Ambulante OP

In der Prämedikationsambulanz. Pat. 56 Jahre alt, kommt zur Portimplantation.

Also ich bekomme so einen Port eingebaut.
Ja, das soll morgen gemacht werden.
Dann bin ich zum Glück übermorgen wieder zuhause.
Ich muss mich ja um meine Eltern kümmern. Wie alt die sind? Beide 85. Ich bin ja damals in Polen geblieben als sie nach Deutschland gekommen sind. Jetzt brauchen Sie Pflege, Unterstützung, jemand muss einkaufen, verstehen Sie? Ja. Und jetzt bin ich vor sechs Monaten nach Deutschland gekommen. Dieser Husten ging aber nicht weg. Und jetzt wächst da wohl etwas in der Lunge. Aber ich bekomme Medikamente über diesen Port den Sie mir einbauen und dann geht der wieder weg. Zum Glück also nichts schlimmes. Blöd genug, dass ich mich jetzt zwei Tage nicht um meine Eltern kümmern kann. Aber jeder ist ja mal krank. Sehen Sie hier den Knubbel am Finger? Es stört mich, wenn ich Kartoffeln schäle. Wenn ich dann wieder gesund bin muss ich mich da dringend mal drum kümmern. Das stört mich wirklich.
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Portimplantation zur palliativen Chemotherapie bei histologisch gesichertem Bronchial-Carcinom mit Lebermetastasen, Knochenmetastasen (Femur, Humerus, Sternum), Peritonealcarcinose und V.a. cerebrale Metastasierung pT5bN3M1b

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13 Gedanken zu “Ambulante OP

  1. „optimistischer mensch, DER schafft es mit dieser einstellung!“
    das habe ich gedacht.

    …und dann kam der gedankenstrich 😟
    ich hoffe, ihm bleibt doch noch etwas zeit.

    1. Molly L.: Meistens geht es dabei um ein Verdrängen der Situation, das „nicht-wahrhaben-wollen“. Dieser Punkt, dass es sich um eine unheilbare Krankheit handelt wird häufig gedanklich verdrängt (in einer gewissen Phase). Zu einem späteren Zeitpunkt kommt dann das Realisieren etc. Fr. Rübler-Ross hat dazu wesentlich beigetragen und interessante Dinge herausgefunden (such mal im Internet).

      Dieser Zustand ist übrigens vergleichbar mit dem – psychischen – Zustand von Angehörigen verstorbener. Häufig wird der Punkt, dass ein lieber Mensch verstorben ist zuerst gar nicht wahrgenommen und später erst wirklich realisiert.

      Herzlichste Grüße

  2. Sch…
    Solche Patienten hatte ich auch schon. Meist wissen die schon, was mit Ihnen los ist, sie verdrängen das nur sehr gut. Das klappt auch oft eine Zeit lang.
    Ab und zu liegt es aber auch daran, dass der/die Kollege/in in der Klinik zu feige / bequem war / keine Zeit hatte / sich nicht berufen fühlte, die Diagnose mit dem Patienten zu besprechen – kann ja der Hausarsch machen… 😦

  3. Es ist traurig, aber das könnte auch in der entsprechenden Abteilung unserer Klinik so gelaufen sein – und es handelte sich dabei nicht zwingend um ein „Nichtverstehen“ des Patienten…

    Ich habe vor einiger Zeit mal einen solchen Patienten mit Z.n. >10 Jahren palliativer Chemo auf unserer ITS reanimieren sollen (!), weil niemand auf die Idee gekommen war, irgendwann mal das Thema Patientenverfügung o.ä. anzusprechen. Ganz nach dem Motto: Jetzt ist’s doch SO lange gut gegangen, da packen wir die nächsten 10 auch noch….

    Manchmal frag ich mich, warum ich eigentlich nix anständiges gelernt habe….

