Das 1. Mal – Auskunft auf einer Intensivstation

Hallo Besucher,

Sie sind sehr besorgt, weil wir einen Menschen in unserer Obhut haben um den Sie sich Sorgen machen. Das tun wir auch.
Was uns unterscheidet sind die Werkzeuge und Techniken die wir einsetzen, damit es dem von ihnen geliebten und von uns behandelten Menschen bald wieder besser geht. Und die Sprache. Im Notfall Hörer abnehmen
Die Abläufe, Therapieansätze und die Organisation einer Intensivstation sind relativ kompliziert und deshalb benötigt man auch sechs Jahre Studium, fünf Jahre Facharztausbildung, ein Jahr Zusatzausbildung und diverse Weiterbildungsmaßnahmen um Intensivmedizin so richtig verstehen zu können. Deshalb wird ihnen der Sohn der Nachbarin (der arbeitet bei der Feuerwehr), die Suchmaschine ihres Vertrauens („Intensivstation Aufenthalt zeitraum“) und auch nicht die Bäcker.blume die Antworten geben können die Sie hören wollen.

Die für Sie relevanten Information hat immer die Pflegekraft die den von ihnen geliebten Menschen umsorgt. Ja, Sie wollen einen Arzt sprechen und das kann ich auch verstehen. Wenn Sie auf einen deutsch sprechenden Arzt treffen der sich darin versteht ihnen komplexe Sachverhältnisse in einfachen Worten ohne Fachtermini erklärbar zu machen, der Zeit für Sie hat und Sie nicht mit mehr Fragen als Antworten zurück lässt – dann sollten Sie den Tag nutzen und schnell noch einen Lottoschein ausfüllen. Die Kombination ist extrem selten.

Sie werden als Angehöriger nicht nachhaken sondern brav nicken („subarachnoidal eingeblutet… Mhm… infauste Prognose… Mhm… massive Mittellinienverschiebung… Aha… destruierendes Ödem“) und am Ende fragen ob alles wieder gut wird. Es liegt in der Natur des Menschen ungern zuzugeben, dass man von einer bestimmten Materie nichts versteht. Ein guter Arzt weiß das vorher und lässt den Angehörigen gar nicht erst in diese Falle laufen.
Machen Sie sich nichts vor – Sie sind nicht vom Fach. Und keiner erwartet das von ihnen. Also haken Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstehen. Und notieren Sie die Fragen zuhause. Im Krankenhaus sind die Eindrücke oft so heftig, dass die ganzen Fragen die zuhause noch so präsent waren plötzlich – verschwinden.

Nutzen Sie den Erfahrungsschatz und die Nähe der Krankenpflegenden zum Patienten. Sie sind es, die die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen haben. Kann er mich hören? Hat sie schon etwas gesagt? Konnte er etwas essen? Benötigt er immer noch so viel Kreislaufunterstützung? Funktioniert die Niere wieder ausreichend? Wie lange wird er noch hier bleiben?

Ich kann ihnen was über die 2x2h-Clearance, über den verbesserten Cardiac-Index und die morphologischen Veränderungen im cCT erzählen, aber bringt Sie das weiter?
Auf die wirklich dringendsten Fragen wird ihnen von uns sowieso niemals eine Antwort geben. Damit kann man nur falsch liegen.
Ob eine bestimmte Erkrankung tödlich ist oder wann genau die Behandlung auf der Intensivstation beendet sein wird lässt sich nur in ganz wenigen Einzelfällen sagen.

Ich würde mich freuen, wenn mehr Angehörige der Kompetenz und Erfahrung unserer Pflegekräfte vertrauen würden. Das sind sehr gute Leute! Die haben drei Jahre eine Ausbildung gemacht und dann noch zwei Jahre eine Fachweiterbildung für Intensivpflege. Die wissen sehr genau was sie da tun und noch mehr – die wissen was der Mensch benötigt um den Sie sich gerade so sorgen.

Wenn Sie also das nächste Mal „einen Arzt sprechen“ wollen auf der Intensivstation – überlegen Sie noch einmal ob die betreuende Pflegekraft nicht der bessere Ansprechpartner ist.

