Von Eis und Schnee und Kühlung und Reanimation

Tina hat ein Baby bekommen. Das Kind heißt Emma.
Aus Gründen ist es aber eins der hot topics in der Wissenschaft und erregt die Gemüter. Die einen feiern den Fortschritt der Wissenschaft und die anderen – naja, sie mahnen und üben sich im Krückstockfuchteln und es ist also alles wie immer.
Was ist passiert?
Emma und Tina hätten beste Freunde sein können. Sie hätten sich auf der Krabbeldecke als quasi gleichaltrige Babies anfreunden können, sind jetzt aber Mutter und Tochter. Die Eizelle von Emma wurde über 24 Jahre kryokonserviert, Tina selbst ist gerade mal 25 Jahre alt und hat Emma jetzt ausgetragen. Die ganze Story (mit Foto von Emma und Tina und Benjamin) findet sich hier.
Man kommt nicht umhin über solche Nachrichten zu staunen und – der Mensch ist so – da kommt er nicht raus, er bewertet, er wägt ab und urteilt. Dabei ist es kompliziert. Mal wieder.

Mir geht es aber hier gar nicht um eine ethisch moralische Bewertung. Rein wissenschaftlich betrachtet denke ich mir für meinen Teil ein leises – hui.
Ich meine – 24 Jahre! Vor 24 Jahren wurden die fünfstelligen Postleitzahlen eingeführt und es wurden schlimme Dinge mit Text und Tönen gemacht, die Älteren unter uns erinnern sich noch.
Also mal frei von Ethik, Moral, Anstand und „Darf-er-das?“ – ist das nicht sensationell? So banal ist eine Kryokonservierung nämlich nicht zu machen, der ganze Prozess ist hochkomplex.

Es gibt viele (noch) ungelöste medizinische Probleme. Zum Beispiel können wir für Menschen mit einem Herzstillstand ganz viel tun und sie retten – wenn wir schnell genug sind.
Gerade beim Herzstillstand rennt aber die Zeit rasend schnell weg. In den ersten Minuten setzt bereits ein Zelltod im Gehirn ein, bereits nach wenigen Minuten ist ein irreparabler Hirnschaden entstanden. Wenn also zum Beispiel jemand im Büro einen Herzinfarkt erleidet kann das Herz in einen Herzrhythmus verfallen der so ungleichmäßig wird, dass es schließlich stehen bleibt.
Meistens wird dann der Notruf (112…) abgesetzt und – dann passiert nichts. Manchmal werden die Rettungskräfte eingewiesen, gelegentlich wird der Tote (!) in die stabile Seitenlage gelegt.
Viel zu selten wird die einzig richtige und zwingend notwendige Hilfe in Form einer Herzdruckmassage durchgeführt.
Wird das Gehirn nicht mehr mit frischem Blut und Sauerstoff versorgt können die Zellen keine Energie mehr produzieren, sie stellen die Arbeit ein, der Mensch wird innerhalb von Sekunden bewusstlos. Mindestens ein genauso großes Problem wie die fehlende Zufuhr von frischen Nährstoffen ist der fehlende Abtransport anfallender Stoffwechselendprodukte. Jede Zelle (meines Körpes… 😉 ist darauf angewiesen, dass die anfallenden Stoffwechselendprodukte – also das was am Ende der Hormonproduktion, der Energiesynthese und anderer Zellaufgaben übrig bleibt –  abtransportiert und fachgerecht entsorgt wird.
Werden diese Produkte nicht entsorgt steigt ihre Konzentration innerhalb der Zelle und kann einen Zelltod induzieren. Vereinfacht gesagt erkennt die Zelle – hier stimmt was nicht. Sie kann dann selbständig entscheiden sich lieber selbst zu töten bevor sie noch die anderen in Probleme bringt. Was die Zelle nicht weiß ist, dass die Nachbarzelle gerade das selbe Problem hat und die selbe Lösungsstrategie gewählt hat. Genauso wie tausende und ggf. Millionen andere Zellen. Das ist ein riesiges Problem denn der eingeleitete Zelltod bedeutet letztlich eine Öffnung der Zellporen und ein Aufquellen bis zum Zerplatzen der Zelle. Was bei einer einzelnen Zelle eine pfiffige Lösung zur Entsorgung ist, stellt bei einer gleichzeitig einsetzenden Zelltod von Millionen von Zellen ein großes Problem dar. Es kommt zum Hirnödem und zum Tod weiterer – bisher gesunder – Zellen die regelrecht zerquetscht werden.

Wie schön wäre es also, wenn man diesen Prozess aufhalten oder zumindest bremsen könnte?
Und genau das hat man versucht. Seit Jahrzehnten laufen dazu Versuche, eine der größten hat im Rahmen einer Auswertung der INTCAR (international cardiac arrest registry) Datenbank 2012 gezeigt, dass die verzögerte Einleitung einer milden Kühlung des Patienten das neurologische Ergebnis (kann selber essen, selber trinken, sich selbst pflegen…) dramatisch verschlechtert. Je langsamer die Kühlung eingeleitet wird, desto schlechter sind die Chancen wieder ein selbständiges Leben führen zu können.
Also kühlen wir Menschen nach einer Reanimation mit Kühlpacks, manche nehmen kühle Infusionen und manchmal müssen auch Tiefkühlpommes tun.
Konsequenter wäre es Patienten zu kanülieren (also mit großen Gefäßzugängen zu versorgen) und das warme Blut rasch durch eine kühle Spülflüssigkeit zu ersetzen. Zukunftsmusik? Irgendwie ja, aber was wäre die Medizin ohne die Pioniertaten unerschrockener Mediziner. Mit dashamwaimmerschonsogemacht würden wir heute noch Schröpfen.

Es gibt erste vielversprechende Ergebnisse aber noch ist das alles sehr experimentell. Bereits 2005 wurde populärwissenschaftlich über die Pioniertaten berichtet. Im Grunde genommen geht es um nichts weniger als den Körper für einen bestimmten Zeitraum auf Standby zu stellen und wieder zu aktivieren.
So beeindruckend die ersten Versuche anliefen, so frustrierend klein sind die Fortschritte, aber es gibt sie.

Ich glaube dass die Kühlung das nächste große medizinische Thema wird. Offensichtlich haben wir die richtigen Mechanismen dazu noch nicht komplett verstanden, aber wir sind auf dem Weg.
Wenn ihr also das nächste Mal die letzte Packung Pommes aus der Tiefkühltruhe holt überlegt es Euch gut – ihr könntet damit nicht nur Leben sondern Hirnmasse retten!

