All I want for Christmas… der Narkosedoc wünscht sich was:

Der Narkosedoc hat einen Wunsch zu Weihnachten.

Ich wünsche mir, dass jeder User im Internet bevor (!) er seinen Senf von sich gibt mal überlegt ob er das guten Gewissens so auch seiner Mutter vorlesen könnte. Oder um Mutti mal außen vor zu lassen – ich würde mich freuen wenn ein jeder mal vor dem Absenden überlegt ob dieser Kommentar die Welt ein Stück besser oder schlechter macht. Dieses ewige Genörgel und Schlechtmachen. Ganz zu schweigen von der einfach stumpf rassistischen und völkisch angehauchten Dummlaberei im Schutz der vermeintlichen Anonymität.

Ja, Kommentare werden gelesen. Nicht selten sogar von den Menschen an die sie gerichtet sind. Und ja, Kommentare können verletzten und krank machen. Ich habe vor ein paar Monaten tagelang über einige Kommentare gegrübelt und war drauf und dran dem einen oder anderen ein wutentbranntes JETZTPASSMALAUFDU**** über die Tastatur entgegen zu schleudern.

Warum ich es nicht gemacht habe? Weil ich den Hass so Leid bin. Den Hass gegen Ausländer, gegen Besserverdiener, gegen den Nachbarn der wieder falsch geparkt hat, den Hass gegen dies und jenes und alles. Ich habe das Gefühl, dass es da draußen eine viel zu große Menge Menschen von ihrem Leben, Job oder wasauchimmer frustriert sind und sich dann erstmal ans Internet setzen um all ihre Unzufriedenheit und den Ärger über die eigene verpfuschte Existenz aus sich heraus zu lassen. Wenn ich schon im echten Leben nichts zu melden habe, dann wenigstens in diesem Internet. Da kann man sich einen Dr.-Titel geben und dann mal richtig vom Leder ziehen. Blöd nur wenn die ganzen Rechtschreibfehler dann erahnen lassen, dass sowohl der Titel als auch der vorgegebene Beruf („Ich als Notarzt…“) erstunken, erlogen und im echten Leben unerreichbar sind.

So mancher Kommentar hat mich so geärgert, dass ich ihn einfach nicht so stehen lassen konnte! Andererseits – don’t feed the trolls.

Es wäre zu aufwändig einem kleinen unbedeutenden Internettroll klar zu machen warum ich in einer bestimmten Situation so und nicht anders entschieden habe. Die meisten verstehen ja noch nicht mal warum wir bei einem Notfall nicht rennen – wie soll man ihnen dann komplexe, medizinische Sachverhalte erklären?

Und wenn der kleine Troll eine Meinung hat, dann hat er die. Da helfen ja alle Argumente nichts. Totschlagargument bleibt die böse Pharmalobby, die hat uns Ärzte ja sowieso alle gekauft. Is klar.

Natürlich polemisieren manche Gedanken die ich hier schreibe. Ich freue mich auch wenn darüber diskutiert und miteinander (!) geredet wird. Viele Kommentare habe ich als bereichernd empfunden und schätze die differenzierte Meinung mancher die hier kommentieren – und andere Trolle korrigieren. Danke dafür!

An alle Trolle: egal wie dumm, falsch oder borniert Dir ein solcher Artikel oder Gedanke von mir erscheint – denke nach bevor Du auf „senden“ klickst. Wird Dein Kommentar etwas Gutes bewirken oder willst Du nur Dampf ablassen? Dann geh lieber ins Fitti und nicht ins Internet.

Ich wünsche mir, dass weniger Hass gesät und stattdessen einfach häufiger mal gesagt wird, was wir am anderen toll finden oder worüber wir uns freuen. Ich war letztens bei einem großen Burgerbrater und wurde sehr nett und sehr freunlich bedient und der Typ meinte ich solle mich schon mal hinsetzen er bringt mir das Essen – was er auch zwei Minuten später tat. Das war so außergewöhnlich, dass ich hinterher nochmal hingegangen bin und mich bedankt habe für die ungewöhnlich freundliche Bedienung – das Gesicht war unbezahlbar! Der Typ hat laut gelacht, hat sich riesig gefreut und mit seiner Freude seine Kollegen angesteckt.

Es geht auch anders. Hypertensiver Notfall mit RTW + NEF im Altenheim und der Blutdruck ist 165/90?

Da kann man sich ganz schnell und quasi anonym über die bräsige Leitstelle aufregen und mal richtig die Sau rauslassen wieso man denn bei so einer Lapalie so ein Fass aufmachen kann. Tatsächlich wissen wir nämlich nie welcher von den etwa 12 Disponenten in der Leitstelle gerade den Auftrag angenommen und abgearbeitet hat, da lässt es sich anonym und so ganz unter uns im RTW oder NEF viel leichter über die da von der Leitstelle schimpfen.

