A wie Atemweg – die 3 besten Tipps für eine erfolgreiche Intubation

Als ich neu war in der Anästhesie hat man mir immer gesagt ich müsse als erstes mal lernen wie man eine „gscheide“ Maskenbeatmung macht. Jaja, ich war der Kleinste, ich war der Jüngste, hör mal auf die alten Hasen, lieber mal eine gscheide Maskenbeatmung lernen.
Tatsächlich klingt das sehr einfach, ist in der Praxis aber oft schwieriger als die eigentliche Intubation.
Alte Omi ohne Zähne, Gebiss ist raus unter Reanimation? Das ist für eine Maskenbeatmung schon eher was für Fortgeschrittene. Die Laryngoskopie und Intubation dagegen – easy.
Untergroßer Bierlieferant Typ Latzhosenträger mit Bierpocke und Stiernacken? Da kann es schon schwierig werden mit der Laryngoskopie.
Die Atemwegssicherung ist ein Fass ohne Boden, darüber werden ganze Kongresse abgehalten.
Jeder hat eine Meinung dazu, es ist ein ständiges hin und her. Erst wurde der Larynxtubus jahrelang als Alternative zum Endotrachealtubus gefeiert – jetzt wird schon eher wieder davor gewarnt wegen einer möglichen venösen Abflusstörung, dem hohen Risiko tracheoösophagealer Verletzungen und so weiter.
Es gäbe vieles was man zu dem Thema Atemweg erzählen könnte – mir wäre vor allem folgendes wichtig:

1) Der Patient überlebt nicht wegen der gelungenen Intubation sondern er stirbt schon aufgrund der 100 Pitfalls auf dem Weg dahin:
Meiner Meinung nach arbeiten wir viel zu wenig mit Checklisten. Ein Notarzt der sich präklinisch für die Intubation entscheidet gibt dies einmal seinem RA und/oder dem NFS kund, dann wird einer mit den Medis beauftragt, ein anderer richtet mal den Tubus. Kurzer Blick in die Runde – alles bereit? Ja? Dann fix die Analgosedierelaxierung gespritzt und… ähm… die Absaugung! Ich brauche mal die Absaugung! Wie die ist nicht vorbereitet?? Warum flackert das Laryngoskop?? Einen Führungsstab, ich brauche einen Führungsstab!! Wieso weißt Du nicht wo der ist? Dann gib mir einen Bougie! (…) So, hör mal drauf. Dann nimm halt mein Stethoskop wenn Du keins hast! Was sagt denn das CO2? Wieso ist das ist nicht einsatzbereit??  Ich habe gefragt ob alles bereit ist und nichts ist fertig!
So oder so ähnlich habe ich es schon miterlebt. Die Definition von fertig liegt eben manchmal im Auge des Retters Betrachters.
Eine Checkliste vergisst nichts, eine Checkliste wird auch nicht müde.
Nehmt die, oder die, oder macht Euch eine eigene. Alles andere ist fahrlässig. Punkt.

2) Bedienungsanleitung des Laryngoskops – reingleiten, ziehen, hebeln, intubieren. 
Das könnte man bestimmt griffiger formulieren, aber ich habe fast ein ganzes Jahr (und 300 Intubationen?) gebraucht um zu verstehen, dass man bei einer Laryngoskopie sehr wohl hebeln darf. Während meiner Famulaturen wurde mir immer wieder eingebimst – bloß nicht hebeln!
Damit bricht man alle Zähne raus. Ja, das stimmt auch. Aber wehe es sagt jetzt einer – der Narkosearzt hat gesagt man darf mit dem Laryngoskop immer hebeln!
Darf man nicht.
Das Laryngoskop in der Hand eines ungeübten Anwenders ist ein sehr schmerzhaftes Werkzeug mit dem man viel schaden anrichten kann. Die Lizenz zum töten – wie es mal jemand auf dem SMACC 2013 genannt hat. Der Batteriegriff des Laryngoskops wirkt über den an den Zähnen anliegenden Spatel wie ein Brecheisen – und genau so bricht man Zähne auch heraus. Nämlich indem man den Spatel des Laryngoskops an die Zähne legt und hebelt.
Der Trick ist folgender. Vom Zungengrund kann man mit der Spitze des Spatels bis in die Vallecula epiglottica reingleiten. Dabei bitte nicht den Anfängerfehler machen und in die Tiefe schauen ob man da jetzt schon die Stimmritzen sieht – die sieht man sowieso noch nicht. Statt dessen immer oben auf die Zähne achten und den Kontakt zu selbigen unbedingt vermeiden!
Einmal in Position empfiehlt es sich am Batteriegriff in Richtung der linken Großzehe des Patienten zu ziehen. Hierdurch öffnet sich der Mund und der Abstand zwischen dem Spatel des Laryngoskops und den Schneidezähnen wird größer.
Jetzt (!) darf man auch hebeln, denn wenn kein Kontakt zwischen Laryngoskop und den Zähnen besteht kann auch keine Kraft auf diese einwirken. Wenn.
Die meisten machen aber den Fehler, dass sie ziehen, das Laryngoskop etwas kippen und sich dann so freuen in der Tiefe des Raumes endlich was zu sehen, dass sie oben den Blick für die Schneidezähne vergessen und dann macht es knack. Und deshalb sagt jeder – nicht hebeln, denn wer hebelt zahlt die neuen Zähne.
Manchmal geht es aber gar nicht ohne zu hebeln. Man muss eben nur darauf achten keinen Kontakt zu den Schneidezähnen zu haben. Und dann kann man meistens auch recht gut intubieren.

3. Hier könnte Dein Punkt 3 stehen!
3 Punkte klingt super, oder? Das lernt man bestimmt in jedem Anfängerkurs wie man Klicks generiert. Mich würde aber noch viel mehr interessieren, was ihr so ratsam findet, dass man es hier hin schreiben sollte!
Aus der Praxis, für die Praxis zum Thema Atemweg und Laryngoskopie.
Was ist Euch NotfallsanitäterInnen so wichtig, dass ihr es gerne jedem Notarzt mal sagen würdet?
Was möchtet ihr Nötärztinnen und Fachärztinnen für Anästhesie gerne mal jedem Praktikanten ein für alle mal gesagt haben?
Ich bin auf Eure Kommentare gespannt. Bei Gelegenheit ergänze ich dann meinen Punkt 3 den ich noch im Kopf habe – oder einen von Euren Punkten.

Und im nächsten Artikel schreibe ich mal über B wie Beatmung.
X wird spannend. Aber darum kümmern wir uns dann später. So 2020. 😉
Viele Grüße!

Der Narkosedoc

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Patientenverfügung und Co. – richtig gemacht

Aus aktuellem Anlass möchte ich aus meiner Sicht (Intensivmediziner in einem Krankenhaus der Maximalversorgung) mal den Fokus auf ein paar wichtige, dringlich zu regelnde Dinge legen.
Ein Fall der letzten Wochen:
32-jährige (bisher komplett gesunde!) Frau, war am Montag noch arbeiten. Dienstags krank geschrieben, in der Apotheke was „gegen Grippe“ geholt. Mittwoch zunehmend schlecht Luft, ab ins Krankenhaus, nachmittags auf der Intensiv, abends beatmet, Donnerstags zur ECMO zu uns auf die Intensivstation.
Glaubt ihr die Frau hat noch Zeit gehabt irgendwas zu regeln?

Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Organspendeausweis, Bankenvollmacht… Man muss sich um solche Dinge kümmern, wenn man die Kraft, die Zeit und die Gesundheit dafür hat. Also – jetzt!
Denn wenn man all das benötigt, ist es zu spät etwas zu regeln. Was Du jetzt geregelt haben solltest:

– eine Vorsorgevollmacht:
Wenn man intensivpflichtig krank wird passiert das in aller Regel nicht absehbar und dann befindet man sich in einem Zustand, in dem man sich selbst zu eigenen Wünschen nicht mehr äußeren kann. Das muss dann ein Stellvertreter übernehmen. Es ist mitnichten so, dass automatisch jemand aus der Familie als gesetzlicher Stellvertreter eingesetzt wird. Wenn der Richter auch nur andeutungsweise Zweifel daran hat, dass es Diskrepanzen in der Vertretung des Patientenwillens gibt (die so gar nicht existent sein müssen) wird in der Regel ein Berufsbetreuer eingesetzt. Der hat meist noch 150 andere Fälle und ihr tut gut daran genau das zu verhindern.
Es reicht ein einfacher Schrieb (dafür gibt es Vordrucke, zum Beispiel hier).
Anders als eine Vollmacht ist eine Vorsorgevollmacht nur gültig wenn die betroffene Person selber nicht mehr geschäftsfähig ist. Solange ihr also wach und geschäftsfähig seid ist dieses Papier quasi wertlos.
Die Eintragung in irgendein Register ist meiner Meinung nach Quatsch, auf keiner der Intensivstation auf denen ich in den letzten zehn Jahren gearbeitet habe ist jemals bei einem solchen Register angerufen worden.
Hinterlegt die Kopie oder das Original bei der Person die ihr als Vorsorgebevollmächtigte eingetragen habt, das reicht vollkommen aus.
Es gibt leider auch immer wieder Fälle von Missbrauch der Vorsorgevollmachten, deshalb gibt es für diejenigen die sich nicht sicher sein können noch die Möglichkeit der…

– Betreuungsverfügung:
Kennen die wenigsten, ist aber ein tolles Instrument um sich vor einem Missbrauch zu schützen und trotzdem für den Fall der Fälle vorgesorgt zu haben.
In der Betreuungsverfügung kann man Wünsche für den Fall einer notwendigen Betreuung äußern.
Wie man wohnen möchte, welche medizinischen Maßnahmen gemacht werden sollen und welche nicht und vor allem wer im Falle des Falles als Betreuer eingesetzt werden soll und wer nicht. Es geht aber noch weiter – man kann für diesen Fall dem einzusetzenden Betreuer ganz genaue Vorgaben für die Betreuung machen. Zum Beispiel wer zu Weihnachten ein Geschenk bekommen soll oder wer Auskunft erhalten darf.
Damit das alles in Kraft tritt muss ein Richter angerufen werden, dieser muss sich vor Ort oder nach ärztlichem Gutachten ein Bild von der zeitweisen oder dauerhaften Geschäftsunfähigkeit machen und eine Betreuung nach Euren gemachten Wünschen anordnen. Das Gericht ist auch zur Überprüfung der Einhaltung der Vorschriften verpflichtet.
Recht gut erklärt ist das hier, es gibt dort auch Vorlagen dazu.
Ich empfehle aber wie bei allen Vorlagen die das Thema betreffen besonders den Part mit den persönlichen Wünschen ausführlich zu gestalten. Nur dadurch bekommen die behandelnden Ärzte und Pflegekräfte und auch der Richter einen Eindruck von Euren persönlichen Vorstellungen.
Eine Sache fehlt noch, wenn nämlich Kinder da sind:

 

– Sorgerechtsverfügung:
Für den unwahrscheinlichen aber möglichen Fall, dass beide Elternteile versterben oder in Folge eines Unfalls oder einer Erkrankung dauerhaft geschäftsunfähig bleiben und nicht mehr für die eigenen Kinder sorgen können sollte eine Sorgerechtsverfügung verfasst werden.
Eltern können damit Anweisungen machen wer sich um die Kinder kümmern soll, wenn sie selber dazu nicht mehr in der Lage sein sollten.
Recht gut erklärt ist das hier, kein schönes Thema, ich habe aber bereits zwei Mal diese Situation erlebt.
Ein Verkehrsunfall bei dem der PKW vorne unter den LKW geschoben wurde, die Eltern waren noch an der Unfallstelle tot, zwei der drei Kinder überlebten den Unfall schwerverletzt.
Der naheliegende Gedanke die Kinder bei den Großeltern unterzubringen ist erstmal nicht gänzlich verkehrt. Je nachdem wie der Gesundheitszustand der Großeltern ist und je nachdem wie groß der Altersabstand ist, kann es sinnvoll sein die Kinder bei Familien im Freundeskreis oder bei den Geschwistern der Eltern großwerden zu lassen.
Ein komplexes und unangenehmes Thema aber eine Sorgerechtsverfügung hilft den Gerichten die richtige Entscheidung zu treffen.
Und dann wäre da noch die

– Patientenverfügung:
Ja, die kann man gerne schreiben. Aber bitte nicht in einem der Formulare die unter anderem diesen unsinnigen Satz enthalten:

„…wenn zwei Ärzte (gerne auch zwei Fachärzte!) unabhängig voneinander festgestellt haben, dass ich mich unabwendbar im unmittelbaren Sterbeprozess befinde“…

Das ist totaler Schwachsinn, denn in diesem Zustand wird keine Patientenverfügung benötigt. Wenn ein Arzt feststellt, dass sich ein Patient in einem unabwendbaren (!) unmittelbaren Sterbeprozess befindet sind alle anderen Maßnahmen – pardon – Leichenfledderei.
Patientenverfügungen werden aus dem einfachen Grund geschrieben, dass Menschen verhindern wollen an Maschinen zu vegetieren und irgendwann auf der Intensivstation zu sterben.
Die Ärzteschaft hat es versäumt hier rechtzeitig Beratungsangebote auf die Beine zu stellen, auch im hausärztlichen Bereich wird eine entsprechende Beratung überhaupt nicht vergütet. Diese Lücke haben die Juristen ausgefüllt und sich gut aufgestellt mit teilweise sehr teuren Beratungsangeboten bei denen man für viel Geld immerhin ein echtes Wachssiegel vom Notart erhält und das macht doch wirklich was her.
Sieht schick aus, ändert aber nichts daran, dass das Geschwafel in den meisten Patientenverfügungen nichts wert ist weil die Situation in der die Patientenverfügung anzuwenden wäre so niemals eintreffen kann. Die Patientenverfügungen bleiben also in der Folge meist unbeachtet.
Ich empfehle an dieser Stelle die handgeschriebene (!) Patientenverfügung wie ich sie bei einem Patienten fand.
Der Patient selber war ehemaliger Oberarzt der chirurgischen Klinik einer benachbarten Klinik. Er hatte in häuslicher Umgebung bei Luftnot den Rettungsdienst gerufen, ist notfallmedizinisch versorgt worden. Bei Ankunft auf unserer Intensivstation war der Patient bereits künstlich beatmet. In seinen Unterlagen fand sich anschließend die folgende Patientenverfügung:

********
Hiermit verfüge ich, Dr. med. H.M., geb. am **.**.1939 für den Fall, dass ich meinen Willen nicht selbständig äußern kann, dass ich jegliche intensivmedizinische Maßnahmen ablehne.
Sollten versehentlich lebensverlängernde Maßnahmen wie die Anlage einer Magensonde, die Anlage eines zentralvenösen Katheters, eine Dialysetherapie, eine Antibiotikatherapie, eine Katecholamintherapie oder auch eine Beatmungstherapie mit oder ohne Anlage eines Endotrachealtubus begonnen worden sein so sind diese Maßnahmen sämtlich und unverzüglich abzubrechen. Ich dulde solcherlei Maßnahmen unter keinen Umständen, auch nicht kurzfristig.
Ich wünsche in jedem Fall eine bestmögliche palliative Unterstützung mit Linderung von Durst, Unruhe, Hunger und Schmerz.
Insbesondere die Schmerzlinderung soll im Fokus stehen und sehr großzügig durch Opioide wie z.B. Morphin, Sufentanil oder ähnliche Präparate sichergestellt werden. Eine mögliche atemdepressive Wirkung nehme ich ausdrücklich billigend in Kauf.
Undeutliche Äußerungen meinerseits sind im Zweifel zu ignorieren.
Wenn möglich möchte ich in meiner häuslichen Umgebung sterben.
Gezeichnet. Dr. H.M. im Oktober 20**.