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#metoo

Die Antwort lautet – nein.
Nein, weil ich mich nicht erinnern kann jemals sexuell belästigt worden zu sein. Nein auch weil ich mich nicht erinnern kann jemals eine Frau sexuell belästigt zu haben oder sexistische Dinge gesagt zu haben.
Thematisch wäre der Blogeintrag damit an dieser Stelle eigentlich auch schon wieder beendet. Warum muss sich überhaupt ein Anästhesist zu dieser Sexismusdebatte äußern?
Erstens ist es fast das „Wort des Jahres“ geworden und es ist die wahrscheinlich größte Bewegung 2017 gewesen. Zweitens ist es eins der vielen Themen über die wir während unspannender Operationen gesprochen haben. Drittens ist es Teil meiner Vorsätze für das neue Jahr und viertens schreibe ich darüber weil es ganz einfach wichtig ist und weil zu meinem Nein auch ein Ja gehört.
Ja, auch ich habe zum Teil sehr fiese Erfahrungen im beruflichen Alltag mit (Alltags-)Sexismus gemacht. Ich sage es mal ganz ehrlich – ich schäme mich für so manchen der sich mit mir in der Herrenumkleide umzieht.
Es ist eine Schande wie schamlos manche Männer über Frauen im allgemeinen, Kolleginnen und (Ex-)Partnerinnen herziehen, wenn sie das Gefühl haben man sei „unter sich“.
Gerade in der Chirurgie wird Sexismus sehr offen praktiziert, gerne auch von Angesicht zu Angesicht, in aller Öffentlichkeit, vor Zeugen, auf Station und im OP. Gefühlt – und in meiner kleinen persönlichen Welt – ist es in der Orthopädie und Urologie am derbsten, bei den Allgemeinchirurgen ist es tagesformabhängig, bei den Gynäkologen selten und bei unseren  Kinderchirurgen zum Beispiel habe ich Sexismus noch nie erlebt. Besonders krass wird es meistens wenn zwei Männer operieren und ein Mann pflegerisch assistiert, da werden sprachlich die Hosen gerne mal komplett heruntergelassen.
Wenn dann doch mal jemand kommt und ein solches Verhalten rügt wird erstaunlich oft von den weiblichen und auch meist etwas älteren OP-Pflegekräften der eine oder andere Spruch  bagatellisiert. Man spricht dann von Altherren-Garde. Der sei halt so, der war schon immer so.
Das macht es nicht besser.
Und diese Männer sind weder Herren noch Mitglieder eines Ehrenwachdienst („Garde“) sondern wenn überhaupt allerhöchstens alt.

Viele meiner Gedanken dazu und warum ich nicht länger bereit bin dies zu akzeptieren stehen hier. Den Ausführungen dazu und den empfohlenen Links und Podcasts kann ich mich gut anschließen.

Eine Kollegin von mir ist als Chirurgin taktisch in ihren Entscheidungen brilliant. Sie ist technisch geschickt, hat eine sehr ruhige Hand und Schnittführung. Sie ist intelligent und wortgewandt, dabei eher leise und angenehm zurückhaltend. Sie hat viel Hintergrundwissen vor allem zur Intensivmedizin und geht damit nicht hausieren sondern stellt dieses Wissen in den Dienst ihrer Patienten. Und – sie sieht gut aus. Und eben diese Kollegin hat vor drei Monaten unser Haus verlassen und was sagt mein Kollege als Sie sich verabschiedet? Unter uns und im Spind?
Ich vermisse den Anblick ihres Dekolletés… (im Original etwas vulgärer, aber das kann sich jeder selbst denken).
Mich ekelt das an. Mir tut das leid für diese Kollegin, ich schätze sie und ihre Arbeit und tatsächlich vermisse ich ihre Unterstützung. Es war eine Wohltat mit ihr zu arbeiten, sie hat verletzte Kinder empathisch und konsequent behandelt und hat deliranten Omas in die Spur geholfen. Diese Ärztin war nah dran an perfekt und alles was ihm dazu einfällt ist so ein bräsiger Spruch.
Fragt mal Eure Schwester oder eine Frau Eures Vertrauens ob und wie oft sie schon mit Blicken ausgezogen wurde. Ich kenne Frauen die sich nach einer unsittlichen Berührung eines ekeligen Mannes zwei Stunden lang geduscht haben um das Gefühl wieder los zu werden. Eines Mannes in einer hochrangigen Position, in diesem Fall der Oberarzt eines Instituts der Uniklinik.
Er war der Meinung er dürfe das in seiner Position, was soll schon so eine kleine Studentin ausrichten können.
Zu viele alte Säcke Männer fühlen sich in ihrer Position sicher genug um hinter vorgehaltener Hand oder auch ganz offen Sexismus zu leben. Sie verletzen, demütigen und erniedrigen, sie versuchen den Selbstwert anderer Menschen, ihre Würde und den Stolz in beschämender Art und Weise anzugreifen.
Ich wünsche allen Chirurginnen, Schwestern, Pflegerinnen, Notärztinnen, Internistinnen, Raumpflegerinnen, Bürokräften und Mitarbeiterinnen im Krankenhaus und anderswo – seid stark. Benennt Zeugen, sprecht diese konkret an, schreibt ein Gedächtnisprotokoll.
Wie das genau geht und was man dann als nächstes machen kann steht hier.

Und was können wir Männer tun?
Den Mund aufmachen, Männer ansprechen. Falls man selber Sexismus erlebt ist es auch durchaus legitim sich proaktiv als Zeuge anzubieten.
Eine Kollegin von mir wurde im Rahmen der Visite sehr unsittlich berührt, einen blöden Spruch gab es gratis dazu. Ich habe mich als Zeuge angeboten, letztlich hatte Sie nicht den Mut das anzuzeigen.

In Beverly Hills hatte eine Krankenschwester den Mut einen Vorfall anzuzeigen in dem sie von einem Chirurgen attackiert wird. Ich will jetzt nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, es geht hier nicht um sexuelle Belästigung sondern um die Ausübung von Gewalt eines vermeintlich Starken gegenüber Schwächeren. So gesehen gibt es Parallelen, denn auch Sexismus setzt immer ein hierarchisches Gefälle voraus oder wird sogar eingesetzt um ein solches zu manifestieren.
Der Fall ist deswegen so brisant weil es eine Videoaufzeichnung des Vorfalls gibt. Erschreckend ist, wie gleichgültig die Mitarbeiter vorbeigehen, die den Vorfall mitbekommen haben müssen.
Konsequenz des Vorfalls in dem die Krankenschwester (austauschbar) von dem Starchirurgen der Augenklinik (ein sgn. „celebrity physician“ der im wesentlichen für die Erlöse des Krankenhauses verantwortlich ist) attackiert wurde – die Krankenschwester ist letztlich gegangen (worden).
In diesem Fall reden wir von einem Vorgang der – zumindest in Teilen – auf Video aufgezeichnet ist. Und natürlich ist es kompliziert und vielleicht war es alles ganz anders aber hey – ich glaube wir alle wissen wie es gelaufen ist. Und wenn auch nicht in diesem einen konkreten Fall, dann aber doch in ganz vielen Fällen die jeder von uns so oder ähnlich schon erlebt hat.

Meistens gibt es ja nur Aussage gegen Aussage und das ist schon kompliziert genug. Es gibt natürlich auch Fälle wie den von Horst Arnold der wegen einer Vergewaltigung zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde die er nachweislich nie begangen hat.
Darum geht es mir hier aber nicht. Es geht mir um Sexismus im Alltag, um die sogenannten Kavaliersdelikte. Um Altherrenwitze auf Kosten meist junger Mitarbeiterinnen.
Um billige Anmachsprüche die hinten herum noch ganz entrüstet als war doch nur ein Kompliment getarnt werden.

Also Männer – macht den Mund auf. Im OP, im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr, auf Station im Krankenhaus, in der Personalabteilung, im Eiscafé, bei der Müllabfuhr und im Drogeriemarkt. Es liegt an Euch zu zeigen, dass nicht alle Männer so sind.

Disclaimer light:
Das Thema ist kompliziert und bietet Potenzial zur Hysterie, das ist mir wohl bewusst. Eine gute und unaufgeregte Annäherung bietet wie ich finde die ARD mit diesem Themenkomplex unter
http://www.ardmediathek.de/tv/Sexismus-im-Alltag/Thema?documentId=47428042
Es ist wie immer meine persönliche Meinung und repräsentiert nicht mein Krankenhaus oder meinen Berufsstand.

Mein Beileid.

