#metoo

Die Antwort lautet – nein.
Nein, weil ich mich nicht erinnern kann jemals sexuell belästigt worden zu sein. Nein auch weil ich mich nicht erinnern kann jemals eine Frau sexuell belästigt zu haben oder sexistische Dinge gesagt zu haben.
Thematisch wäre der Blogeintrag damit an dieser Stelle eigentlich auch schon wieder beendet. Warum muss sich überhaupt ein Anästhesist zu dieser Sexismusdebatte äußern?
Erstens ist es fast das „Wort des Jahres“ geworden und es ist die wahrscheinlich größte Bewegung 2017 gewesen. Zweitens ist es eins der vielen Themen über die wir während unspannender Operationen gesprochen haben. Drittens ist es Teil meiner Vorsätze für das neue Jahr und viertens schreibe ich darüber weil es ganz einfach wichtig ist und weil zu meinem Nein auch ein Ja gehört.
Ja, auch ich habe zum Teil sehr fiese Erfahrungen im beruflichen Alltag mit (Alltags-)Sexismus gemacht. Ich sage es mal ganz ehrlich – ich schäme mich für so manchen der sich mit mir in der Herrenumkleide umzieht.
Es ist eine Schande wie schamlos manche Männer über Frauen im allgemeinen, Kolleginnen und (Ex-)Partnerinnen herziehen, wenn sie das Gefühl haben man sei „unter sich“.
Gerade in der Chirurgie wird Sexismus sehr offen praktiziert, gerne auch von Angesicht zu Angesicht, in aller Öffentlichkeit, vor Zeugen, auf Station und im OP. Gefühlt – und in meiner kleinen persönlichen Welt – ist es in der Orthopädie und Urologie am derbsten, bei den Allgemeinchirurgen ist es tagesformabhängig, bei den Gynäkologen selten und bei unseren  Kinderchirurgen zum Beispiel habe ich Sexismus noch nie erlebt. Besonders krass wird es meistens wenn zwei Männer operieren und ein Mann pflegerisch assistiert, da werden sprachlich die Hosen gerne mal komplett heruntergelassen.
Wenn dann doch mal jemand kommt und ein solches Verhalten rügt wird erstaunlich oft von den weiblichen und auch meist etwas älteren OP-Pflegekräften der eine oder andere Spruch  bagatellisiert. Man spricht dann von Altherren-Garde. Der sei halt so, der war schon immer so.
Das macht es nicht besser.
Und diese Männer sind weder Herren noch Mitglieder eines Ehrenwachdienst („Garde“) sondern wenn überhaupt allerhöchstens alt.

Viele meiner Gedanken dazu und warum ich nicht länger bereit bin dies zu akzeptieren stehen hier. Den Ausführungen dazu und den empfohlenen Links und Podcasts kann ich mich gut anschließen.

Eine Kollegin von mir ist als Chirurgin taktisch in ihren Entscheidungen brilliant. Sie ist technisch geschickt, hat eine sehr ruhige Hand und Schnittführung. Sie ist intelligent und wortgewandt, dabei eher leise und angenehm zurückhaltend. Sie hat viel Hintergrundwissen vor allem zur Intensivmedizin und geht damit nicht hausieren sondern stellt dieses Wissen in den Dienst ihrer Patienten. Und – sie sieht gut aus. Und eben diese Kollegin hat vor drei Monaten unser Haus verlassen und was sagt mein Kollege als Sie sich verabschiedet? Unter uns und im Spind?
Ich vermisse den Anblick ihres Dekolletés… (im Original etwas vulgärer, aber das kann sich jeder selbst denken).
Mich ekelt das an. Mir tut das leid für diese Kollegin, ich schätze sie und ihre Arbeit und tatsächlich vermisse ich ihre Unterstützung. Es war eine Wohltat mit ihr zu arbeiten, sie hat verletzte Kinder empathisch und konsequent behandelt und hat deliranten Omas in die Spur geholfen. Diese Ärztin war nah dran an perfekt und alles was ihm dazu einfällt ist so ein bräsiger Spruch.
Fragt mal Eure Schwester oder eine Frau Eures Vertrauens ob und wie oft sie schon mit Blicken ausgezogen wurde. Ich kenne Frauen die sich nach einer unsittlichen Berührung eines ekeligen Mannes zwei Stunden lang geduscht haben um das Gefühl wieder los zu werden. Eines Mannes in einer hochrangigen Position, in diesem Fall der Oberarzt eines Instituts der Uniklinik.
Er war der Meinung er dürfe das in seiner Position, was soll schon so eine kleine Studentin ausrichten können.
Zu viele alte Säcke Männer fühlen sich in ihrer Position sicher genug um hinter vorgehaltener Hand oder auch ganz offen Sexismus zu leben. Sie verletzen, demütigen und erniedrigen, sie versuchen den Selbstwert anderer Menschen, ihre Würde und den Stolz in beschämender Art und Weise anzugreifen.
Ich wünsche allen Chirurginnen, Schwestern, Pflegerinnen, Notärztinnen, Internistinnen, Raumpflegerinnen, Bürokräften und Mitarbeiterinnen im Krankenhaus und anderswo – seid stark. Benennt Zeugen, sprecht diese konkret an, schreibt ein Gedächtnisprotokoll.
Wie das genau geht und was man dann als nächstes machen kann steht hier.

