Ultimadol* – neu in der Therapie der Sepsis, senkt die Mortalität um 67%!

Früher in der Schule war das so.
Der coole Stefan hatte neue Schuhe von Reebok. Wir waren allen Ernstes der Meinung dass Nils deswegen und nur deswegen auf dem Schulhof nun quasi unbesiegbar schnell laufen konnte.

Neue Schuhe von Puma? Ging so. Adidas? Bißchen spießig, aber wenigstens ne Marke. Asics, Deichmann und Co. – wurden nicht erwähnt. Aber diese Superpantoffeln von Reebok, wenn man die hätte, dann wäre man quasi unbesiegbar…

Es kam dann wie so oft, nach Stefan hatte Nico, Nils und Karsten auch welche von Reebok.

Und die gleichen Schuhe die gerade noch als Knüller der Woche gehyped wurden waren auf einmal nur noch so Mittelmaß. Es gab jetzt welche mit Luft inne Sohle! Nike. Musst. Du. Haben.

Zumindest so lange bis der nächste Trend kommt. Buffalos, DocMartens, Chucks.

Das Neue ist eben immer nur solange faszinierend und begeisternd bis es irgendwann auch nur noch normal ist. Das Unbekannte muss am besten ein Alleinstellungsmerkmal aufweisen.

Das ist in der Medizin nicht anders.

 

Wenn man mal ein paar Jahre in der Medizin dabei ist erlebt man mit schöner Regelmäßigkeit wie ständig neue Medikamente, Techniken und Prozeduren durchs Dorf getrieben werden.

Es ist dann auf einmal total en vogue zum Beispiel bei einer Sepsis ein bestimmtes Spurenelement zu geben und das wird dann auf allen Kongressen gepredigt, alle singen das Loblied auf den neuen Heilsbringer mit und die Chefs tragen die frohe Kunde von den wichtigen Kongressen dieser Welt in die Grundversorgerkrankenhäuser dieses Landes.

Ab sofort müssen 3000mg davon in den ersten zwei Stunden infundiert sein, danach Erhaltungsdosen, es gibt Charts, Algorithmen und Verfahrensanweisungen.

Ziemlich genau dann wenn der letzte Praktikant es gerafft hat, dass man bei diesem Krankheitsbild jenes Medikament geben soll kommt eine neue Studie heraus die auf anderen Kongressen vorgestellt wird und die ziemlich genau besagt, dass das ja so großartig alles nicht ist. Man wüsste nicht genau ob und eigentlich ist der Effekt auch eher nicht so ausschlaggebend und wenn man das so macht gibt es zwar nach 3 Monaten weniger aber nach 6 Monaten mehr Tote. Oder so ähnlich.

 

Wehe der gottverlassenen Dorfklitsche die diesen Punkt verpasst und wehe den in ihr arbeitenden Laienmedizinern welche sich trauen zu sagen, dass sie jenes Medikament bei diesem Krankheitsbild immer noch (!) geben. Wie sehr kann man denn bitte von vorgestern sein?

Und dann gehen manchmal zehn bis zwanzig Jahre ins Land und dann stellt irgendjemand fest, dass dieses Medikament bei jenem Krankheitsbild damals™ zwar keinen so tollen Nutzen hatte aber jetzt bei einem anderen Krankheitsbild ganz wunderbar funktioniert. Da wurde wohl der Endpunkt für die Studie falsch gewählt.

In der Summe aber dann doch ganz gut, es reichen aber auch 100mg statt 3000mg und es ist auch nicht so wichtig, dass es in den ersten Stunden drin ist, hauptsache man macht es.

Ein Kollege nannte sowas „Schlaghosen der Medizin“. Sind irgendwann in, werden von allen getragen, sind dann out – weil Mainstream – und werden nach zwanzig Jahren ausgekramt und als doch wieder ganz passabel angesehen.

Wirklich revolutionäre Entwicklungen sind in der Medizin doch eher rar geworden. Das ist ja auch eigentlich ganz verständlich und letztlich nur logisch.

Die Zeiten in denen ein Medizinstudent durch Forschung ein Mittel zur Behandlung von Diabetes entdeckt sind seid hundert Jahren vorbei.

Ich glaube es ist der innige Wunsch unseren Patienten noch besser helfen zu wollen der dafür sorgt, dass solche Therapieoptionen, Prozeduren und Medikamente einen zeitweisen Hype erleben.

Nicht akzeptieren zu können, dass ein gewisser Anteil der Patienten an der Erkrankung nun mal verstirbt ist ein ureigener Antrieb von Forschung und Lehre und genau so muss es auch sein.

 

Vielleicht ist die entsprechende Euphorie in diesem Kontext ja auch verständlich. Mit der Zeit habe ich aber doch einen etwas verhalteneren Optimismus was neue Therapieansätze angeht. Ich lass die Sau erstmal ein paar Runden durchs Dorf drehen und wenn ich nachmittags auf einen Kaffee zum Marktplatz gehe und die Sau das Thema ist immer noch ein Thema dann bin ich auch gerne bereit mir das mal genauer anzugucken.

 

*Ultimadol gibt es nicht. Noch nicht. Vielleicht.

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78, 21, Rest.

Luft besteht zum Großteil (78%) aus Stickstoff. Ein wichtiges Trägergas welches von unseren Lungen zwar eingeatmet aber nicht in die Blutbahn aufgenommen wird. Es stabilisiert gewissermaßen unsere Bronchien und verhindert einen Totalkollaps.
Dann kommt Sauerstoff mit ca. 21%. Mehr als genug zum Leben.
Argon macht knapp 0,9% aus und der Rest sind Spurenelemente, Edelgase und ein Hauch Kohlendioxid – also known as world famous CO2.
Wenn wir die Luft ausatmen ist immer noch gleich viel Stickstoff drin (passiert ja nix damit), aber nur noch ca. 16% Sauerstoff, dafür etwa 4-5% Kohlendioxid.