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/viersen/lkw-unfall-auf-a61-bei-viersen-abschied-von-getoeteter-polizistin-aid-1.7291467

Ich möchte den Kollegen und Kolleginnen sowie vor allem den Hinterbliebenen der getöteten Polizistin mein Beileid aussprechen.
Denen die noch mit ihren Verletzungen kämpfen wünsche ich baldige Genesung und die besten Ärzte und Pflegekräfte.
Den Kollegen und Kolleginnen die Angst und Sorge um ihre Freunde, Partner und Mitarbeiter haben wünsche ich viel Kraft und guten Mut und dass die Menschen um sie herum sie stützen und stärken können.

Als Notarzt im Rettungsdienst kann ich nur nochmal betonen wie froh und dankbar ich bin, dass es Euch gibt. Ihr kommt zur Hilfe wenn es brennt, ihr rast mit lebensgefährlicher Geschwindigkeit genau da hin wo Menschenleben bedroht werden. Ihr fürchtet keinen Attentäter und stellt Euch schützend vor die Schwächeren. Zu allem Übel müsst ihr Euch für Euren ehrenwerten Dienst entwürdigende Beleidigungen anhören.
Beleidigungen von Menschen die an sich selbst oder am Leben gescheitert sind. Menschen die ihr auch beschützt, auch wenn ihr sie nicht mögt.
Ich habe Polizisten bei deeskalierenden Maßnahmen erlebt was mich tief beeindruckt hat. An einem Moment an dem ich schon längst ausgerastet wäre, bleibt ihr ruhig und sachlich, versucht die Situation zu entspannen.
Ihr seid an Heiligabend und Silvester und an Omas Geburtstag im Dienst und verpasst im besten Fall nur Omas legendäre Buletten. Eure Partner brauchen Verständnis für einen Beruf der viel von der Familie fordert.
Ihr müsst Dinge sehen die sich in die Seele brennen, die verarbeitet werden müssen und die vielleicht langfristig dazu führen dass ihr krank oder sogar berufsunfähig werdet.
Da finden sich viele Parallelen zum Rettungsdienst, trotzdem halte ich unseren Beruf im Vergleich zu Eurem Beruf für sehr viel ungefährlicher.
Bei uns steht an erster Stelle die Eigensicherung. Vor dem ABCDE kommen die 5-Sekunden-Rundumblick ob die eigene Sicherheit gegeben ist. Falls nicht holen wir Euch.

So wie der Autofahrer der den LKW bemerkte der in Schlangenlinien fuhr. Ihr wolltet schlimmeres verhindern, habt durch Euer Eingreifen vielleicht verhindert, dass der 40-Tonner 15km weiter einen Opel Corsa mit Kleinfamilie zermalmt.
Was dann passierte ist im Einsatz zumindest jederzeit möglich. Ihr seid Euch der Gefahr bewusst und nehmt die Herausforderung trotzdem an. Weil ihr Euch dem Beruf und dem Dienst an der Gesellschaft verpflichtet fühlt.
Deshalb an dieser Stelle und weil ich jedes Mal innerlich erleichtert aufatme wenn ich Euer Auto an einer Einsatzstelle sehe –

Danke.

All I want for Christmas… der Narkosedoc wünscht sich was:

Der Narkosedoc hat einen Wunsch zu Weihnachten.

Ich wünsche mir, dass jeder User im Internet bevor (!) er seinen Senf von sich gibt mal überlegt ob er das guten Gewissens so auch seiner Mutter vorlesen könnte. Oder um Mutti mal außen vor zu lassen – ich würde mich freuen wenn ein jeder mal vor dem Absenden überlegt ob dieser Kommentar die Welt ein Stück besser oder schlechter macht. Dieses ewige Genörgel und Schlechtmachen. Ganz zu schweigen von der einfach stumpf rassistischen und völkisch angehauchten Dummlaberei im Schutz der vermeintlichen Anonymität.

Ja, Kommentare werden gelesen. Nicht selten sogar von den Menschen an die sie gerichtet sind. Und ja, Kommentare können verletzten und krank machen. Ich habe vor ein paar Monaten tagelang über einige Kommentare gegrübelt und war drauf und dran dem einen oder anderen ein wutentbranntes JETZTPASSMALAUFDU**** über die Tastatur entgegen zu schleudern.

Warum ich es nicht gemacht habe? Weil ich den Hass so Leid bin. Den Hass gegen Ausländer, gegen Besserverdiener, gegen den Nachbarn der wieder falsch geparkt hat, den Hass gegen dies und jenes und alles. Ich habe das Gefühl, dass es da draußen eine viel zu große Menge Menschen von ihrem Leben, Job oder wasauchimmer frustriert sind und sich dann erstmal ans Internet setzen um all ihre Unzufriedenheit und den Ärger über die eigene verpfuschte Existenz aus sich heraus zu lassen. Wenn ich schon im echten Leben nichts zu melden habe, dann wenigstens in diesem Internet. Da kann man sich einen Dr.-Titel geben und dann mal richtig vom Leder ziehen. Blöd nur wenn die ganzen Rechtschreibfehler dann erahnen lassen, dass sowohl der Titel als auch der vorgegebene Beruf („Ich als Notarzt…“) erstunken, erlogen und im echten Leben unerreichbar sind.

So mancher Kommentar hat mich so geärgert, dass ich ihn einfach nicht so stehen lassen konnte! Andererseits – don’t feed the trolls.

Es wäre zu aufwändig einem kleinen unbedeutenden Internettroll klar zu machen warum ich in einer bestimmten Situation so und nicht anders entschieden habe. Die meisten verstehen ja noch nicht mal warum wir bei einem Notfall nicht rennen – wie soll man ihnen dann komplexe, medizinische Sachverhalte erklären?

Und wenn der kleine Troll eine Meinung hat, dann hat er die. Da helfen ja alle Argumente nichts. Totschlagargument bleibt die böse Pharmalobby, die hat uns Ärzte ja sowieso alle gekauft. Is klar.

Natürlich polemisieren manche Gedanken die ich hier schreibe. Ich freue mich auch wenn darüber diskutiert und miteinander (!) geredet wird. Viele Kommentare habe ich als bereichernd empfunden und schätze die differenzierte Meinung mancher die hier kommentieren – und andere Trolle korrigieren. Danke dafür!

An alle Trolle: egal wie dumm, falsch oder borniert Dir ein solcher Artikel oder Gedanke von mir erscheint – denke nach bevor Du auf „senden“ klickst. Wird Dein Kommentar etwas Gutes bewirken oder willst Du nur Dampf ablassen? Dann geh lieber ins Fitti und nicht ins Internet.

Ich wünsche mir, dass weniger Hass gesät und stattdessen einfach häufiger mal gesagt wird, was wir am anderen toll finden oder worüber wir uns freuen. Ich war letztens bei einem großen Burgerbrater und wurde sehr nett und sehr freunlich bedient und der Typ meinte ich solle mich schon mal hinsetzen er bringt mir das Essen – was er auch zwei Minuten später tat. Das war so außergewöhnlich, dass ich hinterher nochmal hingegangen bin und mich bedankt habe für die ungewöhnlich freundliche Bedienung – das Gesicht war unbezahlbar! Der Typ hat laut gelacht, hat sich riesig gefreut und mit seiner Freude seine Kollegen angesteckt.

Es geht auch anders. Hypertensiver Notfall mit RTW + NEF im Altenheim und der Blutdruck ist 165/90?

Da kann man sich ganz schnell und quasi anonym über die bräsige Leitstelle aufregen und mal richtig die Sau rauslassen wieso man denn bei so einer Lapalie so ein Fass aufmachen kann. Tatsächlich wissen wir nämlich nie welcher von den etwa 12 Disponenten in der Leitstelle gerade den Auftrag angenommen und abgearbeitet hat, da lässt es sich anonym und so ganz unter uns im RTW oder NEF viel leichter über die da von der Leitstelle schimpfen.