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30 Gedanken zu “Das 1. Mal – Auskunft auf einer Intensivstation

  1. Das habe ich sogar auf der „normalen“ Entbindungsstation gelernt.
    Als ich am Tag nach Kaiserschnitt Atemprobleme hatte, kam der Arzt (er sprach mittelgut deutsch) mit einer Sauerstoffflasche. Die Schwestern dagegen mit einer Kanne heißen Tee: „Die haben bei der OP alle Organe nach oben gegen die Lunge gedrückt, um an die Babies ranzukommen. Und jetzt ist Ihr Zwerchfell etwas genervt deswegen.“
    Der Tee hat geholfen, die Worte viel mehr.
    Cloud.

    1. Der böse Arzt hat Ihnen mit dem Sauerstoff bestimmt arg weh getan. Und bei Atemnot ist es auch total unsinnig gewesen Ihnen Sauerstoff zukommen zu lassen. Rufen Sie bei Ihrem nächsten (lebensbedrohlichen) Notfall doch besser nicht den Notarzt, sondern die nächstgelegene Kräutertee. Die macht Ihnen dann einen schönen warmen Tee gegen den Vernichtungsschmerz in ihrem Brustkorb. Wenn Sie Glück haben legt sie Ihnen auch noch ne Hand auf, wenn Ihr Kreislauf zusammenbricht.

  2. Da hast Du zwar recht, aber andererseits darf es doch nicht sein, dass der Arzt unverständlich spricht, so dass es gar keinen Sinn hat, sich mit ihm zu unterhalten. Ich würde den Anspruch nicht aufgeben, dass der Arzt sich mit Patienten und Angehörigen ebenso verständlich unterhält wie die Pflegekraft. Sonst muss man ihm halt so lange Löcher in den Bauch fragen, bis er vernünftig antwortet… 🙂

  3. Die Idee ist ganz richtig und der Ratschlag wichtig. Da die Versorgung ja auch sehr personalintensiv ist und der Betreuungsschlüssel hoch, hat man doch eigentlich immer die Gelegenheit mit einer Pflegekraft zu sprechen.

    Leider ist es aber so – und das wird hier leider gar nicht erwähnt – dass man bei sehr sehr vielen Fragen von den Pflegekräften die Antwort bekommt, dass sie darüber keine Auskunft geben dürfen und man einen Arzt fragen soll. Schade. Und oft auch unnötig.

