Homo homini lupus est

AUS:
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/frankfurt-menschenmenge-behindert-rettungskraefte-bei-wiederbelebung-a-1166284.html


Ein 19-jähriger muss wiederbelebt werden. Solche Einsätze sind kein Spaß. Wir trainieren jahrelang, werden von Spezialisten ausgebildet, pauken bücherweise Fachwissen damit wir in solchen Situationen das Beste für diesen einen Menschen erreichen können. Wir wollen helfen. Leben retten.

Es ist der Sohn meiner besten Freundin. Seine Schwester war mit ihm zum einkaufen, sie steht neben ihm, schreit um sein Leben. Der Vater kommt hinzu, hatte nur kurz das Auto geparkt. Er trommelt vor Wut und Schmerz mit den Fäusten auf eine Mülltonne, beißt sich auf die Finger.

Daneben steht ein andere 19-jähriger, bepöbelt die Rettungskräfte, „ruft zu Störungen auf“. Ich meine – was ist eine gerechte Strafe für so ein Verhalten? Kann man das überhaupt bestrafen?
Was ist das für ein Individuum frage ich mich, so verroht? Wie wird man so?

Und wann genau fing das eigentlich alles an so zu eskalieren?
Ich frage mich – wann war der Moment an dem ich das erste Mal stutzte?
Stutzen, dieses Verb passt sehr gut in unsere Zeit. Ich stutze über den kleinen Mann aus Nordkorea. Der kleine Mann mit den dicken Backen der so viel Hass in sich hat, dass es hinaus muss. Raus aus seinem kleinen Land. Der einem etwas zu pummelig geratenen Dackel gleich die Doggen dieser Welt anbellt und nur Ärger will. Der regelrecht darum bettelt einen auf die Mappe zu kriegen. Koste es was es wolle auch hunderttausende Menschenleben.
Es ist düster geworden da draußen. Dunkle Wolken ziehen auf.

Woher kommt all dieser Hass? Hass fremden Menschen gegenüber? Menschen die eigentlich auch nur Väter und Mütter von, Sohn von, Tochter von oder Bruder von irgendjemandem sind.
Menschen die eigentlich nur ein ganz normales Leben haben wollen, so mit morgens frühstücken, zur Arbeit gehen, Kollegen treffen, Mittagspausenschnack, Feierabend und Fernseh gucken in der Doppelhaushälfte.
Diese fremden Menschen sind alle geliebt von ihrer Mama, von ihrem Papa, von ihren Geschwistern. Keiner ist irgendjemand.
Durch den kursiv geschriebenen Einschub wird aus „einem 19-jährigen“ der Thomas der gerade Abi gemacht hat und sich für Maschinenbau in Aachen eingeschrieben hat. Die persönliche Ebene verändert unsere Wahrnehmung.
Es hasst sich einfach leichter wenn man den Menschen nicht kennt an dem sich gerade die Wut über eigene Missstände und Verfehlungen entlädt. Mein Nachbar ist Alkoholiker, hat den Führerschein erst verloren und dann nie mehr nachgemacht und wegen des Alkohols und des fehlenden Führerscheins arbeitslos. Da könnte man mal bei sich selbst anfangen. Das ist aber unbequem, einfacher ist es die Asylanten zu hassen. Die Asylanten sind eine undefinierbare Masse, da hasst es sich ganz bequem.
Wenn man sich nur mal die Mühe machen würde und den einzelnen Menschen zu betrachten der da in dieser Masse sichtbar wird!

lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit
(Denn der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch. Das gilt zum mindesten solange, als man sich nicht kennt.)

Wann also genau fing das an, dass man einfach einen Menschen beschimpfen und hassen durfte?
Das Feuer war nie aus, auch nicht nach dem zweiten Weltkrieg. Wahrscheinlich brennt dieses Feuer seit es Menschen gibt.
„Uga-uga aus der Höhle hinter dem Wasserfall ist verantwortlich für wasauchimmer, dafür wird er bezahlen.“ Oder so.
Vielleicht war ich zu sehr geschützt in meiner 80er-Jahre-Kind-Wohlstandsblase, aber ich meine es gab mal eine Zeit in der Hass, Missgunst, Neid und Boshaftigkeit nicht so an der Tagesordnung waren wie heute.
Niedertracht ist definiert als eine „bewusst böse Denkweise“.
Mit nichts anderem ist die Verrohung besser zu beschreiben die wir erleben müssen. Auch im Rettungsdienst.

Alleine im letzten Monat finden sich etliche Berichte:

Da stirbt ein 59-jähriger Motorradfahrer vor den Augen seiner besten Freunde auf der Autobahn. Das erste was einem LKW-Fahrer einfällt ist sein Smartphone rauszuholen und die Szene zu filmen. Keine erste Hilfe, erstmal ein Video. Für Youtube? Für die Whatsapp-Gruppe „Skatfreunde Keuschbueren“?
Das ist mittlerweile so ein Reflex. Es passiert irgendwas – ZACK! Smartphone raus, Video. Oder wenigstens 10 Fotos. Haste nichts gefilmt ist es nicht passiert.
Wir haben erlebt, dass wir mit einem Patienten im Schockraum der Uniklinik ankamen und dort bereits ein Video (!) von der Unfallstelle gesehen worden war inklusive Abflug unseres Hubschraubers.
Gefilmt, gestreamt, veröffentlicht.

