Frag den @Narkosedoc – Twitter und ich.

Ich bin mal rüber zu diesem Twitter, habe die Decke abgezogen, entstaubt, frisch geölt, paar rostige Bauteile abgeschliffen und neu lackiert und – zack!

Der @narkosedoc zwitschert. Eine tolle Community dort, weitestgehend sehr höflicher und respektvoller Umgang, das gefällt mir. Klar, so ein paar Krakeelige sind auch dort dazwischen, aber in einem Wald voll zwitschernder Vögel muss man auch mal so einen röhrenden Hirsch verschmerzen können. Testosteron und so.

Ich habe dort eine Frage rausgehauen, Servicetweet quasi.

Was wolltet ihr immer schon vom Notarzt wissen?

Und jetzt geht es los.

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Per Sie und in höflich. Ich sagte es ja, sehr netter Umgangston hier 😉

Es sind tatsächlich AutofahrerInnen, die mal eben schnell noch hier durch müssen. Da erlebt man alles. Auch wenn wir mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs sind erleben wir Linksabbieger die uns die Vorfahrt klauen oder viel zu spät an die Seite fahren. Überhaupt wird gerne gebremst, aber sonst passiert nichts. Also ich sag mal so – mitten auf der Spur stehen bleiben sorgt jetzt nicht direkt dafür, dass wir schneller voran kommen. Und dafür machen wir ja den ganzen Zirkus. Ich glaube das ist manchmal aber auch einfach Überforderung, deshalb bin ich da auch erstmal keinem böse.

<blockquote class=“twitter-tweet“ data-conversation=“none“ data-lang=“de“><p lang=“de“ dir=“ltr“>Ich stelle mir die Zeit im Krankenwagen bis man beim (schwerverletzten) Patienten ist sehr schlimm vor. Ich könnte unter einem solchen Stress kein Auto fahren. Wie geht ihr damit um und was sind die Gedanken bei der Fahrt? Übrigens, Danke für Eure Arbeit!! ❤️</p>&mdash; Lola77 (@aarven77) <a href=“https://twitter.com/aarven77/status/1070287480639946752?ref_src=twsrc%5Etfw“>5. Dezember 2018</a></blockquote>

Ja, das ist unangenehm. Vor allem wenn auf der Anfahrt dann weitere Infos von der Leitstelle an uns weitergereicht werden. SHT Kind auf dem Melder und dann „Patient trübt jetzt ein“ zu hören sorgt für zusätzliche Anspannung. Davon muss man sich aber auch ein wenig frei machen. Es bringt nichts, wenn wir auf der Anfahrt verunfallen. Ich bin heilfroh, dass ich eine/n FahrerIn habe. Bei Kindernotfällen nutze ich die Zeit und rechne anhand der bekannten Daten zum Patienten (Alter, manchmal sogar Größe und Gewicht) benötigte Medikamentendosierungen aus. Was soll ich auch sonst machen?

Ohweiaohjemine hilft ja auch keinem weiter. Ein Mindset für die Narkose machen hilft hingegen schon. Manchmal sprechen wir uns auch ab welche Zielkliniken geeignet werden, ob wir noch den Hubschrauber dazu nehmen und ähnliche Sachen.

Nein.

Aber die Antwort hättest Du Dir ja auch selbst geben können, also hier nochmal in ausführlich. Appelative Suizide („Hilfeschreie“) sind meist sehr offensichtlich. Diese Patienten wollen aber auch meist gar nicht sterben sondern senden einen Hilferuf. Ritzen am Unterarm und sowas. Muss man total ernst nehmen und das tun wir auch.

Echte Suizidversuche können auch soweit fortgeschritten sein, dass der Patient selber nicht mehr befragt werden kann. Bei bewusstlosen Personen checken wir aber immer erst die eigene Sicherheit (CO? Andere Gase? Stromunfall?) und dann die Umgebung z.B. auf leere Tablettenblister oder ähnliches.

Meist gibt es irgendein kleines Detail was nicht stimmt oder jemanden aus dem Team stutzig werden lässt und dann kommt man meistens doch drauf. Auch deshalb sind wir ein Team und nur gemeinsam so richtig gut.

Der Tweet von @raphibuffy erinnert mich an ein sehr unschönes Erlebnis. Ein eingeklemmter LKW-Fahrer dessen Kopf unverletzt geblieben ist, der aber unterhalt der Brust von seinem Lenkrad eingeklemmt war. Der Unterkörper war nicht mehr durchblutet. Es stand zu befürchten, dass der Patient sofort innerlich verblutet, sobald wir das Lenkrad wegnehmen. Der konnte noch mit uns sprechen und war sich dennoch bewusst, dass hier sein Leben zu Ende geht. Wir haben noch mit ihm gesprochen, die Personalien aufgenommen und ich gebe zu, dass ich ihm ein bißchen mehr Hoffnung gemacht habe als angemessen gewesen wäre. Er erzählte nichts von einer Familie sondern nur, dass wir seinen Spediteur informieren sollen, dass er einen Unfall hat. Ich habe ihn versucht verbal abzlenken und ihn medikamentös abgeschirmt, also schmerzfrei gemacht. Als wir das Lenkrad ganz leicht nach vorne gezogen haben wurde er schlagartig weiß und bewusstlos. Man hat hinterher einen Abriss der Hauptschlagader festgestellt, das wäre mit dem Leben nicht vereinbar gewesen. Wir können eben leider nicht allen helfen. Das muss man akzeptieren können. Einfach ist das trotzdem nicht.

Indem man darüber redet. Ich rede darüber lieber mit meiner Frau als mit meinen Arbeitskollegen, aber das muss jeder für sich selbst rausfinden.

Viele flüchten sich auch in den Sport.

Was auch hilft – ein routiniertes Abschiedsritual. Melder abgeben, Klamotten ausziehen, Duschen (und die Sorgen „abwaschen“), bequeme Alltagskleidung an, laute Mucke für den Nach-Hause-Weg und dann zu Hause ankommen.

Es gab auch schon Tage an denen ich gesagt habe – heute gehen wir gemeinsam richtig lecker Essen. Einfach um das Leben zu feiern. Bewusst einen Kontrapunkt setzen zu den manchmal sehr traurigen (oft aber auch sehr lustigen 😉 Eindrücken.

Aber ja, leider. Viel zu oft.

Ich versuche das immer ein wenig zu bremsen, ehrlich. Ich finde es dem Leitstellendisponenten gegenüber unfair. Die müssen am Telefon entscheiden ob das ein echter Notfall ist oder nicht. Und wenn sie weniger als den Löschzug+RTW+NEF raus schicken müssen sind sie am Ende noch haftbar dafür. Nee, ich sage immer – lieber ein einfacher Notfall und schnell wieder ins Bett als irgendwas superschlimmes kompliziertes. Freuen wir uns doch einfach, dass es glimpflich ausgegangen ist und tschüss, ruhige Nacht noch. Hilft ja sowieso nichts sich aufzuregen, passiert ist passiert.