  4. Hallo Arzt!
    Ja, ich bin sehr besorgt um einen von mir geliebten Menschen. Und ich möchte eine einfache Auskunft!
    Aber wir unterschieden uns nunmal, Sie und ich, in Bezug auf das medizinische Fachwissen. Das haben Sie, ich aber nicht.
    Aber wissen Sie was? Ich habe auch einen Beruf erlernt bzw. studiert, und auch ich könnte wohl Ihnen gegenüber so sprechen, dass Sie mich nicht verstehen und für Sie unbekannte Fachtermini benutzen.
    Es gibt solche Leute, die auch im privaten Leben gerne mehr Griechisch und Latein als Deutsch sprechen, und was ich davon halte, dürfte klar sein.
    Wenn ich nun also ein in meinen Augen simple Frage an Sie habe, muss ich oft feststellen, dass Sie qualvoll das Gesicht verziehen, sich winden und drumherum reden: Bloß nichts Falsches sagen, damit ich Sie hinterher nicht verklagen kann? Oder damit Sie mir keine falschen Hoffnungen machen?
    Wissen Sie: So sehr müssen Sie mich gar nicht fürchten! Ich verstehe durchaus, wenn einer sagt: „Na ja, die Heilungschancen stehen bei ungefähr 30%“ oder so. Und Sie zu verklagen habe ich auch nicht im Sinn. Ich möchte einfach nur etwas haben, woran ich mich festhalten kann. Und wenn diese Zahl auch noch so klein ist, so ist sie mir doch ein Halt und ein Anker.
    Ich will auch gar nichts von irgendwelchen Eventualitäten hören, wissen Sie? Sie sollen mit gar keine Vorlesung in Sachen Subarachniodalblutungen halten. Aber ist es denn wirklich so schwer, Deutsch mit mir zu reden? So, dass ich Sie verstehe?
    Ich habe jetzt 1 Minute in der Wikipedia verbracht und frage mich nun: Kann man nicht einfach sehr vereinfacht ausgedrückt sagen: „Es fließt Blut dahin, wo eigentlich nur Hirnflüssigkeit hingehört!“
    Ich frage Sie, Herr Arzt: Ist das wirklich so schwer?
    Oder statt zu sagen: „Der Blutdruck ist 120 zu 80“ einfach zu sagen: „Der Blutdruck ist perfekt!“?
    Wirklich so schwierig, hm?
    Oder statt mir etwas über einen „Verbesserten Cardiac-Index“ vorzuleiern, wie wäre es einfach mal mit „Das Herz scheint das Blut wieder besser zu pumpen“
    Ich wiederhole: Ist das denn wirklich sooo schwierig?
    Und wenn diese Kunst der „einfachen Sprache“ von so vielen Ärzten nicht beherrscht wird – warum schreiben Sie dann nicht einfach mal ein „Standartwerk: Wie erkläre ich komplexe Sachen unmedizinischen Dummies?“
    Wäre doch ein Verkaufsschlager, meinen Sie nicht?
    Nun sagen Sie, ich könne und solle mich einfach an eine Pflegekraft wenden, um Auskünfte zu erhalten. Nun, dem stehen mir zwei Dinge im Wege!
    Erstens: DER typisch-klassische Pflegekräftesatz schlechthin: „Es tut mir Leid, darüber dürfen/können wir keine Auskunft geben, das sollten Sie mit dem Arzt besprechen!“
    Und Zweitens: Das Pflegepersonal ist klasse und gut geschult, (hoffentlich) keine Frage. ABER wenn die all das wüssten, was Sie, lieber Herr Arzt, weiß, nun, dann wären sie jawohl auch Ärzte, oder nicht?
    Ich, lieber Herr Arzt, bin in einer absoluten Ausnahme- und Stresssituation. Und dann kommen Sie oder Ihre Kollegen daher und schwallen mich mit Fachbegriffen voll, die mir nur in den Ohren rauschen.
    Ich weiß, dass es dem Patienten schlecht geht, wahrscheinlich sogar sehr schlecht. Sonst wäre er nicht auf der Intensivstation.
    Alles, was ich will, ist etwas, woran ich mich festhalten kann.
    Etwas – und sei die Zahl noch so klein und bedeutungslos – das ich den Leuten am Telefon sagen kann, wenn ich sie anrufe und informiere.
    Und ich möchte Sie, lieber Herr Arzt, auch nicht nur sprechen, um an bloße medizinische Informationen zu gelangen. Vielleicht werden Sie das nicht verstehen, aber Sie sind in dem Moment mein Held. Meine Hoffnung. Ein Retter. Und in meinen Augen der Einzige, der sich um den von mir geliebten Menschen kümmern kann, der ihn retten kann.
    Und wenn Sie dann vor mir stehen, sich 5 Minuten Zeit nehmen und nett sind und mir Dinge so erklären, dass ich sie verstehen kann, dann … dann habe ich das Gefühl, dass Sie wirklich alles in Ihrer Macht stehende tun, um dem Patienten zu helfen. Dass er bei Ihnen in guten Händen ist.
    Das gibt mir Hoffnung.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Molly

