Am Ende.

Letzte Woche habe ich mit Frau Schurig über das Ende ihres Lebens gesprochen. Es waren alle da an ihrem Bett. Ihr Mann mit dem sie seit 53 Jahren verheiratet ist, der gut genährte und sehr gefasste Sohn (so etwa Anfang 50) und die etwa gleichalte Schwiegertochter. Auch mit Ihnen habe ich über das Lebensende von Frau Schurig gesprochen.

Wir führen auf der Intensivstation viele Gespräche über das Ende des Lebens. Die Voraussetzungen sind immer andere, die Wünsche und Wege dahin sind es auch. Ich glaube jeder hat eigene Gedanken dazu und manche schaffen es sogar diese anderen mitzuteilen oder auch in Form einer Patientenverfügung aufzuschreiben.
Viele gehen auch den Weg der Verzweifelten und besuchen einen Notar bei dem sie für viel Geld eine nutzlose Verfügung unterschreiben die mit den Worten „Wenn zwei Ärzte unabhängig voneinander feststellen, dass meine Erkrankung unweigerlich zum Tod führt, wünsche ich…“ anfängt und nicht mal das sündhaft teure Papier wert ist auf dem sie steht weil bereits die einleitenden Worte unsinnig sind.

Also sind wir dann oft auf der Intensivstation mit sehr alten, komplex vorerkrankten Patienten konfrontiert und müssen über das Ende reden.
Wir fragen also unsere Patienten ob sie sich mal darüber Gedanken gemacht haben und wenn ja wieviel Intensivmedizin sie noch möchten und was wir noch für sie tun können und sollen. In aller Regel führen wir dieses Gespräch auf der Intensivstation nicht mit den Patienten selbst sondern deren Angehörigen, da die Patienten zu diesem Zeitpunkt meist schon beatmet sind und im künstlichen Koma liegen.
Sehr selten kommt es vor, dass man wirklich mal von Angesicht zu Angesicht mit den Patienten in Ruhe über den Sinn und Unsinn weiterer intensivmedizinischer Maßnahmen sprechen kann. Ich halte es zum Beispiel nicht für sinnvoll einen maximal luftnötigen Patienten unter NIV-Maske mit 100% bei beginnender Dekompensation zu fragen ob er denn auch eine Beatmung und einen Luftröhrenschnitt wünsche. Das ist irgendwas zwischen Erpressung und unmoralischem Angebot, auf jeden Fall ist aber seitens des Patienten in so einer Situation keine Geschäftsfähigkeit mehr gegeben.