Weil ich verdammt stolz bin ein Teil der Luftrettung zu sein. Ich habe nirgendwo vorher ein so professionelles Team erlebt. 100% Verlässlichkeit von jedem Teammitglied. Herausforderungen die uns oft medizinisch und menschlich ans Limit bringen aber die wir gemeinsam zu bestehen versuchen.

Ein Team in dem wir offen mit Fehlern und Beinahe-Fehlern umgehen. Und ein tecnisches Hilfsmittel (der Hubschrauber) welcher wahrscheinlich eine der komplexesten Maschinen ist, die der Mensch je geschaffen hat. Und den der Pilot exakt dahin stellen kann wo er/sie das möchte.

Übrigens – jeder von uns in diesem Team ist so begeistert von der Luftrettung. Wir sind jeden Tag dankbar dafür, dass wir unseren Traum wahr machen konnten. Diese Begeisterung geben wir auch gerne weiter. Komm doch mal vorbei, wenn wir in Deiner Nähe landen 😉

Das entscheidet die Leitstelle je nach Notruf. Es gibt bestimmte Stichwörter bei denen der Disponent einen Notarzt mit raus schicken muss. Luftnot, Sturz aus großer Höhe und solche Dinge. Manchmal ist es auch Ermessenssache.

Ich habe das als Notarzt noch nicht erlebt. Aber auf einer Intensivstation. Ich musste ihn notfallmäßig intubieren, er war auf dem Weg in den OP. Keine Zeit für ein Telefonat, keine Angehörigen vor Ort. Ich habe ihn gefragt, ob er mir noch was sagen möchte weil seine Karten ziemlich schlecht standen. Ich habe das was er mir gesagt hat dann genau so seiner Frau gesagt und ich hatte noch nie so einen dicken Kloß im Hals.

Es war sehr schön und es war sehr traurig und am Ende waren es tatsächlich seine letzten Worte. Das klingt total kitschig und es riecht sehr danach als wenn ich mir das so ausdenken würden aber wer in der Notfall- und Intensivmedizin arbeitet weiß – so absurd und so brutal wie die Realität manchmal ist können wir uns das gar nicht ausdenken.

Falls es wirklich um „Kochsalzlösung“ geht, also NaCl-Infusion kann ich nur sagen – damit kann man Nudeln kochen, mehr nicht. Der Erfolg dieser Infusion ist wohl dem Erfinder zu verdanken, der die Plörre als physiologische Kochsalzlösung vermarktet. Physiologisch klingt natürlich und ist besser als pathologisch. Kochsalz kennt man aus der Küche, das kann so schlimm nicht sein. Und eine Lösung suchen wir ja meistens im Leben.

Soll man nicht geben, niemals. Auch nicht bei Dialysepatienten.

Hier gut nachzulesen:

http://www.wains-world.de/2014/11/03/chips-und-erdbeeren-niemand-braucht-nacl/

Das ist mir tatsächlich noch nie begegnet. Ich werde aber zukünftig mehr darauf achten, sollte mir ein Smartphone vor die Füße fallen.

Wie ist das bei anderen Blaulichtern? Ist das jemandem von Euch schon mal da draußen begegnet und habt ihr daraus echten Nutzen gezogen? Hat es ggf. sogar die Therapie verändert?

Tät mich interessieren tun.

*war vor 2 Wochen auf einer notfallmedizinischen Workshop zum Thema Geburt im Notarztdienst

*googlet „regelmäßig“

Eine von mir sehr geschätzte Kollegin ist Geburtshelferin und Gynäkologin. Sie ist der festen Überzeugung, dass alle präklinischen Geburten gemeinsam haben, dass die strahlenden Protagonisten welche das Kind dann in der Klinik abgeben allerhöchstens Zuschauer eines spontan ablaufenden Naturereignis sind dem sie in Ihrer Funktion als Rettungsdienst zufällig beiwohnten.

In der Kurzfassung kann man sagen – eine normale Geburt erfordert fast kein Eingreifen von außen, das Kind wird seinen Weg finden. Und jetzt warte ich auf die Hebammen die mich verhauen. 😀

Aber im Ernst – komische Sternenguckerlagen und Schulterdystokien – da sind wir doch alle komplett aufgeschmissen. Auch die Anästhesisten, weil man das Problem nicht mit einem Tubus lösen kann 😀

Und zum Schluss weil es das ganze so schön abrundet:

Ja Mann.

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Status 6 all night long

Der Notarztdienst hier im ländlichen Bereich verspricht eigentlich recht ruhig zu sein. In 24 Stunden sind es meist nicht mehr als drei oder vier Einsätze, nachts bleibt der Melder oft komplett ruhig. Nicht in dieser Nacht.

Eine Partygesellschaft rief uns weil die Gasflasche leer war, also fuhren wir mit Sondersignal zum Baumarkt um eine neue Flasche zu besorgen. Beim zweiten Einsatz nahmen wir den Bürgermeister mit, dieser brauchte eine Impfung für den geplanten Sommerurlaub. Bis zur nächsten Kinderklinik ist es relativ weit, wir fuhren gefühlt stundenlang über Land aber die Kinderklinik war nunmal die einzige Klinik die den Bürgermeister impfen konnte.
Zack, den Bürgermeister abgesetzt und ab ging es nach Hause.

Auf der Rückfahrt wurden wir nämlich von der Leitstelle direkt für einen Folgeeinsatz alarmiert. Bewusstloses Kind, Nachforderung vom RTW bei drohender respiratorischer Insuffizienz.

Ich ging in Gedanken das Szenario durch und hatte für meinen Geschmack etwas zu viel Zeit auf einer gefühlt viel zu langen Anfahrt zum Einsatzort.

Das Navi führte uns über Feldwege auf Schleichwege zurück auf Feldwege die immer entweder in einer Sackgasse oder vor einem Gebäude oder vor vor einem Pöller endeten. Für Pöller haben wir eigentlich ein Werkzeug an Bord, damit versuchte ich vergeblich den Pöller umzulegen. Es war auch eigentlich kein Dreikant wie sonst sondern mehr so ein Flaschenöffner, den hatte wohl jemand ausgetauscht.

Mein Fahrer hielt es nicht für nötig mal bei der Leitstelle nachzufragen wo denn der Einsatzort genau sei. Normalerweise kommt dann irgendeine ergänzende Information oder der Anrufer macht sich bemerkbar.

Joko (ja genau, der Halbbruder von Klaas) machte noch ein paar Versuche den Einsatzort anzufahren und brach die Anfahrt schließlich ab.

