Das schwarze Schaf das keines ist.

Ich frage mich, wann der Punkt im Leben von Heinz kam, an dem er falsch abgebogen ist.
Heinz hat eigentlich alles bekommen, was ein Mensch benötigt und viele gute Charaktereigenschaften ausgebildet.
Liebe – reichlich bekommen in einer behüteten Familie mit einer liebevollen Mutter. Mut – im Rahmen der Bundeswehrausbildung absolvierte er unter anderem 19 Fallschirmsprüngen. Fleiß – ein Medizinstudium in Regelstudienzeit.
Haus gebaut, Familie gegründet, ein Sohn, eine Tochter.
Nach vielen investierten Jahren und unzähligen Arbeitsstunden in der Klinik dann irgendwann der lukrative Chefarztposten in der Gefäßchirurgie. Internationale Fortbildungen, gut dotierte Forschungsprojekte und die Verpflichtung als internationaler Dozent. Sogar in Hawaii war er. Beim „International Vasculay Surgery Congress“. Einer von neun „Leading experts“ in Deutschland für Venenerkrankungen.
Im Sommer mit der Familie gegrillt, Weihnachten unter dem Tannenbaum. Alles schien perfekt.

Aber irgendwo bog Heinz ganz und gar falsch ab.
Er selber wäre der einzige der den ersten und all die folgenden Verbrechen erklären könnte. Wäre. Denn er kann es nicht. Er sieht es noch nicht einmal als Verbrechen.
Er lockte Studentinnen (17-28 Jahre jung) nach Dienstschluss in der Klinik in ein Untersuchungszimmer. Es ginge um eine Forschungsarbeit und die Probandinnen seien wichtige Versuchsteilnehmer. Er betäubte die Patientinnen hinterlistig unter Inkaufnahme schwerer Komplikationen. Er missbrauchte junge Frauen und zerstörte Seelen für ein Leben.
Die Opfer werden lebenslang damit leben müssen missbraucht worden zu sein. Wer einmal mit einem Menschen gesprochen hat, der sexuellen Missbrauch erlebt hat beginnt zu erahnen das jedes gesprochene Urteil auch im Ansatz keine Gerechtigkeit wieder herstellen kann.
Er machte weiter. Immer neue Opfer, immer neue Verbrechen. Sexspielzeuge die in abartiger Art und Weise eingesetzt und vom Täter in „mehr als 1 Millionen Fotos“ (sic!) festgehalten wurden.
Laut Verteidigung alles bloß „neue, ungewöhnliche und für den Laien unverständliche Methoden der Untersuchung“.
Deshalb stellt sich Heinz auch aufrecht vor die Kameras der Presse. Er sieht sich als unschuldig an.
Er hat bestimmt auch eine Erklärung für den Abend an der Hotelbar mit der 18-jährigen Patentochter seiner Frau die er nach einem Musicalbesuch lege artis abgefüllt betrunken gemacht hat und dann in Hotelzimmer geführt haben soll in welchem er vorher Kameras installiert hat. Auch die dort angefertigten Fotos und Videos wird er dem Richter erkären müssen. Und seiner Frau. Seiner Tochter. Seinem Sohn.

Und dennoch ist er kein schwarzes Schaf. Das schwarze Schaf kann nichts dafür, dass es keine weiße Wolle hat. Heinz hat seine Verbrechen selber zu verantworten. Er hätte die Wahl gehabt – und hat sich für die böse Seite der Macht entschieden.

Verbrecher wird es immer und überall geben. Unter Politikern, Pfarrern und selbstverständlich auch unter Ärzten. Kriminelle machen sich die Sorglosigkeit ihrer Opfer in vermeintlich geschützten Umgebungen zunutze und wissen diese für ihre abartigen Pläne auszunutzen. Sie gewinnen dann Macht über uns wenn es ihnen gelingt alle anderen die diesen Beruf ausüben unter einen Generalverdacht zu stellen und wir ihnen nicht mehr vertrauen.