Da passiert ein Unfall auf der A3 – Wohnwagen gegen LKW. Zwanzig Gaffer stehen rum und filmen das. 

Das zieht sich durch alle Altersklassen. Schon 15-jährige sind ganz vorne mit dabei. Und weist man als Rettungsdienst auf das Fehlverhalten hin darf man keine Scham erwarten sondern muss mit aggressivem Verhalten rechnen.

Am Rheinufer in Remagen gibt es genau eine einzige Landestelle an der der RTH nicht landen kann weil ein Spacko dort steht und filmt. Und auch trotz eindeutiger und mehrmaliger Aufforderung nicht Platz macht. Hinterher beleidigt er noch den Piloten.

Geht es noch schlimmer? Na klar.
Da steht ein Mann auf dem Vordach eines Hotels in der Innenstadt von Baden-Baden. Unten stehen 50 Schaulustige, filmen und johlen und rufen dem Mann zu er solle doch endlich springen. 
Da suhlen sich Menschen welche im Leid anderer Menschen.
Das würden Tiere nicht machen. Soweit mir bekannt ist, würde sich ein Tier nie am Leid eines anderen Tieres ergötzen. Es wäre ihm egal, vielleicht. Aber die bewusste Freude darüber, dass es hier jemand anderem richtig dreckig geht ist eine urmenschliche Eigenart.
Blöd nur, wenn man irgendwann selber mal da liegt.
Und keiner zur Hilfe kommt, weil die Rettungsgasse zu ist. Aber dann tröstet vielleicht der Gedanke dass man sich das Elend hinterher aus zwanzig verschiedenen Blickwinkeln anschauen kann.
Wenn man dann noch lebt.

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Nous sommes unis.