Ich war fassungslos ob dieser Nonchalance. Nein, sagte Joko, er würde das jetzt nicht finden, die würden schon klar kommen im RTW.

Die Auseinandersetzung fand ein jähes Ende weil ich schließlich ausstieg, das Renn-E-Bike vom Anhänger nahm und auf eigene Faust versuchte den RTW zu finden.

Was ich fand war ein quicklebendiges Kind. Topfit ausgeschlafen und hellwach. Noch bevor ich eine Rückmeldung an die Leitstelle geben konnte weckte mich das Kind brabbelnd und lachte mich freudestrahlend an.
Guten Morgen.

Vom Unfall bis zur Reha – so geht das.

Ihr fahrt auf der Autobahn, vor Euch leicht zäh fließender Verkehr. Der Verkehr wird dichter, die ersten machen ihr Warnblinklicht an.
Ihr versucht Euch wie ihr das vom Narkosedoc gelernt habt bei dem sich bildendem Stau sofort auf die linken beziehungsweise mittlere Spur zu wechseln weil ihr wisst, dass die mit Abstand schlimmsten Unfälle fast immer auf der LKW-Spur ganz rechts passieren.

So auch hier, plötzlich gibt es direkt hinter Euch einen heftigen Knall, eine Wolke aus Staub und Dreck legt sich über die Fahrbahn, Autoteile fliegen durch die Luft, danach Stille.
Es sind
die ersten Zehntelsekunden des Unfalls
die darüber entscheiden ob die entstehende Verletzung mit dem Leben vereinbar ist oder nicht. Der Abriss einer Hauptschlagader, eine geplatzte Herzhöhle – und das Leben ist hier vorbei, eine Rettung unmöglich.
Instinktiv bist Du an die Seite gefahren und stehst jetzt hinter dem Unfall.

Die ersten Sekunden nach dem Unfall.
Du wählst die 112 und Dein Handy wird automatisch an die für diesen Ort zuständige Leitstelle verbunden (genial, oder?). Der Leitstellendisponent wird Dich alles wichtige fragen.
Was ist passiert? Von wo rufen sie an? Wieviele Verletzte gibt es?
Außerdem wird es für den speziellen Notfall spezielle Fragen geben (ist die Fahrbahn noch frei oder stehen die Autos quer? Konnten sich die beteiligten Personen selber aus dem Fahrzeug befreien?).
Nun wird entsprechend dem Meldebild ein Hilfskonvoi alarmiert. Der besteht in so einem Fall meistens aus Polizei (die regeln alles rund um Aufnahme des Unfalls, Absperrung bis zur Reinigung und Freigabe der Autobahn), Feuerwehr (sichert die Unfallstelle gegen entstehendes Feuer ab, kann eingeklemmte Personen befreien und noch viel mehr!), Rettungsdienst meist mit RTW und Notarzt, bei entsprechendem Szenario wird meist auch parallel ein Rettungshubschrauber mit alarmiert.
Der Patient selber hat zwar schwere Verletzungen die vielleicht nicht stundenlang aber doch so lange zu überleben sind, bis professionelle Hilfe eintrifft. Der Körper schüttet körpereigene Schmerzmittel und kreislaufstabilisierende Moleküle aus um diesen Zustand zu überleben.

Die kritischen 60 Minuten – „the golden hour of shock“ 
Die Autobahn wird im Anschluss dann durch die meist zuerst eintreffende Polizei abgesperrt so dass der Hubschrauber dahinter landen kann. In Zusammenarbeit wird die Unfallstelle abgesichert und versucht die Patienten schnellstmöglich und dem Verletzungsmuster enstprechend schonend zu retten. So schnell wie möglich, so sorgfältig wie nötig. Ein Patient mit drohender Querschnittsverletzung ohne sonstige Probleme muss so schonend wie möglich gerettet werden. Ein stark blutender Patient wird zur Not egal wie und so schnell wie irgend möglich aus dem Fahrzeug gerettet (Crash-Rettung).
Das alles findet immer in sehr enger Absprache zwischen dem Notarzt, dem Rettungsdienst, dem Einsatzleiter der Feuerwehr und auch der Polizei statt. Sobald ungefähr klar ist was für Probleme der Patient hat wird zum Beispiel der Rettungsassistent des Rettungshubschraubers versuchen ein Bett für den Patienten zu organisieren.
Jetzt klingelt in einer großen Klinik die auf die Versorgung von Schwerverletzten spezialisiert ist (meist eine Uniklinik oder eine sgn. BG-Klinik) das rote Telefon. Die Klinik bekommt eine ungefähre Info darüber was sie wann erwartet.
Nachdem der Patient gerettet ist wird meist eine Erstversorgung entweder noch auf der Straße oder im bereitstehenden RTW gemacht. Nach Stabilisierung, Ergänzung intensivmedizinischer Maßnahmen (Narkoseeinleitung, Thoraxdrainagen o.ä.) erfolgt meist der Transport in den Rettungshubschrauber.
Der Rettungsassistent sichert den startenden Hubschrauber ab, der Notarzt kümmert sich weiter um den Patienten. Meist wird jetzt nochmal das aufnehmende Krankenhaus direkt informiert.
„Der Christoph 1 hier, wir landen um 17:20 Uhr mit einem Polytrauma bei Euch, SHT, instabiles Thorax- und Beckentrauma, intubiert, beatmet“.
In der Klinik wird nun das Schockraumteam alarmiert. Bei uns läuft das so, dass man an einem kleinen Rädchen die Uhrzeit einstellt und daneben einen roten Buzzer drückt. Dann bekommen alle für den Schockraum zuständigen Kräfte auf ihr Telefon einen Alarm der z.B. „Schockraum 17:20 Uhr“ anzeigt. Man kann auch einfach so den Buzzer drücken dann wird es ein „Schockraum SOFORT!“ das gibt den besonderen Extra-Kick 😉
Die Zeit vom Ereignis des Unfalls bis zur Übergabe in der Klinik sollte nicht länger als eine Stunde dauern. Alles was darüber hinaus geht ist mit einer deutlich erhöhten Tödlichkeit verbunden.

