Mein Freund. Mein Helfer.

Die Polizei, Dein Freund und Helfer
Die Polizei, Dein Freund und Helfer.

Ich erzählte ja von denen die nicht wollen, denen die nicht können und denen die nicht wollen und nicht können. Im medizinischen Bereich ein Phänomen was sich vermehrt ausbreitet und wo sich mir zumindest die Ursachen erschließen. Ärztemangel, kaputt gespartes Gesundheitssystem, fehlende Investitionen etc.
Neuerdings ist mir aufgefallen, dass wir damit aber nicht alleine dastehen! Ich rede jetzt nicht vom Handwerkerpfusch oder Serviceverhalten einzelner Telekommunikationskonzerne sondern von der Polizei. Ja, Dein Freund und Helfer.
Die Polizei war für mich immer gesetzestreue Kompetenz in Sachen Strafverfolgung, Bürgerschutz und Ansprechpartner in der Not. Mein Glaube daran, dass die Polizei potentielle Straftäter verfolgt war unerschütterlich. Na gut, wo Menschen arbeiten wird manchmal auch geschlampt. Ist wohl überall so.
Aktueller Fall:
Pat. kommt nach Hochrasanztrauma als verunfallter Fahrer eines großen Paktetlieferanten in unseren Schockraum. Der Beifahrer kommt schwerverletzt in die Nachbarstube und wird vom zweiten Traumateam versorgt. Unseren Schockraum füllt schon sehr bald der kalt wabernde Nebel eines Foetor alcoholicus. Wenn es Passivraucher gibt, dann sind wir gerade zu Passivtrinkern geworden. Egal, ich schweife ab… kurzum – der Kunde hat eine Fahne.
Dieser Umstand ist weder zu ignorieren, noch zu überriechen. Die Polizei wartet artig im Ambulanzbereich bis Sie nach erfolgter Diagnostik zu unserem Patienten dürfen um „ein paar Fragen zu stellen“. So weit die Routine.
Und gehen wieder.
Bei Verdacht auf einen Verkehrsunfall unter Drogeneinfluss (und dazu gehört ja auch der Alkohol) muss immer eine Blutprobe abgenommen werden. Der im Krankenhaus gemessene Äthylalkoholwert kann unter Umständen wohl im Prozess angefochten werden, weil ja ggf. zur Desinfektion ein alkoholhaltiger Tupfer verwendet wurde. Deshalb führt jedes Polizeiauto ein Blutentnahmepäckchen mit in dem ein Blutentnahmeröhrchen nebst alkoholfreiem Hautdesinfiziens enthalten ist.
Narkosearzt tippt Herrn Wachtmeister – klopf, klopf – auf die doppelt besternte Schulter. Ich versichere mich nochmal, dass sie das Päckchen doch gleich bestimmt auf die Intensivstation bringen würden.
Verständnisloses Kopfschütteln.
– Wegen der Blutentnahme.
Ratlose Mundwinkel.
– In unseren Tupfern ist ja Alkohol…
Im seinem Kopf läuft „Itchy und Scratchy“
– … und in unserem gemeinsamen Kunden ja offensichtlich auch. Nö?
Es tut sich was.
Ja! Na klar, müsse ja noch, man sei unterwegs, komme gleich wieder, klaro, wollten wir ja sowieso.
Sie kamen nicht wieder.
Und der Patient der offensichtlich im volltrunkenen Zustand sich selbst und seinen Beifahrer kaputt gefahren hat wurde nie strafverfolgt. Ein (vor Gericht nicht verwertbarer) Atemalkoholtest wurde ebensowenig angeordnet wie eine polizeiliche Blutentnahme. Und ich frage mich – warum?