Ich bin großer Fan von gutem Fußball, man könnte auch sagen der „Fußballkultur“. 11Freunde, Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs – das ist meine Welt. Ich favorisiere keinen einzelnen Verein, mag bestimmte Vereine dafür ganz und gar nicht und schaue aus oben genannten Gründen gerne mal ein Fußballspiel wenn es sich anbietet.
So wie gestern.
Ich hatte Bereitschaftsdienst und wir waren um kurz nach 20 Uhr fertig mit dem Tages-OP-Programm. Kurz vor Anpfiff erreichte mich der Anruf des Unfallchirurgen – Kind 5J., kombinierter Unterarmbruch, nüchtern, jetzt machen. Gut, dann also kein Fußball, sondern in den OP.
Ich ging also zu Lina, prämedizierte die kleine Lady und ihre aufgeregten Eltern, gab ihr was gegen Schmerzen und etwas zum Entspannen, klebte ein „Zauberpflaster“ (betäubt den Bereich in dem man später den Zugang legen kann) und ging in den OP. Die Narkose gestaltete sich problemlos, die Scheidung der Fraktur war etwas komplizierter da die Weichteilschwellung schon recht ausgeprägt war, kurzum – es dauerte.
Während der Narkose achte ich darauf, dass meine kleinen Kunden wie auf Watte liegen und es keine Druckstellen gibt. Kinder bekommen rasend schnell fies aussehende Druckstellen, wenn man nicht aufpasst. Dafür fühle ich mehrfach nach der Blutdruckmanschette, lege den Arm immer mal wieder etwas anders hin (Mikrolagerung) und achte darauf, dass keine Schläuche und Kabel auf der Haut liegen. Dabei bin ich schon recht nah an den kleinen Menschen und schlafende Kinder sind etwas wunderbares. In einem schlafenden Kind kann man so viel Gutes sehen und ich war sehr glücklich, diesen Beruf machen zu dürfen. Ich bekomme das wertvollste von zwei Menschen (den Eltern) übertragen, sie vertrauen mir, sie geben ihr Kind an mich ab. Kinder sind nicht nur kleine Menschen, sie sind etwas ganz besonderes, auch was z.B. die Dosierung der Medikamente angeht. Halber Mensch, halbe Ampulle funktioniert da nicht.
Ich bin also stets achtsam, wach, voll da, lasse die Kleinen keinen Moment aus dem Auge. Und diese Mischung aus Verantwortung für den Patienten, Vertrauen von den Eltern, der Ruhe des nachts operierenden Teams und dem Wissen hier ganz konkret geholfen zu haben ist etwas sehr schönes.
Gleichzeitig passierten ein paar hundert Kilometer weiter furchtbare Dinge von denen wir noch nichts wussten.
Lina lag so ganz friedlich da und als alles fertig war habe ich die Medikamente ausgemacht, konnte Lina tief schlafend die Beatmungsmaske  entfernen und sie wurde wach und plapperte fröhlich vor sich hin.
Als ich aus dem OP kam und auf mein Zimmer gehen wollte um den Rest des Fußballspiels und wenigstens die Zusammenfassungen der anderen Spiele schauen zu können sah ich es. Diese Menschen die vor einem Fernseher zusammen sitzen und etwas surreales anschauen. Es war am 11. September 2001 genauso. Damals in der Jugendherberge.
Es war sehr viel Ruhe da in der Ambulanz vor dem Fernseher und es wurde anders als sonst nicht gesprochen.
Der sonst so abstrakte Terror – allenfalls in fernen Ländern mit vielen Wüsten und kryptischen Städtenamen präsent – schafft es sonst ja höchstens mal in die Tagesschau. Suruç, Port El-Kantaoui, Dağlıca, das sind abstrakte Orte mit abstrakten Namen und das was dort passiert bleibt eben abstrakt. Daran ändert auch die Tagesschau nichts.
Aber Paris, das Stade de France, eine Brasserie, das ist sehr konkret. Das ist das Gegenteil von abstrakt und es berührt mich sehr, weil ich wie so viele andere Menschen genau dort schon unterwegs war. Zu wissen, dass an diesem mir bekannten Ort so schlimme Dinge passieren kann mich nicht kalt lassen.
Wenn Hass mit Hass beantwortet wird ist dies ein zutiefst primitives und verachtungwürdiger, barbarischer Akt der Grausamkeit. Bereits entstandenes Leid bei gefrusteten Perspektivlosen potenziert sich durch Terror in den Familien und Angehörigen der durch Rache Betroffenen, Verletzten und Toten. Auf Gewalt mit Gegengewalt zu antworten ist so simpel wie sinnlos, seit tausenden Jahren haben wir da nichts dazugelernt. Keiner kann diesen Krieg gewinnen.
Zu den ersten Eilmeldungen gesellten sich weitere Informationsfetzen und von Minute zu Minute fügte sich ein entsetzliches Mosaik zusammen.
Ich bin aus dem Alter raus in dem ich nach solcherlei Ereignissen mich einfach umdrehen könnte, Augen zu, schlafen. In meinem Kopf waren noch viele Gedanken und der Kontrast zwischen der schlafenden Lina und dem brennenden Paris hätte nicht größer sein können.
Am Morgen dann die Übergabe an den Diensthabenden, von ihm die Frage wie es mir ginge. Paralysiert sei ich, entgegnete ich ihm. Ich schilderte ihm in drei Sätzen und weitaus weniger ausführlich als hier geschrieben, wie ich die Ereignisse des Abends erlebt hatte.
Schroff entgegnete er mir im belehrenden Ton eines vor der Rente stehenden Sportlehrers: Tja, mein lieber Narkosedoc, ich weiß nicht was ihr alle Euch so anstellt. Solange wir unsere T-Shirts von kleinen Kindern in Bangladesch nähen lassen wird es diesen Terror immer geben. Das ist halt so.“
Ich bin auf diese Diskussion nicht eingestiegen, Visite, Übergabe, ab nach Hause.
Im Kern ist die Entstehung des Terrorismus sicher ein multimodales Problem, aber darf man deshalb so abgezockt reagieren? Was muss in und mit einem Menschen passieren damit ihn ein solcher Blutrausch kalt lässt?

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(Ich bitte zu entschuldigen, dass an dieser Stelle vor ein paar Stunden ein bereits terminierter Artikel veröffentlicht wurde – den holen wir bei Gelegenheit nach.)

Quo vadis mit die Jugend?

"Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts."

Friedrich Fröbel (Pädagoge, Gründer des 1. Kindergartens)

 

Tarek ist in seiner Gang einer der die Ansagen macht. Tarek ist eigentlich erst fünf Jahre alt und geht in den Kindergarten. Er wiegt aber auch stolze 56 kg. Stolz ist auch die Mama, ihr „Großer“ geht manchmal sogar ganz alleine zum Dönergrill des Onkels.
Beim Spielen mit den anderen Jungs ist Tarek gestürzt, sein Knochen war dem Gewicht nicht gewachsen. So lernten wir uns kennen.
Vor der Operation ging ihm dann aber doch mächtig die Düse. Tarek klammerte sich sehr an Mama. Mit weißen Fingern. Wasser in den Augen und ein panischer Schrei als ich in den Kinderaufwachraum kam.
Ich habe schon viele Fünfjährige betäubt (auch Jungs) und er war von „Tapfer“ in etwa so weit entfernt wie der Nord- vom Südpol.
Inadäquate Bewältigungsstrategien nennt man das glaub ich. Egal, was getan werden muss, muss getan werden. Tarek fügte sich irgendwann wurde seinem Schicksal gefügt und bei uns ist es so üblich, dass die Eltern bei der Einleitung dabei sein dürfen.
Und so kam es, dass Mama ihm dann versprach, dass sie mit ihm sobald er wieder wach ist – eine Runde GTA spielt.
Da hatte ich dann auch keine Fragen mehr.