Das Team wird also mit dem Patienten landen, warten bis die Turbinen etwas abgekühlt und schließlich ausgeschaltet sind (das dauert nun mal zwei Minuten) und im Anschluss den Patienten ausladen und in den Schockraum bringen. Hier steht ein Team bereit, dies besteht meist aus:
Schockraum Teamleader (meist ein Arzt der Anästhesie oder Chirurgie)
Facharzt / Fachärztin Anästhesie (kümmert sich primär um Sicherung des Atemwegs, Stabilisierung des Kreislaufs etc.)
Anästhesie-Pflegekraft (nimmt Blut ab, bereitet Medikamente vor und appliziert sie, macht Narkose, assistiert dem Anästhesisten, behält den Überblick und macht 1000 Dinge mehr…)
Facharzt / Fachärztin Chirurgie (macht die erste Ultraschallaufnahme des Bauches und der Lungen und schaut ob irgendwo Flüssigkeiten sind die da nicht hingehören, legt b.B. Thoraxdrainagen)
Chirurgie-Pflegekraft (entkleidet den Patienten komplett – falls nicht schon geschehen – und assistiert dem Chirurgen z.B. bei der Anlage der Thoraxdrainagen)
Notaufnahme-Pflegekraft (kümmert sich um die Anlage eines Blasenkatheters, nimmt Blut ab, bringt dies zur Blutbank/Labor)

im Standby stehen
Facharzt / Fachärztin Neurochirurgie (macht vor der Bildgebung eine erste Basisuntersuchung, insbesondere wenn der Patient noch wach ist)

Facharzt HNO / Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie / Urologie und andere – je nach angemeldetem Verletzungsmuster

Dieses Team kümmert sich nur und ausschließlich um einen einzigen Patienten. Es ist die maximale Versorgungsstufe die wir leisten können, es gibt keine weitere Eskalation. Alle Technik und alle medizinischen Maßnahmen die überhaupt nur verfügbar sind werden eingesetzt um dieses eine Menschenleben zu retten. Das sieht chaotisch aus, läuft aber wie ein Uhrwerk nach einem Muster welches wir immer und immer wieder trainieren.
Deshalb ist es auch nicht förderlich wenn im Schockraum Praktikanten und Famulanten herumstehen die sich das mal ansehen wollen. Da sie es aber ja doch irgendwie lernen müssen bekommen Bystander bei uns hellblaue Umhänge angezogen (weil die Wände auch hellblau sind und sie so am ehesten nicht wahrgenommen werden) und müssen in einem auf dem Boden markierten Bereich stehenbleiben. Aus diesem dürfen sie nicht heraustreten, bis der Patient den Schockraum wieder verlassen hat.
Der Boden sieht sowieso wie in einer Turnhalle aus. Alles ist farbig eingezeichnet und hat einen festen Standplatz. Der Parkplatz für die Trage des Rettungsdienstes, der Parkplatz für unsere Traumaliege (die man direkt ins CT schieben kann), sogar unsere Beatmungskiste hat einen eigenen Parkplatz (und weil der Parkplatz für die Anästhesie blau ist hat irgendwann mal jemand eine Parkuhr drangehängt).
Abhängig vom Krankheitsbild gibt es ein abgestuftes weiteres vorgehen.

Extrem selten (wenige Male im Jahr) – der Patient wird noch im Schockraum notfallmäßig operiert (am Bauch, an der Luftröhre etc.) weil ein Transfer in den OP zu viel Zeit kosten würde

Selten
(wenige Male im Monat) – der Patient wird direkt in den OP gebracht, es wird keine weitere Bildgebung gemacht, der Patient wird sofort notoperiert aber mit den sterilen Bedingungen und der technischen Ausrüstung eines echten OP-Saales

Regelhaft wird der Patient nach einer kurzen Diagnostik- und Stabilisierungsphase unverzüglich in die Röhre geschoben – das heißt Computertomografie von der Locke bis zur Socke. Dabei entstehen weit über 1500 Bilder die sich der Radiologe (der nächste Facharzt im Bunde…) nun zügig anschauen muss. Das geht nach der radiologischen Devise – find first what kills first. Erstmal nach dem schauen, was den Patienten umbringt, den inkompletten Leistenbruch kann man dann hinterher noch dazu diktieren, das ist in der Regel nicht das akute Problem.
Auf Grundlage des Zustands des Patienten und der Ergebnisse der Diagnostik wird dann entschieden ob der Patient direkt in den OP geht oder erstmal auf die Intensivstation.

Die nächsten 24 Stunden  
Von der Akutphase auf der Autobahn wo Sekundenbruchteile über Leben und Tod entscheiden dehnen sich die relevanten Zeitabstände immer weiter.
Die ersten 24 Stunden werden zeigen wie der Körper es schafft mit den teils massiven Verletzungen umzugehen. Es stehen dramatische Veränderungen an, die den Kreislauf, die Blutgerinnung und Entzündungsmechanismen betreffen die auch ganz ohne Bakterien erhebliche Probleme verursachen können. Mit moderner Intensivmedizin kann der mit Abstand größte Teil der Patienten die es bis hier geschafft haben auch langfristig gerettet werden.
Die Beatmungstherapie, die Stabilisierung der Blutgerinnung, ein geregeltes Temperaturmanagement, die Vermeidung von weiteren Komplikationen wie Lungenentzündungen und Thrombosen und viele weitere Dinge müssen in einem komplexen Zusammenspiel von Ärzten, Pflegekräften, Spezialisten und den Angehörigen gemeistert werden.

Die nächsten Wochen
Der Patient wird manchmal schon nach wenigen Stunden, manchmal erst nach mehreren Tagen von der Beatmungsmaschine entwöhnt und kann aus dem künstlichen Koma erwachen. Je nach der erlittenen Schädigung kann dies auch mehrere Tage dauern.
Jetzt steht die Physiotherapie, ggf. auch Logopädie, Ergotherapie und andere ergänzende Therapieangebote im Vordergrund. Außerdem muss weiterhin kontinuierlich darauf geachtet werden, dass zum Beispiel die Magenschleimhaut keinen Schaden durch die Schmerzmittel nimmt und dass die Bettlägerigkeit nicht zur Ausbildung von Thrombosen führt.
Hauptziel ist es jetzt für den Patienten eine Anschlussheilbehandlung (früher auch Reha genannt) zu finden um schnellstmöglich eine Wiedererlangung der Selbständigkeit des Patienten zu gewährleisten.

Und für alle die sich das durchgelesen haben gibt es an dieser Stelle noch ein sehr empfehlenswertes Video.
Das Team vom SWR wollte eine Reportage über den Rettungshubschrauber drehen und war somit zufällig mit dabei als Marcelo in der Schule aus dem Fenster fiel. Das Team entschied sich dafür nicht nur den Unfall und die Erstversorgung (die schön zeigt was da so alles schief gehen kann) zu zeigen sondern auch die nächsten Tage, Wochen und Monate Maurice zu begleiten.
Sehenswert, in jeder Hinsicht.

Investition oder Resignation – ein Fachgespräch.