Mein Unverständnis darüber wie ein Mensch der offensichtlich alles im Leben erreicht hat, was man erreichen kann – Haus, Familie, Karriere – solche Verbrechen planen und durchführen kann, erwiderte eine von mir geschätzte Oberärztin
„Nein Narkosedoc. Der hat nicht alles. Der hat bald gar nichts mehr. Zu Recht.“

Quelle:
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/chefarzt-aus-bamberg-untersuchungen-mit-sexspielzeug-a-1027342.html

http://www.sueddeutsche.de/bayern/prozess-gegen-bamberger-ex-chefarzt-die-vernichtung-von-dr-w-ist-in-vollem-gang-1.2424842

Adnex:
Vielleicht war alles ganz anders als die wenigen von den Gerichtsreportern dargestellten Fakten es erscheinen lassen. Es ist Aufgabe der Justiz die vorliegenden Fakten zu bewerten und es geht mir nicht um eine Vorverurteilung. Ich habe kein Recht dazu über jemanden zu urteilen und hoffe, dass der Prozess fair und transparent zu einem gerechten Urteil führt.

Mein Freund. Mein Helfer.

Die Polizei, Dein Freund und Helfer
Die Polizei, Dein Freund und Helfer.

Ich erzählte ja von denen die nicht wollen, denen die nicht können und denen die nicht wollen und nicht können. Im medizinischen Bereich ein Phänomen was sich vermehrt ausbreitet und wo sich mir zumindest die Ursachen erschließen. Ärztemangel, kaputt gespartes Gesundheitssystem, fehlende Investitionen etc.
Neuerdings ist mir aufgefallen, dass wir damit aber nicht alleine dastehen! Ich rede jetzt nicht vom Handwerkerpfusch oder Serviceverhalten einzelner Telekommunikationskonzerne sondern von der Polizei. Ja, Dein Freund und Helfer.
Die Polizei war für mich immer gesetzestreue Kompetenz in Sachen Strafverfolgung, Bürgerschutz und Ansprechpartner in der Not. Mein Glaube daran, dass die Polizei potentielle Straftäter verfolgt war unerschütterlich. Na gut, wo Menschen arbeiten wird manchmal auch geschlampt. Ist wohl überall so.
Aktueller Fall:
Pat. kommt nach Hochrasanztrauma als verunfallter Fahrer eines großen Paktetlieferanten in unseren Schockraum. Der Beifahrer kommt schwerverletzt in die Nachbarstube und wird vom zweiten Traumateam versorgt. Unseren Schockraum füllt schon sehr bald der kalt wabernde Nebel eines Foetor alcoholicus. Wenn es Passivraucher gibt, dann sind wir gerade zu Passivtrinkern geworden. Egal, ich schweife ab… kurzum – der Kunde hat eine Fahne.
Dieser Umstand ist weder zu ignorieren, noch zu überriechen. Die Polizei wartet artig im Ambulanzbereich bis Sie nach erfolgter Diagnostik zu unserem Patienten dürfen um „ein paar Fragen zu stellen“. So weit die Routine.
Und gehen wieder.
Bei Verdacht auf einen Verkehrsunfall unter Drogeneinfluss (und dazu gehört ja auch der Alkohol) muss immer eine Blutprobe abgenommen werden. Der im Krankenhaus gemessene Äthylalkoholwert kann unter Umständen wohl im Prozess angefochten werden, weil ja ggf. zur Desinfektion ein alkoholhaltiger Tupfer verwendet wurde. Deshalb führt jedes Polizeiauto ein Blutentnahmepäckchen mit in dem ein Blutentnahmeröhrchen nebst alkoholfreiem Hautdesinfiziens enthalten ist.
Narkosearzt tippt Herrn Wachtmeister – klopf, klopf – auf die doppelt besternte Schulter. Ich versichere mich nochmal, dass sie das Päckchen doch gleich bestimmt auf die Intensivstation bringen würden.
Verständnisloses Kopfschütteln.
– Wegen der Blutentnahme.
Ratlose Mundwinkel.
– In unseren Tupfern ist ja Alkohol…
Im seinem Kopf läuft „Itchy und Scratchy“
– … und in unserem gemeinsamen Kunden ja offensichtlich auch. Nö?
Es tut sich was.
Ja! Na klar, müsse ja noch, man sei unterwegs, komme gleich wieder, klaro, wollten wir ja sowieso.
Sie kamen nicht wieder.
Und der Patient der offensichtlich im volltrunkenen Zustand sich selbst und seinen Beifahrer kaputt gefahren hat wurde nie strafverfolgt. Ein (vor Gericht nicht verwertbarer) Atemalkoholtest wurde ebensowenig angeordnet wie eine polizeiliche Blutentnahme. Und ich frage mich – warum?