GTA – Grand Theft Auto (z.dt. „schwerer Kraftfahrzeugdiebstahl“)
„Alle Teile der Reihe weisen eine vergleichbare Handlung auf, bei der meist ein männlicher Protagonist mit einer kriminellen Vorgeschichte in einer amerikanischen Großstadt eine Verbrecherkarriere anstrebt.“
FSK 18 Jahre.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Grand_Theft_Auto

Das schwarze Schaf das keines ist.

Ich frage mich, wann der Punkt im Leben von Heinz kam, an dem er falsch abgebogen ist.
Heinz hat eigentlich alles bekommen, was ein Mensch benötigt und viele gute Charaktereigenschaften ausgebildet.
Liebe – reichlich bekommen in einer behüteten Familie mit einer liebevollen Mutter. Mut – im Rahmen der Bundeswehrausbildung absolvierte er unter anderem 19 Fallschirmsprüngen. Fleiß – ein Medizinstudium in Regelstudienzeit.
Haus gebaut, Familie gegründet, ein Sohn, eine Tochter.
Nach vielen investierten Jahren und unzähligen Arbeitsstunden in der Klinik dann irgendwann der lukrative Chefarztposten in der Gefäßchirurgie. Internationale Fortbildungen, gut dotierte Forschungsprojekte und die Verpflichtung als internationaler Dozent. Sogar in Hawaii war er. Beim „International Vasculay Surgery Congress“. Einer von neun „Leading experts“ in Deutschland für Venenerkrankungen.
Im Sommer mit der Familie gegrillt, Weihnachten unter dem Tannenbaum. Alles schien perfekt.

Aber irgendwo bog Heinz ganz und gar falsch ab.
Er selber wäre der einzige der den ersten und all die folgenden Verbrechen erklären könnte. Wäre. Denn er kann es nicht. Er sieht es noch nicht einmal als Verbrechen.
Er lockte Studentinnen (17-28 Jahre jung) nach Dienstschluss in der Klinik in ein Untersuchungszimmer. Es ginge um eine Forschungsarbeit und die Probandinnen seien wichtige Versuchsteilnehmer. Er betäubte die Patientinnen hinterlistig unter Inkaufnahme schwerer Komplikationen. Er missbrauchte junge Frauen und zerstörte Seelen für ein Leben.
Die Opfer werden lebenslang damit leben müssen missbraucht worden zu sein. Wer einmal mit einem Menschen gesprochen hat, der sexuellen Missbrauch erlebt hat beginnt zu erahnen das jedes gesprochene Urteil auch im Ansatz keine Gerechtigkeit wieder herstellen kann.
Er machte weiter. Immer neue Opfer, immer neue Verbrechen. Sexspielzeuge die in abartiger Art und Weise eingesetzt und vom Täter in „mehr als 1 Millionen Fotos“ (sic!) festgehalten wurden.
Laut Verteidigung alles bloß „neue, ungewöhnliche und für den Laien unverständliche Methoden der Untersuchung“.
Deshalb stellt sich Heinz auch aufrecht vor die Kameras der Presse. Er sieht sich als unschuldig an.
Er hat bestimmt auch eine Erklärung für den Abend an der Hotelbar mit der 18-jährigen Patentochter seiner Frau die er nach einem Musicalbesuch lege artis abgefüllt betrunken gemacht hat und dann in Hotelzimmer geführt haben soll in welchem er vorher Kameras installiert hat. Auch die dort angefertigten Fotos und Videos wird er dem Richter erkären müssen. Und seiner Frau. Seiner Tochter. Seinem Sohn.

Und dennoch ist er kein schwarzes Schaf. Das schwarze Schaf kann nichts dafür, dass es keine weiße Wolle hat. Heinz hat seine Verbrechen selber zu verantworten. Er hätte die Wahl gehabt – und hat sich für die böse Seite der Macht entschieden.

Verbrecher wird es immer und überall geben. Unter Politikern, Pfarrern und selbstverständlich auch unter Ärzten. Kriminelle machen sich die Sorglosigkeit ihrer Opfer in vermeintlich geschützten Umgebungen zunutze und wissen diese für ihre abartigen Pläne auszunutzen. Sie gewinnen dann Macht über uns wenn es ihnen gelingt alle anderen die diesen Beruf ausüben unter einen Generalverdacht zu stellen und wir ihnen nicht mehr vertrauen.

Mein Unverständnis darüber wie ein Mensch der offensichtlich alles im Leben erreicht hat, was man erreichen kann – Haus, Familie, Karriere – solche Verbrechen planen und durchführen kann, erwiderte eine von mir geschätzte Oberärztin
„Nein Narkosedoc. Der hat nicht alles. Der hat bald gar nichts mehr. Zu Recht.“

Quelle:
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/chefarzt-aus-bamberg-untersuchungen-mit-sexspielzeug-a-1027342.html

http://www.sueddeutsche.de/bayern/prozess-gegen-bamberger-ex-chefarzt-die-vernichtung-von-dr-w-ist-in-vollem-gang-1.2424842

Adnex:
Vielleicht war alles ganz anders als die wenigen von den Gerichtsreportern dargestellten Fakten es erscheinen lassen. Es ist Aufgabe der Justiz die vorliegenden Fakten zu bewerten und es geht mir nicht um eine Vorverurteilung. Ich habe kein Recht dazu über jemanden zu urteilen und hoffe, dass der Prozess fair und transparent zu einem gerechten Urteil führt.