Treffen sich zwei Mitarbeiter in der OP-Umkleide.
A: Mann ich war gestern als Notarzt hier im Nachbarort bei einem Patienten…  ich schätz den auf 130kg, könnten auch mehr gewesen sein. Der war blitzeblau als wir ankamen, Sättigung nicht messbar. War wohl vom Sofa geglitten und hing jetzt in seinem winzigen Wohnzimmerchen zwischen Sofa, Kacheltisch und der Schrankwand. Fraglicher Herdblick, ich hab vor Ort auf ne ICB (Hirnblutung) getippt.
B: Hab ich von gehört. Den haben die Neurochirurgen doch heute Nacht noch entdeckelt, oder? Den haben wir zusammen mit dem Team von der ITS mit 6 Leuten umlagern müssen, das war recht mühselig…
A: Ja genau. Also – GCS 3 (bewusstlos), eindeutige Intubationspflichtigkeit.
Der Notfallsanitäter reicht mir also so ein Einweg-Laryngoskop und nen Standardtubus ohne Führungsstab. Der Typ sah schon nach C/L IV aus. Aspiriert hatte er auch noch, sah wie Erbsen mit Möhren aus.
B: Verbessert die Sicht ja auch nicht gerade.
A: Nee. Ich stell mir den also ein und sehe nichts. Großlumig abgesaugt, es war allerhöchstens der Rand der Epiglottis zu erahnen. Ich dachte wir hätten wenigstens auf dem NEF ein Videolaryngoskop –
B: Nee, das war nur leihweise. Ist schon wieder runter.
A: Ja, hab ich dann gemerkt. Schöner Mist. Ich sag – was haben wir denn an Möglichkeiten? Der Sani meinte
überlege mir das Videolaryngskop Superview2000 zu kaufen.
B: Ich war auf der Messe und habe dort als Angebot das Superview1000 gekauft. Statt 1400€ für 900€. War ein Vorführmodell. Das hab ich jetzt immer in der Tasche dabei, egal wie die Lage vor Ort ist habe ich ein Backup.

 

Ich habe mal bewusst keine Firmennamen genannt, das ist hier auch nachrangig, es geht um was anderes.
Ich war beeindruckt davon, dass diese Kollegen den Missstand nicht einfach so hinnahmen sondern sogar durch den Einsatz eigenen Geldes ausgleichen wollten. Ich kann die Situation nur allzu gut verstehen. Es gibt nichts ärgerlicheres als aufgrund schlechter oder fehlender Ausrüstung dem Patienten nicht oder nicht richtig helfen zu können.
Es gibt Situationen in der Präklinik in der Spezialausrüstung wie ein intraossärer Bohrer oder ein Videolaryngoskop von Nöten sind um dem Patienten adäquat helfen oder überhaupt retten zu können.
In der Klinik in der ich dieses Gespräch mitgehört habe, habe ich im Rahmen eines Workshops hospitiert. An unserer eigenen Klinik und in dem Rettungsdienst in dem ich tätig bin haben wir sowohl bodengebunden im NEF als auch im RTH ein Videolaryngoskop standardmäßig im Einsatz. Das hat aber auch viel zu lange gedauert, bis sich das durchgesetzt hat.
Mal an die Retter hier – was fehlt auf Eurem Auto/Hubschrauber?
Gäbe es etwas von dem ihr sogar schon mal überlegt habt es Euch privat zu kaufen um es im Einsatz dabei zu haben?

Mein Beileid.

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/viersen/lkw-unfall-auf-a61-bei-viersen-abschied-von-getoeteter-polizistin-aid-1.7291467

Ich möchte den Kollegen und Kolleginnen sowie vor allem den Hinterbliebenen der getöteten Polizistin mein Beileid aussprechen.
Denen die noch mit ihren Verletzungen kämpfen wünsche ich baldige Genesung und die besten Ärzte und Pflegekräfte.
Den Kollegen und Kolleginnen die Angst und Sorge um ihre Freunde, Partner und Mitarbeiter haben wünsche ich viel Kraft und guten Mut und dass die Menschen um sie herum sie stützen und stärken können.

Als Notarzt im Rettungsdienst kann ich nur nochmal betonen wie froh und dankbar ich bin, dass es Euch gibt. Ihr kommt zur Hilfe wenn es brennt, ihr rast mit lebensgefährlicher Geschwindigkeit genau da hin wo Menschenleben bedroht werden. Ihr fürchtet keinen Attentäter und stellt Euch schützend vor die Schwächeren. Zu allem Übel müsst ihr Euch für Euren ehrenwerten Dienst entwürdigende Beleidigungen anhören.
Beleidigungen von Menschen die an sich selbst oder am Leben gescheitert sind. Menschen die ihr auch beschützt, auch wenn ihr sie nicht mögt.
Ich habe Polizisten bei deeskalierenden Maßnahmen erlebt was mich tief beeindruckt hat. An einem Moment an dem ich schon längst ausgerastet wäre, bleibt ihr ruhig und sachlich, versucht die Situation zu entspannen.
Ihr seid an Heiligabend und Silvester und an Omas Geburtstag im Dienst und verpasst im besten Fall nur Omas legendäre Buletten. Eure Partner brauchen Verständnis für einen Beruf der viel von der Familie fordert.
Ihr müsst Dinge sehen die sich in die Seele brennen, die verarbeitet werden müssen und die vielleicht langfristig dazu führen dass ihr krank oder sogar berufsunfähig werdet.
Da finden sich viele Parallelen zum Rettungsdienst, trotzdem halte ich unseren Beruf im Vergleich zu Eurem Beruf für sehr viel ungefährlicher.
Bei uns steht an erster Stelle die Eigensicherung. Vor dem ABCDE kommen die 5-Sekunden-Rundumblick ob die eigene Sicherheit gegeben ist. Falls nicht holen wir Euch.

So wie der Autofahrer der den LKW bemerkte der in Schlangenlinien fuhr. Ihr wolltet schlimmeres verhindern, habt durch Euer Eingreifen vielleicht verhindert, dass der 40-Tonner 15km weiter einen Opel Corsa mit Kleinfamilie zermalmt.
Was dann passierte ist im Einsatz zumindest jederzeit möglich. Ihr seid Euch der Gefahr bewusst und nehmt die Herausforderung trotzdem an. Weil ihr Euch dem Beruf und dem Dienst an der Gesellschaft verpflichtet fühlt.
Deshalb an dieser Stelle und weil ich jedes Mal innerlich erleichtert aufatme wenn ich Euer Auto an einer Einsatzstelle sehe –

Danke.