Was, wenn selbiger Paketbote nächsten Monat nicht vor einen Baum sondern gegen den Großfamilienkombi fährt?
Ein vergleichbares Ereignis ist mir vorletzte Woche erneut passiert und ich komme so langsam ins Grübeln. Hat das System? Scheuen die den Aufwand? Darf man das fragen? Macht man sich dann schon strafbar? Ist so eine Blutprobenanordnung viel Arbeit und Schreibkram? Falls hier ein Polizist mitliest, ich wäre um eine Antwort sehr dankbar.
Einen Bericht müssen die ja sowieso schreiben.
Es geht aber nicht nur um Blutprobenentnahmen sondern auch die oft lustlose und aus meiner Sicht vernachlässigte Asservation von Beweisgegenständen bei Straftaten. Wir haben da so einen aktuellen Fall, aber das ist mir im Moment noch zu heiß.
Wie sind Eure Erfahrungen mit der Polizei?
Ich meine nicht nur die Zusammenarbeit im Rettungsdienst sondern auch und gerade im Krankenhaus. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.

Ich rette also bin ich.

Weaning IntensivtransportNicht-Mediziner äußern sich gerne bewundernd oder auch anerkennend über meine Arbeit und wünschen sich sie könnten das von ihrer Arbeit auch sagen. Für Außenstehende ist es ganz einfach – wer mit Blaulicht durch die Gegend rast um Menschen in Not zu helfen tut Gutes. Wer sich die Nächte um die Ohren schlägt um Menschen auf der Intensiv mit Hilfe von Medikamenten und Maschinen ein Überleben zu ermöglichen tut etwas sinnvolles. Wer den Tod eines Menschen verhindert und Familien die Möglichkeit gibt mit dem von ihnen geliebten Menschen weitere Zeit zu verbringen und nicht auf eine weitere Beerdigung gehen zu müssen tut per Definition etwas sinnvolles.
Was so selbstverständlich erscheint ist bei genauer Betrachtung etwas ganz anderes. Wenn man einzelne Patienten über Monate auf der Intensivstation begleitet, kathetert,  dialysiert, bronchoskopiert, tracheotomiert und unzählige Male in den OP fährt, Hochs und Tiefs miterlebt und mit den Angehörigen durchlebt und bespricht – und diese Patienten dann zwei Wochen später in der Reha versterben kommt man ins Nachdenken.
Ich fahre im Moment viele Intensivtransporte und begegne dort immer wieder Menschen die sehr unglücklich aussehen.
Erst letzte Woche habe ich mehrere Patienten zum Weaning gefahren. Das sind Patienten die lange auf einer Intensivstation behandelt wurden und dort über lange Zeit beatmet wurden. Die Atemmuskulatur verschwindet unter eine Beatmung innerhalb von Tagen und muss dann mühsam wieder antrainiert werden um ein selbständiges Atmen zu ermöglichen. Diesen Prozess der Entwöhnung von der Beatmung nennt man Weaning.
Alles gut und sinnvoll bei Patienten die vorher ein selbständiges Leben geführt haben und bei denen Aussicht auf Besserung besteht. Aber das wird immer seltener.
Erst letzte Woche fuhr ich einen Patienten der im Januar (!) diesen Jahres aufgrund einer Lungenentzündung bei schwerer Lungengerüsterkrankung (COPD GOLD IV D, Heimsauerstofftherapie) mal wieder beatmungspflichtig wurde. Im Rahmen der Lungenentzündung kam es zur Blutvergiftung, der 78-jährige Patient wurde mehrfach reanimiert, irgendwann tracheotomiert (Wechsel vom Beatmungsschlauch auf eine Beatmung per „Luftröhrenschnitt“) und dann nicht richtig wach. Nach zweieinhalb Monaten auf der Intensivstation wurde der komatöse Patient in ein Beatmungsheim abgeschoben. Dort wurde er jetzt im Lauf von Monaten wacher und nach zehn Monaten wird er jetzt zum Weaning gefahren. Dieser Mensch liegt seit fast einem Jahr beatmet im Bett und kann sich nicht mal an der Nase kratzen wenn diese juckt. Was er von der Umwelt mitbekommt lässt sich nicht sagen, aber es ist doch so: entweder er bekommt das ganze Elend und die tagelange Einsamkeit mit was ein furchtbarer Zustand ist. Oder er bekommt nichts mit und wabert gedanklich einem Karpfen gleich durch die Tage, Jahre und Gezeiten. Ist dieser Zustand dann besser? Elend erleben oder nichts mitbekommen? Dann könnte man doch auch tot sein, oder?
Früher habe ich mich gefragt ob ein solches Leben noch Sinn macht – heute weiß ich es. Es macht keinen Sinn. Für mich. Das ist meine Meinung! Es muss nicht Deine sein. Das darf und soll jeder für sich entscheiden.
Mir fehlt aber zunehmend der Sinn in der Arbeit wenn ich mich mit Maximaltherapie um Patienten kümmern soll die für sich keine Maximaltherapie wollen und diese sogar zu Lebzeiten mehrfach abgelehnt haben. Und die dann trotzdem eine Maximaltherapie bekommen weil – man kann ja nie wissen! Vielleicht ist es gar nicht seine/ihre Patientenverfügung! Vielleicht ist das Lungencarcinom ja gar nicht final metastasiert sondern nur ein Krampf durch Unterzuckerung? Vielleicht vielleicht vielleicht. Und erst wenn alle Katheter im Menschen drin sind und die Beatmungsmaschine erbarmungslos ihre Luft in die kaputte Lunge pumpt wird nach ein paar Tagen entschieden, dass wir uns jetzt – ja, ist vielleicht doch besser – zurückziehen.
Wir erleben undankbare, gequälte und oft leidende Patienten und Angehörige und investieren Milliarden für die letzten Lebenswochen am Ende eines 80, 85 oder (aktuell auf Bett 33.1) 103 Jahre zählenden Lebens.

