Sprechstunde beim Narkosearzt Teil 1

Vielen Dank für Eure spannenden Fragen!
Ich werde versuchen einen Teil der Fragen zu beantworten und bitte zu beachten, dass ich meine höchstsubjektive Meinung sage und nicht meinen Berufsstand repräsentiere!

Los geht das Ding:
„Wie gehst du mit übergewichtigen Patienten (emotional) um? Ekelst du dich vor ihnen, ärgerst du dich über sie, bist du verwundert,…?“
Bildschirmfoto 2014-12-05 um 21.18.00Der schwerste Mensch den ich auf der Intensiv behandelt habe wog 340kg. Das weiß ich, weil wir für ihn ein Spezialbett geliehen haben welches über eine integrierte Waagefunktion verfügte.
Ich glaube Du meinst aber eher „normale“ übergewichtige Patienten. Also bis 150kg haben wir so oft im OP-Plan, dass es für uns einfach nichts besonderes mehr ist. Über 150kg wird es anästhesiologisch herausfordernd, da die Pat. oft bereits in Ruhe schlecht Luft kriegen und schlecht flach liegen können. Rein fachlich gesehen habe ich davor Respekt, fühle mich aber gut ausgebildet und kann auch hierfür Lösungsstrategien einsetzen um diese Patienten sicher zu narkotisieren.
Ich habe mich noch nie vor einem Patienten geekelt. Schweißgeruch – und ich meine besonders diesen kalten, alten Schweißgeruch –  finden eigentlich alle die ich kenne ekelig. Wer nicht?!?
Schlimm ist es, wenn Menschen nicht mehr willens oder in der Lage sind sich selbst zu pflegen. Schlimmer ist es wenn Sie dann nicht die notwendige Pflege bekommen. Was mich wirklich stört und wo dann auch bei mir das Verständnis fehlt ist, wenn Menschen sich zwar noch waschen können, es aber nicht tun.
Zum Arzt und insbesondere zu einer OP kommt man bitte gewaschen, gepflegt und mit Deo! Wer weiß, wann man nach der OP sich wieder duschen kann?!?
Was das Übergewicht an sich angeht habe ich gelernt, dass eigentlich jedes Übergewicht seine Geschichte hat. Trennungen, Ängste, Frust. Es gibt mehr Gründe übergewichtig zu werden als Striche auf einer Standardwaage.
Ich ärgere mich nicht darüber sondern versuche meinen Teil in der Behandlung des Patienten gut zu machen.
Schwierig wird es auf der Intensivstation. Übergewichtige – und wir reden hier von sehr stark übergewichtigen Patienten mit einem BMI > 35 – vermitteln gewollt oder ungewollt vielen den Eindruck, dass ihnen ihre Gesundheit nicht viel wert ist. Das ist mir so zumindest schon ein paar Mal begegnet.
Wir reden hier von krankhaftem Übergewicht, nicht von ein bißchen Bauch, Beine, Po. Oft kommt eine sehr starke Erwartungshaltung seitens der Patienten dazu in der dann gefordert wird, dass wir jetzt bitte wieder in ein paar Tagen alles schön machen sollen, was der Patient in Jahren oder Jahrzehnten an Vorsorge um den eigenen Körper versäumt hat.
Da fehlt dann auch mir manchmal etwas das Verständnis.
Ich hoffe, dass ich nicht irgendwann dahin komme wie es mal jemand zu mir gesagt hat „Weißt Du Narkosedoc, es ist doch so. Hier im Krankenhaus gibt es drei Arten von Patienten. Gesetzlich Versicherte, privat Versicherte und Dicke“.
Das fand ich sehr hart und man urteilt damit über Menschen und wer über irgendetwas urteilt hat eigentlich immer Unrecht.
Es ist eine Herausforderung jedes Mal aufs Neue im verwahrlosten Obdachlosen, im vollgekotzten Flatrate-Teenager, im blutbesudelten Fixer mit der arteriellen Nadelverletzung, der privat versicherten arroganten Frau-von-Professor-Dr-Korifäe und auch im übergewichtigen Frustesser den Menschen hinter der Fassade zu sehen.
Ja, so kann man das zusammenfassen. Es bleibt eine Herausforderung.

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5 Gedanken zu “Sprechstunde beim Narkosearzt Teil 1

  1. Ich glaube das ist die Herrausforderung schlechthin und das wird so gehen bis Du mit der Arbeit aufhörst.Und ich bin der Meinung das dies auch einen wirklich guten Arzt ausmacht, das er sich diesen Blick auf den Menschen bewahrt, auf dem Menschen hinter der Akte, der Nummer, der Krankheit, des Zustandes. Ja. Wirklich schön geschrieben dein Text. Ich habe davor allerhöchsten Respekt. Mich hätte z.B. die Physiotherapie interessiert, aber da ich da immer so nah an jeden Klienten ran muß konnte ich das nicht machen. Hab da vor jeder Krankschwester, jdem Assistent und eben jedem in solchen Beruf einen riesen Respekt und ich weiß auch das der Beruf diese Leute echt abhärten läßt, auch durch die Überlastung (2 Krankenschwestern in der Familie). Die die das nicht tun, das mit dem abhärten, das sind die die wahren Engel, wo es auch im Krankenhaus sowas wie von Herz zu Herz gibt. (hab selber äußerst schlechte Erfahrungen damit gemacht). Grüße 🙂

  2. „Es bleibt eine Herausforderung“
    –> Absolut bewundernswert, wenn man es trotz der vielen Bestätigungen der Klischees immer wieder aufs neue schafft, Menschen nicht von vornherein in Schubladen zu stecken, sondern zuerst versucht, zu verstehen und die Herausforderung annimmt, statt den einfacheren Weg zu gehen, obwohl der andere immer schwieriger wird. Oder sich zumindest darin versucht, hinter diese Fassade zu blicken, selbst wenn es manchmal nicht gelingt.

    Auch von mir Daumen Hoch und bleib dabei – das macht m.E. einen guten Arzt und irgendwo auch einen guten Menschen aus.

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