MITTENDRIN STATT NUR DABEI – SELBER MAL NOTARZT SEIN Teil 2

In einem Wort – Hui!
Ich bin sehr positiv überrascht von der regen Beteiligung aber auch von der Qualität der Beiträge. Da wurde von SAPV-Teams gesprochen (spezialisierte, ambulante Palliativ-Versorgung), es wurden Handlungsstränge aufgezeichnet, Therapiemöglichkeiten evaluiert. Das hat mir sehr, sehr gut gefallen!
Ich werde im Anschluss sämtliche Kommentare veröffentlichen und empfehle es sehr die Kommentare der anderen durchzulesen. Da steht sehr viel gutes drin und ich komme nicht umhin den Begriff der  Schwarmintelligenz einfließen zu lassen. Gerade von denen die ihr Licht unter den Scheffel stellen („Ich bin nur Praktikant/Schüler/Famulant…“) waren ganz tolle Ansätze dabei.
Das lässt doch für die Zukunft des Gesundheitssystems hoffen, da ist viel Substanz zwischen den Zeilen erkennbar 😉

Ich denke es ist schon beim lesen klar geworden – einen einfachen und 100% richtigen Algorithmus gibt es für ein solches Szenario nicht.
Es gibt verschiedene Lösungsmöglichkeiten, es gibt aber auch Situationen im Rettungsdienst bei denen man trotz sorgfältiger Überlegung und größtmöglicher fachlicher Expertise manchmal nur das kleinere Übel wählen kann.
Genau so war es dann auch mit Aydan. Wenn wir uns was wünschen können dann wäre es wohl die Heilung dieses kleinen Menschen.
Eine Heilung war in diesem Fall ausgeschlossen, ein baldiges Ableben war absehbar. Entsprechende Gespräche hatten im Vorfeld stattgefunden. Dass Aydan sterben würde war allen klar, es ging nur um das wann und wie.
Das wann wurde jetzt plötzlich konkret, über das wie habt ihr Euch ausführlich Gedanken gemacht. Ich finde es sehr beeindruckend wie differenziert die Stellungnahmen hierzu ausfielen. Chapeau!
Ich hätte vielleicht deutlicher dazu schreiben sollen dass wir natürlich umgehend versucht haben die somatische Situation zu optimieren. Nach dem A (freihalten des Atemwegs, Inspektion der Trachealkanüle, Absaugen) kommt das B (Sauerstoff auf 100%, Beatmung intensiviert..).

Weil einfach ja jeder kann haben wir hier nicht nur mit einem medizinisch herausfordernden Fall zu tun, wir bewegen uns auch in einem anderen Kulturkreis mit einem teilweise völlig anderen Krankheitserleben und einer anderen Trauerkultur.
Da die intensivmedizinischen Maßnahmen keinen Erfolg zeigten wurden wir zu einer Entscheidung vor Ort gezwungen. Die Ausgangslage war für mich nicht eindeutig genug um hier dem mutmaßlichen Sinne der Patientin oder der Eltern entsprechend einen Verzicht auf Therapie auszusprechen.
Diese Thematik ist fachjuristisch sehr komplex und wird in der Rechtsprechung auch lange nicht so eindeutig gehandhabt wie man sich das so denken und wünschen würde.
Der Entlassungsbrief der Klinik und die Gesamtsituation gibt ein relativ eindeutiges Bild, es ist aber eben nur relativ und nicht absolut eindeutig.
Auch aufgrund meiner Erfahrung mit ähnlichen Situationen und der teils sehr emotional überladenen Akutsituation der Trauerbewältigung – teilweise mit Androhung strafrechtlicher Verfolgung –  haben wir uns für eine Maximaltherapie entschieden. Dies tue ich nie alleine sondern immer in einer kurzen Rücksprache mit dem Team was vor Ort ist. Sollte ein einzelnes Mitglied des Teams ein Problem mit der Behandlung haben kann er oder sie für administrative Aufgaben (Rückmeldung an die Leitstelle, Telefonat mit der Klinik, Betreuung der Angehörigen etc.) aus der Akutversorgung rausgezogen werden. Sollten mehrere Mitglieder des Teams signalisieren, dass sie mit der vorgeschlagenen Behandlung ein Problem haben, ist es immer ratsam das eigene Handeln zu überdenken.
Letztlich bleibt die Entscheidung für oder gegen eine Therapie eine grundsätzlich ärztliche Entscheidung.
Wir haben zunächst unser eigenes Beatmungsgerät im kontrollierten Modus angeschlossen, auch um einen Gerätedefekt des Heimbeatmungsgeräts auszuschließen. Diese Heimbeatmungsgeräte sind so ziemlich für jede Überraschung gut – eine Fehlerquelle weniger.
Aydan hat über einen MAD von mir großzügig aber altersentsprechend Midazolam erhalten, dann haben wir einen intraossären Zugang gelegt.
Mit dieser Maßnahme hatten wir nicht nur unserer kleinen Patientin etwas Gutes getan sondern auch allen anderen gezeigt dass wir alles versuchen um Aydan zu helfen.
Die umfangreichen, invasiven Maßnahmen machten es auch dem mittlerweile eingetroffenen Vater besser begreifbar, dass Aydan trotz aller Bemühungen sterben werden würde.
Ich hätte mir sehr gewünscht im Rahmen einer optimalen ambulanten Weiterversorgung (z.B. mit PSU-Team, religiösem Beistand, Familie etc.) die Patientin vor Ort zu belassen.
Das klingt in der Theorie aber viel einfacher als es konkret umsetzbar ist. In unserem Fall hätte das PSU-Team eine Stunde Vorlauf gehabt, ob und wann der Imam dazukommen konnte war unklar und man sollte sehr, sehr vorsichtig dabei sein abzuschätzen wie lange ein Sterbeprozess dauert.
Da wir als NEF-RTW-Team nicht stundenlang vor Ort verbleiben könnnen entschieden wir uns nach sorgfältiger Abwägung für einen Transport in die nahegelegene Kinderklinik.
Im Verlauf zeigte sich dort, dass die invasive Beatmung nicht zurückgefahren werden konnte. Im Sinne der Patientin wurde auf das ursprüngliche Unterstützungsmuster der Beatmung deeskaliert, die folgende respiratorische Insuffizienz wurde nicht mehr behandelt und Aydan verstarb am dritten Tag.

Ich freue mich auf Eure Rückmeldungen und bitte – immer freundlich bleiben, ich bin es auch 😉

Fernsehtipp (Feuer & Flamme, WDR)

Wer sich für Feuerwehr, Rettungsdienst und Notfallmedizin interessiert ist bestimmt schon längst drüber gestolpert. Ich bin ein großer Fan der Serie „Feuer & Flamme“, immer Montagabends 20:15 Uhr im WDR.
Begleitet wurde die Feuerwehr Gelsenkirchen über fünf Monate und es wurden über 1000 Stunden (!) Material gesammelt. Ein ansehnlicher und hochwertiger Mix aus Videoaufnahmen die unter anderem mit Drohnen oder Bodycams aufgenommen wurden bilden eine für Dokumentationen ungewöhnlich hohe Bildqualität.
Durch die Bodycams ist der Zuschauer nicht nur dabei, sondern mitten im Einsatz. Die Protagonisten sind genau der Schlag Feuerwehrmänner wegen derer ich so gerne bei der Feuerwehr als Notarzt mitfahre. Herzlich, zupackend, im richtigen Moment auch mal rau und immer mit vollem Einsatz dabei.
Ja, es sind tatsächlich fast ausschließlich Feuerwehrmänner dabei, das entspricht wohl dem Berufsbild welches immer noch zu selten von Frauen ergriffen wird.
Die Reportage ist unaufgeregt und relativ ungefiltert. Vom eigenen Erleben her kann ich sagen, dass ich selten mal eine Doku gesehen habe die so realistisch den Arbeitsalltag zeigt. Vom hochaufwändigen  Verkehrsunfall mit maximaler Schadenseinwirkung und vollem Materialeinsatz bis zum Fehlalarm zeigt die Doku sehr gut und vor allem repräsentativ die ganze Bandbreite. Auch die „Ich brauch mal jemanden zum Reden“-Einsätze die wir alle kennen.
Meine uneingeschränkte Empfehlung!
Alle Folgen auch in der Mediathek hier:

http://www1.wdr.de/fernsehen/feuer-und-flamme/index.html

Manuela, 39J.

