Wusstet ihr schon, dass…

Notarzt Parkplatz… man als Notarzt 25€ pro Einsatz bekommt? Brutto. Nach Steuern und Abzügen bleiben so 15€ Pi mal Daumen. Soweit so gut, finde ich OK. Obwohl, rechnen wir mal zusammen:

– wir fahren unter Lebensgefahr mit im Schnitt 25-fach erhöhtem Unfallrisiko zum Patienten
– wir suchen den Patienten unter Tage, in verschwefelten Recyclingwerken, im Steinbruch an einer eigengefährdenden Abbruchkante und auf der Autobahn auf
– wir machen eine körperliche Untersuchung, erstellen eine oft umfangreiche Anamnese bei einem uns bisher komplett fremden Patienten, beklopfen, behören, riechen, fühlen, schmecken und kombinieren all diese Eindrücke zu einer Verdachtsdiagnose
– wir setzen dafür das Know-how ein, was wir in 6 Jahren Studium, mindestens zweijähriger klinischer Tätigkeit (plus praktisches Jahr!), Seminaren, Workshops, Fortbildungen und endlosen Stunden über Büchern gesammelt haben
– wir legen bei schlechten Lichtverhältnissen an dicken Armen bei Patienten mit „Rollvenen“ und gerne auch hinter der Couch einen Venenzugang
– wir geben hochwirksame Medikamente deren einfache Unterdosierung oder Überdosierung gravierende Konsequenzen haben kann
– wir übernehmen juristische Verantwortung für die Konsequenzen möglicher Fehlbehandlungen
– wir fahren immer raus – nachts um 3 wenn alle schlafen, morgens um halb 7 wenn andere sich nochmal rumdrehen und abends um 23:30 Uhr wenn die letzten Lichter ausgehen
– wir sind stets meistens freundlich, verständnisvoll und hilfsbereit
– wir verbringen all diese Stunden im NEF und nicht bei unserer geliebten Familie, unseren Kindern, unseren Freunden und verpassen Grillpartys, Geburtstagsfeiern, gemütliche Weihnachtsessen oder die ersten Schritte des eigenen Kindes
– wir reanimieren, intubieren, infundieren, injizieren, thorakotomieren und narkotisieren
– wir vermitteln, beraten, moderieren, besänftigen, deeskalieren und entscheiden

Für 25€. Bodengebuden (NEF oder ITW) genauso wie Luftgebunden (RTH).
Immer noch OK für mich, ich mache den Beruf sehr gerne und tatsächlich aus Berufung.
Aber halt! Es gibt was extra!
Für die Todesfeststellung und Leichenschau kann (und muss) ich als Arzt nach GOÄ 55€ berechnen.
Ein Beispiel: Der Pat. ist leblos und reanimationspflichtig, wir schackern anderthalb Stunden, intubieren, lysieren, defibrillieren etc. und bringen den Pat. mit stabilem Kreislaufverhältnissen ins Krankenhaus und retten sein Leben. Macht 25€.
Ein anderes Beispiel: Der Pat. ist leblos und reanimationspflichtig, wir brechen die Reanimation ab und stellen den Tod fest. Macht 80€.

So, finde den Fehler!
Eine interessante Woche noch allerseits, sonderrechtliche Grüße,

der Narkosearzt

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Monika, 49 J., weiblich

Monika war als Patientin eher der männliche Typ. Was von selbst kommt, geht auch von selbst weg. Solange ich nicht krank bin, brauche ich auch keinen Hausarzt.
Ein bisschen Migräne, ein wenig Wechseljahresbeschwerden, sonst ist da nicht viel. Im Betrieb war sie nicht einen Tag krank. Ausbildung bei einem Logistikunternehmen, dann bei der Deutschen Bahn jahrelang als Bahnhofssprecherin tätig. Jahre später dann durch ein paar mp3-Dateien ersetzt wechselte sie in einen anderen Bereich im Innendienst, koordinierte Züge, war nie krank, nicht einen Tag. Wegen so ein bißchen Unwohlsein geht jemand wie Monika nicht ins Krankenhaus. Monika wartete bis es nicht mehr ging. Sie bekam Brustschmerzen, Kopfschmerzen, ein Engegefühl in der Brust, Panik, Vernichtungsangst. 112. Rettungsdienst, Transport, Notaufnahme.
Bei Aufnahme war ein Puls von 205/min auffällig. In der Annahme einer supraventrikulären Tachykardie (Herzrhythmusstörung)  erhielt die Pat. unter anderem Adrekar, pausierte kurz und kurz darauf raste ihr Herz mit 200/min weiter. Trotz konservativer und erweiterter medikamentöser Maßnahmen konnten wir Monikas Herz nicht bremsen. Bei Übernahme auf die Intensivstation war Monika ziemlich grau, der wachen Patientin wurden in Erwartung einer baldigen Dekompensation Defi-Paddles aufgeklebt, eine Arterie gelegt, ein ZVK gelegt, Echo durchgeführt, Tubus gerichtet. Alles parallel zur laufenden medikamentösen Therapie. Klar war, dass sie mit dem rasenden Herzen schon länger rumgelaufen ist und umso weniger Reserven verblieben. Monikas Herz pfiff aus dem letzten Loch.
Unter fachkardiologischer Aufsicht und Therapieführung bekam Monika Cordarex, Beloc, Dobutamin, Arterenol, letztlich auch Suprarenin. Auf kleinste Änderungen der Dosierungen reagierte ihr Herz extrem empfindlich, alles in allem für eine 49-jährige bisher gesunde Frau sehr ungewöhnlich. Unter der Therapie verbesserte sich ihr Zustand zögerlich, eine Intubation und (mechanische) Reanimation war zum Glück nicht notwendig. Im Echo zeigte sich eine Auswurfleistung des Herzens von nur noch 9 % (>55% ist normal, <30% entspricht einer hochgradigen Einschränkung). Ursächlich war bei Monika am ehesten eine verschleppter Infekt mit folgender Herzmuskelentzündung. Laut unseren Kardiologen ist nicht davon auszugehen, dass sich ihre Herzfunktion wieder auf ein annähernd normales Maß erholt.

Monika wurde gestern zur Uniklinik verlegt, zwecks Listung für eine Organtransplantation.  Monika wird ein neues Herz benötigen, ihr eigenes ist zu schwach.

Mit viel Glück findet sich ein Spender.