Was wollen wir heute feiern?

Heute ist in Amerika der Boss-Day. Da haben die braven Angestellten mal die Chance sich für „den netten und fairen Umgang, den ihnen Vorgesetzte im vergangenen Jahr haben angedeihen lassen“ (Quelle: wikipedia) bedanken zu können. Kein Scherz.
Heute ist auch der Tag des Brotes und der Weltbrottag schließt sich dem gleich mit an.
Vor allem ist aber heute der Welttag der Anäshtesie. Der ist immer am 16. Oktober weil heute vor 171 Jahren nämlich am 16. Oktober 1846 in Boston die erste öffentliche (!) Anästhesie mit Ether durchgeführt wurde. Tatsächlich wurde schon vier Jahre vorher nachweislich eine Anästhesie von Crawford Williamson Long durchgeführt. Warum er darüber nicht direkt 1842 berichtete ist mir völlig unerklärlich. Erst sieben Jahre später schrieb er einen Fachartikel über die schmerzfrei durchgeführte Operation mit dem Titel „An account of the first use of Sulphuric Ether by Inhalation as an Anaesthetic in Surgical Operations“.
Zwischenzeitlich hatten einige andere Zeitgenossen für sich beansprucht die Ersten gewesen zu sein, die eine Ethernarkose durchgeführt hätten. Aufgrund einer gut gehenden landärztlichen Praxis aber auch aus Zweifel darüber ob man das so reproduzieren können (?) habe er seine Beobachtungen nicht veröffentlicht. Alles schön detailliert (in englisch) beschrieben in dem passenderweise mit „Crawford W Long – still an enigma“ überschriebenen Artikel. Es bleibt ein Enigma, griechisch für Rätsel, ein Mysterium.
Es wäre also passender am 30. März (1842) als Weltanästhesietag zu zelebrieren. Das tut man auch – in Amerika – in Form des „Doctor’s day“ was ja so ähnlich ist.
Das wäre auch deswegen besser weil dann feiern wir nämlich schon 175 Jahre Narkose und das ist ein Jubiläum und darauf können wir uns jetzt alle Mal eine Flasche Lachgas aufmachen.

Mooooment.
Der wachsame Narkose-Nerd rückt die Hornbrille zurecht und möchte das Geschriebene von Seite 7 seiner anästhesiologischen Enzyklopädie aufmerksam machen.
Hätte man damals nämlich eine bessere Verbindung nach Japan gehabt – die Amerikaner hätten schon 38 Jahre vorher schmerzfrei operieren können!
Es war der Arzt Hanaoka Seichu der ein fast schon als komplex zu bezeichnendes Gebräu aus Atropin, Aconitin, Scopolamin und Angelicotoxin seinen Patienten verabreichte. Ein Höllengemisch! Alleine Aconitin. Ein aus dem blauen Eisenhut gewonnenes Alkaloid welches ein wesentlich stärkeres Toxin ist als Strychnin. Heidewitzka.
Die Mischung hat er nach probatorischer Applikation verschiedenartigster Substrate heimischer Gewächse zunächst an Tieren ausprobiert. Seine Mutter und seine Frau mussten dann für den Feinschliff der Rezeptur herhalten. Das blieb nicht ohne Kollateralschäden, seine Gemahlin erblindete dabei.
Der Mann musste es ja wissen, hatte er ja immerhin drei Monate Innere Medizin bei Meister Nangai und ein ganzes Jahr die Kunst der Chirurgie bei Meister Kenryo gelernt. Mehr brauchst Du nicht. 15 Monate breiteste medizinische Ausbildung und los geht das.
Immerhin hat er mit diesem Gehirnzellenmassaker die erste beglaubigte Anästhesie durchgeführt und direkt mal noch eine Mastektomie durchgeführt. Wer Innere, Chirurgie und Anästhesie kann, kann auch Gynäkologie. Merken wir uns also den 13. Oktober für nächstes Jahr schon mal vor!
Darauf einen Nihonshuu.
Prost!