Tatsächlich wissen wir aber gar nicht was der Anrufer gemeldet hat. Sprach der Anrufer unsere Sprache? Wurden vielleicht noch andere Dinge mitgeteilt die sich vor Ort als falsch herausgestellt haben?

Ich kann nur jedem im Rettungsdienst tätigen Kollegen raten – und hier meine ich insbesondere und explizit die ärztlichen Kollegen! – sich mal einen Tag auf der Leitstelle hinzusetzen und selber mal zu disponieren.

Es ist viel komplizierter als gedacht aus der Ferne eine Diagnose zu stellen und dann auch noch das richtige Rettungsmittel einzusetzen.

Da sitzt ein Mensch, einer mit Seele, mit Herz. Sicher nicht unfehlbar aber eben auch kein Fleischklumpen den man einfach mal nach aktueller Tageslaune aufs übelste beschimpfen darf.

Sting (ja, der Sting von ThePolice) hat auf seinem Konzert in Berlin mal erzählt, dass wir alle irgendjemandes Tochter und irgendjemandes Sohn sind. Das fand ich ein total starkes Bild.

Ja, selbst der bräsige, dickbäuchige Nachbar mit dem Alkoholproblem der immer so nach Schweiß stinkt hat eine Mutter für die ihr Sohn sehr wichtig ist, mit all seinen Problemen.

Kein Mensch ist unwichtig oder egal, kein Mensch ist illegal. Wir alle sind für irgendjemanden wichtig und wertvoll und sollten deshalb nicht hassen sondern den anderen zumindest respektieren. Liebe ist für den Anfang vielleicht ein bißchen zu viel verlangt und ein großes Wort.

Respekt vor dem Leben, dem anderen Menschen, Respekt sollte drin sein.

 

Ich wünsche mir, dass wir gegenseitig einfach mal ein bißchen mehr aufeinander Acht geben. Die Tür aufhalten, dem anderen die Vorfahrt lassen, von den 80 gebackenen Keksen dem Nachbarn mal 5 auf einem Teller vorbei bringen. Kostet nichts extra, macht keinen Aufwand, wären sowieso am Ende übrig geblieben und weggeschmissen worden. So aber entsteht aus einer kleinen Geste vielleicht etwas Großes.

Ich möchte auch nicht in einer Gesellschaft leben in der ein Wort wie Gutmensch als Schimpfwort missbraucht wird. Ich hoffe sehr ein Gutmensch zu sein, ein guter Mensch. Ein hoher Anspruch und ein lebenslanges Ziel.

 

Aus Wut dagegen entsteht Hass, aus Hass entsteht Gewalt, Gewalt schreit nach Rache und Rache ist das primitivste aller Gefühle. Damit kann keiner etwas Gutes anfangen, Wut und Hass zerstören, bauen nichts auf und helfen niemandem weiter. Nicht dem der hasst und nicht dem der gehasst wird.

 

Ich bin der festen Überzeugung, dass wenn ich etwas Gutes in die Welt trage dieses Gute irgendwann zu mir zurückfindet. Ob im Ehrenamt, in der Kirche, im Kleinen oder im Großen.

Sei gut zu der Welt und die Welt wird gut zu Dir sein.

Nenn mich einen hoffnungslosen Optimisten, nenn mich einen Gutmenschen.

Resignation ist keine Option.

 

Ich bedanke mich bei allen von mir sehr geschätzten Leserinnen und Lesern die mir ein 2017 einen netten Kommentar hier gelassen haben. Ich bedanke mich bei allen die mir einen Tipp zukommen lassen haben oder sich für einen Tipp bedankt haben. Ich danke auch und vor allem DocCheck dass sie meinen Blog featuren und mich unterstützen und im besonderen einer besonderen Mitarbeiterin die mit mir immer wieder konstruktive Gespräche führt, meinen Senf vorkostet und mich ermutigt weiterzumachen auch wenn mal Gegenwind kommt. Danke M.!
Allen Klinikern, Notfallmedizinern und Blaulichtberufenen wünsche ich ein frohes Fest mit ruhigen Tagen ohne Dienst, ohne Blaulicht und ohne Stress.
Allen Patienten wünsche ich gute Genesung und falls Sie hier sind weil Sie bald operiert werden und eine Narkose brauchen – die machen das schon! 😉
Ich wünsche allen ein wunderbares Fest mit ganz vielen lieben Menschen um Euch herum. Ich freue mich auf 2018 mit Euch!
Hohoho,

der Narkosedoc

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Ultimadol* – neu in der Therapie der Sepsis, senkt die Mortalität um 67%!