Was, wenn selbiger Paketbote nächsten Monat nicht vor einen Baum sondern gegen den Großfamilienkombi fährt?
Ein vergleichbares Ereignis ist mir vorletzte Woche erneut passiert und ich komme so langsam ins Grübeln. Hat das System? Scheuen die den Aufwand? Darf man das fragen? Macht man sich dann schon strafbar? Ist so eine Blutprobenanordnung viel Arbeit und Schreibkram? Falls hier ein Polizist mitliest, ich wäre um eine Antwort sehr dankbar.
Einen Bericht müssen die ja sowieso schreiben.
Es geht aber nicht nur um Blutprobenentnahmen sondern auch die oft lustlose und aus meiner Sicht vernachlässigte Asservation von Beweisgegenständen bei Straftaten. Wir haben da so einen aktuellen Fall, aber das ist mir im Moment noch zu heiß.
Wie sind Eure Erfahrungen mit der Polizei?
Ich meine nicht nur die Zusammenarbeit im Rettungsdienst sondern auch und gerade im Krankenhaus. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.

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13 Gedanken zu “Mein Freund. Mein Helfer.

  1. uff. SO sollte es natürlich nicht laufen… :/

    meine „erfahrung“ mit der polizei in verbindung mit betrunkenem patienten war positiv; nach dem anruf waren die recht zügig da und haben den herrn auf dem weg in richtung wohngebiet angehalten und mitgenommen.
    die nächsten jahre musste er seine wege zu fuß erledigen.

    ich bin da schmerzfrei, mein chef jedoch fand es weniger gut, dass ich der polizei einen hinweis gegeben hatte. allerdings hätte ich mir wohl ewig vorwürfe gemacht, wenn der typ auf seinem heimweg ein kind umgefahren hätte.

    1. Moment, aber wenn der offensichtlich alkoholisiert ins Auto steigt ist es Dein gutes Recht als „Bürger“ die Polizei zu informieren. Da ist ja wirklich Gefahr im Verzug! Oder irre ich?
      Finde Dein Verhalten völlig korrekt und ich hätte es auch so gemacht. Der Chef muss ja nicht alles wissen 😉

  2. Eine Blutentnahme bedarf – wenn keine Zustimmung vorliegt – zwingend richterlicher Anordnung; „Gefahr im Verzug“ wird nach der einschlägigen Verfassungsgerichtsentscheidung vor einigen Jahren sehr restriktiv ausgelegt. Insofern bedarf es schon einigen Aufwands: Kontaktaufnahme mit dem Bereitschaftsdienst der Staatsanwaltschaft zur Beantragung der Anordnung, die im Regelfall telefonisch erfolgen wird, Dokumentation der Notwendigkeit und Dringlichkeit … Das kann aber kaum ein Grund sein, eine Blutentnahme nicht vorzunehmen.

    1. Danke Dir!
      Das sind ja alles so Abläufe, die wir nicht mitbekommen. Ich sehe ja nur wenig von der Arbeit, nämlich einen Polizisten der zum Auto geht und mit seinem Päckchen wiederkommt 😉
      Das Problem ist auch, dass unsere Blutalkoholbestimmungen (und Toxikologiescreenings die wir beim Polytrauma immer mitmachen auch um Vigilanzminderungen besser einschätzen zu können) letztlich vor Gericht wohl nicht vewertet werden können. Es könnte ja der Alkohol vom Desinfektionsspray mitgemessen worden sein. Das müsste ich eigentlich mal ausprobieren wieviel man da schafft wenn man mal die Haut so richtig nass macht. Das mache ich mal am Montag, der PJler wollte doch noch Blutabnehmen üben dann kann er doch bei mir mal… 😉

    2. Haben Sie Quellen? Gefahr im Verzug ist durchaus gegeben wenn eine medizinische Behandlung erfolgen muss bei der u.a. auch Alkoholtupfer eingesetzt werden müssen. Für mich persönlich liest sich der Sachverhalt so:
      Der Polizist war zu faul. Punkt. Ein Gericht kann immer noch entscheiden das das Beweismittel (in diesem Fall die Blutprobe) nicht zu verwerten ist.