****************

Eine solche Patientenverfügung lässt keinen Spielraum offen. Ganz ohne Wachssiegel.
Auf einer einzigen DIN A4-Seite steht hier mehr als auf den meisten zehnseitigen Patientenverfügungen die wir so reingereicht bekommen – und die meist ignoriert werden weil sie so schwammig formuliert sind.
Über Sinn und Unsinn einer Therapie wird bei Patienten auf der Intensivstation oft erst dann nachgedacht wenn alle Maßnahmen ausgeschöpft worden sind und die Patienten mit Beatmung und am besten auch noch mit Dialyse in die nächste Codierungs-Stufe gerutscht sind.
Dieser Patient war der einzige bei dem selbst der leitende Oberarzt der Intensivstation keine Option sah entgegen dem klar geäußerten Willen des Patienten die begonnene Intensivtherapie fortzuführen. Es ist der einzige Patient in fünf Jahren den ich kenne, der es geschafft hat vor Durchführung aller Maßnahmen der Mühle Intensivstation zu entkommen und in Würde gehen zu dürfen.
Der Patient erhielt sehr großzügig Morphin, wurde extubiert und verstarb in der Nacht. Ursächlich war wahrscheinlich eine exazerbierte COPD, eine Lungenentzündung bei einer vorbestehenden  Lungengerüsterkrankung. Das ist nichts bösartiges und prinzipiell sogar gut behandelbar aber eben nur mit Intensivtherapie die dieser Patient klar und unmissverständlich für sich ausgeschlossen hatte.

Anhang:

Darüber hinausgehend sollte man natürlich noch andere Dinge lösen. Die großartige Patricia Cammarata die unter dem Pseudonym „das Nuf“ einen großartigen und sowieso sehr lesenswerten Blog betreibt hat einen tollen Beitrag dazu geschrieben den man hier findet. Ist zwar Werbung für eine Risikolebensversicherung, aber die sollte sowieso jeder haben. Anbieter gibt es ja genug.
Ich denke dann solltet ihr schon mal einen großen Schritt weiter sein. Herrje, richtiger Serviceblog hier heute.

Investition oder Resignation – ein Fachgespräch.

Treffen sich zwei Mitarbeiter in der OP-Umkleide.
A: Mann ich war gestern als Notarzt hier im Nachbarort bei einem Patienten…  ich schätz den auf 130kg, könnten auch mehr gewesen sein. Der war blitzeblau als wir ankamen, Sättigung nicht messbar. War wohl vom Sofa geglitten und hing jetzt in seinem winzigen Wohnzimmerchen zwischen Sofa, Kacheltisch und der Schrankwand. Fraglicher Herdblick, ich hab vor Ort auf ne ICB (Hirnblutung) getippt.
B: Hab ich von gehört. Den haben die Neurochirurgen doch heute Nacht noch entdeckelt, oder? Den haben wir zusammen mit dem Team von der ITS mit 6 Leuten umlagern müssen, das war recht mühselig…
A: Ja genau. Also – GCS 3 (bewusstlos), eindeutige Intubationspflichtigkeit.
Der Notfallsanitäter reicht mir also so ein Einweg-Laryngoskop und nen Standardtubus ohne Führungsstab. Der Typ sah schon nach C/L IV aus. Aspiriert hatte er auch noch, sah wie Erbsen mit Möhren aus.
B: Verbessert die Sicht ja auch nicht gerade.
A: Nee. Ich stell mir den also ein und sehe nichts. Großlumig abgesaugt, es war allerhöchstens der Rand der Epiglottis zu erahnen. Ich dachte wir hätten wenigstens auf dem NEF ein Videolaryngoskop –
B: Nee, das war nur leihweise. Ist schon wieder runter.
A: Ja, hab ich dann gemerkt. Schöner Mist. Ich sag – was haben wir denn an Möglichkeiten? Der Sani meinte
überlege mir das Videolaryngskop Superview2000 zu kaufen.
B: Ich war auf der Messe und habe dort als Angebot das Superview1000 gekauft. Statt 1400€ für 900€. War ein Vorführmodell. Das hab ich jetzt immer in der Tasche dabei, egal wie die Lage vor Ort ist habe ich ein Backup.

 

Ich habe mal bewusst keine Firmennamen genannt, das ist hier auch nachrangig, es geht um was anderes.
Ich war beeindruckt davon, dass diese Kollegen den Missstand nicht einfach so hinnahmen sondern sogar durch den Einsatz eigenen Geldes ausgleichen wollten. Ich kann die Situation nur allzu gut verstehen. Es gibt nichts ärgerlicheres als aufgrund schlechter oder fehlender Ausrüstung dem Patienten nicht oder nicht richtig helfen zu können.
Es gibt Situationen in der Präklinik in der Spezialausrüstung wie ein intraossärer Bohrer oder ein Videolaryngoskop von Nöten sind um dem Patienten adäquat helfen oder überhaupt retten zu können.
In der Klinik in der ich dieses Gespräch mitgehört habe, habe ich im Rahmen eines Workshops hospitiert. An unserer eigenen Klinik und in dem Rettungsdienst in dem ich tätig bin haben wir sowohl bodengebunden im NEF als auch im RTH ein Videolaryngoskop standardmäßig im Einsatz. Das hat aber auch viel zu lange gedauert, bis sich das durchgesetzt hat.
Mal an die Retter hier – was fehlt auf Eurem Auto/Hubschrauber?
Gäbe es etwas von dem ihr sogar schon mal überlegt habt es Euch privat zu kaufen um es im Einsatz dabei zu haben?

Status aktualisieren – eingeklemmt

Ich war gestern bei einem Unfall auf der Autobahn.

Freie Sicht, 10 Grad Außentemperatur und eine trockene Fahrbahn. Keine Baustelle, keine Hindernisse, eine freie gerade (!)  Strecke soweit man schauen kann.

Du hängst in Deinem zerknautschten roten Kleinwagen, dieser liegt auf dem Dach. Du bist ohne Bremsspur in den Graben gerast, hast Dich mehrfach überschlagen, die Autobahn ist übersät mit einem Gemisch aus Autoteilen, Trümmern der zerrissenen Leitplanke und jeder Menge hochgeschleuderter Erde.

Man fragt sich unweigerlich – wie kann sowas passieren?

Mit dem Handy gespielt? Vielleicht. Es bleibt Spekulation.

Ich empfinde es aber rein subjektiv so, dass seit der flächenmäßigen Benutzung von Smartphones solche Unfälle stark zugenommen haben. LKW-Fahrer die ungebremst in ein Stauende rasen. Hat es früher auch schon mal gegeben, aber gefühlt kommt das heutzutage sehr viel häufiger vor.

Ich habe dafür keine Statistik, es entspricht nur meiner Wahrnehmung.

 

Das obige Video ist sicher allen bekannt, oder?
Es ist schwer zu ertragen. Die Geräusche und das Schreien der Verletzten tut weh und aus Erfahrung kann ich sagen – es ist genau so. Jeder Unfall brennt sich ein bißchen in die Seele ein.  Für jede Feuerwehrfrau, für jeden Notarzt, für die Polizisten und die umstehenden, unverletzten Unfallbeteiligten.