Früher in der Schule war das so.
Der coole Stefan hatte neue Schuhe von Reebok. Wir waren allen Ernstes der Meinung dass Nils deswegen und nur deswegen auf dem Schulhof nun quasi unbesiegbar schnell laufen konnte.

Neue Schuhe von Puma? Ging so. Adidas? Bißchen spießig, aber wenigstens ne Marke. Asics, Deichmann und Co. – wurden nicht erwähnt. Aber diese Superpantoffeln von Reebok, wenn man die hätte, dann wäre man quasi unbesiegbar…

Es kam dann wie so oft, nach Stefan hatte Nico, Nils und Karsten auch welche von Reebok.

Und die gleichen Schuhe die gerade noch als Knüller der Woche gehyped wurden waren auf einmal nur noch so Mittelmaß. Es gab jetzt welche mit Luft inne Sohle! Nike. Musst. Du. Haben.

Zumindest so lange bis der nächste Trend kommt. Buffalos, DocMartens, Chucks.

Das Neue ist eben immer nur solange faszinierend und begeisternd bis es irgendwann auch nur noch normal ist. Das Unbekannte muss am besten ein Alleinstellungsmerkmal aufweisen.

Das ist in der Medizin nicht anders.

 

Wenn man mal ein paar Jahre in der Medizin dabei ist erlebt man mit schöner Regelmäßigkeit wie ständig neue Medikamente, Techniken und Prozeduren durchs Dorf getrieben werden.

Es ist dann auf einmal total en vogue zum Beispiel bei einer Sepsis ein bestimmtes Spurenelement zu geben und das wird dann auf allen Kongressen gepredigt, alle singen das Loblied auf den neuen Heilsbringer mit und die Chefs tragen die frohe Kunde von den wichtigen Kongressen dieser Welt in die Grundversorgerkrankenhäuser dieses Landes.

Ab sofort müssen 3000mg davon in den ersten zwei Stunden infundiert sein, danach Erhaltungsdosen, es gibt Charts, Algorithmen und Verfahrensanweisungen.

Ziemlich genau dann wenn der letzte Praktikant es gerafft hat, dass man bei diesem Krankheitsbild jenes Medikament geben soll kommt eine neue Studie heraus die auf anderen Kongressen vorgestellt wird und die ziemlich genau besagt, dass das ja so großartig alles nicht ist. Man wüsste nicht genau ob und eigentlich ist der Effekt auch eher nicht so ausschlaggebend und wenn man das so macht gibt es zwar nach 3 Monaten weniger aber nach 6 Monaten mehr Tote. Oder so ähnlich.

 

Wehe der gottverlassenen Dorfklitsche die diesen Punkt verpasst und wehe den in ihr arbeitenden Laienmedizinern welche sich trauen zu sagen, dass sie jenes Medikament bei diesem Krankheitsbild immer noch (!) geben. Wie sehr kann man denn bitte von vorgestern sein?

Und dann gehen manchmal zehn bis zwanzig Jahre ins Land und dann stellt irgendjemand fest, dass dieses Medikament bei jenem Krankheitsbild damals™ zwar keinen so tollen Nutzen hatte aber jetzt bei einem anderen Krankheitsbild ganz wunderbar funktioniert. Da wurde wohl der Endpunkt für die Studie falsch gewählt.

In der Summe aber dann doch ganz gut, es reichen aber auch 100mg statt 3000mg und es ist auch nicht so wichtig, dass es in den ersten Stunden drin ist, hauptsache man macht es.

Ein Kollege nannte sowas „Schlaghosen der Medizin“. Sind irgendwann in, werden von allen getragen, sind dann out – weil Mainstream – und werden nach zwanzig Jahren ausgekramt und als doch wieder ganz passabel angesehen.

Wirklich revolutionäre Entwicklungen sind in der Medizin doch eher rar geworden. Das ist ja auch eigentlich ganz verständlich und letztlich nur logisch.

Die Zeiten in denen ein Medizinstudent durch Forschung ein Mittel zur Behandlung von Diabetes entdeckt sind seid hundert Jahren vorbei.

Ich glaube es ist der innige Wunsch unseren Patienten noch besser helfen zu wollen der dafür sorgt, dass solche Therapieoptionen, Prozeduren und Medikamente einen zeitweisen Hype erleben.

Nicht akzeptieren zu können, dass ein gewisser Anteil der Patienten an der Erkrankung nun mal verstirbt ist ein ureigener Antrieb von Forschung und Lehre und genau so muss es auch sein.