Das sind Basics. 78%, 21%, 1%.
Sowas sollte jeder in der Vitalparametermedizin tätige Mensch drauf haben. Damit schließe ich die Pflegekräfte in der Anästhesie aber auch und insbesondere die Rettungsassistenten und natürlich die Ärzte mit ein.
Aktuell haben wir einen Praktikanten vom Rettungsdienst hier, Maurice. Der Junge ist sehr interessiert, vor allem an seinem Smartphone und den bunten Bällen die er dort traktiert. Erklärt man ihm was kommt meistens als Antwort etwas in der Art, dass er das irgendwo schon mal gesehen oder gehört habe und überhaupt.
Da habe ich grundsätzlich kein Problem mit, ich muss mich nicht aufzwingen. Wir waren nun in der Einleitung eines sehr kranken Patienten der sauerstoffpflichtig von der Intensivstation kam und Maurice wurde von der mir zugeteilten Pflegekraft namens Uwe gefragt wieso der denn Sauerstoff bekäme und ob denn in der Atmosphäre nicht schon genug Sauerstoff drin sei.
Maurice guckte.
Uwe wollte was über die normale Luft und die Anteile der enthaltenen Gase wissen. 78, 21, 1, ihr kennt das jetzt.
Maurice hörte interessiert zu – immerhin.
Wir ließen das ganze sacken und gingen fröhlich unseres Weges.

Nächster Tag.
Maurice.
In meiner Einleitung.
Mit Uwe.
„Maurice, jetzt sag doch nochmal schnell wie das mit der Zusammensetzung der Luft ist.“
Maurice guckte. Es kam nichts (gehaltvolles).
Mir war die Situation unangenehm. Wie konnte er das vergessen haben? Oder hat er es verdrängt? Hat er uns nicht verstanden?
Aber was war hier eigentlich das Problem?
Ich hatte Verständnis für ihn, die ganze Situation war ja auch sicher sehr aufregend, alles neue Eindrücke, der OP, das Blut, wir kennen das. Außerdem war ich mir sicher, dass hier jemand ganz am Anfang seines vielversprechenden Weges war – da wollnwama nett sein.
Uwe erklärte nochmal die Zusammensetzung der Luft, ich kam mir vor als würde ich die dritte Wiederholung einer Sendung mit der Maus schauen.
Wenn Maurice jetzt am Anfang seines Weges stehen würde, dann wäre das sicher auch nochmal was anderes. Maurice war aber gerade mitten in den Vorbereitungen für die Abschlussprüfungen seiner zweijährigen Ausbildung (noch zum RA). Ich frage mich allen Ernstes wie er so weit gekommen ist?
In den Zwischenzeilen des dahinplätschernden Narkosetages wird an der einen oder anderen Stelle auch mehr als deutlich welche teils eklatanten Wissenslücken noch zu schließen sind.

Manchmal schreibe ich hier von wahren Begebenheiten und dann regnet es Kritik von  daskönnejasoallesnichtsein und erübertreibtmalwieder. All denen die nicht im verrückten Alltag des Rettungsdienstes oder in dem Wahnsinn der Klinik zuhause sind sei gesagt – das kann man sich nicht ausdenken. Der reale Irrsinn ist so unrealistisch, dass jedem Drehbuchautor das liebevoll gescriptete Tagwerk um die Ohren gehauen würde.

Wenn ich jetzt berichte, dass Uwe es nicht lassen konnte und Maurice am dritten Tag zum dritten Mal in Folge nach den drei (!) Anteilen der uns umgebenden Raumluft fragte dann macht der obere Absatz Sinn. It’s funny because it’s true
Mir wäre das ja zu peinlich gewesen, Uwe nicht. Der wollte es wissen. Er behielt recht. Maurice schaute uns mit großen Augen fragend an. Er bekam keine Antwort mehr. Uwe hatte ihn aufgegeben und wer will ihm das verübeln?

Ich war bisher immer der Meinung, dass Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse jedem vermittelbar sind. Ich dachte es sei nur eine Frage der passenden Didaktik oder gegebenenfalls der reduzierten Sprechgeschwindigkeit gewürzt mit ausreichend Wiederholungen – irgendwann würde es jeder verstehen.
Jetzt wo ich auch ausbilde, unterrichte und gelegentlich auch an Prüfungen teilnehme sehe ich das anders. Ich glaube sehr wohl, dass es Menschen gibt bei denen all dies Entgegenkommen nicht von einem (Lern-)Erfolg gekrönt sein wird.
Das darf ja auch alles so sein, ich will das auch gar nicht groß kritisieren. Der Junge wird es auch sonst im Leben nicht einfach (gehabt) haben. Ich muss auch sagen, dass mir noch nie im Rettungsdienst jemand untergekommen ist der/die so schlecht ausgebildet gewesen wäre. Klar gibt es Unterschiede, genauso wie bei den Notärzten, Bankkaufleuten und Hausmeistern.
Es wird sich ja trotzdem irgendwann für jeden und jede die geeignete Ausbildung oder ein passender Job finden. Ob es für Maurice am Ende der Rettungsassistent wurde, weiß ich nicht.
Ich bin noch einige Zeit in diesem Kreis als Notarzt gefahren, Maurice habe ich zumindest auf dem RTW nicht angetroffen.