Frau Schurig kam zu uns weil sie seit Monaten Gewicht verloren hatte. Ein bißchen müde fühlte sie sich auch seit einiger Zeit aber es ging ja alles so noch ganz gut.
„Wer soll denn sonst den Haushalt machen, ich renn doch nicht wegen jedem Zipperlein zum Arzt.“
Als Frau Schurig zu uns kam war sie in einem sehr schlechten Zustand. Fahles, eingefallenes Gesicht, regelrecht ausgemergelt.
„Die hat ja nie was gehabt. Kerngesund war sie immer!“
Beim Hausarzt war sie mit der Problematik nie. Verdrängung? Ignoranz?
Irgendwann ging es dann gar nicht mehr, sie kam zu uns mit dem klinischen Bild eines Darmverschlusses.
„Über Weihnachten muss ich aber nach Hause, mein Sohn und meine beiden Töchter kommen. Die wohnen in Österreich und in der Schweiz. Ist doch wohl nichts ernstes, oder?“
Eine Notfalloperation war notwendig, viel Diagnostik außer einem CT war vorher nicht möglich sonst wäre der Stuhl oben herausgekommen. Im OP zeigte sich ein riesiger Darmtumor der fast den gesamten Bauchraum durchsetzte und bereits die Leber infiltriert hatte und auch das Bauchfell war über und über mit Metastasen übersät. Es wurde ein künstlicher Darmausgang angelegt, eine heilende Operation war unmöglich.
„Aufgemacht haben sie meine Frau und gleich wieder zu. Nichts zu machen. Überall Krebs.“
Frau Schurig war bereits bei Aufnahme im Nierenversagen, sie benötigte in der OP sehr viel kreislaufunterstützende Medikamente, viel Flüssigkeit und ein komplexes Spektrum der Intensivmedizin sonst hätte sie die OP in dem schlechten Zustand gar nicht überstanden.
„Überall diese Schläuche. Letzte Woche ging es ihr noch gut!“
Für die Familie war der Fall klar. Die eigentlich gesunde alte Dame kommt ins Krankenhaus und da fällt sie in die Hände der Mediziner und ist dem Tod geweiht. Das ist nicht einfach als Gesprächsgrundlage.
Tatsächlich war Frau Schurig rasch wach, adäquat und sah sehr viel besser aus als noch vor der OP. Etwa am fünften Tag zeichnete sich aber ab, dass die Nieren sich trotz aller Zuwendung und unterstützenden Maßnahmen nicht erholen wollten. In der weiteren Bildgebung zeigten sich bereits fortgeschrittene Lungenmetastasen, ein Hinweis für eine sehr weit fortgeschrittene Erkrankung.
„Und da kann man jetzt nichts mehr machen? Meine Frau war doch bisher immer kerngesund! Ich verstehe das nicht.“
Am fünften Tag nach der Operation waren die Nierenwerte so hoch angestiegen, dass wir vor der Frage standen, eine Dialyse zu starten um womöglich noch ein bißchen Zeit zu gewinnen oder den Gang der Dinge zu akzeptieren.
Das besondere in diesem Fall war, dass es für die Patientin definitiv keine Rettung im Sinne einer Heilung gab. Noch außergewöhnlicher war es, dass die Patientin wach, adäquat und bei vollem Verstand und ohne Schmerzen oder Luftnot oder andere beeinträchtigende Symptome im Bett saß. Von außen gesehen ging es ihr pudelwohl, einzig die Nieren arbeiteten überhaupt nicht mehr. Normalerweise würden wir bei palliativen Patienten mangels Perspektive gar keine Dialyse fahren, hier war aber die Sondersituation, dass man zumindest theoretisch noch davon ausgehen musste, dass die Nieren mit viel Glück wieder die Arbeit aufnehmen und der Patientin somit vielleicht noch ein paar Wochen zum Leben blieben.
In einem ethischen Fallgespräch am Bett der Patientin und mit der Patientin legten wir die Gründe für das Gespräch dar, es wurden die Therapieoptionen erläutert und auch konkret angesprochen, dass nur eine Dialyse vielleicht noch ein wenig Zeit bringen könne. Die Patientin legte Wert darauf festzustellen, dass sie jegliche lebensverlängernde Maßnahmen eigentlich für sich ausgeschlossen habe. Sie habe aber auch den dringenden Wunsch noch einmal nach Hause zu kommen.
Entsprechend wurde mit der Patientin vereinbart einen einmaligen Zyklus Dialyse über etwa eine Woche zu starten um die Nierenwerte etwas zu bessern und ihr die Möglichkeit zu geben noch einmal nach Hause zu kommen.
Die Schwiegertochter war sehr ruhig in dem Gespräch und fragte nur eine Frage.
Was passiert wenn wir keine Dialyse machen?
Obschon im Gespräch vorher klar kommuniziert wiederholte ich, dass die Patientin nach allem was wir über die Krankheit wissen mit und ohne Dialyse relativ bald sterben würde. Mit Dialyse könne man das Ende vielleicht noch einige Zeit hinausschieben, ohne Dialyse würde sie innerhalb der nächsten Tage müde werden, in einen Dämmerzustand fallen und schließlich sterben.
Die Schwiegertochter verließ zügigen Schrittes das Zimmer und ward nicht mehr gesehen. Die Reaktion hat mich sehr überrascht.
Ich war bis dahin davon ausgegangen, dass wir in einer ruhigen und offenen Gesprächsatmosphäre eine gute gemeinsame Basis gefunden hätten.
Der Sohn der Patientin entschuldigte sich für das aufbrausende Verhalten seiner Frau, für mich war das im Rahmen der Trauerbewältigung absolut in Ordnung wenn ich mir doch auch einfach nur für die Schwiegertochter gewünscht hätte, dass sie die Nachricht besser hätte verarbeiten können.
So blieb am Ende die Vereinbarung eine Dialyse zu versuchen um auf eine Erholung der Nieren im Verlauf zu setzen und somit noch ein paar Wochen gewinnen zu können.
Die Patientin äußerte sich sehr zufrieden über unseren Austausch.
Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Das war ein gutes Gespräch. 
Dem Ehemann standen zwar die Tränen in den Augen, aber auch von ihm war viel Dankbarkeit zu spüren. Dem Sohn bat ich an, nochmal unter vier Augen mit seiner Frau zu sprechen, das Gesprächsangebot unterstützte ich durch die Übergabe einer Visitenkarte mit der persönlichen Durchwahl des Arztes der Intensivstation. In besonderen Fällen geben wir diese Nummer direkt an die Angehörigen.
Die Schwiegertochter verzichtete auf ein Gespräch mit mir und ging stattdessen zum Chefarzt und zum Geschäftsführer um sich über uns zu beschweren.
Nicht bei Facebook oder per Mail sondern in einem wutentbrannten Brief machte Sie ihrem Ärger Luft. Um einmal ein Gefühl dafür zu bekommen wie kompliziert Kommunikation in Krisensituationen sein kann, wie wenig von dem gesagtem auch so beim Empfänger ankommt wie es gemeint war und mit was für Problemen wir im Krankenhaus zu tun haben sei hier der Brief in anonymisierter Form angefügt:

Sehr geehrte Damen und Herren,
am Vortag habe ich meine Schwiegermutter bei Ihnen auf der Intensivstation besucht. In dem Gespräch sollte es um die weitere Therapieplanung gehen. Meine Schwiegermutter war bisher immer gesund, nach der Operation wurde uns nun mitgeteilt, dass die Nieren kaputt gegangen seien. Der Arzt hat auch gesagt, dass meine Schwiegermutter sterben würde. 
Er hat ihr das in einem Gespräch direkt gesagt. Ich finde das unmöglich! Man darf doch einem Menschen nicht sagen, dass er sterben wird!
Meine Schwiegermutter war am Ende ganz aufgelöst, das Gespräch hat sie völlig überfordert. Ich erwarte von Ihnen eine Erklärung und eine Entschuldigung.
Mit freundlichen Grüßen… 

Ich musste zum Rapport bei meinem Chef, beim Chef der Chirurgie (dem Klinikdirektor) und es gab ein Treffen der beiden mit dem Geschäftsführer.
In dem dann stattfindenden Gespräch mit der Schwiegertochter und meinem Chef konnten die Vorwürfe letztlich schnell aus der Welt geschafft werden. Hierfür war sicher auch hilfreich, dass sowohl die im Gespräch anwesende Bezugspflegekraft, als auch der Rest der Familie sowohl die Inhalte als auch die Stimmung und letztlich den Gesprächsverlauf gänzlich divergierend darstellten.
Ich kann auch rückblickend keinen Fehler in der Gesprächsführung erkennen und habe für mich selbst überlegt ob und wenn ja was ich anders hätte machen sollen. Das Gespräch unter Ausschluss der Patientin führen? Über die Patientin aber nicht mit der Patientin reden? Keine Option.
Ein Nachgeschmack bleibt natürlich auch beim Chef hängen. Beschwerde ist Beschwerde und wenn sie auch noch so unhaltbar ist.

Wir hätten die Patientin gerne für die letzten Meter des Lebenswegs in ein Hospiz oder nach Hause verlegt. Letztlich zählt aber der Wille des Patienten und der klammerte sich hier an die Hoffnung einer Erholung der Nierenfunktion mit Gewinnung weiterer Wochen oder Monate.
Frau Schurigs Körper war so geschwächt, dass sie trotz einer langsamen und schonenden Dialyse (slow, extended) und trotz Katecholamingabe zunehmend kreislaufinsuffizient wurde und vier Tage nach dem Gespräch auf der Intensivstation verstarb.