Das Video kommt aus einer Zeit, als man SMS schrieb und diese SMS auch noch Geld kosteten. Heute gibt es Facebook, Instagram, Twitter, iMessage und Whatsapp und 1000 Dinge mehr und das für eine Flatrate, außerdem muss man auch auf allen Kanälen up-to-date bleiben weil sonst würde man ja verpassen, dass Michaela auf Bali gerade einen super leckeren Cocktail schlürft. Mit Foto von dem Cocktail, nicht von Michaela. Dafür mit fancy Hashtags.

Michaela: Super lecker. #bali #cocktail #timeforus #liveyourdream

Und natürlich kann Sie sich auf ihren Freundeskreis verlassen die jetzt und sofort „gefällt mir“ klicken, Michaela sitzt ja jetzt auf Bali und schaut auf ihre Schreppe und wartet auf Rückmeldung.

DING!

Karsten: *gefällt mir*

DING!

Carina: *gefällt mir*

DING!

Jenny: Sieht lecker aus!

DING!

antwort von Michaela: Ja, köstlich!

DING!

Steffi: *gefällt mir*

DING!…

So weit, so belanglos. Sie könnte sich eigentlich auch mit ihrem Gegenüber unterhalten, aber der schickt „den Jungs“ gerade ein Foto von dem Flatrate-Sauf-Armband – umgehendes Feedback garantiert.

DING!

Andi: Gas geben! #ballern #fürlau #flatrate #urlaub #träumenichtdeinlebenlebedeinentraum

Wolle, Marc und 21 anderen Personen gefällt das.

DING! DING! DING! DING…

 

Man könnte jetzt meinen das wäre alles belanglos. Sollen Andi und Michaela doch ihre Nachrichten und Feedbacks in die Welt schicken, was geht mich das an?

Die Michaelas und Andis dieser Welt tun das nicht nur in Bali im Urlaub. Sie chatten, texten und liken überall, auch im Auto, auch als Fahrer oder Fahrerin. Sie programmieren ihr Navi, machen ein Foto vom Kilometerstand (100.000!!!) und checken das Makeup per Selfie.

Vielleicht suchen Sie auch nur einen Burgerbrater entlang der Route und tippen dafür ein bißchen auf dem Glasdisplay rum.

Guckt nach vorne

tippt

tippt

guckt

tippt

tippt

aargh – vertippt, korrig

UPS! Etwas nach links verzogen aber hey! ist nichts passiert, linke Spur war ja zum Glück frei also…

tippt

guckt…

Wer so wie ich viel im Auto und auf Autobahnen unterwegs ist sieht es jeden Tag. Autos die bei Tempo 100 plötzlich vom Gas gehen und an Geschwindigkeit verlieren, dann wieder Gas geben und das ganze von vorne.

Nur eben am Navi geguckt ob es eine schnellere Route gibt.

Autos die ganz langsam zu einer Seite abdriften und dann ruckartig wieder in die Spur zurückfinden.

Müde? Vielleicht. Abgelenkt? Schon eher.

Es ist Spekulation weil ein eindeutiger Nachweis ausbleibt, aber wenn im europäischen Mittel die Anzahl der Verkehrstoten und der Verletzten im Mittel zunimmt, dann muss man sich schon nach den Ursachen fragen. Die Franzosen haben das getan und – die Geschwindigkeit auf Landstraßen gesenkt.

Weil alkoholisierte Autofahrer und der Gebrauch von Smartphones als Problem erkannt wurden senkt man die zulässige Höchstgeschwindigkeit. Das finde ich in etwas so als wenn mein Kind ein Problem mit Alkohol hat und zu viel am Handy rumhängt und ich deshalb die tägliche Spielzeit an der Konsole von 3 auf 2,5 Stunden reduziere. Oder so.

In Deutschland kostet die Handynutzung am Steuer nur 100€ und die werden den wenigsten Autofahrern wirklich weh tun, den Punkt in Flensburg kann man auch verschmerzen.

Die schönsten Strafen bringen aber nichts wenn keine Kontrollen stattfinden. Kontrollen gegen eine unerlaubte  Handynutzung am Steuer sind sehr selten, das Risiko erwischt zu werden geht gefühlt gegen Null.

Kein Statusupdate, kein Foto auf Instagram, kein Like oder Dislike, kein  Ich-komme-später und kein Holst-Du-die-Kinder-ab ist ein Leben wert. Nicht das eigene und nicht das eines anderen Menschen.

Ich glaube ja, dass es erst wieder zu einem Rückgang der Unfallzahlen kommt, wenn selbstfahrende Autos zum Alltag gehören. Ob wir das mögen oder nicht, mit Vernunft ist da nichts zu machen. Da können die schönsten Aufklärungskampagnen laufen, der Mensch wird immer wieder zum Handy greifen. Ist ja nur mal eben kurz.

Und wenn das Auto selber fahren kann, dürfen Michaela und Andi endlich liken und tippen bis zur Rhizarthrose. Bis die erschwinglich und eingebauter Standard sind müssen sich die Michaelas und Andis dieser Welt zwischen dem Blick auf die Straße und dem Blick aufs Handy entscheiden.

Gruppe „Kindergarten Mitte“

72 Teilnehmer

DING!

Michaela: „Andi hatte einen schweren Unfall, er liegt auf der Intensiv. Wir kommen heute nicht zum Elternabend“

DING!

Karin: Oh je, gute Besserung!

DING!

Katja: Alles Gute!

DING!

Stefan: Gute Besserung!

DING!

Sven: Ich hatte auch mal einen Unfall. Get well soon!

DING!

Frank: Gute Besserung!

Von Eis und Schnee und Kühlung und Reanimation

Tina hat ein Baby bekommen. Das Kind heißt Emma.
Aus Gründen ist es aber eins der hot topics in der Wissenschaft und erregt die Gemüter. Die einen feiern den Fortschritt der Wissenschaft und die anderen – naja, sie mahnen und üben sich im Krückstockfuchteln und es ist also alles wie immer.
Was ist passiert?
Emma und Tina hätten beste Freunde sein können. Sie hätten sich auf der Krabbeldecke als quasi gleichaltrige Babies anfreunden können, sind jetzt aber Mutter und Tochter. Die Eizelle von Emma wurde über 24 Jahre kryokonserviert, Tina selbst ist gerade mal 25 Jahre alt und hat Emma jetzt ausgetragen. Die ganze Story (mit Foto von Emma und Tina und Benjamin) findet sich hier.
Man kommt nicht umhin über solche Nachrichten zu staunen und – der Mensch ist so – da kommt er nicht raus, er bewertet, er wägt ab und urteilt. Dabei ist es kompliziert. Mal wieder.

Mir geht es aber hier gar nicht um eine ethisch moralische Bewertung. Rein wissenschaftlich betrachtet denke ich mir für meinen Teil ein leises – hui.
Ich meine – 24 Jahre! Vor 24 Jahren wurden die fünfstelligen Postleitzahlen eingeführt und es wurden schlimme Dinge mit Text und Tönen gemacht, die Älteren unter uns erinnern sich noch.
Also mal frei von Ethik, Moral, Anstand und „Darf-er-das?“ – ist das nicht sensationell? So banal ist eine Kryokonservierung nämlich nicht zu machen, der ganze Prozess ist hochkomplex.