  3. Hallo narkosedoc, erst mal schön mal wieder einen Artikel von dir zu lesen.
    Zur Polizei ist es wirklich schwierig was zu sagen, denn es sind nicht nur die Beamten schuld, es ist auch das System. Ich weiß es unter anderem von meiner Schwester die bei einem LKA arbeitet und da ich was in die Richtung studiere: Bei Beweismitteln, vor allem digitalen, haben die arge Probleme da hinter her zu kommen. Das geht teilweise so weit das sie Bewismittel an den Besitzer ohne Untersuchung zurück geben müssen, da sie es in der Zeit die sie das Zeug behalten dürfen einfach nicht schaffen oder wenn sie es schaffen wollen anderes Zeug liegen bleibt. Das liegt aber nicht an den Beamten das liegt an einem Fehler im System, denn hier in meinem Bundesland und dem meiner Schwester wurde jahrelang nur noch gespart und das rächt sich jetzt halt, weil man weder genug Personal noch die richtige Technik/ das richtige Personal (ITler zumindest die guten sind relativ teuer) hat, die man bräuchte um den Stau auf zu lösen.
    @k: Du als Privatperson darfst jederzeit die Polizei anrufen, wenn du denkst da fährt einer besoffen/ will einer besoffen fahren. Wenn die gerade genug Streifen in der Gegend haben werden die auch sofort kommen, sonst könnte es sein das die dich fragen ob du mal hinterher fahren oder zumindest das Kennzeichen durch geben könntest.

  4. Das müsste doch auch die Versicherung interessieren? Oder gibt es in Deutschland keinen Regress auf ausbezahlte Gelder wenn der Fahrer betrunken war? In der Schweiz schon, was ich auch gut finde.

  5. Ich glaube du begibst dich in diesem Fall auf ziemlich dünnes Eis.

    Stichwort Schweigepflicht.

    Eine Weiterleitung von Informationen and die Polizei ist nur dann zulässig wenn der einwilligungsunfähige Patient ein besonderes Intresse an der Weitergabe hat, das dürfte hier nicht der Fall sein.

    Im Diest bist du eben keine Privatperson sondern hast besondere Pflichten dem Patienten gegenüber.

    Zu Erkennen das der Fahrer besoffen ist und ein darauf folgender Führerscheinentzug ist Aufgabe der Polizei.

    Ich halte dies auch für sehr sinvoll da ansonsten das Arzt Patientenverhältnis masiv gestört wird.

    PS: Etwas anderes ist es wenn du mitbekommst dass sich der betrunkene Patient ins Auto setzt und losfährt. Hier dürfte auch eine eng aufgefasste „Gefahr im Verzug“ Option gelten.

  6. In der Inneren hier hatte ich bisher noch keine ähnlichen Vorfälle mit der Polizei.
    Es kommt allerdings regelmäßig vor, dass ich die Polizei hinzurufe, wenn z.B. ein alkoholisierter „Gast“ randaliert oder aggressiv wird. Und dann kann es sein, dass die Anwesenheit der Polizei noch mehr Unruhe bringt, da dann die Provokationen hin und her gehen und die Situation sich aufschaukelt.
    Oder aber es hat einer der berauschten „Gäste“ in wenig akzeptablem Zustand die heiligen Hallen verlassen – dann ist die Begeisterung selten groß und ich muss recht eindrücklich die Selbst- und/oder Fremdgefährdung schildern…

  7. Mittlerweile haben mir schon mehrere Patienten direkt nach dem Unfall erzählt, dass sie alkoholisiert gefahren sind und waren auch drauf und dran das den Kollegen der Schutzpolizei zu erzählen. Jeder von denen bekommt von mir den Hinweis, dass er nicht verpflichtet ist Angaben zur Sache zu machen, sondern nur solche zur Person, was aber auch durch Ausweis und Fahrerlaubnis geschehen könne. Dazu gehört auch, dass er selbstverständlich einen Atemalkoholtest oder Drogenwischtests ablehnen kann.
    Warum? Nun, zu einem Rechtsstaat gehört auch, dass wir uns an die Regeln halten. Dazu gehört sowohl die Beachtung des Richtervorbehalts als auch die qualifizierte Belehrung. Ich habe es noch nicht einmal erlebt, dass die Polizei vor Beschuldigtenvernehmung im RTW belehrt hätte. Also belehre ich eben und schon hat sich die Redseligkeit erledigt. Rechtsschutz gegen Formverstöße ist fast aussichtslos, da wird alles gehalten…