Weihnachten auf der Intensivstation und im OP

Wie ist es eigentlich Weihnachten so auf der Intensivstation? Oder im OP? Kann man da froh und munter sein? Man kann.
Es ist eine verschworene Gemeinschaft. Das besondere an der Heiligabend-Krankenhaus-Gemeinschaft ist die Auslese. Nimm die Chefärzte und die Oberärzte weg und setz sie bei Muttern an den gedeckten Weihnachtsschmaus-Tisch. Dann nehmen wir all die Putzfeen weg, die Saubermänner, die Logistiker, die Müllfahrer, die Heizungsinstallateure, Maler und Lackierer und sonstigen fleißigen Helferlein. Ein Notdienst oder gar Feiertagsarbeit ist tariflich nicht vorgesehen, also ab unter den Weihnachtsbaum zuhause. Schon in den Tagen vor Weihnachten werden die Patienten großzügig rausgeschmissen entlassen. Am 22. verlassen nach der Visite die selbständig gehenden das Krankenhaus, am 23. werden dann die mit Gehhilfe rausgefegt und am 24. rollen die Krankenfahrstühle (a.k.a. „Rolli“) durch den Ausgang. Hauptsache irgendwie zu Weihnachten zuhause. Kein Beatmungsschlauch im Mund? Schmerzen irgendwo unterhalb von Frisch-amputiert? Dann nichts wie ab! Nach! Hause!
Sekretärinnen schließen die heiligen Vorzimmer ab, der Pfarrer schließt die Gemeinde in seinen Segen ein und dann die Türen zu.
Und dann ist Ruhe.
Auf der Seite der Patienten bleibt also nur noch die Crème de la Crème der Bodensatz übrig. Die, denen es wirklich schlecht geht.
Und auf Seiten der Arbeitnehmer werden Pflegekräfte und Ärzte auf das unbedingt notwendige Mindestmaß zusammengestrichen. (Also im Grunde genommen so wie immer, aber das ist ein anderes Thema).
Und so sitzen wir da und sind alle an einem Ort, an dem wir nicht sein wollen, aber sein müssen. Es wird dunkel, die Kerzen sterilen LED-Imitate flackern fast schon besinnlich vor sich hin und dann kommen entgegen jede Regel doch noch Freiwillige. Nämlich diejenigen, die tatsächlich in den letzten Wochen vor Weihnachten Lieder geübt (!) haben. Sie ziehen von Station zu Station, treffen sich vor dem Schwesternzimmer und Patienten werden in Betten und mit Sauerstoff auf den Flur geschoben um dabei sein zu können. Und dann werden zwei oder drei Weihnachtslieder gesungen und für einen Moment liegt eine ganz besondere Stimmung in der Luft. Eine Stimmung die einen Geschmack davon gibt, dass es wichtigere Dinge gibt als den Grexit oder Obergrenzen für Klimaerwärmung und Flüchtlinge. Es würden sich viele Probleme lösen lassen, wenn es mehr solcher Momente gäbe. Weniger Distanz und mehr gemeinsames Singen. Kann ruhig schräg sein.

Davon ab ist es meistens einer der ruhigsten Dienste. Die wenigen Notfälle sind dann auch echte Notfälle und selbst von denen finden nur wenige den Weg als Neuaufnahme auf die Intensivstation. Denn wer es irgendwie noch schafft, schleppt sich bis zum 1. Weihnachtstag – was im Regelfall dann logischerweise ein sehr arbeitsreicher Dienst ist.

Und bei aller Ernsthaftigkeit, Professionalität und fachgerechten Durchführung der Eingriffe muss ein wenig Spielraum bleiben um diesem besonderen Moment  ein Augenzwinkern zuwerfen zu können. 

Frohe Weihnachten! Und – singt mal wieder ein Weihnachtslied!

Der Narko-hohoho-sedoc

Verbrannte Kinder.

(ACHTUNG: Der Beitrag enthält echte Fotos von teilweise schwer verletzten Kindern. Das ist nicht schön, aber das ist eine Verbrennung auch nicht.)

Meistens lief das so.
Bei uns: 7:30 Uhr Frühbesprechung, die und die kommt hinterher auf die Intensiv, 

Du bist schon viel länger wach als wir. Hast die Mama gerufen, geweckt und durch Dein fröhlichstes Lachen für den frühen Start in den Tag entschädigt.

Bei uns: bei dem und dem bitte nochmal nach der Gerinnung gucken ob man da einen PDK legen kann, noch Fragen?, einen erfolgreichen Tag allerseits;

Du guckst Mama bei der Morgenroutine zu, arbeitest Dich am Boden mit den Handtüchern und der dort liegenden Wäsche ab. Der Schlafanzug riecht nach Papa, der Pulli von Mama duftet und ist auch noch kuschelig. Oh, die Bürste schmeckt herrlich. Mit den Füßen bekomme ich so noch besser im Mund gedreht.

Bei uns: umkleiden für den OP, raus aus dem blauen Kasack, rein in die grünen Klamotten, OP-Haube und Mundschutz an, erstes Kind begrüßen, gegessen? getrunken? letzter Gerätecheck, and off we go… 

Zum Frühstück gibt es Brei. Den macht Mama mit diesem Blubberdings. Das leuchtet sogar bunt! Und es hat einen Schwanz. Wie mein Kuscheltier Schweinchen. Das angle ich mir ja auch immer an dem Ringelschwanz.

Bei uns: Metallentfernung rechter Arm bei Z.n. Unterarmfraktur vor 10 Wochen, gesundes Kind, 2,5er Larynxmaske, guten Morgen OP-Team, gut und Du so?, Freigabe, Schnitt, Blutdruckwerte etc. protokollieren

Du ziehst am Ringelschwanz vom lustigen Blubberdings und diese eine Sekunde verändert die nächsten Monate. Und Jahre. Es wird Deine Selbstwahrnehmung und Dein Selbstbewusstsein beeinflussen. Es lässt Dich schneller reifen als es Dir und Deinen Eltern lieb ist. Deine Naivität und Dein Verhältnis zu Ärzten und Krankenhäusern verändert sich für immer.