Es gibt viele (noch) ungelöste medizinische Probleme. Zum Beispiel können wir für Menschen mit einem Herzstillstand ganz viel tun und sie retten – wenn wir schnell genug sind.
Gerade beim Herzstillstand rennt aber die Zeit rasend schnell weg. In den ersten Minuten setzt bereits ein Zelltod im Gehirn ein, bereits nach wenigen Minuten ist ein irreparabler Hirnschaden entstanden. Wenn also zum Beispiel jemand im Büro einen Herzinfarkt erleidet kann das Herz in einen Herzrhythmus verfallen der so ungleichmäßig wird, dass es schließlich stehen bleibt.
Meistens wird dann der Notruf (112…) abgesetzt und – dann passiert nichts. Manchmal werden die Rettungskräfte eingewiesen, gelegentlich wird der Tote (!) in die stabile Seitenlage gelegt.
Viel zu selten wird die einzig richtige und zwingend notwendige Hilfe in Form einer Herzdruckmassage durchgeführt.
Wird das Gehirn nicht mehr mit frischem Blut und Sauerstoff versorgt können die Zellen keine Energie mehr produzieren, sie stellen die Arbeit ein, der Mensch wird innerhalb von Sekunden bewusstlos. Mindestens ein genauso großes Problem wie die fehlende Zufuhr von frischen Nährstoffen ist der fehlende Abtransport anfallender Stoffwechselendprodukte. Jede Zelle (meines Körpes… 😉 ist darauf angewiesen, dass die anfallenden Stoffwechselendprodukte – also das was am Ende der Hormonproduktion, der Energiesynthese und anderer Zellaufgaben übrig bleibt –  abtransportiert und fachgerecht entsorgt wird.
Werden diese Produkte nicht entsorgt steigt ihre Konzentration innerhalb der Zelle und kann einen Zelltod induzieren. Vereinfacht gesagt erkennt die Zelle – hier stimmt was nicht. Sie kann dann selbständig entscheiden sich lieber selbst zu töten bevor sie noch die anderen in Probleme bringt. Was die Zelle nicht weiß ist, dass die Nachbarzelle gerade das selbe Problem hat und die selbe Lösungsstrategie gewählt hat. Genauso wie tausende und ggf. Millionen andere Zellen. Das ist ein riesiges Problem denn der eingeleitete Zelltod bedeutet letztlich eine Öffnung der Zellporen und ein Aufquellen bis zum Zerplatzen der Zelle. Was bei einer einzelnen Zelle eine pfiffige Lösung zur Entsorgung ist, stellt bei einer gleichzeitig einsetzenden Zelltod von Millionen von Zellen ein großes Problem dar. Es kommt zum Hirnödem und zum Tod weiterer – bisher gesunder – Zellen die regelrecht zerquetscht werden.

Wie schön wäre es also, wenn man diesen Prozess aufhalten oder zumindest bremsen könnte?
Und genau das hat man versucht. Seit Jahrzehnten laufen dazu Versuche, eine der größten hat im Rahmen einer Auswertung der INTCAR (international cardiac arrest registry) Datenbank 2012 gezeigt, dass die verzögerte Einleitung einer milden Kühlung des Patienten das neurologische Ergebnis (kann selber essen, selber trinken, sich selbst pflegen…) dramatisch verschlechtert. Je langsamer die Kühlung eingeleitet wird, desto schlechter sind die Chancen wieder ein selbständiges Leben führen zu können.
Also kühlen wir Menschen nach einer Reanimation mit Kühlpacks, manche nehmen kühle Infusionen und manchmal müssen auch Tiefkühlpommes tun.
Konsequenter wäre es Patienten zu kanülieren (also mit großen Gefäßzugängen zu versorgen) und das warme Blut rasch durch eine kühle Spülflüssigkeit zu ersetzen. Zukunftsmusik? Irgendwie ja, aber was wäre die Medizin ohne die Pioniertaten unerschrockener Mediziner. Mit dashamwaimmerschonsogemacht würden wir heute noch Schröpfen.

Es gibt erste vielversprechende Ergebnisse aber noch ist das alles sehr experimentell. Bereits 2005 wurde populärwissenschaftlich über die Pioniertaten berichtet. Im Grunde genommen geht es um nichts weniger als den Körper für einen bestimmten Zeitraum auf Standby zu stellen und wieder zu aktivieren.
So beeindruckend die ersten Versuche anliefen, so frustrierend klein sind die Fortschritte, aber es gibt sie.

Ich glaube dass die Kühlung das nächste große medizinische Thema wird. Offensichtlich haben wir die richtigen Mechanismen dazu noch nicht komplett verstanden, aber wir sind auf dem Weg.
Wenn ihr also das nächste Mal die letzte Packung Pommes aus der Tiefkühltruhe holt überlegt es Euch gut – ihr könntet damit nicht nur Leben sondern Hirnmasse retten!

Mein Beileid.

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/viersen/lkw-unfall-auf-a61-bei-viersen-abschied-von-getoeteter-polizistin-aid-1.7291467

Ich möchte den Kollegen und Kolleginnen sowie vor allem den Hinterbliebenen der getöteten Polizistin mein Beileid aussprechen.
Denen die noch mit ihren Verletzungen kämpfen wünsche ich baldige Genesung und die besten Ärzte und Pflegekräfte.
Den Kollegen und Kolleginnen die Angst und Sorge um ihre Freunde, Partner und Mitarbeiter haben wünsche ich viel Kraft und guten Mut und dass die Menschen um sie herum sie stützen und stärken können.

Als Notarzt im Rettungsdienst kann ich nur nochmal betonen wie froh und dankbar ich bin, dass es Euch gibt. Ihr kommt zur Hilfe wenn es brennt, ihr rast mit lebensgefährlicher Geschwindigkeit genau da hin wo Menschenleben bedroht werden. Ihr fürchtet keinen Attentäter und stellt Euch schützend vor die Schwächeren. Zu allem Übel müsst ihr Euch für Euren ehrenwerten Dienst entwürdigende Beleidigungen anhören.
Beleidigungen von Menschen die an sich selbst oder am Leben gescheitert sind. Menschen die ihr auch beschützt, auch wenn ihr sie nicht mögt.
Ich habe Polizisten bei deeskalierenden Maßnahmen erlebt was mich tief beeindruckt hat. An einem Moment an dem ich schon längst ausgerastet wäre, bleibt ihr ruhig und sachlich, versucht die Situation zu entspannen.
Ihr seid an Heiligabend und Silvester und an Omas Geburtstag im Dienst und verpasst im besten Fall nur Omas legendäre Buletten. Eure Partner brauchen Verständnis für einen Beruf der viel von der Familie fordert.
Ihr müsst Dinge sehen die sich in die Seele brennen, die verarbeitet werden müssen und die vielleicht langfristig dazu führen dass ihr krank oder sogar berufsunfähig werdet.
Da finden sich viele Parallelen zum Rettungsdienst, trotzdem halte ich unseren Beruf im Vergleich zu Eurem Beruf für sehr viel ungefährlicher.
Bei uns steht an erster Stelle die Eigensicherung. Vor dem ABCDE kommen die 5-Sekunden-Rundumblick ob die eigene Sicherheit gegeben ist. Falls nicht holen wir Euch.

So wie der Autofahrer der den LKW bemerkte der in Schlangenlinien fuhr. Ihr wolltet schlimmeres verhindern, habt durch Euer Eingreifen vielleicht verhindert, dass der 40-Tonner 15km weiter einen Opel Corsa mit Kleinfamilie zermalmt.
Was dann passierte ist im Einsatz zumindest jederzeit möglich. Ihr seid Euch der Gefahr bewusst und nehmt die Herausforderung trotzdem an. Weil ihr Euch dem Beruf und dem Dienst an der Gesellschaft verpflichtet fühlt.
Deshalb an dieser Stelle und weil ich jedes Mal innerlich erleichtert aufatme wenn ich Euer Auto an einer Einsatzstelle sehe –

Danke.

Was wollen wir heute feiern?