Tatsächlich wissen wir aber gar nicht was der Anrufer gemeldet hat. Sprach der Anrufer unsere Sprache? Wurden vielleicht noch andere Dinge mitgeteilt die sich vor Ort als falsch herausgestellt haben?

Ich kann nur jedem im Rettungsdienst tätigen Kollegen raten – und hier meine ich insbesondere und explizit die ärztlichen Kollegen! – sich mal einen Tag auf der Leitstelle hinzusetzen und selber mal zu disponieren.

Es ist viel komplizierter als gedacht aus der Ferne eine Diagnose zu stellen und dann auch noch das richtige Rettungsmittel einzusetzen.

Da sitzt ein Mensch, einer mit Seele, mit Herz. Sicher nicht unfehlbar aber eben auch kein Fleischklumpen den man einfach mal nach aktueller Tageslaune aufs übelste beschimpfen darf.

Sting (ja, der Sting von ThePolice) hat auf seinem Konzert in Berlin mal erzählt, dass wir alle irgendjemandes Tochter und irgendjemandes Sohn sind. Das fand ich ein total starkes Bild.

Ja, selbst der bräsige, dickbäuchige Nachbar mit dem Alkoholproblem der immer so nach Schweiß stinkt hat eine Mutter für die ihr Sohn sehr wichtig ist, mit all seinen Problemen.

Kein Mensch ist unwichtig oder egal, kein Mensch ist illegal. Wir alle sind für irgendjemanden wichtig und wertvoll und sollten deshalb nicht hassen sondern den anderen zumindest respektieren. Liebe ist für den Anfang vielleicht ein bißchen zu viel verlangt und ein großes Wort.

Respekt vor dem Leben, dem anderen Menschen, Respekt sollte drin sein.

 

Ich wünsche mir, dass wir gegenseitig einfach mal ein bißchen mehr aufeinander Acht geben. Die Tür aufhalten, dem anderen die Vorfahrt lassen, von den 80 gebackenen Keksen dem Nachbarn mal 5 auf einem Teller vorbei bringen. Kostet nichts extra, macht keinen Aufwand, wären sowieso am Ende übrig geblieben und weggeschmissen worden. So aber entsteht aus einer kleinen Geste vielleicht etwas Großes.

Ich möchte auch nicht in einer Gesellschaft leben in der ein Wort wie Gutmensch als Schimpfwort missbraucht wird. Ich hoffe sehr ein Gutmensch zu sein, ein guter Mensch. Ein hoher Anspruch und ein lebenslanges Ziel.

 

Aus Wut dagegen entsteht Hass, aus Hass entsteht Gewalt, Gewalt schreit nach Rache und Rache ist das primitivste aller Gefühle. Damit kann keiner etwas Gutes anfangen, Wut und Hass zerstören, bauen nichts auf und helfen niemandem weiter. Nicht dem der hasst und nicht dem der gehasst wird.

 

Ich bin der festen Überzeugung, dass wenn ich etwas Gutes in die Welt trage dieses Gute irgendwann zu mir zurückfindet. Ob im Ehrenamt, in der Kirche, im Kleinen oder im Großen.

Sei gut zu der Welt und die Welt wird gut zu Dir sein.

Nenn mich einen hoffnungslosen Optimisten, nenn mich einen Gutmenschen.

Resignation ist keine Option.

 

Ich bedanke mich bei allen von mir sehr geschätzten Leserinnen und Lesern die mir ein 2017 einen netten Kommentar hier gelassen haben. Ich bedanke mich bei allen die mir einen Tipp zukommen lassen haben oder sich für einen Tipp bedankt haben. Ich danke auch und vor allem DocCheck dass sie meinen Blog featuren und mich unterstützen und im besonderen einer besonderen Mitarbeiterin die mit mir immer wieder konstruktive Gespräche führt, meinen Senf vorkostet und mich ermutigt weiterzumachen auch wenn mal Gegenwind kommt. Danke M.!
Allen Klinikern, Notfallmedizinern und Blaulichtberufenen wünsche ich ein frohes Fest mit ruhigen Tagen ohne Dienst, ohne Blaulicht und ohne Stress.
Allen Patienten wünsche ich gute Genesung und falls Sie hier sind weil Sie bald operiert werden und eine Narkose brauchen – die machen das schon! 😉
Ich wünsche allen ein wunderbares Fest mit ganz vielen lieben Menschen um Euch herum. Ich freue mich auf 2018 mit Euch!
Hohoho,

der Narkosedoc

Ultimadol* – neu in der Therapie der Sepsis, senkt die Mortalität um 67%!

Früher in der Schule war das so.
Der coole Stefan hatte neue Schuhe von Reebok. Wir waren allen Ernstes der Meinung dass Nils deswegen und nur deswegen auf dem Schulhof nun quasi unbesiegbar schnell laufen konnte.

Neue Schuhe von Puma? Ging so. Adidas? Bißchen spießig, aber wenigstens ne Marke. Asics, Deichmann und Co. – wurden nicht erwähnt. Aber diese Superpantoffeln von Reebok, wenn man die hätte, dann wäre man quasi unbesiegbar…

Es kam dann wie so oft, nach Stefan hatte Nico, Nils und Karsten auch welche von Reebok.

Und die gleichen Schuhe die gerade noch als Knüller der Woche gehyped wurden waren auf einmal nur noch so Mittelmaß. Es gab jetzt welche mit Luft inne Sohle! Nike. Musst. Du. Haben.

Zumindest so lange bis der nächste Trend kommt. Buffalos, DocMartens, Chucks.

Das Neue ist eben immer nur solange faszinierend und begeisternd bis es irgendwann auch nur noch normal ist. Das Unbekannte muss am besten ein Alleinstellungsmerkmal aufweisen.

Das ist in der Medizin nicht anders.

 

Wenn man mal ein paar Jahre in der Medizin dabei ist erlebt man mit schöner Regelmäßigkeit wie ständig neue Medikamente, Techniken und Prozeduren durchs Dorf getrieben werden.

Es ist dann auf einmal total en vogue zum Beispiel bei einer Sepsis ein bestimmtes Spurenelement zu geben und das wird dann auf allen Kongressen gepredigt, alle singen das Loblied auf den neuen Heilsbringer mit und die Chefs tragen die frohe Kunde von den wichtigen Kongressen dieser Welt in die Grundversorgerkrankenhäuser dieses Landes.

Ab sofort müssen 3000mg davon in den ersten zwei Stunden infundiert sein, danach Erhaltungsdosen, es gibt Charts, Algorithmen und Verfahrensanweisungen.

Ziemlich genau dann wenn der letzte Praktikant es gerafft hat, dass man bei diesem Krankheitsbild jenes Medikament geben soll kommt eine neue Studie heraus die auf anderen Kongressen vorgestellt wird und die ziemlich genau besagt, dass das ja so großartig alles nicht ist. Man wüsste nicht genau ob und eigentlich ist der Effekt auch eher nicht so ausschlaggebend und wenn man das so macht gibt es zwar nach 3 Monaten weniger aber nach 6 Monaten mehr Tote. Oder so ähnlich.

 

Wehe der gottverlassenen Dorfklitsche die diesen Punkt verpasst und wehe den in ihr arbeitenden Laienmedizinern welche sich trauen zu sagen, dass sie jenes Medikament bei diesem Krankheitsbild immer noch (!) geben. Wie sehr kann man denn bitte von vorgestern sein?