  5. Danke Molly, dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen (y).
    Ich habe Anfang des Jahres mal wieder ein Elternteil auf einer Internsivstation „liegen gehabt“.
    Ja, die Pflegekräfte haben großartige Arbeit geleistet. Aber die hatten tagsüber kaum Zeit, Patienten zu füttern, blutige, fäkalienverschmierte oder vollgekotze Bettwäsche zu wechseln oder die Leute gar zu waschen, wann sollen die denn noch mit Angehörigen reden? Und wenn man ohnehin nicht weiß wo einem der Kopf steht dann kommt eben als einzige Auskunft der Lieblingssatz „das darf/kann/(will!) ich ihnen nicht sagen, fragen Sie den Arzt“. Ja, der Arzt hat auch viel zu tun – aber das Angehörigengespräch ist nunmal sein Job, nicht das der Pflegekraft. Ich habe obwohl ich Laie bin ein ziemlich umfassendes medizinisches Grundwissen, werde bei Bedarf aus dem schlau, was in der offen rumliegenden Dokumentationsmappe steht (sofern ich es lesen kann *gg*) und muss niemanden mit Informationswünschen „belästigen“. Meine Mutter, die um das Leben ihres Mannes bangt braucht jemanden der ihr in einfachen Worten erklärt, was Sache ist. Ob das ein Arzt, jemand vom Pflegepersonal, der Sozialdienst oder die Putzfrau ist ist dabei fast egal (eigene Tochter reicht aber nicht, es muss zwingend jemand sein der auf dem Kittel das Krankenhauslogo trägt *gg*). Da alle anderen die Chance haben, die Fragesteller mit Hinweis auf fehlende eigene Kompetenz weiterzuturfen trifft es dann halt den Arzt. Und ja, gute Ärzte erkennt man AUCH daran, daß sie komplizierte Vorgänge in einfache Worte fassen können, ist auch eigentlich gar nicht so schwer – man muss es nur wollen ;-). Wenn ich als Nichtmedizinerin meiner Mutter das Ärztekauderwelsch so übersetzen kann, dass sie es versteht kann das auch jeder Arzt – wenn er nur will.
    Das schöne an Intensivstationen ist aber immerhin, daß die Ärzte die da in verantwortlichen Positionen arbeiten nicht mehr so aussehen als wenn sie gestern Abitur gemacht hätten sondern schon ein paar Jahre Klinik auf dem Buckel haben (und i.d.R. tatsächlich der Landessprache mächtig sind).. Und dass überhaupt Ärzte da sind – auf den Normalstationen sind freilaufende Ärzte ja eher Raritäten 😀

  6. Hi Narkosedoc…ich komm selbst in die Situation nächste Woche .Aortenklappen-Op. Brauch ne neue. Und ich hab eins, nämlich mächtig Angst. Hoffendlich gibts da auf Intensiv eben genau diese kompetenten Leute die mir helfen.Hab halt auch mächtig Respekt vor den Narkosedocs….Und das alles gut geht. Is ja doch kein Blinddarm so mit Herz-Lungenmaschine und Herzanhalten und so… Als Pflegefachkraft weiß ich ja eigendlich das man den Kopf abschalten soll, sich nicht verücktmachen soll…. Aber das is leichter gesagt als getan. in dem Sinne bis demnächst …und schreib weiter so interessant. Lg Elfi

  7. Ich sehe das wie einige andere ja bereits geschrieben haben:

    Ja, das Pflegepersonal kennt sich aus und hat meist deutlich mehr Kontakt zum Patienten. Es kann sollte durchaus für viele Fragen eine Anlaufstelle sein.

    Aber ich bin auch der Meinung, dass es neben dem medizinischen Wissen auch eine wichtige Kompetenz von Ärzten ist, Sachverhalte auf Deutsch erklären und über das weitere Vorgehen beraten zu können.
    Wenn es z.B. darum geht, die Chancen und Risiken verschiedener möglicher Therapieansätze abzuwägen, ist eindeutig der Arzt gefragt.

    Wahrscheinlich sollte man einfach mal drüber nachdenken, welche Fragen man wem stellt, denn wenn es um oben genanntes („Hat er schon was gesagt?“ etc.) geht, ist man wohl wirklich bei den Pflegekräften besser aufgehoben.

    Deshalb danke für diesen Beitrag, der mir das vor Augen geführt hat.