Mein Freund. Mein Helfer.

Die Polizei, Dein Freund und Helfer
Die Polizei, Dein Freund und Helfer.

Ich erzählte ja von denen die nicht wollen, denen die nicht können und denen die nicht wollen und nicht können. Im medizinischen Bereich ein Phänomen was sich vermehrt ausbreitet und wo sich mir zumindest die Ursachen erschließen. Ärztemangel, kaputt gespartes Gesundheitssystem, fehlende Investitionen etc.
Neuerdings ist mir aufgefallen, dass wir damit aber nicht alleine dastehen! Ich rede jetzt nicht vom Handwerkerpfusch oder Serviceverhalten einzelner Telekommunikationskonzerne sondern von der Polizei. Ja, Dein Freund und Helfer.
Die Polizei war für mich immer gesetzestreue Kompetenz in Sachen Strafverfolgung, Bürgerschutz und Ansprechpartner in der Not. Mein Glaube daran, dass die Polizei potentielle Straftäter verfolgt war unerschütterlich. Na gut, wo Menschen arbeiten wird manchmal auch geschlampt. Ist wohl überall so.
Aktueller Fall:
Pat. kommt nach Hochrasanztrauma als verunfallter Fahrer eines großen Paktetlieferanten in unseren Schockraum. Der Beifahrer kommt schwerverletzt in die Nachbarstube und wird vom zweiten Traumateam versorgt. Unseren Schockraum füllt schon sehr bald der kalt wabernde Nebel eines Foetor alcoholicus. Wenn es Passivraucher gibt, dann sind wir gerade zu Passivtrinkern geworden. Egal, ich schweife ab… kurzum – der Kunde hat eine Fahne.
Dieser Umstand ist weder zu ignorieren, noch zu überriechen. Die Polizei wartet artig im Ambulanzbereich bis Sie nach erfolgter Diagnostik zu unserem Patienten dürfen um „ein paar Fragen zu stellen“. So weit die Routine.
Und gehen wieder.
Bei Verdacht auf einen Verkehrsunfall unter Drogeneinfluss (und dazu gehört ja auch der Alkohol) muss immer eine Blutprobe abgenommen werden. Der im Krankenhaus gemessene Äthylalkoholwert kann unter Umständen wohl im Prozess angefochten werden, weil ja ggf. zur Desinfektion ein alkoholhaltiger Tupfer verwendet wurde. Deshalb führt jedes Polizeiauto ein Blutentnahmepäckchen mit in dem ein Blutentnahmeröhrchen nebst alkoholfreiem Hautdesinfiziens enthalten ist.
Narkosearzt tippt Herrn Wachtmeister – klopf, klopf – auf die doppelt besternte Schulter. Ich versichere mich nochmal, dass sie das Päckchen doch gleich bestimmt auf die Intensivstation bringen würden.
Verständnisloses Kopfschütteln.
– Wegen der Blutentnahme.
Ratlose Mundwinkel.
– In unseren Tupfern ist ja Alkohol…
Im seinem Kopf läuft „Itchy und Scratchy“
– … und in unserem gemeinsamen Kunden ja offensichtlich auch. Nö?
Es tut sich was.
Ja! Na klar, müsse ja noch, man sei unterwegs, komme gleich wieder, klaro, wollten wir ja sowieso.
Sie kamen nicht wieder.
Und der Patient der offensichtlich im volltrunkenen Zustand sich selbst und seinen Beifahrer kaputt gefahren hat wurde nie strafverfolgt. Ein (vor Gericht nicht verwertbarer) Atemalkoholtest wurde ebensowenig angeordnet wie eine polizeiliche Blutentnahme. Und ich frage mich – warum?

Was, wenn selbiger Paketbote nächsten Monat nicht vor einen Baum sondern gegen den Großfamilienkombi fährt?
Ein vergleichbares Ereignis ist mir vorletzte Woche erneut passiert und ich komme so langsam ins Grübeln. Hat das System? Scheuen die den Aufwand? Darf man das fragen? Macht man sich dann schon strafbar? Ist so eine Blutprobenanordnung viel Arbeit und Schreibkram? Falls hier ein Polizist mitliest, ich wäre um eine Antwort sehr dankbar.
Einen Bericht müssen die ja sowieso schreiben.
Es geht aber nicht nur um Blutprobenentnahmen sondern auch die oft lustlose und aus meiner Sicht vernachlässigte Asservation von Beweisgegenständen bei Straftaten. Wir haben da so einen aktuellen Fall, aber das ist mir im Moment noch zu heiß.
Wie sind Eure Erfahrungen mit der Polizei?
Ich meine nicht nur die Zusammenarbeit im Rettungsdienst sondern auch und gerade im Krankenhaus. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.

Ich rette also bin ich.