Und dann gehen manchmal zehn bis zwanzig Jahre ins Land und dann stellt irgendjemand fest, dass dieses Medikament bei jenem Krankheitsbild damals™ zwar keinen so tollen Nutzen hatte aber jetzt bei einem anderen Krankheitsbild ganz wunderbar funktioniert. Da wurde wohl der Endpunkt für die Studie falsch gewählt.

In der Summe aber dann doch ganz gut, es reichen aber auch 100mg statt 3000mg und es ist auch nicht so wichtig, dass es in den ersten Stunden drin ist, hauptsache man macht es.

Ein Kollege nannte sowas „Schlaghosen der Medizin“. Sind irgendwann in, werden von allen getragen, sind dann out – weil Mainstream – und werden nach zwanzig Jahren ausgekramt und als doch wieder ganz passabel angesehen.

Wirklich revolutionäre Entwicklungen sind in der Medizin doch eher rar geworden. Das ist ja auch eigentlich ganz verständlich und letztlich nur logisch.

Die Zeiten in denen ein Medizinstudent durch Forschung ein Mittel zur Behandlung von Diabetes entdeckt sind seid hundert Jahren vorbei.

Ich glaube es ist der innige Wunsch unseren Patienten noch besser helfen zu wollen der dafür sorgt, dass solche Therapieoptionen, Prozeduren und Medikamente einen zeitweisen Hype erleben.

Nicht akzeptieren zu können, dass ein gewisser Anteil der Patienten an der Erkrankung nun mal verstirbt ist ein ureigener Antrieb von Forschung und Lehre und genau so muss es auch sein.

 

Vielleicht ist die entsprechende Euphorie in diesem Kontext ja auch verständlich. Mit der Zeit habe ich aber doch einen etwas verhalteneren Optimismus was neue Therapieansätze angeht. Ich lass die Sau erstmal ein paar Runden durchs Dorf drehen und wenn ich nachmittags auf einen Kaffee zum Marktplatz gehe und die Sau das Thema ist immer noch ein Thema dann bin ich auch gerne bereit mir das mal genauer anzugucken.

 

*Ultimadol gibt es nicht. Noch nicht. Vielleicht.

Was wollen wir heute feiern?

Heute ist in Amerika der Boss-Day. Da haben die braven Angestellten mal die Chance sich für „den netten und fairen Umgang, den ihnen Vorgesetzte im vergangenen Jahr haben angedeihen lassen“ (Quelle: wikipedia) bedanken zu können. Kein Scherz.
Heute ist auch der Tag des Brotes und der Weltbrottag schließt sich dem gleich mit an.
Vor allem ist aber heute der Welttag der Anäshtesie. Der ist immer am 16. Oktober weil heute vor 171 Jahren nämlich am 16. Oktober 1846 in Boston die erste öffentliche (!) Anästhesie mit Ether durchgeführt wurde. Tatsächlich wurde schon vier Jahre vorher nachweislich eine Anästhesie von Crawford Williamson Long durchgeführt. Warum er darüber nicht direkt 1842 berichtete ist mir völlig unerklärlich. Erst sieben Jahre später schrieb er einen Fachartikel über die schmerzfrei durchgeführte Operation mit dem Titel „An account of the first use of Sulphuric Ether by Inhalation as an Anaesthetic in Surgical Operations“.
Zwischenzeitlich hatten einige andere Zeitgenossen für sich beansprucht die Ersten gewesen zu sein, die eine Ethernarkose durchgeführt hätten. Aufgrund einer gut gehenden landärztlichen Praxis aber auch aus Zweifel darüber ob man das so reproduzieren können (?) habe er seine Beobachtungen nicht veröffentlicht. Alles schön detailliert (in englisch) beschrieben in dem passenderweise mit „Crawford W Long – still an enigma“ überschriebenen Artikel. Es bleibt ein Enigma, griechisch für Rätsel, ein Mysterium.
Es wäre also passender am 30. März (1842) als Weltanästhesietag zu zelebrieren. Das tut man auch – in Amerika – in Form des „Doctor’s day“ was ja so ähnlich ist.
Das wäre auch deswegen besser weil dann feiern wir nämlich schon 175 Jahre Narkose und das ist ein Jubiläum und darauf können wir uns jetzt alle Mal eine Flasche Lachgas aufmachen.

Mooooment.
Der wachsame Narkose-Nerd rückt die Hornbrille zurecht und möchte das Geschriebene von Seite 7 seiner anästhesiologischen Enzyklopädie aufmerksam machen.
Hätte man damals nämlich eine bessere Verbindung nach Japan gehabt – die Amerikaner hätten schon 38 Jahre vorher schmerzfrei operieren können!
Es war der Arzt Hanaoka Seichu der ein fast schon als komplex zu bezeichnendes Gebräu aus Atropin, Aconitin, Scopolamin und Angelicotoxin seinen Patienten verabreichte. Ein Höllengemisch! Alleine Aconitin. Ein aus dem blauen Eisenhut gewonnenes Alkaloid welches ein wesentlich stärkeres Toxin ist als Strychnin. Heidewitzka.
Die Mischung hat er nach probatorischer Applikation verschiedenartigster Substrate heimischer Gewächse zunächst an Tieren ausprobiert. Seine Mutter und seine Frau mussten dann für den Feinschliff der Rezeptur herhalten. Das blieb nicht ohne Kollateralschäden, seine Gemahlin erblindete dabei.
Der Mann musste es ja wissen, hatte er ja immerhin drei Monate Innere Medizin bei Meister Nangai und ein ganzes Jahr die Kunst der Chirurgie bei Meister Kenryo gelernt. Mehr brauchst Du nicht. 15 Monate breiteste medizinische Ausbildung und los geht das.
Immerhin hat er mit diesem Gehirnzellenmassaker die erste beglaubigte Anästhesie durchgeführt und direkt mal noch eine Mastektomie durchgeführt. Wer Innere, Chirurgie und Anästhesie kann, kann auch Gynäkologie. Merken wir uns also den 13. Oktober für nächstes Jahr schon mal vor!
Darauf einen Nihonshuu.
Prost!

Erster Tag auf der Intensivstation – aus der Praxis für die Praktiker

Als ich kurz nach dem Berufseinstieg das erste Mal auf der Intensivstation eingeteilgt wurde habe ich die Nacht vorher nicht gut geschlafen. Diese ganzen Kabel, Medikamente, Schläuche, Einheiten, Parameter und vor allem – ich kannte keinen der Kollegen. Weder von der Pflege noch von den Ärzten.
Es war kaltes Wasser und tief war es auch.
Rückblicken muss ich sagen hatte ich überhaupt keinen Plan.
Wie gerne hätte ich damals jemanden gehabt der mir mal praktisch (!) sagt, wie man an so einen Intensivpatienten rangeht. Körperliche Untersuchung und Verordnungen macht ein Hausarzt ja auch und außerdem lernt man diese Basics ja im Studium, oder?
Was soll daran also so schwer sein?
Was unterscheidet denn den Intensivpatienten vom Patienten beim Hausarzt?
Mir fallen spontan 4 Punkte ein, die Liste lässt sich bestimmt verlängern (aktive Mitleser vor 😉

1) Unsere Patienten können meistens keine Fragen beantworten (weil sie einen Tubus im Hals haben),
Für eine richtige körperliche Untersuchung ist die Mitarbeit des Patienten sehr wichtig. Wir müssen meistens alleine klar kommen.
2) Unsere Patienten haben nicht ein einziges („Herr Hausarzt ich habe so Halsschmerzen…“) sondern meist gleich mehrere Probleme.
Manche Patienten benötigen wegen einer Arrhythmia absoluta eigentlich eine effektive Antikoagulation damit sie keinen Schlaganfall bekommen, aus der frischen OP-Drainage soll es aber auch nicht bluten.
3) Die Probleme treten meist nicht nur in der Mehrzahl auf sondern dann oft auch von recht komplexer Struktur.
4) Unsere Patienten schweben die längste Zeit in akuter Lebensgefahr – sonst wären sie nicht dort. Und wenn Sie stabil sind werden sie wieder verlegt.

