Eingepackt und mitgemacht.

Als ich heute ins Notarztfahrzeug einstieg begrüßte mich Thomas mit der Frage, ob ich der Notarzt sei.
Ich bejahte, daraufhin fuhren wir los.
Exkurs:
Thomas fuhr auch letzte Woche Donnerstag nach einer Alarmierung zu unserer Klinik – wie so oft. Dazu muss man sagen, dass unsere Klinik relativ groß ist. Es beteiligen sich drei Kliniken (Innere, Chirurgie, Anästhesie) am Rettungsdienst. Das heißt je nach Tag und Uhrzeit ist der zusteigende Notarzt Chirurg, Internist oder auch Anästhesist. Insgesamt beteiligen sich etwa 40-50 Ärztinnen und Ärzte am Rettungsdienst. Hinzu kommen PJler oder auch Famulanten, also angehende Ärztinnen und Ärzte die sich noch im Studium befinden und mal am Rettungsdienst als Praktikanten teilnehmen um mal zu gucken wie man das so praktisch macht mit der Notfallmedizin.
Im Notarztauto sitzt vorne links der Fahrer, meist ein Rettungsassistent bzw. Notfallsanitäter. Vorne rechts sitzt gewöhnlich der Notarzt und wenn noch jemand mitfährt so findet sich meistens auf der Rücksitzbank ein Plätzchen.
Auf dem Melder stand ein Verkehrsunfall, zwei PKW, mehrere eingeklemmte Personen. Alarmiert war unser NEF sowie ein RTH und mehrere RTWs sowie ein Großaufgebot der Feuerwehr zur technischen Rettung der eingeklemmten Personen.
Thomas flitzte also von seiner Rettungswache zu unserer Klinik und hielt vor der Klinik um den Notarzt aufzunehmen. Der kam dann auch, setzte sich vorne rechts hin und Thomas düste los. Die beiden flogen mit Sondersignal durch die Stadt über rote Ampeln und über den Zubringer der Verbindungsstraße in Richtung Autobahn wo sich der Unfallort befand.
Als sich der Verkehr langsam staute und Thomas sich mit dem NEF nach etwa 12 Minuten Anfahrt in die Rettungsgasse einfädelte um zum Unfallort vorzufahren fragte sein Beifahrer „Nehmen wir denn auch noch den Notarzt mit?“.

Kurze Stille im NEF.

Thomas wurde in dem Moment schlagartig klar, dass der junge Kollege neben ihm nicht der war für den er ihn gehalten hatte. Man hätte so vieles fragen können: wer bist Du? Warum setzt Du Dich nach vorne? Vor allem – warum hast Du nicht mal eher was gesagt?
Der Praktikant war offensichtlich mit den Gegebenheiten des Rettungsdienstes nicht recht vertraut, man hat ihn wahrscheinlich einfach schlecht eingearbeitet. Dazu kommt die Zeitnot, ungewohnte Abläufe und Personal was sich kaum oder gar nicht kennt.
Rückblickend muss ich sagen – das hätte mir so oder ähnlich wahrscheinlich auch passieren können. Es gibt verschiedene Modelle wie der Notarzt zum Einsatzort kommt. Manchmal steht das NEF an der Klinik und der Fahrer hat dort ein Zimmer. Das ist die einfachste und schnellste Variante, man steigt gemeinsam ins Fahrzeug und fährt los. Oft kommt das NEF aber auch aus der Stadt von der Feuerwehr oder von einer Hilfsorganisation und fährt erstmal zu der Klinik um dort den Arzt aufzunehmen. Dann gibt es noch Selbstfahrer und andere Orchideen aber es gibt vor allem kaum Standards.
Die Internisten werden vor dem Haupteingang abgeholt, die Anästhesisten hinten am OP und die Chirurgen laufen immer zur Straße. Der Praktikant war zur Zeit in der Inneren Abteilung (Haupteingang), der Notarzt wäre ein Anästhesist gewesen. Der stand wahrscheinlich auch hinten am OP, Thomas hatte aber ja vor der Tür seinen „Notarzt“ schon gefunden.

Was nun?
Zurück fahren und den Arzt holen?
Also wenden (?), 12 Minuten zurück zur Klinik und mit dem Notarzt erneut anfahren?
Thomas entschied sich dafür durchzufahren. Er gab eine Rückmeldung an die Leitstelle und instruierte die Leitstelle mit einem weiteren Fahrzeug den an der Klinik wartenden echten Notarzt nachzuführen. Das war in jedem Fall die beste Lösung zumal ja ein weiterer Notarzt über den Hubschrauber schon vor Ort war.

Glück im Unglück, an der Einsatzstelle waren statt der befürchteten Schwerverletzten nur ein paar leichtverletzte Unfallbeteiligte.
Am Ende stand nur einer unter Schock – das war unser Praktikant.

Wenn mich also das nächste mal jemand fragt ob ich der Notarzt bin sage ich einfach – ja, ich bin Dein Notarzt, wir können losfahren.

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3 Gedanken zu “Eingepackt und mitgemacht.

  1. Bin schon oft zum Schichtwechsel in ein NEF eingestiegen und losgefahren, weil der Alarm zur Wechselzeit kam. IMMER wurde sich vorgestellt. Wenn das NEF nicht da ist – ein Anruf auf der 112 und durchgeben, dass ein 2. an der Wache steht und bedarfsweise übernehmen kann. Aber einfach jemanden einsammeln, kein Wort sagen, quer durch die Landschaft gondeln. Da wären 2, die sich mächtig viel anhören dürften.

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