Dieter, 52 J., m.

ACHTUNG: sensible Menschen und Träger des sogenannten Blitzherpes (Betroffene werden Bescheid wissen) sollten nur bis zur Einsatzmeldung lesen. Ich meine das wirklich so.

Dyspnoe gehört wohl zu einer der häufigsten Einsatzmeldungen. Dyspnoe bedeutet dass da jemand schlecht oder zu wenig Luft bekommt. Was sich dahinter versteckt ist wie so oft sehr variabel. Mal qualmt die Zigarette noch im Aschenbecher und wir sind Taxi für einen Patienten der so seit 3 Wochen wirklich immer schlechter Luft kriegt. Vorzugsweise nachts um 3. Es kann auch der Status asthmaticus sein, eine Herausforderung für jedes Rettungsdienstteam. Meistens ist es irgendwas zwischen Komfortproblem und akuter Lebensgefahr.

So auch bei Dieter. Dieter hatte irgendwann mal seinen Arbeitsplatz verloren. Umstrukturierung, Outsourcing, sozialverträglicher Abbau. Nach dem Job verlor er seine Frau und dann seine Arbeit und dann auch den Glauben an sich selbst. Viele flüchten sich dann in Alkohol, Dieter fing an zu essen. Das Essen machte ihm Freude. Das Essen war seine einzige Freude. Solange er noch selber zum Einkaufen gehen konnte war für alles gesorgt, um ihn herum wurden Geburtstage gefeiert, Kinder auf die Welt gebracht und das Leben gelebt. Dieter lebte seit dem Verlust des Arbeitsplatzes in einer 1-Zimmer-Wohnung. Vorne direkt hinter der Tür links eine Kochnische, rechts die Fertignasszelle in Leichtbauweise und geradeaus das Wohnzimmer mit Klappcouch. Geklappt wurde schon lange nichts mehr, es klappte ja auch sonst nicht mehr viel in Dieters Leben so, wie er sich das mal erträumt hatte. Nein, mit Alkohol wollte er nichts zu tun haben, damit hatte er als Kind schon schlechte Erfahrungen gemacht. Damals bei seinem Vater. Aber die Eltern waren ja auch schon länger nicht mehr. Überhaupt waren da am Ende nur noch sehr wenige Kontakte. Irgendwann kam der Punkt an dem Dieter selbst der Weg zum Supermarkt zu weit wurde und jemand musste ihm das Essen nach Hause bringen. Zu viel Gewicht. zu wenig Luft.
Dieter schleppte sich vom Bett zur Toilette und zurück. Was ihm blieb waren sein Fernseher, das Essen und die Hoffnung darauf, dass irgendwann die große Wende doch noch kommt.
Dieter schämte sich für seine Situation, für sein Übergewicht und dass er sich nicht mal mehr selbst versorgen konnte. Deshalb ging er nie zum Arzt und rief auch nicht den Rettungsdienst. Spät, viel zu spät griff er dann doch zum Telefon und rief die 112. Mit letzter Kraft schilderte Dieter dem Disponenten seine Not.
Ich kann nich mehr.
Kann nich mehr.
Kemsterbach.
Bahnhofstraße.
Kann nich mehr.

Einsatzmeldung: NA Intern NichsodieToplageehersowokeinerwohnenwill Hochhaus 4. OG Kemsterbach Dyspnoe SoSi Mehrfach