Und dann ist da noch die Palliativmedizin.
Der Gegenentwurf zur sinnlosen Ressourcenverschwendung in der Intensivmedizin. hier hat die klassische Medizin kapituliert, hat den Sieg der Krankheit anerkannt und – zieht sich zurück!
Der Mediziner kann nicht mehr gewinnen, da verlässt er doch lieber gleich das Feld. Auf in den nächsten Kampf, neuen Gegner suchen, neuen Menschen helfen.
Dabei benötigen gerade und am allermeisten genau diese Patienten Hilfe! Palliativmedizin ist grundsätzlich realtiv übersichtlich. Es gibt weitaus kompliziertere Felder in der Medizin die man beackern kann. Eigentlich gibt es nur drei Medikamente (Morphin, Cortison und Benzodiazepine) und die größte Herausforderung liegt in der Abrechnung mit den zahlungsunwilligen Krankenkassen – aber es ist so sinnvoll!
Hier erlebe ich Patienten die für jede Zuwendung in Form von Worten, Zeit oder luftnotnehmenden Medikamenten unglaublich dankbar sind. Hier geht es nicht ums heilen, aber trotzdem um Medizin. Es geht um das feine Gespür für den Moment, um das Wissen wann ein Wort zuviel ist und wann Gespräche gut tun. Es geht viel um Zeit und wenig um medizinische Fakten.
Es geht um Dankbarkeit und sinnvolle Arbeit. Um das gute Gefühl am Ende eines langen Tages, um ein zufriedenenes Lächeln beim Einschlafen nach einem unruhigen Nachtdienst.
Ich komme ins Nachdenken.

Verwundert. Nachdenklich. Enttäuscht.

