Karsten, 52 J.

Karsten ist ein Macher. Das sieht man an seiner Statur, das hört man wenn er redet. Eine tiefe Stimme von einem Typen der im Business die Ansagen macht, der den man nach vorne schickt wenn es in unbequeme Vertragsverhandlungen geht.
Karsten hat immer Gas gegeben, sein Leben lang.
Mittlere Reife mit gutem Abschluss, Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, in der Abendschule das Fachabi nachgeholt, dann ein berufsbegleitendes Studium, ab in die Selbständigkeit, mittlerweile Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens im Finanzberatungssektor mit 35 Angestellten.
Karsten hatte sich alles selbst aufgebaut, ohne Fleiß kein Preis. Klar war da auch Stress bei. Es gab sogar mal eine Phase in der er geraucht hat, aber das ist mittlerweile verjährt. Für Sport war nie Zeit übrig, wie soll man das in einer 60-Stunden-Arbeitswoche noch unterbringen.
Im Moment hatte er auch noch mit zwei Prozessen vor dem Arbeitsgericht zu tun. Klare Sache eigentlich aber irgendwie doch zusätzliche Arbeit und auch eine psychische Belastung. Das machte ihm doch seit einiger Zeit Druck in der Brust. Die Schmerzen waren auch im Rücken, das kam aber sicher auch vom stundenlangen sitzen am Schreibtisch.
Irgendwann Anfang Mai wurde es dann wirklich unangenehm. Schon morgens ging es mit den Rückenschmerzen los, er war nur noch stundenweise beschwerdefrei. Seine Sekretärin musste ihm online erstmal einen Hausarzt raussuchen, Krankmeldungen hatte er als selbständiger Unternehmer bisher nie benötigt. So bekam er am Folgetag auch direkt einen Termin und stellte sich bei eben jenem Hausarzt vor.
Herr Jacobs praktizierte als überdurchschnittlich beliebter Arzt seit über 35 Jahren in einer von drei allgemeinmedizinischen Praxen im Ort. Eigentlich hätte er vor fünf Jahren in Rente gehen sollen. Letztlich beugte er sich immer wieder dem Wunsch und verlängerte so von Jahr zu Jahr.
Herr Jacobs lernte Karsten am nächsten Tag als sogenannten Akutpatienten kennen. Die FMFA notierte was von „Rückenschmerzen“. Karsten füllte den Anamnesebogen gewissenhaft aus, 190cm bei 105kg Körpergewicht, Ex-Raucher mit 30 packyears, als Kind Mandel-OP, Pollenallergie. Aktuelle Beschwerden – Druck auf der Brust, Rückenschmerzen.
Nach einer kurzen Untersuchung und einem erläuternden Gespräch stellte Herr Jacobs eine Überweisung zum Radiologen aus. Die Schmerzen kommen sicher vom Rücken, bestimmt ein Bandscheibenvorfall, jaja die viele Arbeit am Schreibtisch, ein CT würde Klarheit bringen. Ein Rezept für Voltaren gab es noch dazu, gute Besserung, bis bald.
Obwohl nur ein CT und kein MRT musste Karsten noch sechs Wochen auf den Termin für das CT warten. Nach drei Wochen ging Karsten an einem Montag erneut zu seinem neuen Hausarzt. Herr Jacobs rief in der radiologischen Praxis an und bat um einen eheren Termin, ja man könne ihn Ende der Woche dazwischennehmen, Freitag sei in Ordnung, nehmen Sie solange bei Bedarf zusätzlich Novalgin.
Am Donnerstagabend hielt Karsten es nicht mehr aus. Er schwitzte vor Schmerzen und wurde unruhig. Zur großen Verwunderung seiner Frau fuhr Karsten ins örtliche 300-Betten-Krankenhaus und stellte sich in der Ambulanz vor. Hier wurde Karsten glücklicherweise nicht der Chirurgie (wegen Rücken) sondern der Inneren Medizin (wegen Brust) zugeführt.
Die aufnehmende Ärztin nahm den Patienten auf, es wurde ein EKG gemacht (selbst der Haustechniker der ein Steckdose in der Ambulanz wechselt bekommt ein EKG gemacht), nahm Herzenzyme ab und nahm Karsten auf. Auf die Normalstation.