 

Vielleicht ist die entsprechende Euphorie in diesem Kontext ja auch verständlich. Mit der Zeit habe ich aber doch einen etwas verhalteneren Optimismus was neue Therapieansätze angeht. Ich lass die Sau erstmal ein paar Runden durchs Dorf drehen und wenn ich nachmittags auf einen Kaffee zum Marktplatz gehe und die Sau das Thema ist immer noch ein Thema dann bin ich auch gerne bereit mir das mal genauer anzugucken.

 

*Ultimadol gibt es nicht. Noch nicht. Vielleicht.

Intubieren leicht gemacht – 3 Tipps und ein Trick wie es mit dem Atemweg klappt (Teil 1)

So, der Google-Eintrag wäre mir mit der Überschrift sicher 😉

Der folgende Eintrag ist sehr fachspezifisch und richtet sich daher primär auch an Fachpublikum.

3 todsichere Tipps wie die Intubation fast immer gelingt:
1) Schokokuchen backen
2) Anästhesie anrufen und fragen ob die es mal eben machen können
3) entspannt zugucken, hinterher gemeinsam den Kuchen vernaschen und den gelungen Plan feiern

Das Intubieren, also die Sicherung des Atemwegs über die Einlage eines sgn. Endotrachealtubus in die Luftröhre wird von manchen Anästhesisten als der heilige Gral ihres Fachs gehütet. Es wird in Anwesenheit fachfremder Mitarbeiter (Praktikant, Internist, Rettungsassistent…) stets ein großes Buhai darum gemacht. Furchtbar kompliziert, kann als Nicht-Anästhesist quasi nicht klappen, man braucht 3 Trilliarden Inkubationen um den einfachen Atemweg zu beherrschen… ist klar.

Ich sage immer – die Intubation als handwerkliche Fähigkeit kann man einem Toastbrot beibringen, das Toastbrot muss es nur 1000 Mal machen. Ja, es ist einfach eine Übungssache. Man braucht für eine optimierte Laryngoskopie und die erfolgreiche Intubation noch nicht mal ein Medizinstudium.
Das eigentliche Problem (hört hört!) ist ein ganz anderes. Die Patienten sterben nämlich lange bevor sich der Hobby-Intubateur/Intubateuse an die Stimmritzen machen kann. Der Patient hat zu wenig Schlafmittel, kein Relaxans, vielleicht auch zu wenig Schmerzmittel und dann fängt er an zu würgen und übergibt sich. Der Sauger ist nicht vorbereitet (wer hat heute den Zimmer-Check gemacht?? Da war doch alles abgehakt?), der Patient aspiriert.
Oder er hat zu viel Schlafmittel/Schmerzmittel und die Katecholamine laufen nicht mit. Dann ist kein Arterenol aufgezogen, der Patient wird langsam, bleibt stehen, es wird reanimiert.
Manni der LKW-Fahrer stemmt die Hände in die Hüfte und sagt – na, merkste watt?
Die Intubation ist deshalb so ein risikoreiches und minenübersätes Kampffeld weil es so viele Fallstricke drum herum gibt.

Die Patienten die auf der Intensivstation oder im Rettungsdienst wirklich intubationspflichtig sind oder intubationspflichtig gemacht werden sind wirklich krank. Wenn die einen Tubus brauchen, dann brauchen die einen Tubus. Ein Nicht-gelingen der Intubation ist fast regelhaft mit dem Ableben oder einer Reanimationssituation verbunden.
Das bedeutet maximalen Stress bei allen Beteiligten. Wenn man dann nicht optimal vorbereitet ist, kann das Projekt nur scheitern.

Mein Rat daher: macht eine Checkliste, bereitet Euch vor, entwickelt einen Plan B, bereitet diesen auch vor, kommuniziert miteinander.
Oder so:

1) Plan mit allen (Pflege/Rettungsdienst) kommunizieren
2) Plan vorbereiten (der eingesprühte Tubus nebst Laryngoskop ist kein vorbereiteter Plan!)
3) Plan B (z.B. Larynxtubus! Larynxtubus! Larynxtubus!!) mit allen kommunizieren
4) Plan B vorbereiten
5) Kommunikation!

Über allem steht:
Überleben geht vor Analgesie geht vor Amnesie geht vor Narkose!

