Übernahmeverschulden, Organisationsverschulden, Knast.

Einsatz auf der Bundesautobahn, Meldung „Respiratorversagen“.

Nanu, wer benötigt auf der Autobahn ein Beatmungsgerät? War da was?
Ja, ein Patient sollte in eine Entwöhnungsklinik verlegt werden mit einem Beatmungsgerät. Das verlegende Krankenhaus war der Meinung es müsse kein Arzt mitkommen, der Pat. sei seit Tagen stabil mit dem Gerät. Die den Einsatz fahrenden Mitarbeiter des Rettungsdienst (1x RA, 1x RS) übernahmen den Patienten mit Protest, dieser wurde jedoch abgewiegelt. Also fuhren sie los, auf der Autobahn (nach 10 Minuten Transportzeit) kam es zu einer Komplikation und es wurde der Notarzt alarmiert. Icke. Problem gelöst, umgedreht (im nächsten Autobahnkreuz…) und ab nach Hause. Dort ein saftiges Protokoll ausgefüllt und mit freundlichen Grüßen abgeliefert. Das gab dann auch noch ein Gespräch mit dem ärztlichen Leiter unseres Rettungsdienstes und insgesamt wohl viel Schreibkram für andere.

Jeder arbeitet gerne selbständig. Das machen schon Kinder so die, sobald sie sprechen können alles mit „Kann alleine“ kommentieren. Als Berufsanfänger war ich sehr glücklich in der Anästhesie sehr früh, sehr viel alleine machen zu dürfen.
Dies geschah immer unter Aufsicht eines erfahreneren Arztes und niemals ohne das dieser erfahrenere Arzt nicht der Meinung gewesen wäre mir diese Aufgaben zuzutrauen.
Im Rahmen eines bis dahin sehr ruhigen Dienstes rief mich der Neurologe an. Er habe da einen Patienten, Blutung im Kopf, Verlegung zum Maximalversorger mit neurochirurgischer Interventionsmöglichkeit notwendig. Da diese Patienten theoretisch „einklemmen“ können (das Blut dehnt sich aus, drückt wichtige Hirnbestandteile zusammen und es kommt zu Atemaussetzern etc.) werden sie nach Absprache in unserem Haus auf dem Transport vom diensthabenden Anästhesisten begleitet. Das wäre dann ich.
Mein Oberarzt kam ins Haus, setzte sich für mich so lange auf die Intensivstation und ich fuhr also nach Essen. Ich brachte den Patienten noch wach und ansprechbar in die Großstadt, bei der Übergabe fiel auf, dass der Patient quasi zusehends müde wurde und dann auch rasch intubiert werden musste. Alles kein Problem, hätte ich mir auch zu dem Zeitpunkt alles zugetraut. Der Patient war bereits im Uniklinikum und damit sicher versorgt, es bestand zu keinem Zeitpunkt eine Unterversorgung.
Der Haken an der Sache ist: ich hätte da gar nicht mitfahren dürfen! Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht die sgn. „Fachkunde Rettungsdienst“, die behördliche Erlaubnis als Notarzt fahren zu dürfen. Laut Rettungsdienstgesetz meines Bundeslandes sind sgn. „Sekundärtransporte“ (arztbegleitete Transporte von Krankenhaus zu Krankenhaus) zwingend notwendig von einem Notarzt zu begleiten. Nicht von irgendeinem Arzt sondern von einem Notarzt. Ob der begleitende Arzt jahrelange Berufserfahrung mitbringt ist egal, er muss den Notarztschien haben.
Wenn diesem Patienten irgendetwas passiert wäre, hätte ein Anwalt (und Patienten oder deren Angehörige flirten heutzutage gerne mit Anwälten) als erstes nach meiner Qualifikation geschaut. Dann hätte er gesehen, dass ich den Schein nicht habe, nicht in die Geräte eingewiesen bin, den Patienten quasi per definition nicht adäquat hätte versorgen können.
Auf gut deutsch: ich wäre dran gewesen! Und da als Mediziner ein Bein mit der Approbation im Knast steht hätte ich das andere gleich dazu stellen können.

Was mich daran so ärgert: mein Arbeitgeber hält bis heute an dieser Regelung fest. Ständig werden arztbegleitete Transporte von jungen Kollegen und Kolleginnen begleitet die rein rechtlich gesehen dort nichts zu suchen haben. Dass die das medinisch können steht außer Frage, aber darum geht es nicht. So kann man ohne etwas böses zu wollen sehr schnell sehr viel Ärger bekommen. Ein klassisches Organisationsverschulden („der Auftraggeber / das Krankenhaus bringt mich in diese Lage…“) aber ohne mein Wissen auch ein Übernahmeverschulden („ich übernehme eine Tätigkeit für die ich eigentlich nicht ausgebildet bin“). Es ist kompliziert.
Die Lösung wäre übrigens  gewesen den Notarzt (112) zu alarmieren und ihn den Sekundärtransport begleiten zu lassen. Wäre in dem Fall der medizinisch bzw. fachlich aufwendiger aber juristisch einwandfreie Weg gewesen.