  8. Hmm, mich erinnert das an folgendes Ereignis vor etwa fünf Jahren. Damals war ich noch Internistin (erst später wechselte ich auf die gute Seite der Macht) in einem sehr kleinem Haus abseits der großen Stadt. Es war kurz vor Schichtwechsel, als das Telefon klingelte. Die Ambulanzschwester kündigte mir einen Patienten an. Ein paar Minuten später waren es dann drei Patienten und die Polizei.
    Die Polizisten berichteten mir, es handele sich bei den Patienten um Nachbarn, unter denen es zum Streit gekommen sei. Das Wohnhaus befand sich in derselben Straße wie das Krankenhaus und noch während ich dem Bericht der Polizisten lauschte, trudelten noch mehrere Angehörige bei uns ein und fingen an, sich zu beschimpfen. Die Ambulanzschwester
    hatte die ersten zwei Patienten (Hyperventilation und Thoraxschmerz) bereits in die beiden freien Behandlungszimmer verteilt, aber langsam füllte sich der Ambulanzflur mit Menschen. Die Polizisten schlossen ihren Bericht mit der Empfehlung, die Streitparteien räumlich voneinander zu trennen und machten sich – zu unserem grenzenlosen Entsetzen und gegen unser Bitten – zügig vom Acker. Ich bin ehrlich, ich bekam es mit der Angst zu tun. Denn ich bin keine einsachzig groß und auch kein Mann. Nach ein paar lauten, bestimmten und beschwichtigenden Worten meinerseits wandte ich mich dem Thoraxschmerz zu. Nein, nicht die Folge einer Schlägerei, sondern eher die EKG-pflichtige, Trop-CK-LDH-Sorte. Nach wenigen Minuten hörte ich von draußen ein Geschrei auf dem Flur und riss die Tür auf. Einer der jungen Männer draußen hatte wohl zugeschlagen, jedenfalls zeigte mir ein zweiter Halbstarker seine linke Augenbraue, während der Angreifer sich trollte. Da ich einen potentiellen Herzinfarkt für gefährlicher erachtete als ein Veilchen, kümmerte ich mich schnell wieder um den wirklichen Patienten, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war. Jedoch nicht ohne zuvor den inzwischen angekommenen Nachtdienstkollegen dazugebeten zu haben. Danach war die Sache für mich erstmal gegessen. Doch ein halbes Jahr später erreichte mich die Vorladung. Der Träger der misshandelten Augenbraue hatte den Putativschläger angezeigt und ich sollte nun als Zeugin aussagen. Obwohl ich rein gar nichts gesehen hatte. Und das sagte ich dann auch aus.
    Ok, ich hab es am Ende als wunderliche Erfahrung abgespeichert, aber auch absolut unnötig. Ich hab mich von den Grünen im Stich gelassen gefühlt; hätten sie mehr Präsenz gezeigt, wäre es nie zu dem unseligen Faustschlag gekommen und ich hätte mir nie von diesem Arsch von Opferanwalt die Frage anhören müssen, ob ich seinem Mandanten denn wenigstens einen Kühlbeutel angeboten hätte. Hab ich übrigens nicht.

  9. Mich wundert es das der Polizist da nicht gehandelt hat. Für ihn hätte eine aufgeklärte Trunkenheitsfahrt ein Stern in seinem Fleissheftchen bedeutet. Dazu kommt noch die Fahrlässige Körperverletzung an dem Beifahrer.

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