„Kind 3 J., Mehrfachverbrennung durch Wasserkocher, Landung in 12 Minuten, Aufnahme über Schockraum und Kinderintensiv“

Und dann sehen wir uns.
Du kommst in einem Dämmerzustand zu uns, driftest immer wieder in die medikamentöse Traumwelt ab, kämpfst Dich zurück, guckst die verheulte Mama an.
Deine Mama hat jetzt schon feuerrote Augen, ist völlig verheult und macht sich Selbstvorwürfe in XXL.  Mama unterschreibt die Daueraufklärung. Wir nehmen Dich mit.
Du bekommst eine amtliche Narkose, wir legen einen zentralen Venenzugang – Du wirst ihn brauchen. Es folgt das Debridement. Mit einer Art S.c.o.t.c.h.b.r.i.t.t (und ich rede von der harten Seite) wird die verbrühte Hautschicht abgerubbelt. Es sieht brutal aus und das ist es auch.

Es tut mir weh, das zu sehen. Klar, Du hast Narkose, Du bekommst das nicht mit. Und während die schmerzhafte Therapie beginnt siehst Du gleichzeitig so unfassbar friedlich und entspannt aus. Du hast einen langen Weg vor Dir kleiner Mensch.
Es wird weh tun. Hinterher.
Du bekommst eine Schmerzdauerinfusion und wirst die nächsten Tage im Dämmerzustand zwischen Schmerz, Schlaf und einer surrealen Wach-Welt pendeln. Deine Eltern werden mit Stofftieren und allerlei Firlefanz Dich abzulenken. Es gelingt mal besser und mal schlechter. Alle zwei bis drei Tage werden die Verbände gewechselt und mit ein bißchen Glück gehörst Du zu der Hälfte bei der sich die Wunden nicht infizieren.
Manchen reichen fünf, andere benötigen zehn oder fünfzehn Narkosen. Du veränderst Dich langsam aber kontinuierlich. Wächst an der Herausforderung Krankenhaus und benötigst viele Medikamente um die Schmerzen auf ein erträgliches Niveau zu dämpfen.

Das, was so schmerzt ist das Wissen, dass Narben bleiben werden. Nein, es wird nicht wieder alles gut. Manchmal sind auch im höheren Alter noch Anpassungsoperationen notwendig, wenn die Narbe zu sehr spannt. Gerade bei den Mädchen bleibt ein Schaden der nun mal nicht dem gesellschaftlichen Ideal von glatter Hochglanzmagazinhaut entspricht. Da können wir Dir noch so oft sagen, was für ein hübscher Mensch Du bist, einer 14-jährigen in der Vollblüte ihrer Pubertät tun die Narben auch 12 Jahre nach dem Unfall weh. Irgendwo da ganz tief drinnen.

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Der Kinderdoc hat gestern zum „Tag des brandverletzten Kindes“ die wichtigsten Präventionspunkte zusammengefasst.
Mir ist das wirklich wichtig!
Ich habe Espresso, Wasserkocher, Latte Machiato und Cappuccino, Wasserkocher, Suppe, Suppe, Suppe, Teewasser, Samowar, Suppe, geplatzte Wärmflasche, Wasserkocher und noch viel mehr gesehen. Das ist nicht schön! Auch uns Ärzte und Pflegende belasten diese Geschehnisse.
Die Angst vor einem Stromschlag ist relativ gesehen irrational hoch und kaum mit einem Risiko vergesellschaftet, wird aber durch die flächendeckende Steckdosensicherheitsnöppsiverklebung  dramatisiert. Der Respekt vor heißem Wasser ist dagegen quasi nicht vorhanden.
Ein Wasserkocher gehört hinten, ganz hinten auf die Arbeitsfläche. Mit dem Kabel. Unerreichbar für das Kind. Heiße Getränke auf dem Tisch bitte nicht auf irgendwelche Decken oder Läufer stellen. Das Kind zieht den Deckenzipfel am Tisch herunter baumeln, zieht dran und ist fürs Leben gezeichnet.
Das Hauptrisikoalter ist 6 Monate bis ca. 4 Jahre. Für die Kleinen sieht ein Glas Tee eben aus wie die leckere Saftschorle die es letztens bei Oma gab. Oder Cola. Oder Eistee.
Sie probieren das dann, erschrecken sich aufgrund der Temperatur und schütten sich das Getränk teilweise selbst über den Körper.
Anders als bei uns Erwachsenen ist ein Stück Haut beim Kind innerhalb von Sekunden schwer verbrüht. So sehr, dass es in ein Brandverletztenzentrum muss. Kinder haben noch keine dicke Lederhaut, die verletzlichen Hautschichten sind bei den Kindern viel oberflächlicher und viel schneller dauerhaft beschädigt.
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Ein kleiner Exkurs noch zu dem Thema der zeigt welche Konflikte durch einen kurzen Moment der Unachtsamkeit entstehen können:
Wir haben ein 5-jähriges Mädchen türkischer Eltern behandelt, Z.n. Verbrühung mit heißem Tee. Die Arme und Beine waren großteils verbrüht, die Therapie war relativ gut fortgeschritten und nun ging es um die Transplantation von gesunder Haut auf die beschädigten Bereiche. Eines der gängigsten Verfahren ist nach wie vor den Kopf kahl zu rasieren und die Haut oberflächlich in Streifen vom Kopf abzuscheren. Das kann man deshalb gut machen, weil hinterher wieder Haare drüber wachsen und man die Spuren nicht mehr so schlimm sieht.
Nicht so bei diesen Eltern.
Der Vater und die Mutter insistierten, dass ihrem Kind nicht die hübschen Haare abgeschnitten werden sollten, man könne die Hautentnahme doch von der Brust machen. Ja, kann man, wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt. Aber nicht, wenn der Kopf völlig unversehrt ist.
Auf die Langzeitfolgen aufmerksam gemacht (ihre Tochter möchte ja vielleicht auf mal einen Badeanzug anziehen?!?) sagte der Vater: die bleibt verschleiert bis zur Hochzeit und auch danach hat sie nichts zu tragen wo man ihre Haut sieht.
Überflüssig zu sagen, dass sich die Chirurgen darüber hinweg gesetzt haben und Kopfhaut transplantiert haben.