Von der Familie wurde im Anschluss eine großzügige Geldspende für die Intensivstation übergeben, außerdem gab es Süßigkeiten und eine Dankeskarte.
Alles nicht so einfach manchmal.

Advertisements

Verbrannte Kinder.

(ACHTUNG: Der Beitrag enthält echte Fotos von teilweise schwer verletzten Kindern. Das ist nicht schön, aber das ist eine Verbrennung auch nicht.)

Meistens lief das so.
Bei uns: 7:30 Uhr Frühbesprechung, die und die kommt hinterher auf die Intensiv, 

Du bist schon viel länger wach als wir. Hast die Mama gerufen, geweckt und durch Dein fröhlichstes Lachen für den frühen Start in den Tag entschädigt.

Bei uns: bei dem und dem bitte nochmal nach der Gerinnung gucken ob man da einen PDK legen kann, noch Fragen?, einen erfolgreichen Tag allerseits;

Du guckst Mama bei der Morgenroutine zu, arbeitest Dich am Boden mit den Handtüchern und der dort liegenden Wäsche ab. Der Schlafanzug riecht nach Papa, der Pulli von Mama duftet und ist auch noch kuschelig. Oh, die Bürste schmeckt herrlich. Mit den Füßen bekomme ich so noch besser im Mund gedreht.

Bei uns: umkleiden für den OP, raus aus dem blauen Kasack, rein in die grünen Klamotten, OP-Haube und Mundschutz an, erstes Kind begrüßen, gegessen? getrunken? letzter Gerätecheck, and off we go… 

Zum Frühstück gibt es Brei. Den macht Mama mit diesem Blubberdings. Das leuchtet sogar bunt! Und es hat einen Schwanz. Wie mein Kuscheltier Schweinchen. Das angle ich mir ja auch immer an dem Ringelschwanz.

Bei uns: Metallentfernung rechter Arm bei Z.n. Unterarmfraktur vor 10 Wochen, gesundes Kind, 2,5er Larynxmaske, guten Morgen OP-Team, gut und Du so?, Freigabe, Schnitt, Blutdruckwerte etc. protokollieren

Du ziehst am Ringelschwanz vom lustigen Blubberdings und diese eine Sekunde verändert die nächsten Monate. Und Jahre. Es wird Deine Selbstwahrnehmung und Dein Selbstbewusstsein beeinflussen. Es lässt Dich schneller reifen als es Dir und Deinen Eltern lieb ist. Deine Naivität und Dein Verhältnis zu Ärzten und Krankenhäusern verändert sich für immer.

„Kind 3 J., Mehrfachverbrennung durch Wasserkocher, Landung in 12 Minuten, Aufnahme über Schockraum und Kinderintensiv“

Und dann sehen wir uns.
Du kommst in einem Dämmerzustand zu uns, driftest immer wieder in die medikamentöse Traumwelt ab, kämpfst Dich zurück, guckst die verheulte Mama an.
Deine Mama hat jetzt schon feuerrote Augen, ist völlig verheult und macht sich Selbstvorwürfe in XXL.  Mama unterschreibt die Daueraufklärung. Wir nehmen Dich mit.
Du bekommst eine amtliche Narkose, wir legen einen zentralen Venenzugang – Du wirst ihn brauchen. Es folgt das Debridement. Mit einer Art S.c.o.t.c.h.b.r.i.t.t (und ich rede von der harten Seite) wird die verbrühte Hautschicht abgerubbelt. Es sieht brutal aus und das ist es auch.