Schon im Kindergarten in der Mäusegruppe, in der Grundschule stilles Mäuschen geblieben, Realschulabschluss ohne nennenswerte Vorkommnisse, Tierpflegepraktikum, abgebrochene Friseurinnen-Lehre, erstes Kind, im zweiten Anlauf Einzelhandelskauffrau versucht, Ausbildung abgebrochen und an der Kasse geblieben.
Zweites Kind mit dem zweiten Mann, jetzt kleines Haus gekauft, er selbständig bei der Post als Paketzusteller, wenig Geld, viel Arbeit, wenig Zeit.
Viel Trubel in der Vorweihnachtszeit, nach Weihnachten soll es aber endlich ruhiger werden. Heute Weihnachtsfeier mit dem ganzen Team vom Supermarkt, Tina und Gitti kommen auch. Schweinefilet in Champignon-Rahm-Sauce ist auch da, Manuela nimmt das Hähnchenbrustfilet in Curry-Früchte-Sauce, Kartoffelgratin dabei und hinten drauf noch Rote Grütze mit Vanillesauce.
Ein kurzer Knall, da liegt Manuela auch schon auf dem Tisch. Kurzes Entsetzen im Saal, eigentlich zu früh um dem Alkohol die Schuld geben zu können – dabei hatte Manuela doch nur eine Fanta ohne Eis. Manuela zuckte noch ein paar Mal, Auftritt Hans (*betrieblicher Ersthelfer*). Dicke Decke drunter, Kopf gepolstert, Möbel aus dem Weg, Hilferuf abgesetzt.

Einsatzmeldung: NA Intern Kühlheide 282, Landgasthof Schulze-Oeverding, Krampfanfall, SoSi Mehrfach

