW ankam (ohne Notarzt) ging es Norbert schon besser. Er wolle nicht ins Krankenhaus, es geht schon wieder, alles halb so schlimm. Der RTW fuhr weg, Norbert bekrabbelte sich und wollte weitergehen. Ein paar Meter weiter brach er erneut zusammen. Erneuter Anruf unserer Heldin beim Feuerwehr-Callcenter die darauf etwas genervt reagierten. Es wäre bereits ein RTW vor Ort gewesen. Die Passantin blieb dabei, der RTW kam erneut, diesmal mit Notarzt, der Patient wurde (immer noch gegen seinen Willen aber mit viel gutem zureden) ins Krankenhaus gebracht. Dort kam er nach der Aufnahme zunächst auf die Überwachungsstation, ein CT sollte im Verlauf erfolgen. Dazu kam es nicht mehr. Dafür lernten wir uns dann kennen.

Norbert jappste nur noch als ich ihn sah, hatte aber noch einen schwach tastbaren Puls. Auf dem Weg zum CT wurde Norbert pulslos, also brachen wir das ab und bogen unter Reanimation (im Bett!) links ab auf die Intensivstation. Es war das erste und bisher einzige Mal, dass wir einen Pat. fahrend reanimiert haben. Sah bestimmt filmreif aus. Wie in einem echten Krankenhaus.
Auf der Intensiv erwartete uns eine doppelte Intensivbesetzung (Schichtwechsel) und wir konnten uns mit sechs Leuten abwechseln. Norbert hatte in Millisekunden sämtliche Katheter in sämtlichen vorhandenen und nicht vorhandenen Körperöffnungen und es lief eine Reanimation nach Lehrbuch, das ERC wäre stolz auf uns gewesen. Im Notfallecho sah man einen riesengroßen rechten Ventrikel, die Klinik und die Anamnese ließen nur einen Schluss zu > Rescuelyse. Dabei wird ein Medikament gegeben, was ca. 1000€ kostet dafür aber auch Blutgerinnsel auflösen kann und zwar pronto. Dafür kann man dann auch mal 1000€ nehmen.
Wir haben Norbert 60 Minuten reanimiert, danach gekühlt (schützt das Gehrin), aufgewärmt und nach zwei Tagen den Beatmungsschlauch entfernt. Am vierten Tag konnte er die Intensivstation verlassen, ging direkt in die Reha (mit Marcumar, einem Blutverdünnungsmittel) und war schon bei der Verlegung ohne erkennbare, neurologische Defizite. Kein Hirnödem, keine Wortfindungsstörungen, keine Schluckstörungen, Norbert war komplett der alte! Und wollte erstmal nen Kaffee.
Leider haben wir Norbert nie mehr wiedergesehen, eine Intensivschwester traf ihn beim einkaufen.
Ich glaube, er war sich nie darüber bewusst, wie viel Glück er gehabt hat. Wäre er auf der Wiese im Park reanimationspflichtig geworden, er wäre wahrscheinlich ein Wachkomapatient. Wenn überhaupt.

Norbert blieb in drei Jahren Tätigkeit auf dieser Intensivstation der einzige Patient den ich erlebte, der eine Reanimation ohne neurologisches Defizit überlebte und wieder ohne Abstriche ganz der alte wurde.

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10 Gedanken zu “Norbert, 53 J. männlich

  1. Es ist bestimmt ein gutes Gefühl, zu Wissen, dass man jemanden nach einer Reanimation als „geheilt“ entlassen kann! Leider passiert so eine Geschichte viel zu selten.
    Meine bisherigen Reanimationen sind alle mehr oder weniger negativ verlaufen. Würde mich über so einen tollen Verlauf auch freuen!

  2. Hallo (:

    ein sehr schöner Artikel und gut geschrieben.
    Ich muss dem zustimmen, dass es wirklich einer von ganz ganz wenigen ist, der eine Rea auch wirklich ohne Schäden überlebt.
    Ich selber habe schon im Rettungsdienst mehrer LE reanimiert, alle sind verstorben…

    1. Hallo Suprarenina!
      Herzlich Willkommen an die Frau mit dem tollen Namen! 🙂
      Gerade deshalb wollte ich das mal aufschreiben. Wir haben so oft diese Fälle wo man sich leise seinen Teil denkt und die Chancen vom Prozent- in den Promillebereich rutschen, aber man weiß eben nie wer der eine von 100 oder 1000 ist. Also tun wir bei jedem so, als wenn er der 100. Kandidat ist. Sagte mal jemand: we never know, until we know.

  3. Hey Du!
    Klasse Einstellung, vor Allem, wenn man das auch nach Jahren im Beruf noch so sieht!
    Hach, Ihr seid meine Helden und ich find`s echt super, zu lesen, wie sehr Ihr Euch um jeden Einzelnen bemüht!
    LG

    1. Danke! Und herzlich willkommen hier!
      Ich fand es war besser als bei GA. Es war das erste und bis jetzt einzige Mal, dass wir unter Reanimation durch die Klinik gefahren sind. Ging ja nicht anders, weil wir irgendwie mit dem Patienten auf die Intensiv mussten. Das beste daran war aber, dass wir ein super Team hatten und alle an einem Strang gezogen haben. Es lief wie ein Uhrwerk und das hat dann bei aller Tragik in dem Moment richtig Spaß gemacht. Schräg, oder? 😉

      1. Naja, schräg…is toll wenn es ein Team gibt das so Hand in Hand srbeiten kann.
        Bei GA müssen die natürlich immer so Action machen damit es spannend bleibt. Da werden die nicht so aufregenden Sachen weggelassen. Die, die im echten Leben aber oft auch sehr wichtig sind.
        Liebe Grüße

  4. Schöne Gewschichte ich bin seit einigen Jahren Wärter auf einer herzchirurgischen Inetnsiv und schon das ein oder andere Mal filmreif durch die Klinik gegondelt, ich kann mich an 2 oder 3 Patienten erinnern die wir im ganzen (also mit Hirn) wieder zurück geholt haben… Aber die Ausbeute ist auch bei uns sehr gering! Der Letzte der sich auf dem Weg, auf den Weg gemacht hat zeriss es die Aorta… wir kehrten drückend um, ließen CT CT sein und versuchten ca 1,5 Stunden alles menschenmögliche…. mal wieder vergebens

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