Und was können wir Männer tun?
Den Mund aufmachen, Männer ansprechen. Falls man selber Sexismus erlebt ist es auch durchaus legitim sich proaktiv als Zeuge anzubieten.
Eine Kollegin von mir wurde im Rahmen der Visite sehr unsittlich berührt, einen blöden Spruch gab es gratis dazu. Ich habe mich als Zeuge angeboten, letztlich hatte Sie nicht den Mut das anzuzeigen.

In Beverly Hills hatte eine Krankenschwester den Mut einen Vorfall anzuzeigen in dem sie von einem Chirurgen attackiert wird. Ich will jetzt nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, es geht hier nicht um sexuelle Belästigung sondern um die Ausübung von Gewalt eines vermeintlich Starken gegenüber Schwächeren. So gesehen gibt es Parallelen, denn auch Sexismus setzt immer ein hierarchisches Gefälle voraus oder wird sogar eingesetzt um ein solches zu manifestieren.
Der Fall ist deswegen so brisant weil es eine Videoaufzeichnung des Vorfalls gibt. Erschreckend ist, wie gleichgültig die Mitarbeiter vorbeigehen, die den Vorfall mitbekommen haben müssen.
Konsequenz des Vorfalls in dem die Krankenschwester (austauschbar) von dem Starchirurgen der Augenklinik (ein sgn. „celebrity physician“ der im wesentlichen für die Erlöse des Krankenhauses verantwortlich ist) attackiert wurde – die Krankenschwester ist letztlich gegangen (worden).
In diesem Fall reden wir von einem Vorgang der – zumindest in Teilen – auf Video aufgezeichnet ist. Und natürlich ist es kompliziert und vielleicht war es alles ganz anders aber hey – ich glaube wir alle wissen wie es gelaufen ist. Und wenn auch nicht in diesem einen konkreten Fall, dann aber doch in ganz vielen Fällen die jeder von uns so oder ähnlich schon erlebt hat.

Meistens gibt es ja nur Aussage gegen Aussage und das ist schon kompliziert genug. Es gibt natürlich auch Fälle wie den von Horst Arnold der wegen einer Vergewaltigung zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde die er nachweislich nie begangen hat.
Darum geht es mir hier aber nicht. Es geht mir um Sexismus im Alltag, um die sogenannten Kavaliersdelikte. Um Altherrenwitze auf Kosten meist junger Mitarbeiterinnen.
Um billige Anmachsprüche die hinten herum noch ganz entrüstet als war doch nur ein Kompliment getarnt werden.

Also Männer – macht den Mund auf. Im OP, im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr, auf Station im Krankenhaus, in der Personalabteilung, im Eiscafé, bei der Müllabfuhr und im Drogeriemarkt. Es liegt an Euch zu zeigen, dass nicht alle Männer so sind.

Disclaimer light:
Das Thema ist kompliziert und bietet Potenzial zur Hysterie, das ist mir wohl bewusst. Eine gute und unaufgeregte Annäherung bietet wie ich finde die ARD mit diesem Themenkomplex unter
http://www.ardmediathek.de/tv/Sexismus-im-Alltag/Thema?documentId=47428042
Es ist wie immer meine persönliche Meinung und repräsentiert nicht mein Krankenhaus oder meinen Berufsstand.

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4 Gedanken zu “#metoo

  1. Dankeschön für diesen Text!
    Es ist wirklich toll und gleichzeitig entsetzt es mich, wie beruhigend es ist, dass das Problem (das ja nicht nur Frauen betrifft, dass möchte ich hier gar nicht sagen) auch von einem Mann erkannt und benannt wird. Es entsetzt mich, da dies nicht Standard ist und sich die meisten Diskussionen, die ich darüber mit Männern führte, um den ewigen Kreis „Ja, aber das meiste ist doch als Kompliment gemeint und wieso soll ich mich denn da einmischen“ drehen.
    Es gibt Situationen, aus denen kam ich nur schwer wieder raus und hätte mir Unterstützung gewünscht. Ich habe überall Sexismus erlebt, in der Kneipe, im Bus, im Taxi, in der Arbeit. Manches davon einfach nur ein herabwürdigender Spruch, anderes körperliche Belästigung und manches ging soweit, dass möchtest du keinem erzählen. Ich kenne keine Frau, die so etwas nicht erlebt hat.
    Bei mir wurde nie eingeschritten.

    Danke, dass du hilfst.

  2. Volle Zustimmung, unterschreibe ich.

    Vieles davon hatte ich auch schon halbgar im Kopf, und ich wollte eigentlich schon lange drüber schreiben, hat aber nie geklappt. Vielen Dank für diesen Text!

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