Zur Vorbereitung empfehle ich:

  • zwei sichere, periphere VENENZUGÄNGE, 500ml Vollelektrolytlösung rasch infundieren
  • Patient kopfwärts ziehen, LAGERUNG optimieren!, Intubationskissen ggf. Handschuhbox unter den Kopf, Kopfteil erhöhen
  • Zahnersatz / Kaugummi o.ä. raus
  • Monitoring mit PULSOXYMETRIE (Ton an!), EKG, NIBP (1-minütlich!) oder„Radialis-Monitoring“ per Hand durch Assistenz, CO2-Sensor bereit
  • ABSAUGUNG rechts und LARYNGOSKOP mit Spatel links vom Kopf des Patienten griffbereit, Stethoskop vorhanden
  • Ileus? Dann MAGENSONDE legen und unter Sog entfernen
  • Endotrachealtubus (+ eine Größe kleiner) & Führungsstab / Gum-elastic-Bougie & Blockerspritze vorhanden
  • RRsys < 100mmHg vor Intubation dann jetzt präemptiveSTABILISIERUNG mit laufendem NA-Perfusor
    • Beatmungsbeutel mit Reservoir, O2-Fluss maximal
    • PRÄOXYGENIERUNG, ggf. CPAP, > 3 tiefe Atemzüge
    • Intubationsplan und -procedere im TEAM kommuniziert• PLAN B : Guedel / Wendeltubus, Larynxtubus / Intubations-LMA vorhanden und„Plan B“ mit dem Team kommunizieren!
  • Medikamente spritzen in der Reihenfolge:
  • Analgetikum (wirken lassen) > Sedativum > Relaxans > 20ml NaCl-Bolus hinterher >  Intubation & Blockung
  • Auskultation (Epigastrium dann infraclaviculär re. & li.)
  • kommt CO2?
  • Fixierung, ggf. Bronchoskopie / Sekretfalle

Und was nimmt man da so an Medikamenten Narkosearzt?
Zum Beispiel diese hier:

(Es handelt sich hier um einen VORSCHLAG! Medikation für Erwachsenen von ca. 70kgKG, ggf. individiuelle Dosisanpassung beachten!)

• Atropin, Akrinor und Noradrenalin (z.B. Arterenol) bereithalten ggf. präemptiv stabilisieren (s.o.)

• 20 mg Etomidat i.v. ODER 2 – 5 mg Midazolam (z.B. Dormicum)

• 150 mg Ketamin oder 75 mg Ketamin-S i.v.

• 70 mg Esmeron (oder 100mg Succinylcholin i.v. aber „Sux sucks“ und CAVE mit den vielen KI für Succi!)

Männer: Spatel Gr. 4, ETT 8.0, Eindringtiefe bei Zahnreihe 22cm Frauen: Spatel Gr. 3, ETT 7.0 Eindringtiefe bei Zahnreihe 20cm


Ihr seht, die eigentliche Intubation ist nur ein kleiner Beitrag zu einer sehr anspruchsvollen Prozedur. Das Begleitwerk, die Narkose, das richtige Katecholaminmanagement und natürlich die Therapie der Grunderkrankung ist ein hochkomplexer Vorgang. Und überall wo es komplex ist können sich Fehler und damit verbundene Gefahren einschleichen.
Mir ist kein Toastbrot bekannt, was diesen Themenkomplex sicher beherrscht und das ist auch gut so, somit haben wir von der Gas-Wasser-Drogen-Front auch weitere eine stabile Auftragslage.
In diesem Sinne, schlafen Sie gut,

der Narkosedoc

10 Dinge die sie tun sollten, bevor sie operiert werden

OK, ich gebe zu, der Titel ist etwas reißerisch. Und eigentlich geht es auch nur um Kunden die elektiv, also geplant ins Krankenhaus aufgenommen werden.
Elektive OPs machen bei uns ca. 80% des OP-Programms aus. Leistenhernien, Gallenblasenentfernung, Fußumstellung, Hüft/Schulter/Knie-Prothesen und dergleichen mehr. Alles das sind planbare, nicht notfallmäßige Operationen.