Bei unserer Ankunft finden wir Manuela wach, ansprechbar, adäquat und wach vor. Großes Lob an die Ersthelfer, alles richtig gemacht und das erlebt man ja auch selten.
Manuela klagt über Übelkeit, der Großteil des Weihnachtsschmaus hat sich über ihr Pailletten-Top verteilt, die Situation ist ihr sichtlich unangenehm. In einem mit 100 Personen spärlich besetzten 400-Personen-Festsaal so etwas wie Privatsphäre zu kreieren entpuppt sich als ein hoffnungloses Unterfangen. Wir einigen uns auf das kleine Programm vor Ort (Beistand, guter Zuspruch, warme Decke, erste Anamnese) und warten auf den RTW der auch kurz danach eintrifft. Manuela hyperventiliert nun ein wenig, zu viel Aufregung, zu viele Augen die sich das mal ganz genau anschauen müssen. Die Manuela, also nee. Völlig abgestürzt und das um kurz nach 8… ts.
Ich bin kurz wütend auf diese Freizeit-Moralapostel und konzentriere mich auf Manuela, spreche ihr gut zu und meine das auch so, dass Sie das jetzt mal einen feuchten Sch** interessieren sollte was irgendwer über sie denkt.
Manuela beklagt neben der Übelkeit, dass jetzt ihre Finger kribbeln würden, sie erhält eine Hyperventilationsmaske und wir reden ein bißchen miteinander, auch das beruhigt sie.
Ab auf die Trage, Abmarsch, ja schönen Abend noch, nein wir lassen ihnen keine Drogen da für die Party, haha.
Im RTW nochmal die Zusammenfassung und hier wird es etwas medizinisch.
Kein A-Problem, B: Hyperventilation, kein C-problem, D: Blutzucker gut (140mg/dl), E: führendes Problem Übelkeit
Was war passiert?
Laut der Umstehenden Personen habe Manuela gezuckt. Am ganzen Körper. Eine differenziertere Anamnese ist nicht möglich, mit ein bißchen Glück hätte ich irgendwo vielleicht noch ein Video finden können, irgendwer filmt ja immer… Egal. Meine Überlegungen:
Krampfanfall: fremdanamnestisch global, aber kein Zungenbiss, Pat. hat nicht eingenässt, trotz kurzer Anfahrtszeit kein postiktaler Dämmerzustand, kein Krampfleiden bekannt, keine klassischen Trigger (Schlafentzug, Lichtblitze etc.), Vomitus (erbrechen) untypisch
Lebensmittelvergiftung: dafür spricht das schwallartige Erbrechen, erklärt aber nicht den mutmaßlich stattgehabten Krampfanfall
Schlaganfall: überhaupt null Komma null neurologische Defizite, keine Risikoanamnese (Nichtraucherin), Pupillen gleichgroß (!) mittelweit, lichtreagibel
Hirnblutung: Kopfschmerz wird zunächst verneint, im Verlauf mit 4 von 10 angegeben, Pat. empfindet die Schmerzen als im Hinterkopf lokalisiert aber nicht als behandlungsbedürftig, außerdem wie gesagt mit identischer Pupillengröße, Pat. wach, voll orientiert, adäquat und ohne Defizite.
Im RTW entscheide ich mich aufgrund der fortgesetzten Übelkeit und der Agitation für Dimenhydrinat. Ich gebe gerne eine halbe Ampulle langsam i.v. (unter EKG-Kontrolle, CAVE QT-Verlängerung und Rhythmusstörungen!), den Rest dann in die Infusion. Nimmt sehr zuverlässig die Übelkeit, macht müde und beruhigt darüber vielleicht auch ein bißchen – so zumindest mein Therapieansatz. Ich überlege etwas Midazolam zu titrieren denn Sie beklagt als Hauptproblem diese Unruhe, Übelkeit und Angst, will aber erstmal die Wirkung des Dimenhydrinats  abzuwarten.
Wir fahren die Neurologie eines Maximalversorgers an, ca. 20 Minuten bodengebunden.
Auf dem Weg versuche ich mehrmals die Anamnese zu präzisieren. Was ist hier passiert? Mein Bauch sagt mir, dass hier irgendwas im Busch ist.
Manuela fallen nun langsam die Augen zu, klar, Dimenhydrinat ist da. Sie bleibt dabei jederzeit erweckbar, die Übelkeit scheint aber zu bleiben. Manuela muss nun erneut erbrechen und schafft es in Oberkörperhochlagerung so gerade eben die Brocken heraus zu befördern. Mir wird etwas übel. Ich bin heilfroh, dass ich nicht auch noch Midazolam gegeben habe, dann hätten wir hier ein richtiges Problem gehabt.
Die mitfahrende Rettungsassistentin erzählte mir von ihren Erfahrungen mit diesem Medikament und dass Sie davon ja zwei Tage geschlafen habe. Ja, ich habe das auch schon mal genommen und ja, es macht sehr müde, aber das hier war was anderes. Nochmal kurzer Check, Pupillen gleich groß, keine Defizite, nach wie vor die Antwort auf meine Frage „was ist im Moment das Hauptproblem“ – die Übelkeit. Erst auf Nachfrage bejaht sie erneut leichte Kopfschmerzen, sie seien jetzt vorne im Kopf.
Die wechselnde Wachheit und die präzise Kopfschmerzbeschreibung (wenn auch als sehr moderat und von ihr als nicht behandlungsbedürftig beschrieben!) sowie die fortgesetzte Übelkeit lässt meinen Bauch entscheiden die Patientin für den Schockraum anzumelden. Anästhesie, Neurologie, Neurochirurgie.
Ich beiße mir auf die Unterlippe – ist das nicht etwas hoch gegriffen? Schockraum? Für eine Pat. mit einem GSC irgendwo zwischen 13 und 15?
Ich frage Patienten immer danach, was im Moment ihr Hauptproblem ist und ob ich gegen diese oder jene Befindlichkeitsstörung etwas machen soll. Tatsächlich ist es nämlich oft so, dass Patienten ein bestimmtes Symptom als gar nicht so schlimm empfinden. Und bevor ich mir neue Probleme ins Haus hole lasse ich die Medikamente wo sie sind. Keine Wirkung ohne Nebenwirkung.
Manuela blieb bei der Übelkeit, das Kribbeln in den Fingern war bei der Ankunft im Krankenhaus auch weg und ansonsten hatten wir bis auf den leichten Kopfschmerz und die wechselnde Wachheit – nichts.
Ich wurde von der Kollegin etwas komisch angeschaut und bin ganz ehrlich – ich hätte es genauso getan.
In meinem Kopf lief nur vorher das Szenario wie folgt ab: Neurologe untersucht kurz, stellt die Indikation zum CCT, Pat. liegt dort flach, übergibt sich mit mittelguten Schutzreflexen, atmet ihr Curryhühnchen ein und wird reanimationspflichtig. Wir kennen das.
Ich machte also meine Übergabe im Schockraum und musste mir anhören „wieso man für sowas hier hin fährt, Magen-Darm können die in der Waldklinik auch“ (Neurologe), „Übelkeit kann man nicht rausoperieren“ (Neurochirurg), sowie von der Anästhesie „Ich habe auch mal Dimenhydrinat bekommen, davon habe ich zwei Tage geschlafen“ – äh ja, danke, das hatten wir schon.
Ich habe allen Beteiligten ganz ehrlich gesagt, dass auch mir durchaus bewusst ist, dass die sachliche Analyse der Lage keine wirkliche Dramatik erkennen lässt. Ich habe aber auch gesehen, wie die Patientin vor zehn Minuten versucht hat, ihre Bröckchen zu erbrechen und das war eben nicht mehr adäquat und auch nicht nur durch Dimenhydrinat zu erklären.
Die Patientin ging erstaunlicherweise ohne viele Diskussionen ins CCT, das Team versammelt sich dann aus Strahlenschutzgründen immer im Schaltraum, es wird wild durcheinander gequasselt und als die ersten Schichten auf dem Monitor aufliefen wurde es dann doch kurz still.
Monika hatte eine dicke Subarachnoidalblutung.
Für einen kurzen Moment wanderten die ungläubigen Blicke zwischen dem Monitor und mir hin und her. Ich schäme mich dafür, dass ich für einen Moment den Triumph über die Genugtuung genoss, hier nicht übertrieben zu haben. Mein Bauch hatte Recht.
Ich fühlte mich trotzdem schlecht, denn es war die schlechtmöglichste Variante für die Patientin.
Mich hat der Einsatz in vielerlei Hinsicht nachdenklich und demütig gemacht.
Ich bin froh, dass sich mein Bauch mittlerweile zu einem so guten Notfallmediziner gemausert hat und nicht so viel auf klassische Literaturbeschreibungen (aber die hatte keinen Vernichtungskopfschmerz!) gibt.
Ich versuche demütig zu bleiben wenn ich das nächste Mal im Schockraum Patienten annehme die ich als über-triagiert betrachte.
Und ich will in Zukunft wachsam bleiben, auch wenn der Einsatz banal erscheint.

Manuela wurde aufgrund eines spontan geplatzten Aneurysmas durch die Neuroradiologen gecoilt. Manuela hat es der absolut exzellenten Versorgung durch die Neuroradiologen zu verdanken, dass sie schon am nächsten Tag extubiert werden konnte und sich relativ rasch wieder wach, adäquat und ohne erkennbare neurologische Defizite zeigte. Nur die Erinnerung an die Weihnahtsfeier fehlt ihr komplett, aber das lässt sich nachholen.

Watch your step!

Einsatz in einem Recyclingbetrieb „Krampfanfall“. Vorbei am Pförtner, dem Wachschutz hinterher in die Betriebshalle. Auf dem Weg eine bläulich schimmernde Pfütze. O-Ton des vorangehenden Schichtleiters und zwar mit lispelndem „s“ und ohne Übertreibung:

„VORSICHT! DawodiFützederisSäure.“

Ah so.
Kleine Randnotiz und gar nicht so uninteressant (hier hört aber „kurz und klein“ auf) – der Mann lag auf dem Boden, wurde gerade fachgerecht verpackt und hatte ein Monokelhämatom, eine offensichtliche Mittelhandfraktur rechts und Prellmarken am Thorax. Zungenbiss? Einnässen? Krampfgeschehen beobachtet? Fehlanzeige. Wahrscheinlicher als ein Krampfgeschehen war hier wohl ein Kampfgeschehen.  Nach Übergabe des Patienten in der Ambulanz nahmen sich dann auch zwei Schupos seiner an und baten um nähere Informationen zum Geschehen. Schon bei James Bond kann man ja lernen, dass Konflikte sich nicht nur mit Worten lösen lassen. Zweiter Sieger also. Gegenüber der Polizei machte er übrigens keine Angaben.
Es gibt Gruppen die klären sowas lieber unter sich.