Bildschirmfoto 2014-10-02 um 21.19.38Wir erleben großartige Momente als Ärzte. Vorgestern haben wir ein 1400g-Baby erfolgreich reanimiert, machen sehr gute Arbeit im Schockraum und können bei vielen traurigen Geschichten auch immer wieder Verläufe erleben die glücklich und zufrieden machen. Wir können auf viele Strukturen und technische Möglichkeiten stolz sein und dürfen uns daran freuen, dass bei uns in Deutschland so viele Dinge so gut funktionieren.
Es gibt die Teamplayer, die Enthusiasten, Powerärztinnen die sich ungeachtet jeder Überstunde in die Therapie einer Krankheit einarbeiten, Könner die auch noch menschlich nett sind. Aber es gibt auch immer wieder so viele Enttäuschungen bei denen man sich fragt: wird das schlimmer? Muss das sein? Wie kann man das ändern?

Muss man einen Patienten der um 8 Uhr mit dem Notarzt nach Sturz bei der Gartenarbeit mit Rippenserienfraktur und im Rö-Thorax um 8:30 Uhr diagnostiziertem Pneumothorax bis 14 Uhr liegen lassen um dann beim mittlerweile völlig entkräfteten Patienten endlich die Thoraxdrainage zu legen?

Ist es vertretbar eine einzige Nachtschwester alleine zwei Stationen versorgen zu lassen?

Notarzt: Apo… was?
Rettungsassistent: Apoplex!
Notarzt: ?
Rettungsassistent: Schlaganfall.
Notarzt: Ah! SchlagSanfall! Ja.

Warum lässt man eine patente, resolute und selbständige aber eben 87-jährige Patientin die zur elektiven Knie-TEP-Implantation kommt, sieben Stunden ohne Essen und Trinken in der Ambulanz sitzen, bis sie aufgenommen wird?

Ich sortiere das im Moment für mich.
Am Kopf kratzend,

der Narkosearzt

Wusstet ihr schon, dass…

Notarzt Parkplatz… man als Notarzt etwa 30€ pro Stunde verdient? Das ist eine Art Flatrate. Egal wie viele Einsätze – Du bekommst 30€. Brutto.
Davon gehen dann noch die Steuern ab, sowie Kosten für die nicht unerhebliche Haftpflichtversicherung (die immer seltener vom Reiseveranstalter Träger des  Rettungsdienstes gestellt wird) und so Kleinigkeiten wie Bekleidung, Reinigung, Buchhaltungskosten etc.
Dies kann man hinterher zwar wieder von den Steuern absetzen, im Schnitte bleiben aber so etwa 15€ pro Stunde auf dem Konto.
Ist das OK? Ist unserer Gesellschaft diese Leistung nur so wenig wert?
Oder ist das Notarztsystem sowieso ein Produkt überflüssiger Luxusmedizin und ist es nicht vielleicht längst überholt dass der Arzt zum Patienten kommt? Die paar Minuten kann er doch auch schnell in die Klinik gefahren werden, oder?
Und außerdem sind da teilweise ja auch echt nur so Hilfsärzte unterwegs für die noch 5€ die Stunde zu viel wären, was die können, kann ich Notfallsani / Rettungsassistent / Ersthelfer doch schon lange alleine…

Nur mal so zum nachdenken:

– wir fahren unter Einsatz unseres eigenen Lebens mit einem bis zu 25-fach erhöhtem Unfallrisiko (nachts und mit Sondersignal) zum Patienten
– wir suchen den Patienten unter Tage, in verschwefelten Recyclingwerken, auf der Autobahn oder im Gleisbett liegend auf
– Eigensicherung hin, kluge Ratschläge her – es verbleibt fast immer ein erhebliches Restrisiko für die Retter
– wir machen eine körperliche Untersuchung, erstellen eine oft umfangreiche Anamnese bei einem uns bisher komplett fremden Patienten, beklopfen, behören, riechen, fühlen, schmecken und kombinieren all diese Eindrücke zu einer Verdachtsdiagnose
– wir setzen dafür das Know-how ein, was wir in 6 Jahren Studium, mindestens zweijähriger klinischer Tätigkeit (plus praktisches Jahr!), Seminaren, Workshops, Fortbildungen und endlosen Stunden über Büchern gesammelt haben
– wir legen bei schlechten Lichtverhältnissen, bei Patienten mit „Rollvenen“ und Cortisonhaut, unter laufender Reanimation und gerne auch mal hinter der Couch einen Venenzugang
– wir geben hochwirksame Medikamente deren einfache Unterdosierung oder Überdosierung gravierende Konsequenzen haben kann
– wir übernehmen juristische Verantwortung für die Konsequenzen möglicher Fehlbehandlungen
– wir fahren immer raus – nachts um 3 wenn alle schlafen, morgens um halb 7 wenn andere sich nochmal rumdrehen und abends um 23:30 Uhr wenn die letzten Lichter ausgehen
– wir sind dabei stets meistens freundlich, verständnisvoll und hilfsbereit egal wie sinnlos der Einsatz uns erscheint
– wir verbringen all diese Stunden im NEF und verpassen dabei Grillpartys, Geburtstagsfeiern, gemütliche Weihnachtsessen, Weltmeisterschaften und Konzerte
– wir reanimieren, intubieren, infundieren, injizieren, thorakotomieren und narkotisieren
– wir vermitteln, beraten, moderieren, besänftigen, deeskalieren und entscheiden

Für 30€ pro Stunde. Bodengebunden (NEF, NAW und ITW) genauso wie luftgebunden im RTH.
Für mich ist das absolut OK, auch wenn es sich vielleicht anders liest – ich jammer nicht herum. Ich übe den Beruf des Notarztes sehr gerne aus und tue das tatsächlich aus Berufung.
Ich komme an Orte an die ein Normalbürger nie hinkommt, ich sehe tägliche lustige, traurige und interessante Dinge. Vieles davon ist auch furchtbar belanglos, vieles davon ist sehr wertvoll für mich weil ich Dinge tun erlebe die den meisten Menschen ein Leben lang vorenthalten bleiben werden.
Es ist ein unfassbares Privileg diesen Beruf ausüben zu dürfen und ich mache das nicht wegen des Geldes.
Würde ich den Fokus aufs Geld legen ist es wesentlich lukrativer als Honorararzt im Bereitschaftsdienst IM Krankenhaus zu arbeiten. Dafür bekommt man (im Honorardienst als Facharzt, nicht als festangestellter Arzt) etwa 60-80€ pro Stunde und dafür ist es warm, trocken und relativ ungefährlich.

§7 der Notfallmedizin: Du kannst nicht keine Entscheidung treffen.

Herr Büllendal hat 72 Jahre seine Lebens erfüllt und glücklich hinter sich gebracht. Es genügte ihm. Den Begriff Makuladegeneration konnte er nicht aussprechen, was er in der Praxis für ihn bedeutete merkte er dafür von Jahr zu Jahr umso mehr.
Nichts zu sehen heißt Abschied von den Dingen nehmen, nichts zu hören heißt Abschied von den Menschen nehmen.
Herr Büllendal hatte erst seine Frau um viele Jahre überlebt, zu den Kindern gab es schon lange keinen Kontakt mehr. Das 13-stöckige Hochhaus bot die Anonymität einer Großstadt, die ihm noch verbliebenen vertrauten Nachbarn hatten sich in den letzten Jahren in Altenheime verabschiedet oder zur ewigen Ruhe gelegt.
Die Welt um Herrn Büllendal wurde kleiner, enger, leiser. Trauriger.
Am frühen Vormittag eines gewöhnlichen Großstadt-Donnerstags ging Herr Büllendal ans Fenster seiner im 5. Stock liegenden Eigentumswohnung.
Und sprang.