Ich erspare Euch auch die Geschichte von den Eltern die sich über die langmonatige Behandlung ihres Sohnes schließlich getrennt haben oder die von dem Kind, dass von seiner Mutter angezündet worden ist. Es passieren schlimme Dinge und wir freuen uns für jedes Kind was nicht den Weg in unser Zentrum findet.

Im Namen der Kinder – Danke für Eure Aufmerksamkeit.

10 Dinge die sie tun sollten, bevor sie operiert werden

OK, ich gebe zu, der Titel ist etwas reißerisch. Und eigentlich geht es auch nur um Kunden die elektiv, also geplant ins Krankenhaus aufgenommen werden.
Elektive OPs machen bei uns ca. 80% des OP-Programms aus. Leistenhernien, Gallenblasenentfernung, Fußumstellung, Hüft/Schulter/Knie-Prothesen und dergleichen mehr. Alles das sind planbare, nicht notfallmäßige Operationen.

  1. Duschen Sie sich. Gründlich. Mehrmals.
    Die sie behandelnden Ärzte arbeiten mit ihnen und ihrem Körper. Während Sie bei der OP schlafen müssen wir uns um ihren Körper kümmern. Glauben Sie es mir – nicht nur der Chirurg ist deutlich besser gelaunt wenn es nicht schon beim Abwaschen nach drei Wochen altem Schweiß stinkt!
    Wir erwarten von ihnen, dass Sie uns den gleichen Respekt entgegenbringen, den Sie auch von uns fordern.
    Davon ab werden Sie nach der Operation sicherlich die ersten ein oder zwei Tage nicht in die Dusche kommen – da lohnt es sich wenn man von bestehenden Hygienereserven zehren kann!
  2. Waschen Sie den Bauchnabel, die Füße, die Leiste und die Achselhöhle nochmal extra. 
    In der genannten Reihenfolge finden Sie die fürchterlichsten und abscheulichsten Hygieneprobleme. Was wir schon aus Bauchnäbeln herausfischen mussten entbehrt jeder Schilderung! Mehrere Blitzdings-Sitzungen waren nötig um diese Impressionen auszulöschen…
    Sie haben ein Interesse daran die Operation ohne eine Infektion zu überstehen. Die sicherste und beste Grundlage für einen problemlosen Heilungsverlauf.
    Sie wollen nicht die Patientin sein „die zwei Mal nach Hause geschickt wurde„…
  3. Nehmen Sie ein günstiges Uralt-Handy mit.
    Smartphones stellen nicht nur einen relevanten Gegenwert dar sondern bieten neben dem finanziellen auch oft einen erheblichen Verlust privater Daten. Eine Zeit lang wurden gerade auf unserer Privatstation bevorzugt Smartphones und auch Notebooks von Patienten gestohlen. Hier kann z.B. ein einfaches Schloss für eine Hand voll Euro helfen! Den Schlüssel dafür können Sie überall hin mitnehmen (oder z.B. mit Karabiner an der Hose befestigen).
    (http://www.ebay.de/bhp/laptop-schloss)
  4.  Lassen Sie Schmuck zuhause. 
    Eheringe, Klunker, Ohrringe und das ganze Geklimper – es kann nur geklaut werden. Es interessiert uns auch wirklich nicht, was Sie alles an Geschmeide besitzen. Ringe kann man übrigens mit Seife hervorragend abbekommen. Wenn alles nichts hilft, gibt es noch die „Fadenmethode“ – irgendwann bekommt man JEDEN Ring ab. (https://www.youtube.com/watch?v=9DkyioPrWNM)
  5. Notieren Sie sich ihre Fragen schriftlich. Vorher. 
    Gesprächszeit mit Ärzten ist kostbar, sie sollten Sie sinnvoll nutzen, wir tun es auch. Ein normaler Krankenhausarzt (Internist, Chirurg, Anästhesist) muss noch tausend andere Dinge mehr  am Tag tun weshalb die eigentliche Zeit pro Patient auf ein Minimum schrumpft. Ist so, würden wir auch gerne ändern, Hermann Gröhe eher nicht. Wenn Sie Fragen haben, notieren Sie diese auf einen Zettel und gehen Sie diese Fragen ganz konkret mit ihrem Arzt durch. Im Gespräch selber werden Sie sich sonst nicht an die Fragen erinnern und ärgern sich dann hinterher wenn Sie doch verpasst haben zu Fragen wann die Fäden denn entfernt werden müssen (in der Regel nach 10 Tagen…).
  6. Lassen Sie (wenn möglich) die Zähne im Zimmer. 
    OK, die Zähne die fest sind dürfen drin bleiben. Da erwarte ich jetzt auch keinen Aktionismus mit der Extraktionszange. Aber glauben Sie mir – mein Standardklientel hat keine Zähne mehr. Manchmal bin ich regelrecht irritiert wenn mich eine Raab-eske Kauleiste begrüßt. Es ist für mich wirklich und ehrlich völlig normal à la Inge Maisel begrüßt zu werden. Das nehme ich meist gar nicht mehr wahr. Ja, für Sie ist es tooootaaaal peinlich, sie werden sich die Hand vor den Mund halten und können sich kaum vorstellen, dass mir die fehlenden Zähne egal sind. Sie sind es. Sowas von.
  7. Verärgern Sie ihren Anästhesisten nicht durch die Präsentation ihrer neuen Vollprothese! 
    Immer wieder schaffen es Patienten irgendwelche Pflegekräfte zu überzeugen, dass Sie bei Prof. Hoppenstedt aber MIT! Zähnen in den OP durften. Ja, da musste man die Vollprothese nicht herausnehmen.
    Das Problem ist, dass die Zähne (sofern mit geringem Aufwand herausnehmbar, nicht irgendwelche Implantate) einer Vollprothese für die Narkose herausgenommen werden müssen. Es könnte sonst bei Einleitung der Narkose passieren, dass die Prothese oder Teile der Prothese hinten in den Hals fallen, den Atemweg verlegen und massive Probleme verursachen können. Alles schon passiert. Wenn ich aber die Zähne rausnehme bin ich als Anästhesist dafür verantwortlich. Und zwar ohne Versicherung. Keine Versicherung übernimmt den Schaden an einer Prothese wenn Sie durch unachtsame Handhabung des Anästhesisten verursacht wurde. Auch alles schon gehabt.
    Sie wollen einen gut gelaunten Anästhesisten – begrüßen Sie uns mit einem strahlenden, zahnlosen Lächeln!
  8. Machen Sie einen kurzen Zettel fertig mit den wichtigsten, medizinischen Informationen.
    Größe, Gewicht, Allergien, Vor-Operationen, eine Liste aktueller Diagnosen (Bluthochdruck, Diabetes…), aktuelle Medikamente sowie ggf. andere medizinische Besonderheiten (hatte schon mal diesen „Krankenhauskeim“) und das ganze noch in leserlich. Gerne auch mit Schreibmaschine! Glauben Sie es mir – Sie werden viele, viele Menschen glücklich machen. Mit einem Zettel, den Sie in fünf Minuten geschrieben haben. Ich sage jetzt schon mal – Danke!
  9. Packen Sie ein paar gut sitzende Ohrenstöpsel und eine Schlafmaske ein.
    Nicht nur auf der Intensivstation sondern auch auf der Normalstation pladdert die ganze Nacht eine Kakophonie aus Perfusoralarmen, Schmerzpumpengepiepse, automatisch öffnenden und RUMMS-zufallenden Türen vor sich hin. Sie brauchen den Schlaf – machen Sie es sich so bequem wie möglich. Ruhe und Dunkelheit sind schon mal eine gute Grundlage.
  10. Waschen Sie sich. Am Vorabend. Morgens vor der OP. Gründlich.
    Auch die Achseln, den Bauchnabel, die Füße und… ach ich sagte das bereits? OK, aber „10 Dinge“ klingt ja auch einfach besser als „9 Dinge…“