  8. Ich habe den Artikel evtl etwas anders verstanden. Nämlich als Aufwertung der Tätigkeiten des Pflegepersonals auf Intensivstationen und Respekt vor ihnen und der geleisteten Arbeit.
    Sicher, das Gespräch mit den Angehörigen zu führen ist (auch) ein Job des Arztes. Aber warum eigentlich nicht die anderen Teammitglieder mehr mt einbeziehen? Spricht etwas dagegen? Sollte man nicht auch als Angehöriger den Pflegekräften vertrauen, dass sie qualifiziert und in der Lage sind die medizinischen Belange zu vermitteln? Tut man das nicht, verharrt man dann nicht viel zu sehr in dem veralteten Rollenverständnis „Arzt macht gesund = Halbgott, Pflegekraft trägt Bettpfannen = unwichtig“?
    Ich habe es noch nie erlebt, dass sich jemand auf einer Intensivstation keine Zeit genommen hätte – unabhängig von Ausbildung und Hierarchieebene. Vielleicht sind meine Erfahrungen die Ausnahme – ich hoffe nicht. Aber letztlich habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, welche Ausbildung derjenige hat der sich gerade bemüht, mir weiterzuhelfen. Jemand nahm sich Zeit, gab kompetent Auskunft und unterstützte – und gut.

    Ich habe zwar einen etwas anderen Beruf, aber auch mir passiert es im Gespräch mit anderen immer wieder, dass ich in die Fachsprache „abrutsche“. Ich denke ja auch in dieser Sprache im Job! Das ist normal, keine böse Absicht. Dasselbe gestehe ich jedem Arzt zu. Ist ja kein Übermensch, sondern auch jemand der seinen Job macht, in dem nunmal eine gewisse Fachsprache angewendet wird. Und notfalls hab ich ja einen Mund und kann fragen. Auch mal deutlicher, wenn es sein muss.

    1. Zitat: “ Aufwertung der Tätigkeiten des Pflegepersonals auf Intensivstationen und Respekt vor ihnen und der geleisteten Arbeit.“ Fände ich gut. Allerdings zuallererst von Seiten der Ärzteschaft – auf den drei mir „näher bekannten“ Intensivstationen kriegt das Pflegepersonal nämlich von Arzt auch gerne mal nen verbalen Einlauf, wenn es wagt medizinische Themen mit Angehörigen zu erörtern. Und sagt daher außer „fragen sie den Arzt“ nicht mehr viel.

      Zitagt: „Aber warum eigentlich nicht die anderen Teammitglieder mehr mt einbeziehen? Spricht etwas dagegen? Sollte man nicht auch als Angehöriger den Pflegekräften vertrauen, dass sie qualifiziert und in der Lage sind die medizinischen Belange zu vermitteln?“ Siehe oben. ICH vertraue dem Pflegepersonal sehr, letzten Endes sind nach den rettenden Eingriffen der Ärzte (und des ihnen assistierenden Personals) nämlich sie es, die meinen Angehörigen am Leben halten, sie verabreichen die Medikamente, sie überwachen die Vitalwerte, sie haben feinste Antenne für kleinste Veränderung, sie haben den direkten Kontakt zum Patienten auch jenseits der Visite.
      Aber ich finde halt, das es falsch ist, da am Patienten (bzw. den Angehörigen) anzusetzen. Wenn die Hierarchien klinikintern etwas aufgeweicht würden und das Pflegepersonal intern mehr Wertschätzung erführe würden sie oftmals vielleicht eben nicht mit einem „fragen Sie den Arzt“ abspeisen.
      Und wenn dann auch noch genug davon da wäre hätten sie auch tatsächlich Zeit, sich um Angehörige zu kümmern.
      Also – unter den passenden Voraussetzungen gerne. Aber nur, um den Druck vom Arzt zu nehmen (von wegen keine Zeit etc.) finde ich es falsch, dem Pflegepersonal NOCH mehr Aufgaben aufzubrummen… Und auch der Arzt sollte wissen, ob der Patient schon was gesagt/gegessen/ausgeschieden hat (je nachdem, was halt grad wichtig ist *gg*, wie soll er den sonst den aktuellen Zustand des Patienten bewerten???