  1. Duschen Sie sich. Gründlich. Mehrmals.
    Die sie behandelnden Ärzte arbeiten mit ihnen und ihrem Körper. Während Sie bei der OP schlafen müssen wir uns um ihren Körper kümmern. Glauben Sie es mir – nicht nur der Chirurg ist deutlich besser gelaunt wenn es nicht schon beim Abwaschen nach drei Wochen altem Schweiß stinkt!
    Wir erwarten von ihnen, dass Sie uns den gleichen Respekt entgegenbringen, den Sie auch von uns fordern.
    Davon ab werden Sie nach der Operation sicherlich die ersten ein oder zwei Tage nicht in die Dusche kommen – da lohnt es sich wenn man von bestehenden Hygienereserven zehren kann!
  2. Waschen Sie den Bauchnabel, die Füße, die Leiste und die Achselhöhle nochmal extra. 
    In der genannten Reihenfolge finden Sie die fürchterlichsten und abscheulichsten Hygieneprobleme. Was wir schon aus Bauchnäbeln herausfischen mussten entbehrt jeder Schilderung! Mehrere Blitzdings-Sitzungen waren nötig um diese Impressionen auszulöschen…
    Sie haben ein Interesse daran die Operation ohne eine Infektion zu überstehen. Die sicherste und beste Grundlage für einen problemlosen Heilungsverlauf.
    Sie wollen nicht die Patientin sein „die zwei Mal nach Hause geschickt wurde„…
  3. Nehmen Sie ein günstiges Uralt-Handy mit.
    Smartphones stellen nicht nur einen relevanten Gegenwert dar sondern bieten neben dem finanziellen auch oft einen erheblichen Verlust privater Daten. Eine Zeit lang wurden gerade auf unserer Privatstation bevorzugt Smartphones und auch Notebooks von Patienten gestohlen. Hier kann z.B. ein einfaches Schloss für eine Hand voll Euro helfen! Den Schlüssel dafür können Sie überall hin mitnehmen (oder z.B. mit Karabiner an der Hose befestigen).
    (http://www.ebay.de/bhp/laptop-schloss)
  4.  Lassen Sie Schmuck zuhause. 
    Eheringe, Klunker, Ohrringe und das ganze Geklimper – es kann nur geklaut werden. Es interessiert uns auch wirklich nicht, was Sie alles an Geschmeide besitzen. Ringe kann man übrigens mit Seife hervorragend abbekommen. Wenn alles nichts hilft, gibt es noch die „Fadenmethode“ – irgendwann bekommt man JEDEN Ring ab. (https://www.youtube.com/watch?v=9DkyioPrWNM)
  5. Notieren Sie sich ihre Fragen schriftlich. Vorher. 
    Gesprächszeit mit Ärzten ist kostbar, sie sollten Sie sinnvoll nutzen, wir tun es auch. Ein normaler Krankenhausarzt (Internist, Chirurg, Anästhesist) muss noch tausend andere Dinge mehr  am Tag tun weshalb die eigentliche Zeit pro Patient auf ein Minimum schrumpft. Ist so, würden wir auch gerne ändern, Hermann Gröhe eher nicht. Wenn Sie Fragen haben, notieren Sie diese auf einen Zettel und gehen Sie diese Fragen ganz konkret mit ihrem Arzt durch. Im Gespräch selber werden Sie sich sonst nicht an die Fragen erinnern und ärgern sich dann hinterher wenn Sie doch verpasst haben zu Fragen wann die Fäden denn entfernt werden müssen (in der Regel nach 10 Tagen…).
  6. Lassen Sie (wenn möglich) die Zähne im Zimmer. 
    OK, die Zähne die fest sind dürfen drin bleiben. Da erwarte ich jetzt auch keinen Aktionismus mit der Extraktionszange. Aber glauben Sie mir – mein Standardklientel hat keine Zähne mehr. Manchmal bin ich regelrecht irritiert wenn mich eine Raab-eske Kauleiste begrüßt. Es ist für mich wirklich und ehrlich völlig normal à la Inge Maisel begrüßt zu werden. Das nehme ich meist gar nicht mehr wahr. Ja, für Sie ist es tooootaaaal peinlich, sie werden sich die Hand vor den Mund halten und können sich kaum vorstellen, dass mir die fehlenden Zähne egal sind. Sie sind es. Sowas von.
  7. Verärgern Sie ihren Anästhesisten nicht durch die Präsentation ihrer neuen Vollprothese! 
    Immer wieder schaffen es Patienten irgendwelche Pflegekräfte zu überzeugen, dass Sie bei Prof. Hoppenstedt aber MIT! Zähnen in den OP durften. Ja, da musste man die Vollprothese nicht herausnehmen.
    Das Problem ist, dass die Zähne (sofern mit geringem Aufwand herausnehmbar, nicht irgendwelche Implantate) einer Vollprothese für die Narkose herausgenommen werden müssen. Es könnte sonst bei Einleitung der Narkose passieren, dass die Prothese oder Teile der Prothese hinten in den Hals fallen, den Atemweg verlegen und massive Probleme verursachen können. Alles schon passiert. Wenn ich aber die Zähne rausnehme bin ich als Anästhesist dafür verantwortlich. Und zwar ohne Versicherung. Keine Versicherung übernimmt den Schaden an einer Prothese wenn Sie durch unachtsame Handhabung des Anästhesisten verursacht wurde. Auch alles schon gehabt.
    Sie wollen einen gut gelaunten Anästhesisten – begrüßen Sie uns mit einem strahlenden, zahnlosen Lächeln!
  8. Machen Sie einen kurzen Zettel fertig mit den wichtigsten, medizinischen Informationen.
    Größe, Gewicht, Allergien, Vor-Operationen, eine Liste aktueller Diagnosen (Bluthochdruck, Diabetes…), aktuelle Medikamente sowie ggf. andere medizinische Besonderheiten (hatte schon mal diesen „Krankenhauskeim“) und das ganze noch in leserlich. Gerne auch mit Schreibmaschine! Glauben Sie es mir – Sie werden viele, viele Menschen glücklich machen. Mit einem Zettel, den Sie in fünf Minuten geschrieben haben. Ich sage jetzt schon mal – Danke!
  9. Packen Sie ein paar gut sitzende Ohrenstöpsel und eine Schlafmaske ein.
    Nicht nur auf der Intensivstation sondern auch auf der Normalstation pladdert die ganze Nacht eine Kakophonie aus Perfusoralarmen, Schmerzpumpengepiepse, automatisch öffnenden und RUMMS-zufallenden Türen vor sich hin. Sie brauchen den Schlaf – machen Sie es sich so bequem wie möglich. Ruhe und Dunkelheit sind schon mal eine gute Grundlage.
  10. Waschen Sie sich. Am Vorabend. Morgens vor der OP. Gründlich.
    Auch die Achseln, den Bauchnabel, die Füße und… ach ich sagte das bereits? OK, aber „10 Dinge“ klingt ja auch einfach besser als „9 Dinge…“

