Mittendrin statt nur dabei – selber mal Notarzt sein

Vom zugucken lernt man ja gemeinhin wenig. Selber machen ist da schon sinnvoller. Deshalb dachte ich mir gibt es heute mal einen Fall den ich schildere und bei dem es mich interessieren würde wie Du handeln würdest.
Damit der eine nicht beim anderen abschreibst sich nicht beim anderen inspirieren lässt, sind die Kommentare ausnahmsweise geheim geschaltet. Ich werde in ein paar Tagen schreiben wie ich es gemacht habe.

Vor meinem Studium war ich der Meinung, dass ich mit der Kombination aus umfangreichem, theoretischem Wissen und dem sicheren Beherrschen praktischer Fähigkeiten alle medizinischen Probleme lösen können werde.
Das diese schwarz-weiße Vorstellung mehr dem Wunsch als der Wirklichkeit entsprach wurde mir noch während des Studiums bewusst. Medizin ist so unfassbar komplex dass immer wieder Situationen entstehen in denen all Dein Wissen und all Deine Fähigkeiten Dir doch nur die Wahl zwischen Wartburg und Trabbi übrig lassen.
Manchmal wird auch erst nach dem Tod eines Patienten klar, was man hätte anders oder sogar besser machen können.

Ich lese weiter viele Bücher, schaue mir Lectures und Videos an und besuche und veranstalte Workshops in der Hoffnung noch besser zu werden und knifflige Fragestellungen noch besser lösen zu können.
Um Euch zu verdeutlichen wie kompliziert es manchmal ist würde ich gerne ein What-would-you-do-Tutorial mit Euch machen. Notfallmedizin ist weit mehr als defibrillieren, intubieren und intraossieren 😉
Im folgenden geht es um Ethik, moralisches Handeln, Sozialdienst, Politik, Integration und Inklusion. Alles Dinge die ich auf der Universtität und in zahlreichen Praktika gelernt habe… nicht.
 

  1. August 2017 17:30 Uhr

Einsatzstichwort: Akute Dyspnoe, Kind tracheotomiert, 4 Monate, YILMAZ Aydin_Hochstraße 237-239, Einweiser vor Ort

Einsatzort ist ein Wohngebiet mit sehr hohen Hochhäusern. Die Hausnummer 237-239 ist ein cremefarbener Plattenbau, ca. 20-25 Stockwerke hoch. An der Haustür stehen ein paar interessierte Jugendliche, keiner ist über unsere Ankunft informiert oder weiß etwas von einem Notfall.
Wir suchen „Yilmaz“ auf den geschätzt 200 Klingelschildern. Es gibt mehrere mit Yilmaz. Wir sprechen die Jugendlichen an, dass wir ein Kind von Familie Yilmaz suchen, dass über einen Schlauch im Hals atmet. Tatsächlich weiß einer der Jungs Bescheid, er gibt uns den entscheidenden Tipp und schon sind wir im Aufzug.
Der Flur hat nochmal etwa zehn Türen, hier (!) macht sich nun tatsächlich jemand bemerkbar, die Tür ist auf. In der Wohnung treffen wir auf Frau Metler – sie gibt sich als Mitarbeiterin des Jugendamts aus. Anwesend ist auch ein junger Mann von 17 Jahren – der Bruder Sercan unserer Patientin.
Im Stilmix eines Kinder- und Jugendzimmers wohnt Sercan mit seiner kleinen Schwester Aydan. Aydan ist auch unsere Patientin, anders als auf der Meldung stellt sich heraus, dass sie nicht vier Monate sondern schon vier Jahre alt ist. Dafür sieht sie ungewöhnlich klein und zierlich aus, eher wie eine schmächtige Zweijährige. Der erste Eindruck sagt – hier ist jemand richtig krank. Die Wangen sind eingefallen, die Atmung über ein Tracheostoma sieht angestrengt aus, die Augenlider sind  schwach, Sercan wirkt müde. Sie atmet über ein Heimbeatmungsgerät im CPAP-Modus (eine Art Unterstützungsmodus, die Pat. „zieht“ Luft und das Gerät unterstützt sie ein bißchen so als wenn man bei sehr sehr starkem Wind an der See steht und den Mund gegen den Wind öffnet und einatmet, aber nur ein bißchen…). Ich erkläre Sercan, dass wir ein paar Untersuchungen machen müssen.
Das Pulsoxymeter zeigt einen SpO² von 89%, HF 129/min, RR 85/40. Recapzeit (mache ich immer, tut nicht weh und geht schnell) ist erwartungsgemäß bei über 2 Sekunden was höchst alarmierend ist denn bei Aydan sollte diese sogar unter einer Sekunde sein.
Ich versuche einmalig Sercan abzusaugen in der Hoffnung damit ihr Problem zu behen, kann aber kein Sekret gewinnen, das chirurgische Tracheostoma ist frei. ‚