Heute ist in Amerika der Boss-Day. Da haben die braven Angestellten mal die Chance sich für „den netten und fairen Umgang, den ihnen Vorgesetzte im vergangenen Jahr haben angedeihen lassen“ (Quelle: wikipedia) bedanken zu können. Kein Scherz.
Heute ist auch der Tag des Brotes und der Weltbrottag schließt sich dem gleich mit an.
Vor allem ist aber heute der Welttag der Anäshtesie. Der ist immer am 16. Oktober weil heute vor 171 Jahren nämlich am 16. Oktober 1846 in Boston die erste öffentliche (!) Anästhesie mit Ether durchgeführt wurde. Tatsächlich wurde schon vier Jahre vorher nachweislich eine Anästhesie von Crawford Williamson Long durchgeführt. Warum er darüber nicht direkt 1842 berichtete ist mir völlig unerklärlich. Erst sieben Jahre später schrieb er einen Fachartikel über die schmerzfrei durchgeführte Operation mit dem Titel „An account of the first use of Sulphuric Ether by Inhalation as an Anaesthetic in Surgical Operations“.
Zwischenzeitlich hatten einige andere Zeitgenossen für sich beansprucht die Ersten gewesen zu sein, die eine Ethernarkose durchgeführt hätten. Aufgrund einer gut gehenden landärztlichen Praxis aber auch aus Zweifel darüber ob man das so reproduzieren können (?) habe er seine Beobachtungen nicht veröffentlicht. Alles schön detailliert (in englisch) beschrieben in dem passenderweise mit „Crawford W Long – still an enigma“ überschriebenen Artikel. Es bleibt ein Enigma, griechisch für Rätsel, ein Mysterium.
Es wäre also passender am 30. März (1842) als Weltanästhesietag zu zelebrieren. Das tut man auch – in Amerika – in Form des „Doctor’s day“ was ja so ähnlich ist.
Das wäre auch deswegen besser weil dann feiern wir nämlich schon 175 Jahre Narkose und das ist ein Jubiläum und darauf können wir uns jetzt alle Mal eine Flasche Lachgas aufmachen.

Mooooment.
Der wachsame Narkose-Nerd rückt die Hornbrille zurecht und möchte das Geschriebene von Seite 7 seiner anästhesiologischen Enzyklopädie aufmerksam machen.
Hätte man damals nämlich eine bessere Verbindung nach Japan gehabt – die Amerikaner hätten schon 38 Jahre vorher schmerzfrei operieren können!
Es war der Arzt Hanaoka Seichu der ein fast schon als komplex zu bezeichnendes Gebräu aus Atropin, Aconitin, Scopolamin und Angelicotoxin seinen Patienten verabreichte. Ein Höllengemisch! Alleine Aconitin. Ein aus dem blauen Eisenhut gewonnenes Alkaloid welches ein wesentlich stärkeres Toxin ist als Strychnin. Heidewitzka.
Die Mischung hat er nach probatorischer Applikation verschiedenartigster Substrate heimischer Gewächse zunächst an Tieren ausprobiert. Seine Mutter und seine Frau mussten dann für den Feinschliff der Rezeptur herhalten. Das blieb nicht ohne Kollateralschäden, seine Gemahlin erblindete dabei.
Der Mann musste es ja wissen, hatte er ja immerhin drei Monate Innere Medizin bei Meister Nangai und ein ganzes Jahr die Kunst der Chirurgie bei Meister Kenryo gelernt. Mehr brauchst Du nicht. 15 Monate breiteste medizinische Ausbildung und los geht das.
Immerhin hat er mit diesem Gehirnzellenmassaker die erste beglaubigte Anästhesie durchgeführt und direkt mal noch eine Mastektomie durchgeführt. Wer Innere, Chirurgie und Anästhesie kann, kann auch Gynäkologie. Merken wir uns also den 13. Oktober für nächstes Jahr schon mal vor!
Darauf einen Nihonshuu.
Prost!

Mittendrin statt nur dabei – selber mal Notarzt sein

Vom zugucken lernt man ja gemeinhin wenig. Selber machen ist da schon sinnvoller. Deshalb dachte ich mir gibt es heute mal einen Fall den ich schildere und bei dem es mich interessieren würde wie Du handeln würdest.
Damit der eine nicht beim anderen abschreibst sich nicht beim anderen inspirieren lässt, sind die Kommentare ausnahmsweise geheim geschaltet. Ich werde in ein paar Tagen schreiben wie ich es gemacht habe.

Vor meinem Studium war ich der Meinung, dass ich mit der Kombination aus umfangreichem, theoretischem Wissen und dem sicheren Beherrschen praktischer Fähigkeiten alle medizinischen Probleme lösen können werde.
Das diese schwarz-weiße Vorstellung mehr dem Wunsch als der Wirklichkeit entsprach wurde mir noch während des Studiums bewusst. Medizin ist so unfassbar komplex dass immer wieder Situationen entstehen in denen all Dein Wissen und all Deine Fähigkeiten Dir doch nur die Wahl zwischen Wartburg und Trabbi übrig lassen.
Manchmal wird auch erst nach dem Tod eines Patienten klar, was man hätte anders oder sogar besser machen können.

Ich lese weiter viele Bücher, schaue mir Lectures und Videos an und besuche und veranstalte Workshops in der Hoffnung noch besser zu werden und knifflige Fragestellungen noch besser lösen zu können.
Um Euch zu verdeutlichen wie kompliziert es manchmal ist würde ich gerne ein What-would-you-do-Tutorial mit Euch machen. Notfallmedizin ist weit mehr als defibrillieren, intubieren und intraossieren 😉
Im folgenden geht es um Ethik, moralisches Handeln, Sozialdienst, Politik, Integration und Inklusion. Alles Dinge die ich auf der Universtität und in zahlreichen Praktika gelernt habe… nicht.
 

  1. August 2017 17:30 Uhr

Einsatzstichwort: Akute Dyspnoe, Kind tracheotomiert, 4 Monate, YILMAZ Aydin_Hochstraße 237-239, Einweiser vor Ort

Einsatzort ist ein Wohngebiet mit sehr hohen Hochhäusern. Die Hausnummer 237-239 ist ein cremefarbener Plattenbau, ca. 20-25 Stockwerke hoch. An der Haustür stehen ein paar interessierte Jugendliche, keiner ist über unsere Ankunft informiert oder weiß etwas von einem Notfall.
Wir suchen „Yilmaz“ auf den geschätzt 200 Klingelschildern. Es gibt mehrere mit Yilmaz. Wir sprechen die Jugendlichen an, dass wir ein Kind von Familie Yilmaz suchen, dass über einen Schlauch im Hals atmet. Tatsächlich weiß einer der Jungs Bescheid, er gibt uns den entscheidenden Tipp und schon sind wir im Aufzug.
Der Flur hat nochmal etwa zehn Türen, hier (!) macht sich nun tatsächlich jemand bemerkbar, die Tür ist auf. In der Wohnung treffen wir auf Frau Metler – sie gibt sich als Mitarbeiterin des Jugendamts aus. Anwesend ist auch ein junger Mann von 17 Jahren – der Bruder Sercan unserer Patientin.
Im Stilmix eines Kinder- und Jugendzimmers wohnt Sercan mit seiner kleinen Schwester Aydan. Aydan ist auch unsere Patientin, anders als auf der Meldung stellt sich heraus, dass sie nicht vier Monate sondern schon vier Jahre alt ist. Dafür sieht sie ungewöhnlich klein und zierlich aus, eher wie eine schmächtige Zweijährige. Der erste Eindruck sagt – hier ist jemand richtig krank. Die Wangen sind eingefallen, die Atmung über ein Tracheostoma sieht angestrengt aus, die Augenlider sind  schwach, Sercan wirkt müde. Sie atmet über ein Heimbeatmungsgerät im CPAP-Modus (eine Art Unterstützungsmodus, die Pat. „zieht“ Luft und das Gerät unterstützt sie ein bißchen so als wenn man bei sehr sehr starkem Wind an der See steht und den Mund gegen den Wind öffnet und einatmet, aber nur ein bißchen…). Ich erkläre Sercan, dass wir ein paar Untersuchungen machen müssen.
Das Pulsoxymeter zeigt einen SpO² von 89%, HF 129/min, RR 85/40. Recapzeit (mache ich immer, tut nicht weh und geht schnell) ist erwartungsgemäß bei über 2 Sekunden was höchst alarmierend ist denn bei Aydan sollte diese sogar unter einer Sekunde sein.
Ich versuche einmalig Sercan abzusaugen in der Hoffnung damit ihr Problem zu behen, kann aber kein Sekret gewinnen, das chirurgische Tracheostoma ist frei. ‚