Herr Büllendal ist nicht tot. Er überlebt den Sturz schwerstverletzt.
Initial kritisches A, kritisches B, kritisches C, kritisches D.
Offenes Schädel-Hirn-Traum, einseitig instabiler Thorax, multiple Extremitätenverletzungen, instabile Beckenfraktur. Thoraxdrainagenanlage beidseits und Intubation erfolgten durch den Notarzt vor Ort. Parallel wurde ein RTH alarmiert der den Pat. übernahm und in unserem Schockraum übergab – unter Reanimationsbedingungen.
Innerklinisch wurde der Pat. durch ein insgesamt 12-köpfiges Team aus Anästhesie, Unfall- und Neurochirurgie und Radiologie behandelt reanimiert. Rhythmus bei Aufnahme: Asystolie. Laufende Reanimation seit 15 Minuten.
Zwanzig Minuten nach Ankunft im Schockraum immer noch Asystolie. Weite, lichtstarre Pupillen. Und innerlich der leise Wunsch Herr Büllendal möge es doch bitte geschafft haben. Nach zähen 30 Minuten, ZVK, Arterie, Sono, Massivtransfusion und viel notfallmedizinischem Gedöhns kommt vom Teamleader die Rückfrage an das Team ob noch jemand eine Idee zur Rettung des Patienten habe.
Wir entschließen uns im Konsens zum Abbruch bei insgesamt infauster Gesamtkonstellation.
Angefangen und fortgesetzt haben wir das ganze übrigens nur weil er nach dem Sprung in der Hecke gelandet ist und bei Ankunft des Rettungsdienstes noch Kreislauf gehabt habe.

Freier Fall aus 15m Höhe. Von dem möglicherweise suizidalen Hintergrund erfahren wir erst nach erneuter Rückfrage beim einliefernden Notarzt. Die Polizei habe in der Wohnung des Patienten einen Abschiedsbrief gefunden. Man sei sich aber zunächst nicht sicher gewesen ob er nicht vielleicht doch nur ausgerutscht sein könnte, daher habe man behandelt. Man weiß ja nie.

Manchmal macht Notfallmedizin keinen Spaß. Manchmal tröstet noch nicht mal der Gedanke „es versucht zu haben“. Manchmal fragt man sich aber auch was wir da eigentlich machen. Oder gemacht haben.
Verhältnismäßigkeit. Ressourcenplanung und so.
Es bleibt kompliziert.

Notfall? Sanitäter!

Der Krangewahrefahrer (großartiger Name im übrigen, oder?) hat in seinem Blog einen Kommentar zum kommenden „Notfallsanitäters“ geschrieben.
Die von ihm geschilderten Gedanken auch zu den Stellungnahmen meines Berufsverbands, bzw. der „Ärzteverbände“ entsprechen durchaus in großen Teilen dem, was ich in letzter Zeit im Pausenraum höre, wenn es um dieses Thema geht.

Wer noch so gar kein Bild dazu hat, möge mal bitte diese wie ich finde sehr übersichtliche Zusammenfassung zu dem komplexen Thema lesen:
http://news.doccheck.com/de/6184/notfallsanitatergesetz-irrungen-und-wirrungen/

Im folgenden möchte ich mal meine höchst subjektive Meinung darstellen. Diese Meinung entspricht nicht meinem Berufsverband und sicher auch nur einem Teil der aktiven Notärzte.

Ich habe in meiner Ausbildung die Erfahrung gemacht, dass eine gesunde Balance zwischen der Komplexität der übertragenen Aufgaben und dem eigenen Ausbildungsstand die größte Motivation schafft, sich stetig weiterzubilden und die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.
Im Klartext: wenn mir Aufgaben übertragen werden, bin ich bestrebt dazu diese nach bester Zufriedenheit aller Beteiligten zu erledigen. Für den Patienten (der mir vertraut), für meinen Vorgesetzten (der mir das zutraut) und nicht zuletzt auch für mich selbst.