Als NEF waren wir zuerst vor Ort. Raus aus dem Auto, Beatmungsgerät, Absaugung, Notfallrucksack und Monitoring/Defi-Einheit mitgeschleppt. Rein in den Aufzug, vierte Etage, Tür auf, Verwesungsgeruch.
Wer einmal gerochen hat, wie verwesendes Fleisch riecht, vergisst diesen Geruch nie. Es sind Gerüche wie der von Sommerregen auf heißem Asphalt, Gerüche die man sich so realistisch vorstellen kann, weil sie eingebrannt sind.
Bei unserer Ankunft kroch bereits durch die Aufzugtür ein so ekelerregendes Gasgemisch, dass alle Signale auf Flucht standen. Entgegen unserer Natur sollten wir dahin gehen, wo der Geruch immer stärker wurde.
Die Geruchsmischung bewegte sich irgendwo im Dunstkreis von Verwesung, Kot, Urin und Schweiß. Eine säuerlich, aggressive und sehr kompakte Mixtur die sich in der Nase, in der Haut  und sogar in schwer entflammbarer Berufskleidung festsetzt. Die Tür zur Wohnung hatte Dieter noch irgendwie geöffnet bekommen, dahinter saß er auf einem besonders verstärkten Küchenstuhl, die Arme auf die Küchenzeile verschränkt, den Kopf nach unten, schwerst luftnötig und nur bedingt ansprechbar. Die Wohnung war nicht vermüllt und trotzdem verwahrlost. Auf dem Boden lag eine zentimeterdicke Schicht aus nennen-wir-es-mal-Staub (hellgrau) und Dreck (dunkelgrau) und diversen Zutaten wie zum Beispiel Tabakresten (braun). Die Situation war relativ schnell erfasst, Dieter musste hier raus und zügig ins Krankenhaus. Reserven hatte er zum Zeitpunkt des Eintreffens schon so gut wie gar keine mehr, das war auch ohne Pulsoxymetrie ersichtlich. Ständig fährt ein Famulant oder Praktikant mit und ausgerechnet heute waren wir zu viert. RTW (RA + RS) und NEF (RA+NA). Vier Leute für geschätzte 200kg. Eine Nachforderung eines weiteren RTWs oder gar eines Bergetrupps hätte Dieter nicht mehr überlebt. Dafür waren einfach keine Kapazitäten mehr da.
Also wuchteten wir ihn unter seiner Mithilfe vom Küchenstuhl aufs Feuerwehrstühlchen, von dort auf die Trage, in den RTW und dann mit Sonderrechten in die nächstgelegene Klinik. Ich fahre selten mit Sondersignal. Das erhöhte Unfallrisiko (tagsüber bis zu 26fach erhöht, nachts ca. 35fach) wiegt meines Erachtens nach in den seltensten Fällen den abzuwendenden Schaden auf. In diesem Fall war alles anders.
Auf der Fahrt verschlechterte sich Dieter unter laufender Sauerstofftherapie bis zur Intubationspflichtigkeit, wir übergaben ihn im Schockraum mit einem unter Katecholaminen noch erhaltenen Kreislauf wo er umgehend reanimationspflichtig wurde. Unter der laufenden Reanimation zeigte sich im transthorakalen Echo ein aus der Lunge fortgesetzter, im Ventrikel stehender Thrombus. Selbst mit einer veterinärmedizinischen Dosis Lyse hätte sich dieser Trümmer nicht aufgelöst. Der Thrombus war zu groß und fügte sich damit nahtlos ein in die lose Folge aus der Reihe geratener Probleme. Zu viele Probleme, zu viel Einsamkeit, zu viel Essen, zu viel Gewicht, zu wenig Hygiene, zu wenig Bewegung, zu viel Thrombose.

Dieser Einsatz hing uns lange nach.

Epilog:
Das Hochhaus in dem seine Wohnung lag und in der auch der Einsatz war liegt direkt auf meinem Weg zur Arbeit. Jeden Tag fuhr ich an diesem Hochhaus vorbei. Zwei Tage nach unserem Einsatz wurden in seiner Wohnung die Fenster aufgerissen und blieben so für vier Tage komplett geöffnet, danach „auf Kipp“. Für vier Wochen. Tag und Nacht.
Es wurden am Ende sogar die Tapeten abgerissen und die Wohnung kernsaniert
Mittlerweile wohnt wieder jemand in der Wohnung.

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6 Gedanken zu “Dieter, 52 J., m.

  1. Erstmal natürlich: sehr traurig.

    Mir fallen da direkt ein paar Sachen zu ein. Da ich es aktuell selbst erlebe, wie jeder seinen eigenen Weg geht. Gerade gestern war ich bei einer alten Schulfreundin zu Besuch, nach 3 Jahren mal wieder gesehen. Die wohnt jetzt in einem Hochhaus, arbeitet bei H&M und hat sich das wohl auch nicht so vorgestellt. Mit 1 Punkt mehr hätte sie das Abitur geschafft. Gestern hat mich das tatsächlich ein wenig geschockt, Sie ist so alt wie Ich (19, fast 20) und es standen überall leere Bierflaschen rum, sie nur am Rauchen (ja, danke, asthma bronchiale) und irgendwie wirkte alles ein wenig überstürzt. Da sitzt man vor 3 Jahren noch in der Schule und der Alltag besteht aus Mathestress und dem ganzen anderen Zeug und nun muss man sie knallhart um sein Leben kümmern. Ich hole wegen meinem Unfall das Abi noch nach und bin erst im Frühjahr fertig, will aber unbedingt Medizin studieren, in meiner ganzen Klasse gibt es nur 2 Leute die jetzt studieren, die anderen machen trotz Abitur, entweder eine Ausbildung oder sind im Ausland. Ich persönlich habe einfach erkannt, wir sind eine Leistungsgesellschaft und wenn man nichts tut, fliegt man irgendwie auf die Nase. So ist es einfach. Impressionen von anderen Ländern, sind natürlich nichts schlechtes, erstmal nach dem Abi entspannen, kann man so machen. Ich mache es nicht. Und Ausbildung sind auch nichts schlechtes, aber da macht zB einer eine Ausbildung zum Mechatroniker, welcher sich nie für Autos interessiert hat.