Karsten hatte keine gute Nacht, immerhin fühlte er sich jetzt im Krankenhaus sicherer als zuhause. Die Schmerzen blieben, die Unruhe nahm zu, der Schweiß lief ihm kalt über die Haut. Am Morgen dann berichtete die Ärztin in der Frühbesprechung von den Neuaufnahmen der Nacht, erzählte kurz auch von Karsten. Der leitende Oberarzt erschrak ob der Schilderung des Krankheitszustands und sah sich umgehend den Patienten (Sichtungskategorie rot!), das EKG (Hebungsinfarkt) und die Laborparameter an (vierstelliges Troponin).
Es gibt diesen einen Punkt im Verlauf wirklich dramatischer Krankheitsschichten ab welchem es auf einmal alles sehr zügig geht. Meistens ist das der Punkt an dem all die Ärzte die in den Tagen und Wochen zuvor nicht konsultiert wurden gemeinsam und parallel am und mit dem Patienten arbeiten.
OP-Hemd an, hier bitte noch unterschreiben, Fahrt ins Katheterlabor, Desinfektion des Armes, Betäubung des Armes und Darstellung der Herzkranzarterien. Es zeigt sich eine massiv und an mehreren Stellen verkalkte und fast komplett verschlossenes Hauptgefäß.
Es erfolgte die Kontaktaufnahme mit meiner Klinik. Es wurde der Transport initiiert, wir bekamen die ersten Infos zur geplanten Not-Operation. Einen Intensivtransport und vierzig Minuten später lag Karsten auf der Trage des Intensivtransports an der Seitentür des OPs und wurde eingeschleust. Keine Notaufnahme, direkt in den OP.
Karsten war ganz grau im Gesicht, man bekommt irgendwann ein Gefühl für diejenigen die so richtig krank sind.
Wir wussten von der Vorgeschichte der letzten Wochen. Von der Aufnahme am Vorabend, von all den kleinen und großen Fehlentscheidungen. Es frustriert wenn man immer und immer wieder miterlebt mit welchen Nonchalance manche Ärzte mit dem Leben anderer Menschen umgehen. Hätte der Hausarzt seinen Bruder auch so behandelt? Hätte die aufnehmende Kollegin im Kreiskrankenhaus ihren Vater auch so behandelt? Ein schockiger Patient, ein offensichtlicher Herzinfarkt. Keine Rücksprache mit dem Oberarzt, keine kausale Therapie, keine intensivstationäre Aufnahme.
Wo fängt man bei so viel Unfähigkeit an? Bringt es was sich darüber aufzuregen? Warum hat so ein Fehlverhalten eigentlich keine strafrechtlichen Konsequenzen?
Karsten wurde in den OP gefahren, entkleidet, die Leiste desinfiziert, die Herz-Lungen-Maschine im Standby kreisend. Karsten wurde eingeleitet und brach trotz maximal kardioprotektiver Anästhesie und laufender Katecholamine komplett ein. Kein Druck, kein Auswurf. Es erfolgte die umgehende Kanülierung der Leistengefäße und Anlage eines Bypass.
Unter laufender Herz-Lungen-Maschine wurde Karsten mit drei Bypässen versorgt, postoperativ benötigte er noch eine IABP. Das Weaning gestaltete sich zunächst schwierig aber nach vier Tagen war er den Beatmungsschlauch los.
Zwei Wochen später war ich auf der kardiochirurgischen Normalstation zum Narkosevorgespräch. Im Nachbarbett lag Karsten. Anbei seine Lebensgefährtin. Wir kamen ins Gespräch, ich freute mich sehr darüber ihn so wohlauf zu sehen.
Karsten hatte zwischenzeitlich realisiert wie knapp er dem Tod von der Schipp geglitten ist. Im  allerletzten Moment.
Seine Partnerin hatte bereits ein paar Tage Vorsprung das zu realisieren und die Zeit genutzt um einen Gesprächstermin mit dem Hausarzt zu suchen. Sie muss dort einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Er habe sich mehrfach bei Karsten entschuldigt und auch sehr besorgt nach seiner Genesung erkundigt.
Eine Woche nach der OP verkündete besagter Hausarzt tatsächlich seinen endgültigen Ruhestand, die Praxis ist mittlerweile geschlossen.