Wie geht man jetzt an sowas ran?
Hier ein paar Tipps wie man es machen kann.

1) Stell Dich vor!
Du bist der oder die Neue, es gehört sich so, dass Du Dich bei Deinen neuen Kollegen vorstellst nicht Deine Kollegen bei Dir, das ist eine Frage der Höflichkeit.
Es sei denn Du bist Kronfürstin Viktoria zu Krummbieg von der Hohenwiese und möchtest auch so behandelt werden. Wird dann aber keine schöne Zeit.
Wichtig – wir sind ein Team! Der Chefarzt ist genauso wichtig wie die Putzfrau, der Physiotherapeut genauso wichtig wie die Codierer. Also – begrüß Sie alle, zur Not auch mehrfach.
Und bring einen Kuchen oder eine Schüssel Süßigkeiten mit und schreib Deinen Namen drauf. Klingt nach billig erkaufter Freundschaft? Klar, aber was im Supermarkt an der Kasse mit Kindern funktioniert, klappt bei uns schon allemal.

2) Mach Dich mit dem Tagesablauf bekannt
Was läuft morgens als Erstes? Wer kann verlegt werden? Wer benötigt Diagnostik und wo melde ich die an (telefonisch? elektronisch?)? Wann macht die Pflege Übergabe? Wann sind geeignete Zeiten für Prozeduren wie Katheterwechsel / Drainagen / Tracheotomien?

3) Such Dir in der Pflege Vertraute
Ich habe von den erfahrenen Pflegekräften sehr viel gelernt. Ich habe von den Pflegekräften sehr viel mehr gelernt, als von meinen ärztlichen Kollegen. Ich habe nicht nur die kleinen Tipps und Tricks im Umgang mit manchmal zickigen Kathetern gelernt. Es waren die Pflegekräfte die wussten wie man die Dialyse wieder zum Laufen bringt, wie man die Beatmung so einstellt, dass wieder Luft reingeht und so weiter.
Das Leben und Arbeiten auf der Intensivstation macht sehr viel mehr Freude wenn man Freunde hat. Es wird zur Hölle wenn Du Dir Feinde in der Pflege machst. „Wer ist hier der Arzt?“ gehört nicht zu den Sätzen die einem das leben leichter machen.

4) Finde am ersten Tag heraus wo die wichtigsten Dinge gelagert sind und wie sie funktionieren!
Das Reabrett, der Defibrillator, der Wagen für den schwierigen Atemweg, der Notfallwagen für Katheter, die Bronchoskope, Zugänge, Infusionen, (Notfall)-Medikamente.
Es bleibt im Notfall keine Zeit für Erklärungen. Kleinere Notfälle gibt es eigentlich jeden Tag, richtige Notfälle gar nicht so oft wie man denken würden. Wenn es aber einen richtigen Notfall gibt ist es besser wenn Du schon mal weißt wo der Defibrillator steht und wie man ihn anmacht. Und wie man einen Blutdruck misst. Das ist doch banal? Nein, keineswegs. Bei den Defis der R-Serie von Zoll ist zum Beispiel der Knopf für die Blutdruckmessung mitnichten so wie bei allen anderen Defibrillatoren irgendwo im Menu zu suchen. Es ist ein kleiner Knopf an der Seite den man meistens nicht sehen kann, weil da ein Kabel vorhängt. Unabhängig davon meiner Meinung nach eines der besten Geräte, aber das soll hier nicht Thema sein.

5) Lege Dir ein Konzept zurecht
Genau wie in der Notfallmedizin sollte jeder Intensivpatient nach einem festen Schema untersucht werden. Dafür gibt es meistens standardisierte Untersuchungsbögen auf den Intensivstationen. Irgendwas fehlt aber immer auf diesen Bögen. Ich habe noch nie einen wirklich guten, kompletten Untersuchungsbogen gesehen. Deshalb hilft es auch ein eigenes Konzept zu haben.
Wichtigster Punkt – für jeden Patienten sollte für jeden Tag ein ganz konkretes (!) Therapieziel stehen. In den meisten Fällen ist das entweder eine Deeskalation der Therapie (z.B. mit dem Ziel der Verlegung auf die Normalstation) oder Eskalation der Therapie.
Wie kann so ein konkretes Tagesziel aussehen? Zum Beispiel so:

  • erstmalig aus dem Bett herausmobilisiert
  • Medikamente (teilweise) oralisiert
  • Schmerztherapie optimiert
  • Therapielimitierung besprochen
  • Reha-Platz organisiert
  • ZVK entfernt (weil nicht mehr benötigt) und PVK anglegt

6) Nachfragen ist besser als Klugsch***en:
Frag nach – wie macht ihr das?
Sag nicht an Deinem ersten Tag – bei uns in Pusemuckel haben wir das so gemacht.  Das will keiner hören! Wirklich. Wir haben hier auch Strom und fließend Wasser und wenn in Pusemuckel alles besser war dann wärste halt besser da geblieben.
Besser ist es positives hervorzuheben! Ihr habt ein festes Belegungsschema für die ZVKs? Das finde ich klasse, bei uns in … war das immer totales durcheinander, das hat jeder gemacht wie er wollte.
Und deshalb – frag nach Hausstandards / SOPs und halte Dich dran!
Die Pflegekräfte werden es Dir danken, wenn sie ein einziges und nur ein einziges Mal (!) etwas genau. so. vorbereiten können wie es dann auch gemacht wird.

7) Ein ganz wichtiger Punkt (danke an Ø. s.u.):
Versuch nicht den souveränen Großmediziner zu spielen, wenn nichts dahinter steht. Wir sind alle vom Fach.
Unterschätze niemals eine Pflegekraft. Du hast vielleicht an der Uni gelernt, dass Medikament X an Rezeptor Y geht. Die zuständige Pflegekraft weiß dafür wann dieses Medikament wirkt, in welcher Konzentration es wirkt und warum man das bei diesem Patienten vielleicht besser nicht geben sollte.
Unterschätze niemals das Fachwissen eines Patienten der seit 20 Jahren dialysepflichtig ist. Deine Theoriekenntnisse sind nichts wert ohne klinische Erfahrung! Und klinische Erfahrung bekommt man erst nach vielen Jahren, das kann man nicht beschleunigen.

8)
Suche den Kontakt zu den Pflegekräften.
„Die Pflege“ hat ein feines Gespür dafür ob Du Dich für sie und die Patienten interessierst oder nicht. Nutze die Möglichkeit die Viertelstunde bei der Übergabe dabei zu sein. Hör Dir an, welche Probleme es bei den Patienten gibt, bring Dich ein (wenn Du gefragt wirst!).

