#1000 Tode

„‘Tausend Tode schreiben’ ist ein groß angelegtes Projekt. Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.

‘Tausend Tode schreiben’ ist ein work in progress. Eine weitere Version folgt am 16.2.2015 (3/4), die endgültige und vollständige Fassung (4/4) erscheint am 13.3.2015 zur Leipziger Buchmesse. Käufer*innen älterer Versionen der ’1000 Tode’ bekommen die jeweils neuen gratis per E-Mail. 

Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.“

Zitat: 1000 Tode schreiben auf http://www.minimore.de

Mein Beitrag:

Einer von 1000 Toten

Der Tod ist eine feste Konstante meiner Arbeit als Intensivmediziner.
Manchmal ist er ein effektiv agierender Gegner den wir erfolgreich bekämpfen. Manchmal ist er der nicht eingeladene Gast auf einer Party die wir gerne unter uns weitergefeiert hätten. Selten macht man ihm die Tür auf und bittet ihn herein.
In jedem Fall ist sein Erscheinen mit vielen Emotionen verbunden.

Ich habe kleine Kinder und sehr alte Leute sterben sehen. Notare, Pfarrer, den steinreichen Metzger und die bettelarme an der Gesellschaft gescheiterte Drogenabhängige. Menschen mit Lungenkrebs, Lungenentzündung, Blutvergiftung, Herzinfarkt und Hirnblutung. Den meisten ist es vergönnt in Anwesenheit der sie liebenden Familie auf die letzte Reise zu gehen.
Viel zu viele sterben alleine.
Dann stelle ich mich als der sie behandelnde Arzt ans Bett und halte die Hand. Auf der anderen Seite steht die betreuende Pflegekraft.
Ich spreche für mich und für den gerade sterbenden Menschen ein Gebet. Im EKG sieht man ein paar letzte elektrische Entladungen so individuell wie ein Fingerabdruck. Die Menschen wissen nicht mehr wie es aussieht wenn jemand stirbt. Der Sterbeprozess ist sehr individuell, vieles aber ist gemeinsam. Das Brodeln des Lungenwassers in den Lungen und das für Außenstehende beängstigende Schnappen nach Luft. Alles Dinge die der Mensch nach allem was wir wissen nicht mehr mitbekommt. Dennoch geben wir großzügig Morphin, ein Medikament was abschirmt, Schmerzen auslöscht, Luftnot und Angst wegnimmt.
Wir schließen dann die noch offenen Augen nachdem der letzte Herzschlag geschlagen ist. Machen den Monitor aus. Falten die Hände. Machen eine LED-Kerze an weil offenes Feuer von der Brandschutzordnung verboten ist. Die Pflegekraft macht die Türen auf, damit die Seele auf die Reise gehen kann.
Ich schreibe den Totenschein und vollführe den letzten bürokratischer Kraftakt im fünffachen Durchschlag eines gelebten Lebens. Original grün, einmal umschlagen, auf der pinken Seite weiter, ein gelber, ein weißer und ein blauer Durchschlag.
Ein letzter Blick auf die Leiche und die beginnenden Totenflecken als Zeichen des sicheren Todes. Der Patient verbleibt mindestens zwei Stunden auf der Intensivstation. Sicher ist sicher.
Dann ziehen wir das Bettlaken über den Kopf. Es sollen keine anderen Patienten oder Mitarbeiter des Hauses irritiert werden. In der Kühlkammer suchen wir eine freie Box, geben den Schlüssel gemeinsam mit dem Totenschein beim Pförtner ab von wo aus der Bestatter sich wiederum alles abholt und seinen Part erledigt.

Ich würde mir wünschen, dass wir den Tod als etwas normales begreifen. Etwas das untrennbar zum Beginn eines Lebens dazu gehört.
Früher wurde bei Schwangerschaften etwas von „guter Hoffnung“ genuschelt. Geboren und gestillt wurde ganz heimlich. Seit einiger Zeit gibt es sogar Geburtsfotografen die ganze Reportagen von diesem tollen Ereignis machen.

Wir sollten beim Tod umdenken lernen, man kann sehr viel Gutes vom Ende des Lebens lernen.

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10 Gedanken zu “#1000 Tode

  1. Sehr einfühlsam geschrieben. Besonders gut gefällt mir die Beschreibung des offenen Fensters, durch das die Seele entschwebt.

    Stimmr, der Tod ist aus unserem Leben verbannt, obwohl er doch allgegenwärtig ist… Der

      1. Zunächst: ich finde es gut, über den Tod, das Sterben zu schreiben. Danke für deine Zeilen, sehr eingängig.

        Zum Öffnen der Fenster und Türen: ich meine, dass das ein Brauch (kath.) aus Schottland ist. – mit dem Entweichen der Seele. ich finde diesen Gedanken auch sehr berührend.
        Ich konnte (Gott sei Dank) meinen Vater zu Hause in den Tod begleiten und finde es wichtig, Menschen zu kommunizieren, dass der Tod zum Leben gehört. Ganz oft ist es möglich, zu Hause sterben zu dürfen – medizinisch gesehen. Schmerzpumpen und Palliativpflegeteams machen es möglich.

        Ich bin sehr dankbar, während des Sterbens meines Vaters an seiner Seite gewesen zu sein. Wir, mein Bruder und meine Mutter konnten ihn dann waschen und anziehen. Und so blieb er noch die Nacht bei uns bis er dann am nächsten Tag vom Bestatter abgeholt wurde.

        Auch sehr emotional, wie der da im Sarg aus seinem selbst erbauten Haus getragen wurde… aber so wollte er es.

        Sorry für die vielen Worte.

        tineken aus dem hessischen Spessart

  2. Mein persönlicher „Text des Monats“! Vor allem weil das Thema Tod in der Familie grad recht aktuell ist. Man weiß es ja eigentlich, jeder muss sterben – es gehört einfach zum Leben dazu. Trotzdem ist es schwer wenn man einen geliebten Menschen endgültig gehen lassen muss. Da gibt’s kein Hintertürchen wie sonst so oft im Leben.
    Ich finde es sehr schön, dass Ihr die Sterbenden nach Möglichkeit nicht allein lasst!

  3. Vielen Dank für diese Information, ich hatte vor her noch nicht von „Tausend Tote schreiben“ gehört, werde mich aber gleich mal anschließen 😉

    Herzliche Grüße

  4. Sie gehen sehr respektvoll mit den Menschen um, und dass sie sogar eine LED Kerze anzünden finde ich sehr schön. Mir kamen die Tränen beim Lesen. Wir mußten leider das genaue Gegenteil miterleben. Ich werde nie vergessen, wie mein Dad noch mehrmals seinen Finger hob, als der Assistenzarzt das Beatmungsgerät abstellte und einfach weg ging, ohne eine Wort.

  5. Genau so. Dabeibleiben-und dann die Seele auf die Reise schicken. Man kommt auch selber wieder runter nach all dem technischen Schnickschnack, den man vorher so betrieben hat. So merkwürdig das klingt: ich bin gerne dabei (habe aber auch mittlerweile nicht nur neun Jahre Intensivmedizin auf dem Buckel, sondern vor allem eine Palliativweiterbildung samt einjährigem Einsatz auf der Palliativstation). Der Tod gehört dazu. Punkt.
    Danke für den Beitrag 🙂

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