  9. Lieber Narkosedoc,
    ich bin gerade erst auf deinen blog gestoßen und finde ihn großartig. Die Situation mit Angehörigen insbesondere auf der Intensivstation ist prekär. Der geliebte Mensch ist krank, schwer krank. Sorge und Ungewissheit sind schon unter normalen Umständen eine belastende Kombination, aber sicherlich, wenn ein Vater, Bruder oder die Lieblingsoma auf der Intensivstation liegt. Ich kann den Wunsch nach einem Arztgespräch durchaus nachvollziehen, den Drang nach Informationen, Wahrscheinlichkeiten, Erfolgsraten. Irgendwas, um diese Ungewissheit und Warterei zu überbrücken. Als Krankenschwester habe ich vor ein paar Jahren von einem älteren Kollegen einen schier unterschätzen und dabei so wichtigen Aspekt im Umgang mit Angehörigen gelernt: Einbezug!. Seither versuche ich, sofern gewünscht, die Angehörigen maximal mit in die Pflege einzubeziehen. Das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Genseung des Angehörigen kann damit sinnvoll entgegengewirkt werden. Ich hole die Angehörigen mit rein ins Boot, wir kömmern uns zusammen um den Patienten. Es sind nur Kleinigkeiten, wie eine atemstimulierende Einreibung, das Ausstreichen der Beine zurThromboseprophylaxe, das Durchbewegen der Gelenke um Kontraktionen zu vermeiden usw. Sicherlich ist damit noch lange nicht die Angst genommen, aber Angehörige können endlich aktiv mitwirken und ihrem geliebten Menschen bei der Genesung unterstützen. Passiv am Rande des Geschehens zu stehen und jede Fürsorge abzugeben, dabei ist es doch der Angehörige, der sich am meisten um das Wohl dieses Menschens schert; das würde mich auch wahnsinnig machen. Das ist natürlich keine Zauberlösung, es ist und bleibt belastend ohne Gleichen einen Familienangehörigen zwischen all den Schläuchen und Geräten gefangen zu sehen, aber es gibt der Hilflosigkeit und Sorge ein kleines Ventil. Ganz abgesehen davon, ist es für mich als Pflegekraft tatsächlich eine Entlastung und ich weiss, niemand gibt sich der Thrombseprophylaxe so hin wie ein liebender Angehöriger. Die Zeit die es braucht diese Methoden zu erklären, den Sinn dahinter und die Handhabe ist so so wert. Und ich denke, dass alle Beteiligten – Pflegekräfte, Ärzte, Angehörige und der Patient- in dieser Ausnahmesituation davon profitieren.

  10. Ich schließe mich dem an, dass man trennen muss, wer für welche Auskünfte der richtige und bessere Ansprechpartner ist.
    Der Doc darf bei all seinem Tun und Denken eines nicht vergessen: Keiner kennt (im Idealfall…) den aktuellen Zustand eines Patienten besser als er. Er ist zuständig, verantwortlich für einen kranken/verletzten Menschen, um den die um Auskunft bittenden Angehörigen Angst haben, weil er ihnen Kind, Vater, Mutter, Sohn, Tochter usw. ist. Andere bekommen sowieso keine Auskunft.

    Intensivstation bedeutet immer Ausnahmesituation. Nicht für Ärzte und nicht für Pflegepersonal. Für sie – sind wir dankbar, dass es sie gibt! – ist all das Tagesgeschäft, für das sie geschult und ausgebildet sind. Für uns Angehörige ist es weit mehr. Wir stehen dabei oft erstmal unter Schock, sind einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt, im Handeln hilflos und deshalb auf Information angewiesen, die uns wieder festen Boden unter den Füßen verschaffen wird. Wissen wir um den Zustand unseres kranken Menschen, müssen wir nicht ständig wieder nachfragen und wieder und wieder. Das erspart auch den Ärzten und dem Pflegepersonal Zeit und somit Kosten.

    Wir Angehörigen, die wir sehr besorgt sind, könnten im Gegenzug nur EINE/R aus der Familie mit dem Arzt reden, der uns in verständlichen -deutschen…- Worten erklärt, was wichtig ist. Dann können WIR den Rest der Familie informieren. Auch das spart Ärzten und Pflegern Zeit, die den Patienten wieder zugute kommt.
    Dem Pflegepersonal wünsche ich angenehme Angehörige, die nicht jede fehlende Blumenvase diskutieren müssen und nachdem sie gute Tipps bekommen haben, gerne mithelfen, die Pflege „ihres“ Patienten zu unterstützen.