Weaning IntensivtransportNicht-Mediziner äußern sich gerne bewundernd oder auch anerkennend über meine Arbeit und wünschen sich sie könnten das von ihrer Arbeit auch sagen. Für Außenstehende ist es ganz einfach – wer mit Blaulicht durch die Gegend rast um Menschen in Not zu helfen tut Gutes. Wer sich die Nächte um die Ohren schlägt um Menschen auf der Intensiv mit Hilfe von Medikamenten und Maschinen ein Überleben zu ermöglichen tut etwas sinnvolles. Wer den Tod eines Menschen verhindert und Familien die Möglichkeit gibt mit dem von ihnen geliebten Menschen weitere Zeit zu verbringen und nicht auf eine weitere Beerdigung gehen zu müssen tut per Definition etwas sinnvolles.
Was so selbstverständlich erscheint ist bei genauer Betrachtung etwas ganz anderes. Wenn man einzelne Patienten über Monate auf der Intensivstation begleitet, kathetert,  dialysiert, bronchoskopiert, tracheotomiert und unzählige Male in den OP fährt, Hochs und Tiefs miterlebt und mit den Angehörigen durchlebt und bespricht – und diese Patienten dann zwei Wochen später in der Reha versterben kommt man ins Nachdenken.
Ich fahre im Moment viele Intensivtransporte und begegne dort immer wieder Menschen die sehr unglücklich aussehen.
Erst letzte Woche habe ich mehrere Patienten zum Weaning gefahren. Das sind Patienten die lange auf einer Intensivstation behandelt wurden und dort über lange Zeit beatmet wurden. Die Atemmuskulatur verschwindet unter eine Beatmung innerhalb von Tagen und muss dann mühsam wieder antrainiert werden um ein selbständiges Atmen zu ermöglichen. Diesen Prozess der Entwöhnung von der Beatmung nennt man Weaning.
Alles gut und sinnvoll bei Patienten die vorher ein selbständiges Leben geführt haben und bei denen Aussicht auf Besserung besteht. Aber das wird immer seltener.
Erst letzte Woche fuhr ich einen Patienten der im Januar (!) diesen Jahres aufgrund einer Lungenentzündung bei schwerer Lungengerüsterkrankung (COPD GOLD IV D, Heimsauerstofftherapie) mal wieder beatmungspflichtig wurde. Im Rahmen der Lungenentzündung kam es zur Blutvergiftung, der 78-jährige Patient wurde mehrfach reanimiert, irgendwann tracheotomiert (Wechsel vom Beatmungsschlauch auf eine Beatmung per „Luftröhrenschnitt“) und dann nicht richtig wach. Nach zweieinhalb Monaten auf der Intensivstation wurde der komatöse Patient in ein Beatmungsheim abgeschoben. Dort wurde er jetzt im Lauf von Monaten wacher und nach zehn Monaten wird er jetzt zum Weaning gefahren. Dieser Mensch liegt seit fast einem Jahr beatmet im Bett und kann sich nicht mal an der Nase kratzen wenn diese juckt. Was er von der Umwelt mitbekommt lässt sich nicht sagen, aber es ist doch so: entweder er bekommt das ganze Elend und die tagelange Einsamkeit mit was ein furchtbarer Zustand ist. Oder er bekommt nichts mit und wabert gedanklich einem Karpfen gleich durch die Tage, Jahre und Gezeiten. Ist dieser Zustand dann besser? Elend erleben oder nichts mitbekommen? Dann könnte man doch auch tot sein, oder?
Früher habe ich mich gefragt ob ein solches Leben noch Sinn macht – heute weiß ich es. Es macht keinen Sinn. Für mich. Das ist meine Meinung! Es muss nicht Deine sein. Das darf und soll jeder für sich entscheiden.
Mir fehlt aber zunehmend der Sinn in der Arbeit wenn ich mich mit Maximaltherapie um Patienten kümmern soll die für sich keine Maximaltherapie wollen und diese sogar zu Lebzeiten mehrfach abgelehnt haben. Und die dann trotzdem eine Maximaltherapie bekommen weil – man kann ja nie wissen! Vielleicht ist es gar nicht seine/ihre Patientenverfügung! Vielleicht ist das Lungencarcinom ja gar nicht final metastasiert sondern nur ein Krampf durch Unterzuckerung? Vielleicht vielleicht vielleicht. Und erst wenn alle Katheter im Menschen drin sind und die Beatmungsmaschine erbarmungslos ihre Luft in die kaputte Lunge pumpt wird nach ein paar Tagen entschieden, dass wir uns jetzt – ja, ist vielleicht doch besser – zurückziehen.
Wir erleben undankbare, gequälte und oft leidende Patienten und Angehörige und investieren Milliarden für die letzten Lebenswochen am Ende eines 80, 85 oder (aktuell auf Bett 33.1) 103 Jahre zählenden Lebens.