Vom ersten, zweiten und dritten Versuch.

(Achtung, könnte für manche eher zart besaiteten Leser etwas ekelig sein).

Mein geschätzter Freund Stefan von der Zunft der klopfenden und hämmernden Universitäts-Handwerker (a.k.a. Unfallchirurgen) erzählte mir noch immer völlig fassungslos von einer jungen Patientin, die sich bei ihm letzte Woche in der Sprechstunde vorstellte.
Es ging um einen schmerzenden, überstehenden Knochen an der Innenseite des Fußes – nichts besonderes, soweit so gängig.
Auf die Bitte doch einmal den Schuh und die Socken auszuziehen damit man sich mal den Reklamationsfall ansehen könne erntete er nur einen fragenden Blick.
Da müsse Sie nochmal wiederkommen. Der sei nicht gewaschen.
Stefan (Kummer gewöhnt) nahm sich ganz der tatkräftig Chirurg trotzdem des Fußes an – und schickte die Patientin sichtlich beeindruckt durch die Penetranz des Käsegeruchs und der stinkenden Wollknäuel zwischen den Zehen tatsächlich direkt zur Fußwäsche nach Hause. Glaubt es mir – die sind nicht zimperlich.
Patientin geht also nach Hause, wäscht sich, kommt zur nächsten Sprechstunde und zum zweiten Versuch wieder.
Zieht den Fuß aus – gewaschen.
Stefan möchte jetzt zum Vergleich den anderen Fuß sehen um die Differenz zwischen dem  gesunden und dem kranken Fuß feststellen zu können…

Ja, so war es. Den hatte sie nicht gewaschen. Warum auch?!?
Und das ist der Grund warum es für die gar nicht so feine Dame einen dritten Versuch gab.
Kopfschüttelnd….

der Narkosedoc

Das schwarze Schaf das keines ist.

Ich frage mich, wann der Punkt im Leben von Heinz kam, an dem er falsch abgebogen ist.
Heinz hat eigentlich alles bekommen, was ein Mensch benötigt und viele gute Charaktereigenschaften ausgebildet.
Liebe – reichlich bekommen in einer behüteten Familie mit einer liebevollen Mutter. Mut – im Rahmen der Bundeswehrausbildung absolvierte er unter anderem 19 Fallschirmsprüngen. Fleiß – ein Medizinstudium in Regelstudienzeit.
Haus gebaut, Familie gegründet, ein Sohn, eine Tochter.
Nach vielen investierten Jahren und unzähligen Arbeitsstunden in der Klinik dann irgendwann der lukrative Chefarztposten in der Gefäßchirurgie. Internationale Fortbildungen, gut dotierte Forschungsprojekte und die Verpflichtung als internationaler Dozent. Sogar in Hawaii war er. Beim „International Vasculay Surgery Congress“. Einer von neun „Leading experts“ in Deutschland für Venenerkrankungen.
Im Sommer mit der Familie gegrillt, Weihnachten unter dem Tannenbaum. Alles schien perfekt.