    1. Den pflegerischen Intensivpersonal mehr zu vertrauen ist einer guter und schöner Ansatz, „Narkosearzt“.

      Das Angehörigengespräch muss aber nicht auf die Intensiv-Pflegekräfte abgewälzt werden, die (bin selbst einer) hat nämlich selbst keine Zeit!

      Angehörigengespräche sind eine wichtige Aufgabe. Der darf man sich nicht entziehen.
      Ich kann mich auch hinter Fachbegriffen verstecken oder auf die Arbeitsüberlastung hinweisen. Aber ein paar kurze Worte oder Erklärungen müssen drin sein. Ich nehme mir die Zeit irgendwie…

      Und wenn wir gerade beim Zeit nehmen für Gespräche sind: ein gut informierter Patient (falls ansprechbar und orientiert) kann seine Angehörigen selbst aufklären. Aber Zeit für Gespräche, bei denen man in einer verständlichen Sprache Patienten aufklärt, nimmt sich auch kaum jemand von den „Halbgöttern“.

  11. Ich arbeite auch als Narkosedoc auf einer interdisziplinären Intensivstation eines mittelgroßen Krankenhaus (insgesamt 14 Betten, teils internistisch, teils postoperativ/allesandere).
    Wir haben (meistens ;)) ein sehr gutes Arbeitsklima, die Pflege wird bei uns hoch geschätzt und das zu Recht! Keiner kennt den Patienten so gut wie die zuständige Pflegekraft, die ihn z.T. auch über Wochen/Monate betreut wann immer sie im Dienst ist. Sie betreut je nach Belegung und Pflegeaufwand zwischen 2 und 4 Patienten/ Schicht und ist sehr nah dran, sowohl medizinisch als auch menschlich. Ich als Arzt betreue bis zu 10 Patienten pro Schicht und bin extrem viel mit organisatorischem (Behandlungskurven schreiben, Therapieevaluation, Verlegungsbriefe, Organisation von Reha/Verlegung/Betreuung…) und interventionellem (hier ne Viggo, da ein ZVK, PiCCO, CiCa, CT-Fahrt, neue Patienten abholen,…) beschäftigt. Ich bin also SEHR stark auf „meine“ Pflegekräfte angewiesen, denn sie verbringen VIEL mehr Zeit am Patienten als ich (leider… ich finde das auch frustrierend!) und während ich ggf. alle Laborwerte vom Morgen herbeten kann kriegt die zuständige Schwester mit, dass der Patient sich klinisch verschlechtert, die Beatmung oder Katecholamine angepasst werden müssen, ein Dekubitus droht oder der Patient schlichtweg ängstlich und unsicher ist und mich aus einem dieser Gründe braucht.

    Auf deutsch: Ich wäre EXTREM aufgeschmissen ohne kompetente und engagierte Pflegekräfte! Und das vermittle ich sowohl unserer Intensivpflege als auch dem Patienten und den Angehörigen.
    Viele Angehörigengespräche werden bei uns von Pflegekräften geführt. Damit meine ich nicht die, in denen es um Prognosen, Verlauf oder therapeutische Maßnahmen oder ähnliches geht. Aber die, in denen es um den Patienten als Person geht. Das passiert oft ganz „nebenbei“, beim Hereinlassen der Angehörigen, während man etwas im Zimmer zu tun hat o.ä. Das kann ich als Arzt nicht leisten, siehe oben – ich bin viel seltener „am Patienten“. Und da mir dies unsere Pflegekräfte „abnehmen“ habe ich Zeit, im Bedarfsfall den „ärztlichen“ Part der Angehörigengespräche mit ausreichend Ruhe und Zeit (meistens…) und in verständlichen Worten zu führen. Ich hoffe, dass sich bei mir Patienten und Angehörige stets gut informiert und aufgehoben fühlen – aber das klappt nur in gutem Teamwork mit Pflege und den anderen mitbehandelnden Disziplinen.