Ich frage Sercan was passiert sei aber Sercan ist sehr aufgeregt und kann wenig berichten. Dafür erfahre ich mehr von Frau Metler. Frau Metler betreut die Familie Yilmaz seit einigen Jahren und weiß zu berichten, dass bei Aydan eine schwere Stoffwechselerkrankung vorliege, die Familie sei zuletzt erst vor drei Wochen aus der Klinik entlassen worden. Die Erkrankung sei nicht heilbar, weitere Therapieversuche hätten keine Aussicht auf Erfolg und die Entlassung sei auf Wunsch der Eltern erfolgt damit Aydan wenigstens zuhause im Kreis ihrer Familie sterben dürfe.

Es findet sich ein sehr ausführlicher Entlassungsbrief in welchem die infauste Prognose und die sehr geringe Lebenserwartung klar und deutlich benannt ist. Der Brief deckt sich mit den Angaben der Mitarbeiterin des Jugendamts, dass die Patientin auf Wunsch der Eltern zum Sterben in häuslicher Umgebung entlassen worden sei.
Aktuell sei die Mutter auf der Arbeit, sie stehe dort an sehr lauten Maschinen. Einen Anruf würde sie gar nicht hören, die Benutzung von Handys auf der Arbeit sei aber ohnehin verboten.
Der Vater sei mit einem weiteren Sohn in den Nachbarort zu einem Vorstellungsgespräch gefahren. Sercan sei beauftragt worden auf seine Schwester aufzupassen und falls irgendetwas sein soll, sollte er den Notarzt rufen.
Sercan hat mittlerweile gemerkt, dass mein Heilversuch des Absaugens ohne den ersehnten Heilungserfolg geblieben war. In seinem Gesicht wird Not jetzt durch zunehmende Angst ersetzt, was er uns auch mitteilt. Seine Schwester dürfe nicht jetzt sterben und schon gar nicht wenn seine Eltern nicht da sein. Außerdem müsse noch ein Imam gerufen werden und er könne ja seinen Vater nicht erreichen. Er macht mir glaubhaft war, dass sein Vater üble Dinge mit ihm anstellen würde wenn seine geliebte und einzige Tochter sterben würde ohne dass er den Notarzt gerufen habe. Sercan bittet darum, dass wir irgendwas machen damit Aydan überlebt.
Für eine telefonische Kontaktaufnahme und ein zeitaufwändiges fernmündliches Gespräch welches gegebenenfalls sogar erst übersetzt werden muss bleibt keine Zeit mehr. Aydan geht es jetzt richtig schlecht, die Sättigung ist jetzt bei 81%, es muss jetzt eine Entscheidung getroffen werden.

Was würdest Du tun?
Habe ich etwas vergessen, was Du noch dringend wissen musst um eine Entscheidung zu treffen?
Würdest Du vor Ort therapieren?
Würdest Du auch reanimieren?
Soll die Pat. transportiert werden oder lieber vor Ort bleiben?
Würdest Du Dich eher für eine Palliation also Sedierung ggf. Morphingabe entscheiden?