Immer schön frisch bleiben.

Bildschirmfoto 2015-08-13 um 11.45.19
Die Notfallmedizin hat mich von Anfang an begeistert.
Bereits die ersten Mitfahrten bei erfahrenen Kollegen fand ich sehr aufregend. Temp 100 in der Innenstadt – hui. Geblitzt worden – egal!
Hochmotiviert mit dem Ziel einem Menschen in Not helfen zu können.
Dann die ersten eigenen Fahrten – hui². Eigene Patienten behandeln!
Kein Oberarzt im Hintergrund den ich fragen muss.
Kein Oberarzt im Hintergrund den ich fragen kann.
Beim Blick auf den Dienstplan wird die Spalte „NEF“ auf den eigenen Nachnamen abgesucht. Jeder Dienst bedeutet eine Menge Zeit dringend zu erledigende Dinge vom Schreibtisch zu bekommen. Lecker umsonst essen in der Kantine. Traurige, lustige aber auch dramatische Erlebnisse mit Kollegen und Kolleginnen. Viel Banalität und Langeweile, aber eben auch diese Minuten in denen es im Kopf kribbelt.
Und immer die bange Frage – was erwartet uns vor Ort?
Der auf dem Melder als „Kind (11)“ angemeldete war dann nicht 11 Jahre, sondern klitzekleine 11 Monate – Adrenalin.
Die bewusstlose Person macht uns selbst die Tür auf – Entspannung.
Die Reanimation im Altenheim (zu der ich mit genau diesem Gedanken hingefahren bin) entpuppt sich als 20-jährige Altenpflegehelferin mit Lungenembolie – volle Konzentration, maximale Therapie, alle sind hellwach dabei.

Klar, so lange ich hier rumsitze geht es dem Bürger gut.
Es ist auch sehr komplex, jemandem der sich nicht für die Notfallmedizin begeistert, erklären zu können, was genau die Faszination ausmacht. Es ist dieses Ostinato im Hintergrundrauschen der Großstadt. Wir sind immer da, nur für den Fall.
Es geht gar nicht um das Leid der Menschen. Mir sind auch kaputte Autos egal, das Gaffer-Gen fehlt mir.
Was ist es dann?
Ich glaube, es geht mir um die Herausforderung gegen den Gegner zu gewinnen. Mein Patient erleidet ein Trauma, eine Krankheit schlägt erbarmungslos zu.
Ab diesem Moment arbeitet der Gegner gegen uns. Der Gegner hat Vorsprung.
Er arbeitet mit starken Schmerzen, mit einer zunehmenden Schwächung des Kreislaufs und hat viele Booster (laute Umgebung, Chaos an der Einsatzstelle…) und Multiplikatoren (Begleiterkrankungen, Bltuverdünner…) auf seiner Seite die dem Gegner helfen sollen zu gewinnen.

Es ist die Herausforderung sich in kürzester Zeit einen Überblick zu machen. Einen Plan zu erstellen. Bereite bitte diese Medikamente vor, ruf Du bitte dort an, mach Du bitte das.
Der Gegner sieht nicht tatenlos zu, es werden neue Ereigniskarten auf den Tisch geworfen.
Blutdruckabfall? Trumpf im Ärmel = habe Arterenol in die Infusion gepackt, lasse ich auf mittelhart mittropfen Puls peripher gut tastbar.