    Ich persönlich habe häufig starke Zukunftsängste, aber viele andere verdrängen sowas oder verschieben es. Und im Extremfall passiert eben das wie oben. Natürlich gibt es auch andere Faktoren, wie Krankheit usw.
    Ich will eigentlich nur sagen, die Leute aus meinem Umkreis, haben teilweise wirklich keine Ahnung von irgendwas und machen das was eben kommt. Früher war das auch so, aber früher kam man dann trotzdem noch irgendwo unter. Heute muss man für alles eine Qualifikation bekommen, Studium, Ausbildung.

    In einer Doku über das Krankenhaus Altona (Hamburg) gabs mal ne Doku, da meinte der eine Doc, er würde die Zulassung zum Studium heute niemals mehr schaffen, da es extrem schwierig geworden ist.

    Das zweite: Ich kenne es aus meiner Familie, meine Ma ist mal zusammen gebrochen, hier bei uns Zuhause, Papa nicht da und ich habe es durch Zufall gehört. Platzwunde am Kopf, ziemlich viel Blut, andere würden wahrscheinlich erstmal schockiert total sein, gerade weil es die eigene Familie ist. Ich habe direkt die Wunde versorgt, nach offensichtliche starken Schmerzen Tramadol in Tropfenform gegeben (50 mg), mehr wollte ich nicht riskieren, weil ich ja nicht mal wusste was los war und intubieren kann ich schlecht. Dann 112 angerufen. Später war es eine Nierenkolik und sie lag ne Woche im KH. Da sie seit 10 Jahren (wieder angefangen) raucht, scheut sie alle Untersuchungen und so kam es eben dazu. Die Blutwerte waren katastrophal und allgemein war sie die ganze Woche nicht wirklich ansprechbar, die haben ihr 3 Mal täglich Dipi i.v gegeben. Unser befreundete Hausdoc hat dann nochmal Ultraschalluntersuchungen gemacht, im KH auch nen CT, von beidem wollte sie die Ergebnisse nicht wissen. Im Endeffekt war natürlich alles okay, aber sowas habe ich schon häufiger erlebt, eben von Leuten in dem Alter, die dann erst kommen, wenn es schon zu spät ist, wie auch oben beschrieben.

    Ich selber rauche nicht und trinke nicht. Meine Ma tut beides.

    Allgemein gute Doku dazu: https://www.youtube.com/watch?v=CrKpd7HupIw
    Und das kann man gut zeigen, für welche die es einfach nicht verstehen wollen: https://youtu.be/Z5irgSdS8C4?t=10m39s (Timestamp enthalten!) Nikotin kann man langsam abdosieren, genau so wie Ethanol, aber der Wille zählt und der fehlt einfach häufig!

    lg der peripher

    1. Meine Mutter von gerade wieder vom Krankenwagen abgeholt. (2 Mal in diesem Jahr)
      Sie klagte über starke Übelkeit, habe darauf hin erstmal MCP dann noch Vomex gegeben. Wirkte nach 2 Stunden nicht wirklich. Dann 112 gewählt. Die Sanis haben erstmal nen EKG gemacht, sah wohl normal aus, auch wenn die dafür 5 Minuten gebraucht haben. (Verdacht eben auf Herzinsuffizienz)

      Bauch war ziemlich geschwollen, würde auch in die Richtung tippen. Mal sehen was die Blutwerte gleich sagen.

      Tja, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Fremde Patienten wären mir tatsächlich lieber.

      lg… peripher.

  2. Oh man, wenn ich deine Beiträge lese, frage ich mich, wie du es immer so gut schaffst, die verschiedenen Facetten im Rettungsdienst darzulegen.
    Dieser Beitrag ist mehr als nur eine Beschreibung eines vollkommen zugrunde gegangenen Lebens.

  3. Grauslich!
    Ähnliche „Fälle“ erlebe ich in meiner Praxis auch immer mal wieder, zum Glück selten tödlich.
    Viele dieser Menschen wollen sich leider auch nicht helfen lassen. Eine Betreuungsrichterin hat mir mal gesagt, als ich für so einen armen Menschen eine Betreuung angeregt habe: „Der Mensch hat auch ein Recht auf Verwahrlosung – solange er einigemaßen klar im Kopf ist.“

  4. Schrecklich. Ich meine die Zustände, nicht den Artikel. Das ist die Folge, wenn die Leute nur noch das Nötigste zum Leben haben und ihnen eine Teilhabe am normalen Leben verwehrt wird.

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