Ich kann nur allen jungen Dienstärzten und Rettungsassistentenhelfernsanitätern dringend ans Herz legen sich solche Regelungen genau anzuschauen. Bauchschmerzen sind ein guter Anwalt. Man sollte darauf hören.
Fazit für mich:
Es ist wichtig zu wissen, was man kann, was man darf und was man nicht darf auch wenn man es kann. Und überhaupt.

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7 Gedanken zu “Übernahmeverschulden, Organisationsverschulden, Knast.

  1. Oha!
    Aber so ist das hier in der BRD: Wenn man nicht schwarz auf weiß hat, DASS man was kann, dann DARF man es auch nicht KÖNNEN DÜRFEN bzw. KANN es nicht.
    Aber sich da als Berufsanfänger gegen die KKH-Leitung und Anweisung „von oben“ quer zu stellen: sicher schwierig!

    PS: Sind die Verlinkungen Absicht? -> *flirt* 🙂

  2. Das ist doch leider der Alltag im Rettungsdienst/Krankentransport.
    Mit RTW/KTW soll man regelmäßig Patienten fahren, die an ein Heimbeatmungsgerät angeschlossen sind. Hinweise auf die fehlende Einweisung gemäß MpG werden abgewiegelt. Ich habe solche Transporte schon abgelehnt. Die Folge war, dass man halt ein anderes Fahrzeug hinschickt auf dem z.B. der frische FSJler sitzt. Der macht’s dann halt, weil er’s nicht weiß.
    Viel schlimmer sind aber eigentlich Pflegeeinrichtungen, die vorzugsweise nachts den Rettungsdienst alarmieren weil sie Probleme mit dem Beatmungsgerät haben. Die Pflegenden sind meistens nichtmal Fachkräfte, haben keine Einweisung auf die Geräte und zudem keine Erfahrung in der Pflege solcher schwerkranker Patienten.
    Kriegen aber von der Pflegedienstleitung die Patienten dahin gelegt.

  3. „(…)Wäre in dem Fall der medizinisch bzw. fachlich schlechtere aber juristisch einwandfreie Weg gewesen.“

    Waurm fachlich schlechter?

    Ich arbeite als Rettungsassistentin und wir haben von unserem Ärztlichen Leiter Rettungsdienst die Order, jegliche Fahrten mit irgendwie beatmeten Patienten immer in Notarztbegleitung zu fahren. Da murren zwar unsere Docs hin und wieder (die sind ja genausowenig auf die Heimgeräte eingewiesen wie ich), aber so halte ich es für den „korrektesten“ Weg, da man ein gutes Team zum Switchen aufs Beatmungsgerät darstellt, wenn was wäre.

    1. Du hast völlig Recht. Ich meinte natürlich „aufwendiger“. Ich habe das dann mal geändert. Und ich finde es klasse, dass Euer Ärztlicher Leiter RD das so klar vorgibt. Eigentlich sollte das ja selbstverständlich sein, aber naja, wie das eben so ist mit den Selbstverständlichkeiten. Dankeschön!

  4. Ha, das kenn‘ ich. Ich sitze diese Woche ganztägig im Notfallkurs, bin also noch lange kein NA, aber ich habe schon einige Patienten zur Verlegung begleitet. Auch mal einen Beatmeten. Aus der Formulierung des Gesetzes für mein Bundesland bin ich nicht schlau geworden, kann ich denn mal einen Link haben, wie die das schreiben, wenns unbedingt der NA sein muss? Nur so zum Vergleich…

    1. Servus! Gerne:
      § 2 Abs. 1 Satz 2: „Hierzu (meint die Notfallrettung im Sinne des vorausgehenden Satzes 1) zählt auch die Beförderung von erstversorgten Notfallpatientinnen und Notfallpatienten zu Diagnose- und Behandlungseinrichtungen.“
      Ein Notarzt ist ein Arzt der im Sinne des § 4 Abs. 3 Satz 2 RettG NRW qualifiziert ist (min. Fachkundenachweis Rettungsdienst, besser Zusatzbezeichnung Notfallmedizin).
      Alle Details hier: https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_bes_text?anw_nr=2&gld_nr=2&ugl_nr=215&bes_id=4300&aufgehoben=N&menu=1&sg=0
      Einen schönen Abend noch und (oh ich sehe gerade der Eintrag ist schon was her) – wünsche einen schönen NA-Kurs gehabt zu haben!
      Mögen spannende Einsätze und richtige Entscheidungen Dich begleiten 😉

      Der Narkosearzt

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