Advertisements

7 Gedanken zu “Karsten, 52 J.

  1. „Es frustriert wenn man immer und immer wieder miterlebt mit welchen Nonchalance manche Ärzte mit dem Leben anderer Menschen umgehen. Hätte der Hausarzt seinen Bruder auch so behandelt? Hätte die aufnehmende Kollegin im Kreiskrankenhaus ihren Vater auch so behandelt? Ein schockiger Patient, ein offensichtlicher Herzinfarkt. Keine Rücksprache mit dem Oberarzt, keine kausale Therapie, keine intensivstationäre Aufnahme.“

    Dass der Hausarzt die kardiale Problematik nicht erkannt hat, liegt m.E. – leider – im Erwartungshorizont und ist in gewisser Weise auch verständlich: wer ständig und über Jahrzehnte Patienten mit (aus notfallmedizinischer Sicht) oft eher banalen Beschwerden sieht und immer und wieder auf Rückenschmerzen stößt, der denkt bei einem Patienten, der in erster Linie Rückenbeschwerden schildert und zudem einen wochen- oder monatelangen Verlauf hinter sich, auch an „Rücken“ und nicht ans Herz.

    Warum allerdings in der Aufnahme ein nunmehr symptomatischer Patient mit entsprechenden Zeichen in EKG und Labor nicht richtig (erkannt und) behandelt wird, ist – bei aller „Belagerung“ mittlerweile auch der Kliniken mit banalen Wehwechen – mir nicht recht eingängig.

    „Warum hat so ein Fehlverhalten eigentlich keine strafrechtlichen Konsequenzen?“

    Der Hauptgrund ist banal: weil niemand es anzeigt.

    Dann kommt hinzu, dass letztlich nichts oder doch wenig passiert ist – der Patient hat’s ja überstanden – und es nur schwer und mit erheblichem Aufwand über Sachverständigengutachten zu belegen ist, ob es einen Behandlungsfehler gab (beim Hausarzt in diesem Fall nicht gesichert erweislich, bei der Aufnahmeärztin allerdings sehr naheliegend) und dann – das Hauptproblem -, ob dieser Fehler sich kausal auf den Zustand des Patienten ausgewirkt hat. Lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass sich der Gesundheitszustand nicht in diesem Maße verschlechtert hätte, wenn die Intervention früher geschehen wäre?

    Letztlich ist fahrlässige Körperverlertzung – im Blick auf die ganze Bandbreite der möglichen Straftaten – sodann ein Bagatelldelikt, und in den ser übersichtlichen Strafrahmen muss nicht nur der schlampige Arzt, sondern auch der unaufmerksame Autofahrer passen, der aufgrund seiner Ablenkung jemanden zum Krüppel fährt. Es kommt mithin am Ende nicht allzu viel raus; eine sehr schlechte Aufwand-Nutzen-Relation, sozusagen.