  12. Hi Narkosearzt.bin heute entlassen worden nach Klappen-op. War 1,5 Tage Intensiv, der Rest Zwischenintensiv…. 3.3 war OP, Heute entlassung. Bin noch bischen matschig…. Alle auf Intensiv waren super…. Familie wurde informiert,ausführlich. Bin mit Beatmung aufgewacht…. War nicht schön. Außerdem wars wohl zu wenig Anti-Kotz…. hab den ganzen Tag nur gekübelt.. Jedesmal wenn ich vom schlafen erwachte gings los. Mein Mann wurde auch verständigt als alles rum war. Ich kann nur sagen, Hut ab vor der Intensiv. Was hatte ich heute Schiss vor Dränagen und ZVK ziehen…. Hab dann an deinen lieben Wunsch gedacht. War auszuhalten. Dränage war hässlich, ZVK und externer Schrittmacher ging. Alles gut gelaufen, wurde Ministerotomie geacht. Der sandmann ort war auch cool. Lg Elfi

    1. Mannomann. Elfi. Was für ein Streifen!
      Ich wünsche Dur einen netten Menschen um Dich mit dem Du all das besprechen und verarbeiten kannst. Schön, dass es Dir wieder gut geht! Weiterhin alles Gute!

  13. Danke dir. Deine lieben
    Wünsche tun gut.ja meine Familie und mein Hund Blu geben mir halt. Heute morgen geht’s schon bißchen besser. Hatte Angst vor der Nacht in meinem Wasserbett. Aber es ging ganz gut. Mein Mann wollte schon die Seiten tauschen hat mehr Beruhigung.Hab ne IBU 400 genommen.Schreib Weiter so spannend und interessant. War übrigens in der Uni Erlangen.

  14. Interessanter Blog und sehr schön geschrieben.

    Ich trieb mich jetzt 4 Monate (mit kurzen Unterbrechungen) als Besucherin (Ehefrau) auf der Intensivstation herum. Ich muss sagen, dass das die besten „Krankenhauserfahrungen“ waren, die mein Mann und ich jemals gemacht haben. Alles Positive, was in den Kommentaren so angeregt wurde, habe ich erlebt, nix sonst.
    Beim 1. Besuch war ich noch nicht ganz im Besucherkittel, da habe ich schon eine Visitenkarte in die Hand gedrückt bekommen mit den Telefonnummern von Pflege und Arzt („Wenn Sie Auskunft über Ihren Mann möchten, rufen Sie die Nummer ganz unten an, da wo Arzt steht.“). Auf dem Kärtchen war der Aufdruck „Wir helfen Ihnen gerne – rund um die Uhr!“) So war das auch. Ich persönlich habe nicht nächtens Telefonterror betrieben, wenn ich vor Sorge nicht schlafen konnte, aber die Möglichkeit zu haben und die explizite Aufforderung, es auch zu tun, hat mir sehr viel gegeben. Diese Arzt-Nummer ist nur für Angehörigengespräche reserviert, wenn grade keine Zeit dafür war, ist eben niemand drangegegangen… War aber selten, ich bin am Telefon immer gut bedient worden mit Informationen und Ermutigung. Selbst als es keine Ermutigung gab, war da Hilfe in Form von „Was ist zu tun, wenn…“
    Ob ich wollte oder nicht, das Arztgespräch war beim 1. Besuch und bei bestimmten Dingen Plicht, da hab ich es auch bekommen. Ein „Das muss der Arzt mit Ihnen besprechen.“ war gleichbedeutend mit: „Ich sage ihm Beschied, er kommt.“ Manchmal konnte das „etwas dauern“… aber das waren 5 Minuten oder so, so lange kann ich Ungewissheit oder Sorgen aushalten. Sehr viel hat auch das Pflegepersonal mit mir besprochen, eben das, was sie dürfen und auch so manche Aufklärung.
    Als es ganz wackelig war, wie es ausgeht, war bei meinen Besuchen sehr oft jemand im Zimmer beschäftigt, der sich mit mir unterhalten hat. Über meinen Mann („Gucken Sie mal hier, die kreislaufunterstützenden Medikamente sind schon weniger geworden.“) oder einfach Smalltalk gegen die Stille im Zimmer oder gegen das Zischen von der Beatmungsmaschine.
    Das alles hat mir den Halt gegeben, mit der zugegebenermaßen schwierigen Situation fertig zu werden. Dankeschön!

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