Ich frage Sercan was passiert sei aber Sercan ist sehr aufgeregt und kann wenig berichten. Dafür erfahre ich mehr von Frau Metler. Frau Metler betreut die Familie Yilmaz seit einigen Jahren und weiß zu berichten, dass bei Aydan eine schwere Stoffwechselerkrankung vorliege, die Familie sei zuletzt erst vor drei Wochen aus der Klinik entlassen worden. Die Erkrankung sei nicht heilbar, weitere Therapieversuche hätten keine Aussicht auf Erfolg und die Entlassung sei auf Wunsch der Eltern erfolgt damit Aydan wenigstens zuhause im Kreis ihrer Familie sterben dürfe.

Es findet sich ein sehr ausführlicher Entlassungsbrief in welchem die infauste Prognose und die sehr geringe Lebenserwartung klar und deutlich benannt ist. Der Brief deckt sich mit den Angaben der Mitarbeiterin des Jugendamts, dass die Patientin auf Wunsch der Eltern zum Sterben in häuslicher Umgebung entlassen worden sei.
Aktuell sei die Mutter auf der Arbeit, sie stehe dort an sehr lauten Maschinen. Einen Anruf würde sie gar nicht hören, die Benutzung von Handys auf der Arbeit sei aber ohnehin verboten.
Der Vater sei mit einem weiteren Sohn in den Nachbarort zu einem Vorstellungsgespräch gefahren. Sercan sei beauftragt worden auf seine Schwester aufzupassen und falls irgendetwas sein soll, sollte er den Notarzt rufen.
Sercan hat mittlerweile gemerkt, dass mein Heilversuch des Absaugens ohne den ersehnten Heilungserfolg geblieben war. In seinem Gesicht wird Not jetzt durch zunehmende Angst ersetzt, was er uns auch mitteilt. Seine Schwester dürfe nicht jetzt sterben und schon gar nicht wenn seine Eltern nicht da sein. Außerdem müsse noch ein Imam gerufen werden und er könne ja seinen Vater nicht erreichen. Er macht mir glaubhaft war, dass sein Vater üble Dinge mit ihm anstellen würde wenn seine geliebte und einzige Tochter sterben würde ohne dass er den Notarzt gerufen habe. Sercan bittet darum, dass wir irgendwas machen damit Aydan überlebt.
Für eine telefonische Kontaktaufnahme und ein zeitaufwändiges fernmündliches Gespräch welches gegebenenfalls sogar erst übersetzt werden muss bleibt keine Zeit mehr. Aydan geht es jetzt richtig schlecht, die Sättigung ist jetzt bei 81%, es muss jetzt eine Entscheidung getroffen werden.

Was würdest Du tun?
Habe ich etwas vergessen, was Du noch dringend wissen musst um eine Entscheidung zu treffen?
Würdest Du vor Ort therapieren?
Würdest Du auch reanimieren?
Soll die Pat. transportiert werden oder lieber vor Ort bleiben?
Würdest Du Dich eher für eine Palliation also Sedierung ggf. Morphingabe entscheiden?

Aus Mohn kann man nicht nur Kuchen machen

Es ist jetzt ein paar Wochen her, dass ich als Notarzt zu einem Unfall in eine eher ländliche Gegend musste. Wir wurden vom bodengebundenen Notarzt nachgefordert zu einem Verkehrsunfall Roller gegen PKW. Es war noch einer von diesen relativ lauen Sommerabenden so dass man am RTW schon durch das noch geöffnete Fenster den bereits auf der Trage liegenden sich windenden Patienten schreiben hörte. Bei erster Inspektion eine offene Unterschekelfraktur beidseits, die waren wohl unter die Reifen gekommen.
Nach kurzer Begrüßung bat ich den HEMS er möge mir etwas Fentanyl aufziehen – auch um hier etwas Ruhe rein zu bekommen, eine normale Konversation war unter den Umständen kaum möglich. Als hätte ich den Beelzebub persönlich ausgepackt starrte mich die Besatzung des RTWs und der Notarzt an. FEN-TA-NYL??? Also das würde man hier nur sehr ungern sehen. Das wäre ja ein hochproblematisches Medikament und man würde hier ja doch andere Schmerzmittel bevorzugen… Dass ich bei meiner Antwort auf den sich seit mindestens 20 Minuten – wir wurden ja nachgefordert! –  krümmenden Patienten wies und sagte   „Ja, dann hätten Sie doch mal besser IRGENDeins ihrer bevorzugten Medikamente gegeben!“ brachte mir eine Beschwerde und eine Klarstellung gegenüber der Zentrale ein.
Der Notarzt hat es sich nicht nehmen lassen sich über uns bei der Filialleitung zu beschweren und holte auch nochmal ganz tief aus. Er hätte das ja auf dem Notarztkurs gelernt, dass das ein sehr gefährliches Medikament sei und dass dieses für die Schmerztherapie im Rettungsdienst völlig ungeeignet sei. Da frage ich mich allen Ernstes – wer erlaubt diesen Menschen Notärzte auszubilden? Und was empfehlen die dort auf diesem Kurs als Schmerzmittel der Wahl?
Was soll man bei einer offenen Unterschenkelfraktur als Schmerztherapie denn nehmen? Novaminsulfon und Co. verbieten sich von selbst, das ist inadäquat. Wir reden hier von Schmerzen, nicht von Wehwehchen. Piritramid? Befindet sich nicht auf dem Wagen. Bleibt noch Morphin.
Und dann soll ich eine Narkose mit Morphin einleiten? Dann werden 5 Ampulen à 10 mg Morphin  aufgezogen?
Wenn man keine Ahnung von einem Medikament hat lässt man besser die Finger davon. Einfache Regel. Ich mische auch keine Chemotherapien zusammen. Lehre bedeutet auch Verantwortung und ich halte es für verantwortungslos so auszubilden.
Aber wenn ich als Not(!)arzt den Piepser in die Hand nehme und mich bereit erkläre mit dem kleinen blinkenden Auto zum Notfallpatienten zu brausen dann muss ich doch einen Plan haben wie ich echte Schmerzen richtig lindern kann – die urälteste Berufung aller Mediziner!
Thomas Sydenham (lebte von 1624 – 1689) und gilt als „englischer Hippokrates“. Ein Arzt und Grundlagenforscher der unter anderm Erstbeschreiber der Chorea Minor ist schrieb:

„Ich kann nicht umhin, Gott für seine Güte zu danken, daß er der leidgeplagten Menschheit zur Linderung Opiate gegeben hat; kein anderes Mittel vermag mit einer gleichermaßen durchschlagenden Wirkung eine große Anzahl von Krankheiten erfolgreich zu behandeln oder sogar auszumerzen.“
Thomas Sydenham, 1624 – 1689

Was Thomas Sydenham hier so überschwänglich lobt nennt sich Opium, die Grundlage für unsere moderne Schmerztherapie. Opium ist Mohnsaft, gewonnen durch das Anritzen unreifer Samemkapseln des Schlafmohns.