Und dann ist da noch die Palliativmedizin.
Der Gegenentwurf zur sinnlosen Ressourcenverschwendung in der Intensivmedizin. hier hat die klassische Medizin kapituliert, hat den Sieg der Krankheit anerkannt und – zieht sich zurück!
Der Mediziner kann nicht mehr gewinnen, da verlässt er doch lieber gleich das Feld. Auf in den nächsten Kampf, neuen Gegner suchen, neuen Menschen helfen.
Dabei benötigen gerade und am allermeisten genau diese Patienten Hilfe! Palliativmedizin ist grundsätzlich realtiv übersichtlich. Es gibt weitaus kompliziertere Felder in der Medizin die man beackern kann. Eigentlich gibt es nur drei Medikamente (Morphin, Cortison und Benzodiazepine) und die größte Herausforderung liegt in der Abrechnung mit den zahlungsunwilligen Krankenkassen – aber es ist so sinnvoll!
Hier erlebe ich Patienten die für jede Zuwendung in Form von Worten, Zeit oder luftnotnehmenden Medikamenten unglaublich dankbar sind. Hier geht es nicht ums heilen, aber trotzdem um Medizin. Es geht um das feine Gespür für den Moment, um das Wissen wann ein Wort zuviel ist und wann Gespräche gut tun. Es geht viel um Zeit und wenig um medizinische Fakten.
Es geht um Dankbarkeit und sinnvolle Arbeit. Um das gute Gefühl am Ende eines langen Tages, um ein zufriedenenes Lächeln beim Einschlafen nach einem unruhigen Nachtdienst.
Ich komme ins Nachdenken.

Verwundert. Nachdenklich. Enttäuscht.

Bildschirmfoto 2014-10-02 um 21.19.38Wir erleben großartige Momente als Ärzte. Vorgestern haben wir ein 1400g-Baby erfolgreich reanimiert, machen sehr gute Arbeit im Schockraum und können bei vielen traurigen Geschichten auch immer wieder Verläufe erleben die glücklich und zufrieden machen. Wir können auf viele Strukturen und technische Möglichkeiten stolz sein und dürfen uns daran freuen, dass bei uns in Deutschland so viele Dinge so gut funktionieren.
Es gibt die Teamplayer, die Enthusiasten, Powerärztinnen die sich ungeachtet jeder Überstunde in die Therapie einer Krankheit einarbeiten, Könner die auch noch menschlich nett sind. Aber es gibt auch immer wieder so viele Enttäuschungen bei denen man sich fragt: wird das schlimmer? Muss das sein? Wie kann man das ändern?

Muss man einen Patienten der um 8 Uhr mit dem Notarzt nach Sturz bei der Gartenarbeit mit Rippenserienfraktur und im Rö-Thorax um 8:30 Uhr diagnostiziertem Pneumothorax bis 14 Uhr liegen lassen um dann beim mittlerweile völlig entkräfteten Patienten endlich die Thoraxdrainage zu legen?

Ist es vertretbar eine einzige Nachtschwester alleine zwei Stationen versorgen zu lassen?

Notarzt: Apo… was?
Rettungsassistent: Apoplex!
Notarzt: ?
Rettungsassistent: Schlaganfall.
Notarzt: Ah! SchlagSanfall! Ja.

Warum lässt man eine patente, resolute und selbständige aber eben 87-jährige Patientin die zur elektiven Knie-TEP-Implantation kommt, sieben Stunden ohne Essen und Trinken in der Ambulanz sitzen, bis sie aufgenommen wird?

Ich sortiere das im Moment für mich.
Am Kopf kratzend,

der Narkosearzt

Wusstet ihr schon, dass…

Notarzt Parkplatz… man als Notarzt 25€ pro Einsatz bekommt? Brutto. Nach Steuern und Abzügen bleiben so 15€ Pi mal Daumen. Soweit so gut, finde ich OK. Obwohl, rechnen wir mal zusammen:

– wir fahren unter Lebensgefahr mit im Schnitt 25-fach erhöhtem Unfallrisiko zum Patienten
– wir suchen den Patienten unter Tage, in verschwefelten Recyclingwerken, im Steinbruch an einer eigengefährdenden Abbruchkante und auf der Autobahn auf
– wir machen eine körperliche Untersuchung, erstellen eine oft umfangreiche Anamnese bei einem uns bisher komplett fremden Patienten, beklopfen, behören, riechen, fühlen, schmecken und kombinieren all diese Eindrücke zu einer Verdachtsdiagnose
– wir setzen dafür das Know-how ein, was wir in 6 Jahren Studium, mindestens zweijähriger klinischer Tätigkeit (plus praktisches Jahr!), Seminaren, Workshops, Fortbildungen und endlosen Stunden über Büchern gesammelt haben
– wir legen bei schlechten Lichtverhältnissen an dicken Armen bei Patienten mit „Rollvenen“ und gerne auch hinter der Couch einen Venenzugang
– wir geben hochwirksame Medikamente deren einfache Unterdosierung oder Überdosierung gravierende Konsequenzen haben kann
– wir übernehmen juristische Verantwortung für die Konsequenzen möglicher Fehlbehandlungen
– wir fahren immer raus – nachts um 3 wenn alle schlafen, morgens um halb 7 wenn andere sich nochmal rumdrehen und abends um 23:30 Uhr wenn die letzten Lichter ausgehen
– wir sind stets meistens freundlich, verständnisvoll und hilfsbereit
– wir verbringen all diese Stunden im NEF und nicht bei unserer geliebten Familie, unseren Kindern, unseren Freunden und verpassen Grillpartys, Geburtstagsfeiern, gemütliche Weihnachtsessen oder die ersten Schritte des eigenen Kindes
– wir reanimieren, intubieren, infundieren, injizieren, thorakotomieren und narkotisieren
– wir vermitteln, beraten, moderieren, besänftigen, deeskalieren und entscheiden

