Anaphylaktischer Schock.

Gerade als ich mich gemütlich auf der Intensiv eingerichtet habe und den Desktop mit den von mir favorisierten Heimseiten des weltweiten Netzes bestückt hatte meldet sich mein Telefon mit dem unbeliebten Notfall-Klingelton wie ihn nur die liebreizende Zentrale zu schicken weiß.

„Der Notarzt ist mit einer Patientin in 5 Minuten da, Anästhesie und Internist, Reanimationsbereitschaft“.
Na dann mal sehen, wer da kommt. Andreas – unser eigener Notarzt, selbst Narkosearzt – war draußen unterwegs, der wird das schon im Griff haben. Oder es kommt so richtig dicke. Wenn der schon die Anästhesie dabei haben will… aber wie sagte mal ein erfahrener, ärztlicher Kollege auf dem fliegenden Christoph: „Früher hab ich im Notarztdienst schon vom Gluckern der Heizung einen Herzinfarkt bekommen, heute fliegen wir erstmal hin und gucken uns die Lage an. Aufregen können wir uns immer noch“.

Anstatt – sortiert und strukturiert über den Schockraum – wurde von dem mir gut bekannten Notarzt – es war nicht Andreas – eine Patientin direkt auf die Intensiv gekarrt. Moooooment! Anstatt Andreas stand ein notärztlich tätiger Kollege aus der Nachbarstadt des Grauens auf meiner Intensiv mit folgender Patientin:
43j, w, Sonderpädagogin im vorzeitigen Ruhestand (sic!), bekanntes MCS, 19239 Allergien, Asthma (is klar), Z.n. Burnout (jetzt wird ein Schuh draus) wird nach Ingestion einer Möhrensuppe (wer isst sowas??)  schwindelig worauf Sie den Rettungsdienst verständigt und von der Leitstelle einen Notarzt fordert welcher auch prompt frei Haus geliefert wird.
Dieser rast hin, Viggo angelegt, Vitalparameter mit 80/40 und HF 130/min und gibt Suprarenin. Immerhin erstmal 1 zu 10, aber Supra. Und über die Viggo rauscht ne HAES rein. Das hat mich dann doch aufgeregt. Über das Supra kann man diskutieren, aber die HAES? Ich kenne wenig Medikamente die so gerne allergische Reaktionen auslösen wie HAES. H1- oder H2-Blocker wurden konsequenterweise ebensowenig gegeben wie Cortison.

Also Infusion abgefriemelt, Betablocker, Benzodiazepin und Ruhe ist. Die Vitalparameter stabilisierten sich umgehend, eine wirklich allergische Reaktion lag wohl nicht vor. Mich ärgert wie unbesorgt immer wieder HAES gegeben wird, obwohl es ein Medikament ist, dass doch manchmal recht starke Nebenwirkungen auslösen kann. Viele hängen das mal eben an, läuft rein, Druck ist gut und das obwohl es zur Zeit – außer in der Geburtshilfe – gar keine Zulassung dafür mehr gibt. Es gab da wohl so einige gefälschte und auch ausgedachte Studien…
HAES kann unter Umständen einen ziemlich lästigen und bleibenden, therapierefraktären (also nicht behandelbaren) Juckreiz auslösen. Die Moleküle die in der HAES sind können schlichtweg aufgrund ihrer Größe nicht so schnell über die Niere ausgeschieden werden (was ja auch der Sinn und der Effekt der HAES ist) und werden dann irgendwann in der Haut abgelagert. Macht der Körper so. Wenn ich nicht weiß wohin mit dem Müll, dann muss man irgendwo eine Halde finden. Ähnlich wie bei der gelben Haut, wenn das Bili nicht mehr ausgeschieden werden kann. Und auch das macht einen fiesen Juckreiz bei dem auch ein Fenistilbad nichts mehr bringt.
Ich habe übrigens in den letzten zwei Jahren keine HAES mehr benötigt. Einen schönen Blutdruck bekommt man auch mit anderen Dingen hin. Auch präklinisch.

Advertisements