Es tut mir weh, das zu sehen. Klar, Du hast Narkose, Du bekommst das nicht mit. Und während die schmerzhafte Therapie beginnt siehst Du gleichzeitig so unfassbar friedlich und entspannt aus. Du hast einen langen Weg vor Dir kleiner Mensch.
Es wird weh tun. Hinterher.
Du bekommst eine Schmerzdauerinfusion und wirst die nächsten Tage im Dämmerzustand zwischen Schmerz, Schlaf und einer surrealen Wach-Welt pendeln. Deine Eltern werden mit Stofftieren und allerlei Firlefanz Dich abzulenken. Es gelingt mal besser und mal schlechter. Alle zwei bis drei Tage werden die Verbände gewechselt und mit ein bißchen Glück gehörst Du zu der Hälfte bei der sich die Wunden nicht infizieren.
Manchen reichen fünf, andere benötigen zehn oder fünfzehn Narkosen. Du veränderst Dich langsam aber kontinuierlich. Wächst an der Herausforderung Krankenhaus und benötigst viele Medikamente um die Schmerzen auf ein erträgliches Niveau zu dämpfen.

Das, was so schmerzt ist das Wissen, dass Narben bleiben werden. Nein, es wird nicht wieder alles gut. Manchmal sind auch im höheren Alter noch Anpassungsoperationen notwendig, wenn die Narbe zu sehr spannt. Gerade bei den Mädchen bleibt ein Schaden der nun mal nicht dem gesellschaftlichen Ideal von glatter Hochglanzmagazinhaut entspricht. Da können wir Dir noch so oft sagen, was für ein hübscher Mensch Du bist, einer 14-jährigen in der Vollblüte ihrer Pubertät tun die Narben auch 12 Jahre nach dem Unfall weh. Irgendwo da ganz tief drinnen.

Bildschirmfoto 2015-12-08 um 20.32.18

 

Der Kinderdoc hat gestern zum „Tag des brandverletzten Kindes“ die wichtigsten Präventionspunkte zusammengefasst.
Mir ist das wirklich wichtig!
Ich habe Espresso, Wasserkocher, Latte Machiato und Cappuccino, Wasserkocher, Suppe, Suppe, Suppe, Teewasser, Samowar, Suppe, geplatzte Wärmflasche, Wasserkocher und noch viel mehr gesehen. Das ist nicht schön! Auch uns Ärzte und Pflegende belasten diese Geschehnisse.
Die Angst vor einem Stromschlag ist relativ gesehen irrational hoch und kaum mit einem Risiko vergesellschaftet, wird aber durch die flächendeckende Steckdosensicherheitsnöppsiverklebung  dramatisiert. Der Respekt vor heißem Wasser ist dagegen quasi nicht vorhanden.
Ein Wasserkocher gehört hinten, ganz hinten auf die Arbeitsfläche. Mit dem Kabel. Unerreichbar für das Kind. Heiße Getränke auf dem Tisch bitte nicht auf irgendwelche Decken oder Läufer stellen. Das Kind zieht den Deckenzipfel am Tisch herunter baumeln, zieht dran und ist fürs Leben gezeichnet.
Das Hauptrisikoalter ist 6 Monate bis ca. 4 Jahre. Für die Kleinen sieht ein Glas Tee eben aus wie die leckere Saftschorle die es letztens bei Oma gab. Oder Cola. Oder Eistee.
Sie probieren das dann, erschrecken sich aufgrund der Temperatur und schütten sich das Getränk teilweise selbst über den Körper.
Anders als bei uns Erwachsenen ist ein Stück Haut beim Kind innerhalb von Sekunden schwer verbrüht. So sehr, dass es in ein Brandverletztenzentrum muss. Kinder haben noch keine dicke Lederhaut, die verletzlichen Hautschichten sind bei den Kindern viel oberflächlicher und viel schneller dauerhaft beschädigt.
Bildschirmfoto 2015-12-08 um 20.33.13