Aber irgendwo bog Heinz ganz und gar falsch ab.
Er selber wäre der einzige der den ersten und all die folgenden Verbrechen erklären könnte. Wäre. Denn er kann es nicht. Er sieht es noch nicht einmal als Verbrechen.
Er lockte Studentinnen (17-28 Jahre jung) nach Dienstschluss in der Klinik in ein Untersuchungszimmer. Es ginge um eine Forschungsarbeit und die Probandinnen seien wichtige Versuchsteilnehmer. Er betäubte die Patientinnen hinterlistig unter Inkaufnahme schwerer Komplikationen. Er missbrauchte junge Frauen und zerstörte Seelen für ein Leben.
Die Opfer werden lebenslang damit leben müssen missbraucht worden zu sein. Wer einmal mit einem Menschen gesprochen hat, der sexuellen Missbrauch erlebt hat beginnt zu erahnen das jedes gesprochene Urteil auch im Ansatz keine Gerechtigkeit wieder herstellen kann.
Er machte weiter. Immer neue Opfer, immer neue Verbrechen. Sexspielzeuge die in abartiger Art und Weise eingesetzt und vom Täter in „mehr als 1 Millionen Fotos“ (sic!) festgehalten wurden.
Laut Verteidigung alles bloß „neue, ungewöhnliche und für den Laien unverständliche Methoden der Untersuchung“.
Deshalb stellt sich Heinz auch aufrecht vor die Kameras der Presse. Er sieht sich als unschuldig an.
Er hat bestimmt auch eine Erklärung für den Abend an der Hotelbar mit der 18-jährigen Patentochter seiner Frau die er nach einem Musicalbesuch lege artis abgefüllt betrunken gemacht hat und dann in Hotelzimmer geführt haben soll in welchem er vorher Kameras installiert hat. Auch die dort angefertigten Fotos und Videos wird er dem Richter erkären müssen. Und seiner Frau. Seiner Tochter. Seinem Sohn.

Und dennoch ist er kein schwarzes Schaf. Das schwarze Schaf kann nichts dafür, dass es keine weiße Wolle hat. Heinz hat seine Verbrechen selber zu verantworten. Er hätte die Wahl gehabt – und hat sich für die böse Seite der Macht entschieden.

Verbrecher wird es immer und überall geben. Unter Politikern, Pfarrern und selbstverständlich auch unter Ärzten. Kriminelle machen sich die Sorglosigkeit ihrer Opfer in vermeintlich geschützten Umgebungen zunutze und wissen diese für ihre abartigen Pläne auszunutzen. Sie gewinnen dann Macht über uns wenn es ihnen gelingt alle anderen die diesen Beruf ausüben unter einen Generalverdacht zu stellen und wir ihnen nicht mehr vertrauen.

Mein Unverständnis darüber wie ein Mensch der offensichtlich alles im Leben erreicht hat, was man erreichen kann – Haus, Familie, Karriere – solche Verbrechen planen und durchführen kann, erwiderte eine von mir geschätzte Oberärztin
„Nein Narkosedoc. Der hat nicht alles. Der hat bald gar nichts mehr. Zu Recht.“

Quelle:
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/chefarzt-aus-bamberg-untersuchungen-mit-sexspielzeug-a-1027342.html

http://www.sueddeutsche.de/bayern/prozess-gegen-bamberger-ex-chefarzt-die-vernichtung-von-dr-w-ist-in-vollem-gang-1.2424842

Adnex:
Vielleicht war alles ganz anders als die wenigen von den Gerichtsreportern dargestellten Fakten es erscheinen lassen. Es ist Aufgabe der Justiz die vorliegenden Fakten zu bewerten und es geht mir nicht um eine Vorverurteilung. Ich habe kein Recht dazu über jemanden zu urteilen und hoffe, dass der Prozess fair und transparent zu einem gerechten Urteil führt.

#1000 Tode

„‘Tausend Tode schreiben’ ist ein groß angelegtes Projekt. Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.

‘Tausend Tode schreiben’ ist ein work in progress. Eine weitere Version folgt am 16.2.2015 (3/4), die endgültige und vollständige Fassung (4/4) erscheint am 13.3.2015 zur Leipziger Buchmesse. Käufer*innen älterer Versionen der ’1000 Tode’ bekommen die jeweils neuen gratis per E-Mail. 

Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.“

Zitat: 1000 Tode schreiben auf http://www.minimore.de

Mein Beitrag:

Einer von 1000 Toten

Der Tod ist eine feste Konstante meiner Arbeit als Intensivmediziner.
Manchmal ist er ein effektiv agierender Gegner den wir erfolgreich bekämpfen. Manchmal ist er der nicht eingeladene Gast auf einer Party die wir gerne unter uns weitergefeiert hätten. Selten macht man ihm die Tür auf und bittet ihn herein.
In jedem Fall ist sein Erscheinen mit vielen Emotionen verbunden.

Ich habe kleine Kinder und sehr alte Leute sterben sehen. Notare, Pfarrer, den steinreichen Metzger und die bettelarme an der Gesellschaft gescheiterte Drogenabhängige. Menschen mit Lungenkrebs, Lungenentzündung, Blutvergiftung, Herzinfarkt und Hirnblutung. Den meisten ist es vergönnt in Anwesenheit der sie liebenden Familie auf die letzte Reise zu gehen.
Viel zu viele sterben alleine.
Dann stelle ich mich als der sie behandelnde Arzt ans Bett und halte die Hand. Auf der anderen Seite steht die betreuende Pflegekraft.
Ich spreche für mich und für den gerade sterbenden Menschen ein Gebet. Im EKG sieht man ein paar letzte elektrische Entladungen so individuell wie ein Fingerabdruck. Die Menschen wissen nicht mehr wie es aussieht wenn jemand stirbt. Der Sterbeprozess ist sehr individuell, vieles aber ist gemeinsam. Das Brodeln des Lungenwassers in den Lungen und das für Außenstehende beängstigende Schnappen nach Luft. Alles Dinge die der Mensch nach allem was wir wissen nicht mehr mitbekommt. Dennoch geben wir großzügig Morphin, ein Medikament was abschirmt, Schmerzen auslöscht, Luftnot und Angst wegnimmt.
Wir schließen dann die noch offenen Augen nachdem der letzte Herzschlag geschlagen ist. Machen den Monitor aus. Falten die Hände. Machen eine LED-Kerze an weil offenes Feuer von der Brandschutzordnung verboten ist. Die Pflegekraft macht die Türen auf, damit die Seele auf die Reise gehen kann.
Ich schreibe den Totenschein und vollführe den letzten bürokratischer Kraftakt im fünffachen Durchschlag eines gelebten Lebens. Original grün, einmal umschlagen, auf der pinken Seite weiter, ein gelber, ein weißer und ein blauer Durchschlag.
Ein letzter Blick auf die Leiche und die beginnenden Totenflecken als Zeichen des sicheren Todes. Der Patient verbleibt mindestens zwei Stunden auf der Intensivstation. Sicher ist sicher.
Dann ziehen wir das Bettlaken über den Kopf. Es sollen keine anderen Patienten oder Mitarbeiter des Hauses irritiert werden. In der Kühlkammer suchen wir eine freie Box, geben den Schlüssel gemeinsam mit dem Totenschein beim Pförtner ab von wo aus der Bestatter sich wiederum alles abholt und seinen Part erledigt.