Die Situation erkennen, Optionen prüfen, eine Option wählen, durchführen und bewerten. Ständig mit dem Team im Kontakt bleiben, effektiv kommunizieren, erkennen wer noch welche Kompetenzen und Reserven zur Verfügung und hat und wer nicht.

Es ist kein Spiel. Es ist ein Wettkampf.
Es geht um Sieg oder Niederlage, es geht darum wie man gewinnt. Elegant, schnell, kurz und schmerzlos (man verzeihe mir dieses Wortspiel…). Die Therapie kann improvisiert, schmutzig, radikal, langsam, vorsichtig, aggressiv oder in begründeten Fällen auch fernab der Leitlinien stattfinden.
Entscheidend ist unterm Strich. Es geht um die Ungewissheit und das Nicht-mehr-Planbare.
Es erinnert mich an die Wanderungen mit meinem Großvater durch die Schweizer Berge. Wir konnten immer nur bis zum nächsten Felsvorsprung schauen. Meistens kam dahinter der nächste Anstieg, ein weiterer sich serpentinenartig schlängelnder Wanderweg um den Berg herum. Viel zu selten kam die ersehnte Bergstation mit Spielplatz und Verpflegung. Die Motivation blieb der Reiz des Unerwarteten. Es könnte sein. Wir müssen mal schauen. Erstmal nur bis da vorne.

Es sind die komplexen, schwerverletzten oder schwerkranken Patienten. Es sind die großen Herausforderungen die bei mir dieses Kribbeln im Kopf auslösen.
Am Rande der Komfortzone muss ich wach sein, auf Fehler lauern, entdecken, beheben, selber keine machen. Haken schlagen und den Patienten sicher ans Ziel führen. Ich bin wie der Bergführer, der die Gletscherspalten umgehen muss.

Und am Ende gilt es die eigene Arbeit ständig neu zu bewerten. Was war besonders gut? Was hätten wir besser machen können? Wo besteht Nachholbedarf?

Nach einem NEF-Dienst gehen viele Einsätze in der Bedeutungslosigkeit verloren. Fehleinsätze, Banalitäten. Es bleibt aber immer ein Destillat über was mich reifen lässt, demütig macht und am Ende dankbar zurück lässt, den für mich schönsten Beruf der Welt zu haben.

Die vier Phasen.

Ich habe Glück gehabt.
Man sagt, dass es im Leben eines Mediziners vier Phasen gibt:
Phase Eins: die berechtigte Unsicherheit

Der Medizinstudent hat viel gelesen, andere vieles machen sehen und kann eigentlich selber so richtig noch gar nichts außer Fragen stellen. Das weiß er, deshalb ist er vorsichtig, deshalb ist er unsicher.

Phase Zwei: die unberechtigten Sicherheit

Statistisch passieren die schlimmsten Fehler im dritten und vierten Ausbildungsjahr. Man fühlt sich groß und stark, hat so die eine oder andere Unwegbarkeit umschifft und denkt sich – na, was so ein Oberarzt kann, kann ICH schon lange. Die Unsicherheit der ersten Jahre ist verflogen, wurde ersetzt durch erfolgreiche Erlebnisse, gestärkt durch das Vertrauen in wachsende, eigene Fähigkeiten. Was noch fehlt ist z.B. der fundierte klinische Blick wie ihn Schwester Sabine (25 Dienstjahre auf der Intensiv) drauf hat. Oder die Ruhe eines Oberarztes bei der schwierigen Intubation wenn die Sättigungswerte sich der Raumtemperatur nähern. Und die Coolness den Tubus auch dann richtig zu versenken wenn alle hektisch werden. In dieser Phase passieren die meisten, wirklich schlimmen Fehler.

Phase Drei: die berechtigte Sicherheit

Oberarzt, seit 5 Jahren im gleichen Haus, mit jeder Schraube per Du. Katheter fallen dahin, wo sie hin sollen, außer bräsigen QM-Vorschriften und dem alljährlichen Rezertifizierungstrara bringt einen eigentlich so gar nichts mehr aus der Ruhe.

Phase Vier: die unberechtigte Unsicherheit

Schaffe ich den Wechsel in die Praxis? Kriege ich das noch hin mit der Umstellung? Soll ich den Posten als Leiter der Dingsbumsologie übernehmen? Bin ich dafür geeignet?
Die Antwort: Ja.

Ich befinde mich am Rande von Phase Zwei und hoffe, dass der Weg bis zur Phase Drei nicht mehr so weit ist.