Ich bin dann mal weg. Innerlich.

Endstrecke, one way.

Nee nee, keine Angst. Der Narkosedoc bleibt. Er bleibt auch da wo er ist, mir geht es ganz gut.
Es geht um Arbeitsmoral, innere Kündigungen, Motivation, Belastung und Qualität und darüber ist schon viel gesprochen und noch mehr geschrieben worden. Arbeit ist ein großer Teil des menschlichen Lebens, manchmal bleibt sogar links und rechts davon kaum noch Zeit für etwas anderes.
Ich habe in meiner medizinischen Laufbahn drei Gründe für schlechte Versorgungsqualität erlebt.
1) wir wollen aber können nicht
2) wir können aber wollen nicht
3) wir wollen nicht UND können nicht
Kategorie 1 ist der kleine Grundversorger im ländlichen Raum der sich auf einem seinr zwei Intensivbetten („wir haben hier so einen Monitor und der Strom ist auch an“) um einen Patienten mit ARDS kümmern muss. Da geht einfach gerätetechnisch nicht mehr und auch die Ausbildung gibt einfach keine ECMO-Therapie her. Der Kunde muss da weg und zwar schnell und das ist dann eben so. Gerade im Rettungsdienst und noch häufiger in der Luftrettung (Guuuuut, dass ihr da seid!) lernt man diese Kategorie kennen. Da hilft man gerne und wird nach Kräften unterstützt.
Kategorie 2 hat technisch vielleicht die Voraussetzungen, vielleicht ist man sogar ganz gut ausgebildet. Jahrelanger Raubbau am Gesundheitssystem hat aber zu Verschleiss am Personal geführt und der Frust sitz tief. Die medizinischen Fähigkeiten sind zwar noch vorhanden aber sie werden nur noch wiederwillig eingesetzt. Das kann an der Uhrzeit (nachts um 3), an dem Patienten (Der Dicke wiegt 180kg! Selbst schuld!) oder tausend anderen Gründen liegen. Kategrie 2 hat mich in den letzten Jahren zunehmend verärgert und es wird schlimmer.
Kategroie 3 setzt allem die Krone auf und breitet sich rasant aus. Es fehlt an Ausbildung, ganz grundlegenden Sprachfähigkeiten, handwerklichem Können oder eben allen dreien. Und es fehlt die Bereitschaft diesen desolaten Zustand zu ändern.
Stirbt ein Patient wird den Angehörigen gesagt das sei eben so. Da könne man nichts ändern. Oh, gehen Sie mal bitte zur Seite, da kommt der nächste. Oh, auch kaputt. Naja. Hat ja angefangen.
Ich könnte Euch an dieser Stelle etliche Beispiele alleine aus den letzten Wochen nennen, aber es führt ja zu nichts. Nein, wir werden das Problem nicht lösen, aber wir werden es zunehmend spüren. Beim eigenen Krankenhausaufenthalt, in der Familie, in ein paar Jahren.

Der Anspruch an meine eigene Arbeit war immer meinen Aufgabenbereich so gut wie möglich zu erledigen. Nicht irgendwie oder so wie wir es seit zwanzig Jahren machen sondern so gut es gemäß aktuellem, wissenschaftlichem Stand möglich ist.
Als Anästhesist kommt man mit Kategorie 1 da sehr gut klar. Wir sind die Alles-für-Sie-Abteilung und helfen gerne. Meistens. Es sei denn mein Gegenüber kommt aus Kategorie 2 oder 3. Dann klopft auch in meinem Kopf der kleine Mann etwas lauter und es möchte einfach ein saftiges „… SAMMA! HACKTS?!?“ raus.
Es geht hier nicht um Leitlinien-Klugschiss, um Kongressnews oder Level-C-Empfehlungen sondern um Basics. Um lebenswichtige Basics die den kompletten Behandlungsverlauf entscheiden und von jedem Anfänger sicher beherrscht werden sollten.
Darum, dass man einem Patienten nachdem man ihn intubiert auch beatmet und nicht einen Sauerstoffnasenpömpel mit Pömpel in den Tubus steckt.

Manchmal ist es frustrierend.

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6 Gedanken zu “Ich bin dann mal weg. Innerlich.

  1. „Der Narkosedoch bleibt.“ – Na, auch Dein Unterbewußtsein scheint ausharren zu wollen, :-D, ein schöner Freud`scher Verschreiber! 😉
    Ansonsten wünsche ich Dir viel Durchhaltevermögen und die Kraft, andere (wieder) zu motivieren, ihren Job gerne zu machen und neben all dem Frust über die Politi und die Arbeitsbedingungen nicht die Menschen aus den Augen zu verlieren!

  2. Na Gott sei Dank gibt es noch solche Ärzte wie dich und sicherlich noch viele andere. Leider aber werden Leute wie du immer seltener, was sehr schade ist, aber sich wohl nur durch eine Grundlegendeänderung des Systems ändern wird.
    Ich wünsch dir aber auf jeden Fall noch viel Kraft und Verständniss in der Zukunft bei Umgang mit Leuten aus Kategorie 2 und 3.

  3. Hab noch mal etwas über deinen Post nach gedacht. Die Sache macht mir eigentlich immer mehr bauchschmerzen wie das in Zukunft werden soll, nicht nur für dich als Arzt sondern und vor allem für mich und viele andere als Patient. Für Patienten läuft es ja heute schon ziemlich mies, wenn nur noch nach der Fallpauschale gehandelt wird. Dazu hab ich auch auf einem anderen Blog vor kurzem was interessantes gelesen, wo ich eigentlich nur noch vor Schock mit dem kopfschütteln konnte. Hier mal der Link, vll interesiert es dich ja:http://jule-stinkesocke.blogspot.de/2012/04/osterhaschen.html
    Der Post ist zwar schon zwei Jahre alt, aber Jule hat zu so was öfter mal was aktuelles.

  4. Ja,
    das wird noch richtig schlimm werden. Ganz besonders, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Ich sehe das auch schon mit Grausen.

    Und von den Politiker darf man da leider nichts erwarten: die haben ihre Schäfchen im Trockenen und sowieso keinen Bezug mehr zur Realität.

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