Bereits 4000 vor (!) Christus wurde Schlafmohn zur Herstellung pharmazeutischer Produkte als Nutzpflanze eingesetzt. Es gilt als eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt.
Erst Jahrtausende später nämlich 1804 konnte Morphin (neben 37 anderen Alkaloiden) als eigene Substanz im Schlafmohnsaft isoliert werden.
Die Forschung machte große Fortschritte und dem natürlichen Opiat Morphin folgten die künstlich hergestellten Opioide.
Diese wuchsen nicht mehr in Pflanzen sondern in Reagenzgläsern. Dr. Paul Janssen war hier federführend. Sein Team erkannte das enorme Potenzial geringfügiger Modifikationen bekannter Wirkstoffe. Hierzu sei auch die überaus spannende Kurzbiografie von Dr. Paul Janssen empfohlen.
Dr. Paul Janssen gilt als der Thomas Edison der Medizin. Ein begnadeter, unermüdlich forschender Mediziner der in seiner Lebenszeit nicht nur etliche Male für den Nobelpreis nominiert wurde sondern auch hunderte Medikamente erfand.
Unter anderem Fentanyl (Durogesic), Piritramid (Dipidolor), Sufentanil (Sufenta) und Alfentanil (Rapifen). Das hat alles dieser eine Mann erfunden und das innerhalb kürzester Zeit.
Fentanyl, Sufentanil und Alfentanil sind allesamt künstliche Abkömmlinge des Opiums. Sie sind dem Opium ähnlich (-„id“) und wirken unterschiedlich stark.
Verglichen wird die analgetische Potenz – also die Wirkstärke des Schmerzmittels – mit Morphin. Morphin hat als Referenzsubstand die relative Potenz von 1.
Piritramid, gerne nach Operationen gegen Schmerzen eingesetzt hat zum Beispiel nur eine relative Potenz von 0,7. Tilidin hat sogar nur die relative Potenz von 0,1 (und wird in unserer Klinik auch aufgrund des erheblichen Missbrauchspotenzials gar nicht mehr verordnet).
Diamorphin – besser bekannt als Heroin – hat nur eine 2,5fache relative Potenz aber es berauscht in erheblichem Maß. Methadon – als Saft ein guter Ersatz zur Substitution von Heroinabhängigen – hat fast die gleiche realtive Potenz (2,0), aber es berauscht wesentlich weniger.

Und weil Junkies immer auf der Suche nach dem Rausch sind, dem neuen Kick, der einen Substanz – sprach sich irgendwann vor ein paar Jahren herum, dass man doch auch mal was anderes als Heroin versuchen könne. Andere waren auf der Suche nach Heroin und bekamen von ihrem Dealer alternativ  Fentanyl angeboten. Ein User beschreibt Fentanyl im Vergleich zu Heroin als „It’s like going from being slapped by a pillow to hit by a train“.
Wer damit anfing und warum man auf Fentanyl kam, dazu gibt es verschiedene Theorien. Fakt ist, dass Fentanyl den nordamerikanischen Drogenmarkt überschwemmt, Eltern, PilotenKünstler (Prince) und tausende andere getötet hat und über Großbritannien nach Europa und mittlerweile in Bayern angekommen ist.
Ein riesengroßes Problem was auf uns zurollt und in den USA bereits zum nationalen Notfall erklärt wurde.
Das – ist brandgefährlich.
Nicht die Schmerztherapie im Rettungsdienst.
Die Anwendung eines hochpotenten Analgetikums durch hochqualifiziertes Personal. Das ist etwas wovor man Respekt haben sollte, wofür wir ausgebildet wurden und zu deren Anwendung unserer Heilkünste wir gegenüber unseren Patienten verpflichtet sind. Hui, da war sie – die große moralische Keule.
Meine Erfahrung ist im übrigen, dass ein Patient mit einer solchen Schmerzquelle nach adäquater Gabe von Fentanyl immer noch genügend Atemantrieb hat. Eine Narkose und Atemwegssicherung ist in den seltensten Fällen wirklich nötig – muss aber natürlich vorgehalten werden.

In der Anästhesie setzen wir Fentanyl intravenös eigentlich nur während einer Operation ein um Patienten wirklich komplett schmerzfrei zu machen. Es wirkt etwa 120 mal stärker als Morphin weshalb nach der Gabe einer entsprechenden Menge Fentanyls eine Atemwegssicherung bereit stehen und der Patient beatmet werden muss.
Im Rahmen spezieller schmerztherapeutischer Programme erhalten Patienten Schmerzpflaster mit Fentanyl. Diese werden aufgeklebt und geben den Wirkstoff kontinuierlich über mehrere Tage über die Haut ab.
Irgendjemand fing dann mal damit an diese gebrauchten Pflaster aus dem Müll zu fischen, auszukochen und den Sud zu spritzen.
Als wäre das alles nicht schon furchtbar genug legen die Dealer noch einen drauf. Sie haben die relative Potenz für sich entdeckt. Wenn ein Wirkstoff 120 mal stärker wirkt brauche ich nur noch 1/120stel der Menge für die gleiche Wirkung. Kokain wird grammweise verkauft, Heroin ebenfalls.
Fentanyl wird Milligrammweise verkauft. Weil es aber immer noch ein bißchen extremer geht wird neuerdings Carfentanyl vermischt. Carfentanyl hat eine relative Potenz von 10.000! Es wird in der Humanmedizin nicht eingesetzt weil es nicht sinnvoll zu verdünnen ist. In der Tiermedizin wird es (als Wildnil) zur Betäubung von Großtieren wie Eisbären und Löwen eingesetzt.
Und dieses veterinärmedizinische Turboanalgetikum mixen findige Dealer jetzt dem Fentanyl bei. Ein einziges Milligram Carfentanyl reicht für hunderte bis tausende Einheiten die an Drogenabhängige weiterverkauft werden können.
In seiner Potenz schlummert aber auch die Gefahr. Carfentanyl ist so potent, dass bereits wenige Mikrogramm in der Luft ausreichen um eine entsprechende Wirkung zu entfalten.
Im Klartext – das Pulver ist so stark, dass bereits eine normale Umfeldkontamination von Gepäck oder ähnlichem hochgefährlich ist. Es soll schon Drogenfahnder gegeben haben die bereits von der Berührung lebensgefährlich erkrankten. Und Drogenhunde die sich im wahrsten Sinne des Wortes fast zu Tode geschnüffelt haben.
In Amerika wird Carfentanyl mittlerweile nicht mehr nur als Droge, sondern als Kampfstoff geführt. Das passt auch ganz gut. Bei der Befreiung der Geiseln des Überfalls auf das Moskauer Dubrowka-Theater 2002 wurden die Geiselnehmer wahrscheinlich mit einem Carfentanylgemisch betäubt. Genau weiß man es nicht.
Leider starben auch 130 Geiseln, 125 davon durch die möglicherweise unzureichende medizinische Versorgung. Die Geiseln waren durch das Carfentanylaerosol wahrscheinlich schlicht apnoeisch geworden, eine simple Maskenbeatmung hätte diese Leute vielleicht überleben lassen.
Oder Naloxon. Das gibt es mittlerweile auch als Spray. Wegen der Hunde. 

Ach ja, erwähnen sollte man noch Ohmefentanyl (von „Oh my god“-Fentanyl?). Es hat die 30.000 fache relative Potenz und gilt als das stärkste Opioid.
Nur dass keiner sagt ich hätte nichts gesagt.