Für 25€. Bodengebuden (NEF oder ITW) genauso wie Luftgebunden (RTH).
Immer noch OK für mich, ich mache den Beruf sehr gerne und tatsächlich aus Berufung.
Aber halt! Es gibt was extra!
Für die Todesfeststellung und Leichenschau kann (und muss) ich als Arzt nach GOÄ 55€ berechnen.
Ein Beispiel: Der Pat. ist leblos und reanimationspflichtig, wir schackern anderthalb Stunden, intubieren, lysieren, defibrillieren etc. und bringen den Pat. mit stabilem Kreislaufverhältnissen ins Krankenhaus und retten sein Leben. Macht 25€.
Ein anderes Beispiel: Der Pat. ist leblos und reanimationspflichtig, wir brechen die Reanimation ab und stellen den Tod fest. Macht 80€.

So, finde den Fehler!
Eine interessante Woche noch allerseits, sonderrechtliche Grüße,

der Narkosearzt

§7 der Notfallmedizin: Du kannst nicht keine Entscheidung treffen.

Herr Büllendal hat 72 Jahre seine Lebens erfüllt und glücklich hinter sich gebracht. Es genügte ihm. Den Begriff Makuladegeneration konnte er nicht aussprechen, was er in der Praxis für ihn bedeutete merkte er dafür von Jahr zu Jahr umso mehr.
Nichts zu sehen heißt Abschied von den Dingen nehmen, nichts zu hören heißt Abschied von den Menschen nehmen.
Herr Büllendal hatte erst seine Frau um viele Jahre überlebt, zu den Kindern gab es schon lange keinen Kontakt mehr. Das 13-stöckige Hochhaus bot die Anonymität einer Großstadt, die ihm noch verbliebenen vertrauten Nachbarn hatten sich in den letzten Jahren in Altenheime verabschiedet oder zur ewigen Ruhe gelegt.
Die Welt um Herrn Büllendal wurde kleiner, enger, leiser. Trauriger.
Am frühen Vormittag eines gewöhnlichen Großstadt-Donnerstags ging Herr Büllendal ans Fenster seiner im 5. Stock liegenden Eigentumswohnung.
Und sprang.

Herr Büllendal ist nicht tot. Er überlebt den Sturz schwerstverletzt.
Initial kritisches A, kritisches B, kritisches C, kritisches D.
Offenes Schädel-Hirn-Traum, einseitig instabiler Thorax, multiple Extremitätenverletzungen, instabile Beckenfraktur. Thoraxdrainagenanlage beidseits und Intubation erfolgten durch den Notarzt vor Ort. Parallel wurde ein RTH alarmiert der den Pat. übernahm und in unserem Schockraum übergab – unter Reanimationsbedingungen.
Innerklinisch wurde der Pat. durch ein insgesamt 12-köpfiges Team aus Anästhesie, Unfall- und Neurochirurgie und Radiologie behandelt reanimiert. Rhythmus bei Aufnahme: Asystolie. Laufende Reanimation seit 15 Minuten.
Zwanzig Minuten nach Ankunft im Schockraum immer noch Asystolie. Weite, lichtstarre Pupillen. Und innerlich der leise Wunsch Herr Büllendal möge es doch bitte geschafft haben. Nach zähen 30 Minuten, ZVK, Arterie, Sono, Massivtransfusion und viel notfallmedizinischem Gedöhns kommt vom Teamleader die Rückfrage an das Team ob noch jemand eine Idee zur Rettung des Patienten habe.
Wir entschließen uns im Konsens zum Abbruch bei insgesamt infauster Gesamtkonstellation.
Angefangen und fortgesetzt haben wir das ganze übrigens nur weil er nach dem Sprung in der Hecke gelandet ist und bei Ankunft des Rettungsdienstes noch Kreislauf gehabt habe.

Freier Fall aus 15m Höhe. Von dem möglicherweise suizidalen Hintergrund erfahren wir erst nach erneuter Rückfrage beim einliefernden Notarzt. Die Polizei habe in der Wohnung des Patienten einen Abschiedsbrief gefunden. Man sei sich aber zunächst nicht sicher gewesen ob er nicht vielleicht doch nur ausgerutscht sein könnte, daher habe man behandelt. Man weiß ja nie.

Manchmal macht Notfallmedizin keinen Spaß. Manchmal tröstet noch nicht mal der Gedanke „es versucht zu haben“. Manchmal fragt man sich aber auch was wir da eigentlich machen. Oder gemacht haben.
Verhältnismäßigkeit. Ressourcenplanung und so.
Es bleibt kompliziert.