Ein kleiner Exkurs noch zu dem Thema der zeigt welche Konflikte durch einen kurzen Moment der Unachtsamkeit entstehen können:
Wir haben ein 5-jähriges Mädchen türkischer Eltern behandelt, Z.n. Verbrühung mit heißem Tee. Die Arme und Beine waren großteils verbrüht, die Therapie war relativ gut fortgeschritten und nun ging es um die Transplantation von gesunder Haut auf die beschädigten Bereiche. Eines der gängigsten Verfahren ist nach wie vor den Kopf kahl zu rasieren und die Haut oberflächlich in Streifen vom Kopf abzuscheren. Das kann man deshalb gut machen, weil hinterher wieder Haare drüber wachsen und man die Spuren nicht mehr so schlimm sieht.
Nicht so bei diesen Eltern.
Der Vater und die Mutter insistierten, dass ihrem Kind nicht die hübschen Haare abgeschnitten werden sollten, man könne die Hautentnahme doch von der Brust machen. Ja, kann man, wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt. Aber nicht, wenn der Kopf völlig unversehrt ist.
Auf die Langzeitfolgen aufmerksam gemacht (ihre Tochter möchte ja vielleicht auf mal einen Badeanzug anziehen?!?) sagte der Vater: die bleibt verschleiert bis zur Hochzeit und auch danach hat sie nichts zu tragen wo man ihre Haut sieht.
Überflüssig zu sagen, dass sich die Chirurgen darüber hinweg gesetzt haben und Kopfhaut transplantiert haben.

Ich erspare Euch auch die Geschichte von den Eltern die sich über die langmonatige Behandlung ihres Sohnes schließlich getrennt haben oder die von dem Kind, dass von seiner Mutter angezündet worden ist. Es passieren schlimme Dinge und wir freuen uns für jedes Kind was nicht den Weg in unser Zentrum findet.

Im Namen der Kinder – Danke für Eure Aufmerksamkeit.

§7 der Notfallmedizin: Du kannst nicht keine Entscheidung treffen.

Herr Büllendal hat 72 Jahre seine Lebens erfüllt und glücklich hinter sich gebracht. Es genügte ihm. Den Begriff Makuladegeneration konnte er nicht aussprechen, was er in der Praxis für ihn bedeutete merkte er dafür von Jahr zu Jahr umso mehr.
Nichts zu sehen heißt Abschied von den Dingen nehmen, nichts zu hören heißt Abschied von den Menschen nehmen.
Herr Büllendal hatte erst seine Frau um viele Jahre überlebt, zu den Kindern gab es schon lange keinen Kontakt mehr. Das 13-stöckige Hochhaus bot die Anonymität einer Großstadt, die ihm noch verbliebenen vertrauten Nachbarn hatten sich in den letzten Jahren in Altenheime verabschiedet oder zur ewigen Ruhe gelegt.
Die Welt um Herrn Büllendal wurde kleiner, enger, leiser. Trauriger.
Am frühen Vormittag eines gewöhnlichen Großstadt-Donnerstags ging Herr Büllendal ans Fenster seiner im 5. Stock liegenden Eigentumswohnung.
Und sprang.

Herr Büllendal ist nicht tot. Er überlebt den Sturz schwerstverletzt.
Initial kritisches A, kritisches B, kritisches C, kritisches D.
Offenes Schädel-Hirn-Traum, einseitig instabiler Thorax, multiple Extremitätenverletzungen, instabile Beckenfraktur. Thoraxdrainagenanlage beidseits und Intubation erfolgten durch den Notarzt vor Ort. Parallel wurde ein RTH alarmiert der den Pat. übernahm und in unserem Schockraum übergab – unter Reanimationsbedingungen.
Innerklinisch wurde der Pat. durch ein insgesamt 12-köpfiges Team aus Anästhesie, Unfall- und Neurochirurgie und Radiologie behandelt reanimiert. Rhythmus bei Aufnahme: Asystolie. Laufende Reanimation seit 15 Minuten.
Zwanzig Minuten nach Ankunft im Schockraum immer noch Asystolie. Weite, lichtstarre Pupillen. Und innerlich der leise Wunsch Herr Büllendal möge es doch bitte geschafft haben. Nach zähen 30 Minuten, ZVK, Arterie, Sono, Massivtransfusion und viel notfallmedizinischem Gedöhns kommt vom Teamleader die Rückfrage an das Team ob noch jemand eine Idee zur Rettung des Patienten habe.
Wir entschließen uns im Konsens zum Abbruch bei insgesamt infauster Gesamtkonstellation.
Angefangen und fortgesetzt haben wir das ganze übrigens nur weil er nach dem Sprung in der Hecke gelandet ist und bei Ankunft des Rettungsdienstes noch Kreislauf gehabt habe.