Ich würde mir wünschen, dass wir den Tod als etwas normales begreifen. Etwas das untrennbar zum Beginn eines Lebens dazu gehört.
Früher wurde bei Schwangerschaften etwas von „guter Hoffnung“ genuschelt. Geboren und gestillt wurde ganz heimlich. Seit einiger Zeit gibt es sogar Geburtsfotografen die ganze Reportagen von diesem tollen Ereignis machen.

Wir sollten beim Tod umdenken lernen, man kann sehr viel Gutes vom Ende des Lebens lernen.

Mein Freund. Mein Helfer.

Die Polizei, Dein Freund und Helfer
Die Polizei, Dein Freund und Helfer.

Ich erzählte ja von denen die nicht wollen, denen die nicht können und denen die nicht wollen und nicht können. Im medizinischen Bereich ein Phänomen was sich vermehrt ausbreitet und wo sich mir zumindest die Ursachen erschließen. Ärztemangel, kaputt gespartes Gesundheitssystem, fehlende Investitionen etc.
Neuerdings ist mir aufgefallen, dass wir damit aber nicht alleine dastehen! Ich rede jetzt nicht vom Handwerkerpfusch oder Serviceverhalten einzelner Telekommunikationskonzerne sondern von der Polizei. Ja, Dein Freund und Helfer.
Die Polizei war für mich immer gesetzestreue Kompetenz in Sachen Strafverfolgung, Bürgerschutz und Ansprechpartner in der Not. Mein Glaube daran, dass die Polizei potentielle Straftäter verfolgt war unerschütterlich. Na gut, wo Menschen arbeiten wird manchmal auch geschlampt. Ist wohl überall so.
Aktueller Fall:
Pat. kommt nach Hochrasanztrauma als verunfallter Fahrer eines großen Paktetlieferanten in unseren Schockraum. Der Beifahrer kommt schwerverletzt in die Nachbarstube und wird vom zweiten Traumateam versorgt. Unseren Schockraum füllt schon sehr bald der kalt wabernde Nebel eines Foetor alcoholicus. Wenn es Passivraucher gibt, dann sind wir gerade zu Passivtrinkern geworden. Egal, ich schweife ab… kurzum – der Kunde hat eine Fahne.
Dieser Umstand ist weder zu ignorieren, noch zu überriechen. Die Polizei wartet artig im Ambulanzbereich bis Sie nach erfolgter Diagnostik zu unserem Patienten dürfen um „ein paar Fragen zu stellen“. So weit die Routine.
Und gehen wieder.
Bei Verdacht auf einen Verkehrsunfall unter Drogeneinfluss (und dazu gehört ja auch der Alkohol) muss immer eine Blutprobe abgenommen werden. Der im Krankenhaus gemessene Äthylalkoholwert kann unter Umständen wohl im Prozess angefochten werden, weil ja ggf. zur Desinfektion ein alkoholhaltiger Tupfer verwendet wurde. Deshalb führt jedes Polizeiauto ein Blutentnahmepäckchen mit in dem ein Blutentnahmeröhrchen nebst alkoholfreiem Hautdesinfiziens enthalten ist.
Narkosearzt tippt Herrn Wachtmeister – klopf, klopf – auf die doppelt besternte Schulter. Ich versichere mich nochmal, dass sie das Päckchen doch gleich bestimmt auf die Intensivstation bringen würden.
Verständnisloses Kopfschütteln.
– Wegen der Blutentnahme.
Ratlose Mundwinkel.
– In unseren Tupfern ist ja Alkohol…
Im seinem Kopf läuft „Itchy und Scratchy“
– … und in unserem gemeinsamen Kunden ja offensichtlich auch. Nö?
Es tut sich was.
Ja! Na klar, müsse ja noch, man sei unterwegs, komme gleich wieder, klaro, wollten wir ja sowieso.
Sie kamen nicht wieder.
Und der Patient der offensichtlich im volltrunkenen Zustand sich selbst und seinen Beifahrer kaputt gefahren hat wurde nie strafverfolgt. Ein (vor Gericht nicht verwertbarer) Atemalkoholtest wurde ebensowenig angeordnet wie eine polizeiliche Blutentnahme. Und ich frage mich – warum?

Was, wenn selbiger Paketbote nächsten Monat nicht vor einen Baum sondern gegen den Großfamilienkombi fährt?
Ein vergleichbares Ereignis ist mir vorletzte Woche erneut passiert und ich komme so langsam ins Grübeln. Hat das System? Scheuen die den Aufwand? Darf man das fragen? Macht man sich dann schon strafbar? Ist so eine Blutprobenanordnung viel Arbeit und Schreibkram? Falls hier ein Polizist mitliest, ich wäre um eine Antwort sehr dankbar.
Einen Bericht müssen die ja sowieso schreiben.
Es geht aber nicht nur um Blutprobenentnahmen sondern auch die oft lustlose und aus meiner Sicht vernachlässigte Asservation von Beweisgegenständen bei Straftaten. Wir haben da so einen aktuellen Fall, aber das ist mir im Moment noch zu heiß.
Wie sind Eure Erfahrungen mit der Polizei?
Ich meine nicht nur die Zusammenarbeit im Rettungsdienst sondern auch und gerade im Krankenhaus. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.