Ich habe umgekehrt die Erfahrung gemacht, dass wenn man einzelnen Personengruppen – z.B. aus Kompetenzgerangel – Aufgabenbereiche wegnimmt, die Stimmung schnell dahin kippen kann dass nur noch Dienst nach Vorschrift gemacht wird.
Ich habe während des Studiums mal auf einer Station gearbeitet, auf der die Blutentnahmen von den Pflegekräften durchgeführt wurden. Hat dem Arzt Arbeit gespart, den Krankenschwestern Spaß gemacht und alle waren glücklich. Bis ein einzelner Patient sich bei der Pflegedienstleistung beschwerte (er hätte da SOOOO einen großen blauen Fleck, das wäre ja noch nie bei einem Arzt passiert blablaschwachsinnbla) und daraufhin die längste Zeit von der Pflege Blut abgenommen wurde. Mehr Arbeit für den Arzt, weniger Zeit für andere Aufgaben, erhöhte Frustration bei den Krankenpflegenden. Das geschah dann so oder ähnlich noch bei einigen anderen Dingen und am Ende waren alle frustriert. Eine ähnliche Entwicklung sehe ich im Rettungsdienst.

Wir haben eine Bevölkerung die immer älter wird,  die Einsatzzahlen im Rettungsdienst steigen von Jahr zu Jahr und es gibt immer mehr zu tun. Auf der anderen Seite gibt es jetzt schon viel zu wenig Ärzte, ganz zu schweigen von den Notärzten und wir können dankbar sein für jeden der diesen Job freiwillig und zusätzlich zur normalen Krankenhausarbeit gegen eine meist verhältnismäßig geringe Bezahlung ableistet.

Wir können noch viel dankbarer sein für all die Mitarbeiter des Rettungsdienstes die oft für die allgemeine Bevölkerung unsichtbar Menschen aus ihrer Wohnung ins Krankenhaus transportieren. Mitarbeiter des Rettungsdienstes bringen den eingekoteten Messi ins Krankenhaus. Sie fahren die 180kg-Patientin zur Dialyse. Sie fahren tagsüber mit massiv erhöhtem Unfallrisiko unter Inkaufnahme eines Schadens für ihre eigene Gesundheit durch den Berufsverkehr. Und das in familienunfreundlichen Wechselschichten bei einer sehr überschaubaren Bezahlung.

Ich habe die Mitarbeiter des Rettungsdienstes als sehr verantwortungsbewusste, hauptberufliche Helfer kennengelernt, die den Sinn ihrer Arbeit eben darin sehen, Menschen ihre Angst, Schmerzen und medizinischen Akutprobleme zu nehmen. Es ist eine Schande, wenn wir diesen exzellent ausgebildeten Rettern die Kompetenz absprechen, lösbare Probleme zu behandeln.
Wir reden hier nicht von medizinischen Laien sondern von exzellent ausgebildeten Profis der Notfallmedizin, die – dann in einer dreijährigen Ausbildung – für alle Eventualitäten medizinischer Notfälle ausgebildet werden. Diese Mitarbeiter zu reinem Assistenzpersonal zu degradieren ist eine Frechheit.
Wann immer ich als Notarzt Aufgaben an Rettungsassistenten delegiere, werden diese mit höchster Aufmerksamkeit und Präzision erledigt. Manchmal ernte ich ungläubige Blicke, wenn ich den RA bitte z.B. den Zugang zu legen. Ein Teamleader sollte aus meiner Sicht auch in der Lage sein Aufgaben abgeben zu können.

Die Delegation von Aufgaben fängt nicht im Wohnzimmer des Patienten als Notarzt im Rettungsdienst an sondern bereits in der politischen Grundsteinlegung. Der Gesetzgeber ist gefordert den Mitarbeitern des Rettungsdienstes den Rücken zu stärken und eine Grundlage zu schaffen, den Patienten vor Ort mit der bereits vorhandenen medizinischen Kompetenz und dringend benötigten juristischen Sicherheit helfen zu können.

Und dann wird es an den Notfallsanitätern liegen, diese neu übertragene Verantwortung gewissenhaft auszufüllen. Eine schwierige Aufgabe, insbesondere da die Erwartungshaltung hoch liegt und gerade die aktuellen, sehr kritischen Stellungnahmen z.B. ärztlicher Berufsverbände darauf schließen lassen, dass man dort auf Zwischenfälle lauern wird.

Ich freue mich darauf mit motivierten Notfallsanitätern diese Aufgabe anzugehen.
Ihr schafft das! Meinen Segen habt ihr 😉