Freier Fall aus 15m Höhe. Von dem möglicherweise suizidalen Hintergrund erfahren wir erst nach erneuter Rückfrage beim einliefernden Notarzt. Die Polizei habe in der Wohnung des Patienten einen Abschiedsbrief gefunden. Man sei sich aber zunächst nicht sicher gewesen ob er nicht vielleicht doch nur ausgerutscht sein könnte, daher habe man behandelt. Man weiß ja nie.

Manchmal macht Notfallmedizin keinen Spaß. Manchmal tröstet noch nicht mal der Gedanke „es versucht zu haben“. Manchmal fragt man sich aber auch was wir da eigentlich machen. Oder gemacht haben.
Verhältnismäßigkeit. Ressourcenplanung und so.
Es bleibt kompliziert.

Monika, 49 J., weiblich

Monika war als Patientin eher der männliche Typ. Was von selbst kommt, geht auch von selbst weg. Solange ich nicht krank bin, brauche ich auch keinen Hausarzt.
Ein bisschen Migräne, ein wenig Wechseljahresbeschwerden, sonst ist da nicht viel. Im Betrieb war sie nicht einen Tag krank. Ausbildung bei einem Logistikunternehmen, dann bei der Deutschen Bahn jahrelang als Bahnhofssprecherin tätig. Jahre später dann durch ein paar mp3-Dateien ersetzt wechselte sie in einen anderen Bereich im Innendienst, koordinierte Züge, war nie krank, nicht einen Tag. Wegen so ein bißchen Unwohlsein geht jemand wie Monika nicht ins Krankenhaus. Monika wartete bis es nicht mehr ging. Sie bekam Brustschmerzen, Kopfschmerzen, ein Engegefühl in der Brust, Panik, Vernichtungsangst. 112. Rettungsdienst, Transport, Notaufnahme.
Bei Aufnahme war ein Puls von 205/min auffällig. In der Annahme einer supraventrikulären Tachykardie (Herzrhythmusstörung)  erhielt die Pat. unter anderem Adrekar, pausierte kurz und kurz darauf raste ihr Herz mit 200/min weiter. Trotz konservativer und erweiterter medikamentöser Maßnahmen konnten wir Monikas Herz nicht bremsen. Bei Übernahme auf die Intensivstation war Monika ziemlich grau, der wachen Patientin wurden in Erwartung einer baldigen Dekompensation Defi-Paddles aufgeklebt, eine Arterie gelegt, ein ZVK gelegt, Echo durchgeführt, Tubus gerichtet. Alles parallel zur laufenden medikamentösen Therapie. Klar war, dass sie mit dem rasenden Herzen schon länger rumgelaufen ist und umso weniger Reserven verblieben. Monikas Herz pfiff aus dem letzten Loch.
Unter fachkardiologischer Aufsicht und Therapieführung bekam Monika Cordarex, Beloc, Dobutamin, Arterenol, letztlich auch Suprarenin. Auf kleinste Änderungen der Dosierungen reagierte ihr Herz extrem empfindlich, alles in allem für eine 49-jährige bisher gesunde Frau sehr ungewöhnlich. Unter der Therapie verbesserte sich ihr Zustand zögerlich, eine Intubation und (mechanische) Reanimation war zum Glück nicht notwendig. Im Echo zeigte sich eine Auswurfleistung des Herzens von nur noch 9 % (>55% ist normal, <30% entspricht einer hochgradigen Einschränkung). Ursächlich war bei Monika am ehesten eine verschleppter Infekt mit folgender Herzmuskelentzündung. Laut unseren Kardiologen ist nicht davon auszugehen, dass sich ihre Herzfunktion wieder auf ein annähernd normales Maß erholt.

Monika wurde gestern zur Uniklinik verlegt, zwecks Listung für eine Organtransplantation.  Monika wird ein neues Herz benötigen, ihr eigenes ist zu schwach.

Mit viel Glück findet sich ein Spender.