    Zivilrechtlich sieht das alles anders aus, aber der Patient kann das zum einen meist schlecht einschätzen (der Großteil der tatsächlichen Strafanzeigen betrifft Fälle allenfalls suboptimaler Versorgung ohne offenkundige gravierende Fehler oder gar völlig einwandfreie Behandlungen, die einfach nicht so ausgingen, wie der Patient sich das gewünscht hätte) und hat zum anderen gerade dann, wenn er dem Tod von der Schippe gesprungen ist, ganz anderes im Kopf als einen monate- und jahrelangen Rechtsstreit.

    Und von der Selbstregulation des Systems – berufs- und arbeitsrechtliche Folgen oder auch nur eine Aufarbeitung des Vorfalls oder wenigstens ein CIRS – will ich gar nicht anfangen. Nicht selten wird der „Kollege“ stattdessen gedeckt …

      1. Die Frage die hier bezüglich des Hausarztes aufgeworfen wurde habe ich mir auch gestellt. Von Rückenschmerzen als Hauptbeschwerde auf Herzinfarkt zu kommen ist schwer oder stelle ich mir das als Laie nur verkehrt vor?
        Außerdem kenne ich aus familiärer Erfahrung die Situation genau anders herum. Meine Mama ist eines schönen Tages beim aufstehen nach der Behandlung in ihrem Schönheitssalon zusammen gebrochen. Sie hatte vorher sich immer wieder über Rückenschmerzen beschwert. Als sie an dem Tag ins Krankenhaus eingeliefert wurde, haben sie auch erst an das Herz gedacht und das sich der Infarkt einfach nur komisch darstellt.
        Nach Labor und EKG war aber alles normal, es hat dann nochmal zwei Wochen und gefühlt tausende unterschiedliche Untersuchungen vom Langzeit EKG bis zum CT gedauert bis der Orthopäde herausgefunden hatte was es genau war. Nämlich eingeklemmte Nerven im Rücken und verkrampfte/verkürze Muskeln im Rücken bzw Nacken.
        Also wie groß war der Fehler des Hausarztes wirklich?
        Keine Entschuldigung sollte es für die Ärztin im Krankenhaus geben. Wenn sie schon die Laborbefunde ordert, sollte sie die auch Lesen und verstehen können.
        Rechtlich ist es wahrscheinlich schwer was zu machen, weil die Beweislast komplett beim Patienten liegt und der hat im Moment sicherlich andere Sorgen als das.

  2. Bezüglich des EKGs: in einem der Krankenhäuser, das ich oft anfahre, muss jede GuK einen STEMI erkennen können. Einmal nicht erkannt Abmahnung, und so weiter bis zu Kündigung. Es gibt genug Sachen, bei denen man raten und suchen muss, der Hebungsinfarkt mit vierfach erhöhtem Trop gehört nicht dazu.

  3. Am Ende von fünf Jahren Modellstudiengang Medizin:
    -Kommunikation, Interaktion, Teamarbeit: 600 Stunden
    – EKG lesen und befunden: 6 Stunden
    – Effizientes differentialdiagnostisches Vorgehen in der Notaufnahme: 0 Stunden

    Wird sich also nicht viel ändern an diesem Erlebnis. Und solange man fürs schriftliche Staatsexamen weiter hauptsächlich Kolibris lernen muss gleich nochmal nicht.

  4. Vielen Dank für den Beitrag – das Thema, die richtige Diagnose zu bekommen, klang nicht unbekannt, auch wenn es bei anderen Krankheiten nicht gleich dramatisch verlaufen. Doch kann eine Fehldiagnose und somit nicht passende Behandlung, dei Gesundheit verschlechtern und Folgeprobleme verursachen. Mir fällt da z.B. Zöliakie ein, wenn sie im Erwachsenenalter auftritt und z.B. als Reisdarm ohne weitere Diagnostik abgetan wird.

    1. Hallo Dirk, Danke für dein Feedback!
      Tatsächlich muss man ja sagen, dass mit Abstand die allermeisten Fälle anders verlaufen. Zum Glück! 😉
      Aber das hier war wirklich eine unrühmliche Ausnahme.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s