    1. Dazu muss ich sagen: Patientenverfügungen sind gut und schön und wichtig und alles. ABER: ob ich einen Patienten in einer fortgeschrittenen konsumierenden Erkrankung reanimiere oder nicht, ist zuallerstmal _Arztsache_. Der Arzt stellt die Indikation, DANN kommt die Einwilligung oder Ablehnung des Patienten (gerne eben auch via PV). Wir Ärzte machen es uns da oft zu einfach. „Hat ja keiner den Patienten gefragt.“ Der Patient kann sich alles wünschen (und Totkranke wünschen sich erstaunlich viel)-wenn es keine Indikation gibt, kriegt er es nicht. Wie man das kommuniziert, ist natürlich die ganz andere und riesengroße Aufgabe in einer Zeit, in der alles möglich zu sein scheint.
      Diese Antwort kommt 1,5 Jahre zu spät, aber sie brennt mir dennoch unter den Nägeln, weil mir dieses Problem in Deutschland so oft begegnet ist 😦

  4. Leider kommen ausführliche Arztgespräche heute immer öfter zu kurz. Viele sind in der Theorie ganz stark, aber bei dem Erklären scheitert es einfach. Hatte sogar schon Ärzte welche Blickkontakt vermieden haben und sich nur ganz knapp gehalten haben manchmal können sie es nicht besser oder sie sind schon beim nächsten Patienten und antworten nur noch reflexartig mit „hm hm hm ja richtig“.

  5. Hm
    So oder ähnlich hätte das Gespräch mit meiner Mama auch laufen können.
    Die weiß ziemlich genau, wie es um sie steht (entferntes Kolonkarzinom, Metastasen in Lunge, Leber, Lymphkoten, Knochen). Sie weiß aber auch, dass man ihr nur noch palliativ helfen kann. Und sie ist und war immer schon Meisterin im Verdrehen und Verdrängen, was ihr in der aktuellen Situation sehr zugute kommt. Aktuell macht sie einfach das Beste aus ihrem Leben – und solange das für sie so funktioniert, dass sie den metastasenbedingten Husten als allergische Bronchitis und die Rückenschmerzen als „zu schwer gehoben“ sieht spiele ich da auch mit. Und ihre Ärzte zum Glück auch.
    Irgendwann funktioniert das nicht mehr, schon klar. Aber wenn eh nichts zu mache ist finde ich es besser, das Leben zu genießen statt über die Krankheit und den baldigen Tod nachzugrübeln.
    Meine Mama ist jedenfalls jatzt schon über jeder Lebenserwartungsprognose die ihr je gestellt wurde drüber, bei einer für sie guten Lebensqualität.

    1. Hallo Judi. Von Dir und dem Schicksal Deiner Mama zu hören tut mir sehr leid. Ich wünsche Euch alles Gute!
      Ich hoffe es ist klar geworden, dass es hier nicht um den Verdrängungs-Patient geht, sondern um den desinformierten Patienten. Der Patient dem nie eine Chance gegeben wurde sich zu verabschieden.
      Ich habe zu oft Patienten mit plötzlich einblutender Hirnmetastase intubiert auf der Intensiv liegen gehabt bei denen niemals auch nur über die Möglichkeit eines tödlichen Ausgangs geredet wurde.
      Verdrängen ist OK, muss ja jeder für sich regeln. Aber ich finde Ehrlichkeit ist eine Tugend und der Patient hat ein Recht darauf.

  6. Puh wie kann man darauf richtig reagieren?
    Einerseits gebe ich JUDI recht, jeder darf seine Krankheit verdängen.
    Aber was passiert mit den Eltern wenn er sich nur um eine Pflege für 2 Tage gekümmert hat? 😦

  7. Wie du schon selbst schreibst – der Patient hat ein Recht drauf, zu erfahren, wie es um ihn steht. Und sollte auch animiert werden, eine Patientenverfügung, ein Testament etc. fertigzustellen. Das ist wirklich wichtig.

    Ansonsten kann man ihm nur wünschen, dass er seine Eltern noch überlebt und genug Zeit hat, sich dann aus dem Leben zu verabschieden. Manchmal ist das Ende halt wirklich sehr schnell da.

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