9)
Lies Bücher, geh zu Workshops, bilde Dich mit Journals fort.
Du wirst recht bald feststellen, dass im Alltag gut klarkommst. Dann kannst Du in dem Trott weitermachen und Dich die nächsten Monate und Jahre so durchschlagen.
Der Anspruch an unsere Versorgung muss aber sein es nicht irgendwie, sondern so perfekt wie möglich zu machen. Deshalb lies, nutze FOAM (free open access medical education), frag Deinen Chef nach aktuellen Zeitschriften und bearbeite sie. Melde Dich für Vorträge zu Themen die für Dich wichtig sind, Dir aber noch Kopfschmerzen machen – das führt zu einer intensiveren Auseinandersetzung und einem anhaltenden Lerneffekt.
Und lies jeden Abend zwei bis vier Seiten in einem Buch über Intensivmedizin. Das dauert 10 Minuten, tut nicht weh und nach drei bis vier Monaten hast Du das Buch durch. Und hast Patient Blood Management verstanden.

Auch diese Liste lässt sich beliebig erweitern, es soll nur ein Denkanstoß sein.
Wie man einen Patienten auf der Intensivstation konkret untersuchen kann werde ich in einem der nächsten Blogposts erklären, für heute und für den ersten Tag soll das hier erstmal reichen.

PS: Ergänzungen und Erfahrungsaustausch von Fachpersonal (Pflege!!) sind willkommen und werden gerne eingepflegt!

MITTENDRIN STATT NUR DABEI – SELBER MAL NOTARZT SEIN Teil 2

In einem Wort – Hui!
Ich bin sehr positiv überrascht von der regen Beteiligung aber auch von der Qualität der Beiträge. Da wurde von SAPV-Teams gesprochen (spezialisierte, ambulante Palliativ-Versorgung), es wurden Handlungsstränge aufgezeichnet, Therapiemöglichkeiten evaluiert. Das hat mir sehr, sehr gut gefallen!
Ich werde im Anschluss sämtliche Kommentare veröffentlichen und empfehle es sehr die Kommentare der anderen durchzulesen. Da steht sehr viel gutes drin und ich komme nicht umhin den Begriff der  Schwarmintelligenz einfließen zu lassen. Gerade von denen die ihr Licht unter den Scheffel stellen („Ich bin nur Praktikant/Schüler/Famulant…“) waren ganz tolle Ansätze dabei.
Das lässt doch für die Zukunft des Gesundheitssystems hoffen, da ist viel Substanz zwischen den Zeilen erkennbar 😉

Ich denke es ist schon beim lesen klar geworden – einen einfachen und 100% richtigen Algorithmus gibt es für ein solches Szenario nicht.
Es gibt verschiedene Lösungsmöglichkeiten, es gibt aber auch Situationen im Rettungsdienst bei denen man trotz sorgfältiger Überlegung und größtmöglicher fachlicher Expertise manchmal nur das kleinere Übel wählen kann.
Genau so war es dann auch mit Aydan. Wenn wir uns was wünschen können dann wäre es wohl die Heilung dieses kleinen Menschen.
Eine Heilung war in diesem Fall ausgeschlossen, ein baldiges Ableben war absehbar. Entsprechende Gespräche hatten im Vorfeld stattgefunden. Dass Aydan sterben würde war allen klar, es ging nur um das wann und wie.
Das wann wurde jetzt plötzlich konkret, über das wie habt ihr Euch ausführlich Gedanken gemacht. Ich finde es sehr beeindruckend wie differenziert die Stellungnahmen hierzu ausfielen. Chapeau!
Ich hätte vielleicht deutlicher dazu schreiben sollen dass wir natürlich umgehend versucht haben die somatische Situation zu optimieren. Nach dem A (freihalten des Atemwegs, Inspektion der Trachealkanüle, Absaugen) kommt das B (Sauerstoff auf 100%, Beatmung intensiviert..).

Weil einfach ja jeder kann haben wir hier nicht nur mit einem medizinisch herausfordernden Fall zu tun, wir bewegen uns auch in einem anderen Kulturkreis mit einem teilweise völlig anderen Krankheitserleben und einer anderen Trauerkultur.
Da die intensivmedizinischen Maßnahmen keinen Erfolg zeigten wurden wir zu einer Entscheidung vor Ort gezwungen. Die Ausgangslage war für mich nicht eindeutig genug um hier dem mutmaßlichen Sinne der Patientin oder der Eltern entsprechend einen Verzicht auf Therapie auszusprechen.
Diese Thematik ist fachjuristisch sehr komplex und wird in der Rechtsprechung auch lange nicht so eindeutig gehandhabt wie man sich das so denken und wünschen würde.
Der Entlassungsbrief der Klinik und die Gesamtsituation gibt ein relativ eindeutiges Bild, es ist aber eben nur relativ und nicht absolut eindeutig.
Auch aufgrund meiner Erfahrung mit ähnlichen Situationen und der teils sehr emotional überladenen Akutsituation der Trauerbewältigung – teilweise mit Androhung strafrechtlicher Verfolgung –  haben wir uns für eine Maximaltherapie entschieden. Dies tue ich nie alleine sondern immer in einer kurzen Rücksprache mit dem Team was vor Ort ist. Sollte ein einzelnes Mitglied des Teams ein Problem mit der Behandlung haben kann er oder sie für administrative Aufgaben (Rückmeldung an die Leitstelle, Telefonat mit der Klinik, Betreuung der Angehörigen etc.) aus der Akutversorgung rausgezogen werden. Sollten mehrere Mitglieder des Teams signalisieren, dass sie mit der vorgeschlagenen Behandlung ein Problem haben, ist es immer ratsam das eigene Handeln zu überdenken.
Letztlich bleibt die Entscheidung für oder gegen eine Therapie eine grundsätzlich ärztliche Entscheidung.
Wir haben zunächst unser eigenes Beatmungsgerät im kontrollierten Modus angeschlossen, auch um einen Gerätedefekt des Heimbeatmungsgeräts auszuschließen. Diese Heimbeatmungsgeräte sind so ziemlich für jede Überraschung gut – eine Fehlerquelle weniger.
Aydan hat über einen MAD von mir großzügig aber altersentsprechend Midazolam erhalten, dann haben wir einen intraossären Zugang gelegt.
Mit dieser Maßnahme hatten wir nicht nur unserer kleinen Patientin etwas Gutes getan sondern auch allen anderen gezeigt dass wir alles versuchen um Aydan zu helfen.
Die umfangreichen, invasiven Maßnahmen machten es auch dem mittlerweile eingetroffenen Vater besser begreifbar, dass Aydan trotz aller Bemühungen sterben werden würde.
Ich hätte mir sehr gewünscht im Rahmen einer optimalen ambulanten Weiterversorgung (z.B. mit PSU-Team, religiösem Beistand, Familie etc.) die Patientin vor Ort zu belassen.
Das klingt in der Theorie aber viel einfacher als es konkret umsetzbar ist. In unserem Fall hätte das PSU-Team eine Stunde Vorlauf gehabt, ob und wann der Imam dazukommen konnte war unklar und man sollte sehr, sehr vorsichtig dabei sein abzuschätzen wie lange ein Sterbeprozess dauert.
Da wir als NEF-RTW-Team nicht stundenlang vor Ort verbleiben könnnen entschieden wir uns nach sorgfältiger Abwägung für einen Transport in die nahegelegene Kinderklinik.
Im Verlauf zeigte sich dort, dass die invasive Beatmung nicht zurückgefahren werden konnte. Im Sinne der Patientin wurde auf das ursprüngliche Unterstützungsmuster der Beatmung deeskaliert, die folgende respiratorische Insuffizienz wurde nicht mehr behandelt und Aydan verstarb am dritten Tag.

Ich freue mich auf Eure Rückmeldungen und bitte – immer freundlich bleiben, ich bin es auch 😉

Mittendrin statt nur dabei – selber mal Notarzt sein

Vom zugucken lernt man ja gemeinhin wenig. Selber machen ist da schon sinnvoller. Deshalb dachte ich mir gibt es heute mal einen Fall den ich schildere und bei dem es mich interessieren würde wie Du handeln würdest.
Damit der eine nicht beim anderen abschreibst sich nicht beim anderen inspirieren lässt, sind die Kommentare ausnahmsweise geheim geschaltet. Ich werde in ein paar Tagen schreiben wie ich es gemacht habe.