Advertisements

2 Gedanken zu “Was wollen wir heute feiern?

  1. Oh ja, wie abenteuerlich manche Ärzte der vergangenen Jahrhunderte vorgegangen sind, ist mit dem heutigen Kenntnisstand oft schwer bis gar nicht nachzuvollziehen. Das habe ich erst vor drei Wochen bei meinem Besuch in Edinburgh häufig gedacht, als ich das dortige medizinhistorische Museum „Surgeon’s Hall“ besuchte.. ein wirklich sehenswertes Museum in der Heimatstadt James Young Simpsons, des Erfinders der Chloroform-Anästhesie.

    Beispielsweise hat Joseph Lister einerseits bahnbrechende Arbeiten veröffentlicht und die aseptische Chirurgie gegen extreme Widerstände und beißenden Spott seitens seiner Fachkollegen in der Medizin eingeführt, andererseits hat er stur an Phenollösungen festgehalten und auch literweise in Operationswunden gekippt, als es anderswo die Dampfsterilisation chirurgischer Instrumente und Verbandsmaterial schon längst gang und gäbe war.

  2. Gerade „ausversehen“ Deinen Artikel mit dem Fentanyl bei Doccheck kommentiert, aber nur als Gast. Habe erst im Nachhinein gesehen von wem der kommt. Habe mich schon gewundert, die Ausführlichkeit und gleiche Meinung kommt mir ja bekannt vor 😉

    –> Hier nochmal und ergänzt –> Danke, vielen Dank und nochmals Danke für diesen Beitrag. Super Artikel, bin „leider“ gerade erst im ersten Semester Medizin, aber habe was Schmerztherapie angeht einiges an Erfahrung, weil ich selbst Schmerzpatient bin und mich ebenfalls für die Notfallrettung interessiere und eben später auch in die Anästhesiologie gehen will. Unfall und die adäquate Analgesie ist die eine Sache, offensichtlich gibt es ja da schon riesen Probleme mit der Wahl der Schmerzmittel, wie man dem Artikel entnehmen kann. Ich kann nur sagen, chronische Schmerzpatienten, welche auf Opioide angewiesen sind, spielen da mit weit aus schlechteren Karten, weil man gegen einen Facharzt als Patient in der Regel wenig ausrichten kann. Selbst wenn man es wirklich besser weiß, ist der Arzt in den meisten Fällen abweisend und es kommt zu einer nicht adäquaten Schmerzlinderung. Ich wünsche es keinem, kann da noch ewig weitererzählen, aber der Irrglaube, dass Opiate ein Teufelszeug sind, ist einfach zu zu weit verbreitet. Wenn eine Indikation besteht, dann muss eine Verschreibung von Opiaten erfolgen und nicht bis zum Maximum eine Therapie von Metamizol oder Ibuprofen ausgereizt werden.

    PS: Irgendwie muss ein Studium aufgebaut sein, aber ich merke es immer wieder, es wird Leute geben, welche genau das gelehrte später anwenden und sich nicht wesentlich weiterbilden. Das gehört zum Arzt sein dazu, man man lernt nie aus und das in der Uni gelehrte kann nur die Basis sein, man muss ständig schauen, wie und was sich geändert hat und das entsprechend dann auch anwenden. Beispiel: Anstatt Diazepam wird heute Midazolam bei Epileptischen Anfällen angewendet, Dia stand lange in den Leitlinien, mittlerweile wurde dies eben durch Mida ersetzt, muss man wissen, kann man aber nicht, wenn man sich nicht weiterbildet.
    Ich habe zB. auch Notizen von höheren Semestern gelesen, in denen steht, dass Opiate nur (!!!) bei Tumorschmerzen angewendet werden sollen( Original aus den Notizen: „Präparate: Morphin, Hydromorphon, Oxycodon, Fentanyl(nur bei Tumorschmerz!)“. Wie sollen die es auch besser wissen, wenn es so in der Uni gelehrt wird? (Die Vorlesung dazu war 2012 und die Uni verfolgt bis heute das gleiche Konzept)

    LG

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s