Vor meinem Studium war ich der Meinung, dass ich mit der Kombination aus umfangreichem, theoretischem Wissen und dem sicheren Beherrschen praktischer Fähigkeiten alle medizinischen Probleme lösen können werde.
Das diese schwarz-weiße Vorstellung mehr dem Wunsch als der Wirklichkeit entsprach wurde mir noch während des Studiums bewusst. Medizin ist so unfassbar komplex dass immer wieder Situationen entstehen in denen all Dein Wissen und all Deine Fähigkeiten Dir doch nur die Wahl zwischen Wartburg und Trabbi übrig lassen.
Manchmal wird auch erst nach dem Tod eines Patienten klar, was man hätte anders oder sogar besser machen können.

Ich lese weiter viele Bücher, schaue mir Lectures und Videos an und besuche und veranstalte Workshops in der Hoffnung noch besser zu werden und knifflige Fragestellungen noch besser lösen zu können.
Um Euch zu verdeutlichen wie kompliziert es manchmal ist würde ich gerne ein What-would-you-do-Tutorial mit Euch machen. Notfallmedizin ist weit mehr als defibrillieren, intubieren und intraossieren 😉
Im folgenden geht es um Ethik, moralisches Handeln, Sozialdienst, Politik, Integration und Inklusion. Alles Dinge die ich auf der Universtität und in zahlreichen Praktika gelernt habe… nicht.
 

  1. August 2017 17:30 Uhr

Einsatzstichwort: Akute Dyspnoe, Kind tracheotomiert, 4 Monate, YILMAZ Aydin_Hochstraße 237-239, Einweiser vor Ort

Einsatzort ist ein Wohngebiet mit sehr hohen Hochhäusern. Die Hausnummer 237-239 ist ein cremefarbener Plattenbau, ca. 20-25 Stockwerke hoch. An der Haustür stehen ein paar interessierte Jugendliche, keiner ist über unsere Ankunft informiert oder weiß etwas von einem Notfall.
Wir suchen „Yilmaz“ auf den geschätzt 200 Klingelschildern. Es gibt mehrere mit Yilmaz. Wir sprechen die Jugendlichen an, dass wir ein Kind von Familie Yilmaz suchen, dass über einen Schlauch im Hals atmet. Tatsächlich weiß einer der Jungs Bescheid, er gibt uns den entscheidenden Tipp und schon sind wir im Aufzug.
Der Flur hat nochmal etwa zehn Türen, hier (!) macht sich nun tatsächlich jemand bemerkbar, die Tür ist auf. In der Wohnung treffen wir auf Frau Metler – sie gibt sich als Mitarbeiterin des Jugendamts aus. Anwesend ist auch ein junger Mann von 17 Jahren – der Bruder Sercan unserer Patientin.
Im Stilmix eines Kinder- und Jugendzimmers wohnt Sercan mit seiner kleinen Schwester Aydan. Aydan ist auch unsere Patientin, anders als auf der Meldung stellt sich heraus, dass sie nicht vier Monate sondern schon vier Jahre alt ist. Dafür sieht sie ungewöhnlich klein und zierlich aus, eher wie eine schmächtige Zweijährige. Der erste Eindruck sagt – hier ist jemand richtig krank. Die Wangen sind eingefallen, die Atmung über ein Tracheostoma sieht angestrengt aus, die Augenlider sind  schwach, Sercan wirkt müde. Sie atmet über ein Heimbeatmungsgerät im CPAP-Modus (eine Art Unterstützungsmodus, die Pat. „zieht“ Luft und das Gerät unterstützt sie ein bißchen so als wenn man bei sehr sehr starkem Wind an der See steht und den Mund gegen den Wind öffnet und einatmet, aber nur ein bißchen…). Ich erkläre Sercan, dass wir ein paar Untersuchungen machen müssen.
Das Pulsoxymeter zeigt einen SpO² von 89%, HF 129/min, RR 85/40. Recapzeit (mache ich immer, tut nicht weh und geht schnell) ist erwartungsgemäß bei über 2 Sekunden was höchst alarmierend ist denn bei Aydan sollte diese sogar unter einer Sekunde sein.
Ich versuche einmalig Sercan abzusaugen in der Hoffnung damit ihr Problem zu behen, kann aber kein Sekret gewinnen, das chirurgische Tracheostoma ist frei. ‚

Ich frage Sercan was passiert sei aber Sercan ist sehr aufgeregt und kann wenig berichten. Dafür erfahre ich mehr von Frau Metler. Frau Metler betreut die Familie Yilmaz seit einigen Jahren und weiß zu berichten, dass bei Aydan eine schwere Stoffwechselerkrankung vorliege, die Familie sei zuletzt erst vor drei Wochen aus der Klinik entlassen worden. Die Erkrankung sei nicht heilbar, weitere Therapieversuche hätten keine Aussicht auf Erfolg und die Entlassung sei auf Wunsch der Eltern erfolgt damit Aydan wenigstens zuhause im Kreis ihrer Familie sterben dürfe.

Es findet sich ein sehr ausführlicher Entlassungsbrief in welchem die infauste Prognose und die sehr geringe Lebenserwartung klar und deutlich benannt ist. Der Brief deckt sich mit den Angaben der Mitarbeiterin des Jugendamts, dass die Patientin auf Wunsch der Eltern zum Sterben in häuslicher Umgebung entlassen worden sei.
Aktuell sei die Mutter auf der Arbeit, sie stehe dort an sehr lauten Maschinen. Einen Anruf würde sie gar nicht hören, die Benutzung von Handys auf der Arbeit sei aber ohnehin verboten.
Der Vater sei mit einem weiteren Sohn in den Nachbarort zu einem Vorstellungsgespräch gefahren. Sercan sei beauftragt worden auf seine Schwester aufzupassen und falls irgendetwas sein soll, sollte er den Notarzt rufen.
Sercan hat mittlerweile gemerkt, dass mein Heilversuch des Absaugens ohne den ersehnten Heilungserfolg geblieben war. In seinem Gesicht wird Not jetzt durch zunehmende Angst ersetzt, was er uns auch mitteilt. Seine Schwester dürfe nicht jetzt sterben und schon gar nicht wenn seine Eltern nicht da sein. Außerdem müsse noch ein Imam gerufen werden und er könne ja seinen Vater nicht erreichen. Er macht mir glaubhaft war, dass sein Vater üble Dinge mit ihm anstellen würde wenn seine geliebte und einzige Tochter sterben würde ohne dass er den Notarzt gerufen habe. Sercan bittet darum, dass wir irgendwas machen damit Aydan überlebt.
Für eine telefonische Kontaktaufnahme und ein zeitaufwändiges fernmündliches Gespräch welches gegebenenfalls sogar erst übersetzt werden muss bleibt keine Zeit mehr. Aydan geht es jetzt richtig schlecht, die Sättigung ist jetzt bei 81%, es muss jetzt eine Entscheidung getroffen werden.

Was würdest Du tun?
Habe ich etwas vergessen, was Du noch dringend wissen musst um eine Entscheidung zu treffen?
Würdest Du vor Ort therapieren?
Würdest Du auch reanimieren?
Soll die Pat. transportiert werden oder lieber vor Ort bleiben?
Würdest Du Dich eher für eine Palliation also Sedierung ggf. Morphingabe entscheiden?