Echte erste Hilfe nach Verkehrsunfällen

Die Situationen sind genau so selten wie stressig.
Szenario 1: 
Mein Vater war im Urlaub unterwegs in den Alpen. Auf der Autobahn platzt ein Reifen, das Auto rammt den Mittelstreifen, gräbt sich im Grünstreifen ein, überschlägt sich zwei mal, eine Person wird herausgeschleudert, der PKW bleibt quer auf der Fahrbahn stehen.
Szenario 2: 
Wir waren auf dem Weg zur Taufe meiner Nichte. Ein Motorradfahrer verschätzt sich, wird in einer engen Kurve einer abgelegenen Landstraße nach außen getragen und kollidiert mit einem Camper. Er liegt stöhnend am Fahrbahnrand, hält sich den Bauch und das Becken.  
Szenario 3: 
Meine Nachbarin war auf dem Heimweg vom Badenachmittag an einem Naturfreibad.
Ein Motorradfahrer will zwei PKW überholen, beschleunigt stark. Der vordere PKW schert aus um unvermittelt nach links in einen Feldweg abzubiegen. Das Motorrad kann nicht mehr ausweichen und schlägt am Heck des PKWs ein. Das Motorrad zerreißt in zwei Teile, der Motorradfahrer bleibt regungslos liegen. 

Diese drei Szenarien sind genau so passiert.
In allen Situationen gab es einen oder mehrere Schwerverletzte. Alle trafen mich oder meinen Vater oder meine Nachbarin völlig unvorbereitet.
Was kann man jetzt praktisch tun?
Ich denke man sollte schon nach Qualifikation der Ersthelferausbildung und vielleicht auch nach der Verfügbarkeit von Erste-Hilfe-Möglichkeiten unterscheiden. Aber man muss nicht Arzt/Ärztin sein, um qualifiziert helfen zu können. 
Was kann jeder tun: 
Als erstes – die Unfallstelle absichern! 
Zieht Euch eine dieser neongelben Sicherheitswesten an, die jeder in Anzahl der mitreisenden Personen mitführen muss. Und dann das wichtigste: Ruhe bewahren. 
Hierfür hilft es sich immer mal wieder während einer Autofahrt zu visualisieren – was würde ich jetzt tun, wenn jetzt der PKW vor mir bei dem riskanten Überholmanöver verunfallt? Und dann eine möglichst logische, vollständige Liste abarbeiten. Wem das hilft, der kann sich auch eine Checkliste dafür ins Auto legen. 
Bin ich alleine im PKW unterwegs stelle ich das Auto quer VOR die Unfallstelle. Mein eigenes Auto ist dann wie ein Rammbock. Habe ich noch Familie dabei, versuche ich hinter die Unfallstelle zu fahren und sichere nach vorne ab. 
Wanrblinkanlage an, bei Dämmerung oder Dunkelheit nutze ich zusätzlich LED-Powerflares. Die kosten ca. 10€ das Stück, findet man unter „Powerflare Akku LED Signallicht“ oder ähnlich (ich darf die nicht verlinken, sonst wäre es  Werbung). Ich habe davon drei im Auto, so sollten mindestens zwei immer funktionieren. 
Die Akkus halten ewig, muss ich nur alle paar Monate mal aufladen. 

Ist die Einsatzstelle gesichert hilft es sich einen groben Überblick zu machen: wie viele Verletzte gibt es und wie schwer sind sie verletzt. Wie findet man das raus? Da gibt es einen Trick: 
Menschen die eingeklemmt sind und nicht selber aus dem verbeulten Fahrzeug kommen gelten als akut lebensbedroht („rot“), ebenso alle die irgendwo liegen. Wer sitzen aber nicht stehen oder laufen kann, aber trotzdem beeinträchtigt wirkt kann als potenziell schwerverletzt („gelb“) eingeteilt werden. Wer laufen kann gilt als leicht verletzt oder gar nur Betroffener („grün“).
Jetzt folgt der Anruf bei der 112: Hilfe holen!
Der Disponent/die Disponentin wird Euch durch die Fragen führen. Wo ist der Unfallort passiert – das ist auf der Autobahn nicht ganz so einfach, aber dazu wird man Euch Hiflestellungen geben.
Dann solltet ihr kurz beschreiben was ihr seht, wie viele Fahrzeuge verunfallt sind und ob es Besonderheiten gibt wie z.B. das ein Fahrzeug auf dem Dach liegt. Dann wäre eine ungefähre Schätzung der Verletzten gut, z.B. „da ist noch einer drin, der kommt nicht raus, zwei sind rausgekrabbelt, die liegen am Straßenrand, und einer sitzt da, der kann nicht aufstehen“. Gute LeitstellendisponentInnen können das interpretieren und Euch jetzt schon die adäquate Hilfe auf den Weg schicken. Noch während ihr mit der Leitstelle telefoniert geht dann z.B. bei mir der Melder und wir machen uns auf den Weg.
Was kann man nun für die Schwerverletzten tun?
Jede Menge!
Vor allem – traut Euch. Ihr könnt – wie so oft – kaum was falsch machen, außer wenn ihr nichts macht. Achtet immer, immer, immer auf die eigene Sicherheit!
Es nützt niemandem etwas, wenn ihr Euch in Gefahr begebt oder weitere Fahrzeuge in die Unfallstelle rasen. Sobald ihr sicher seid könnt ihr zu einer schwerverletzten Person gehen und diese informieren, dass Hilfe unterwegs ist. Sowas banales, oder? 
Aber genau das hilft!
Wer mal im Auto eingeklemmt war weiß, zu wissen, dass Hilfe unterwegs ist, ist die halbe Miete. Rettung ist auf dem Weg!
Bleibt bei dieser Person, bleibt ansprechbar. Versucht der Person die Lagerung zu erleichtern. Vielleicht kann man eine Jacke unter den Kopf legen falls das Auto auf der Seite liegt.
Habt ihr einen schwer verletzen und vielleicht sogar bewusstlosen Motorradfahrer, dann solltet ihr auch auf jeden Fall den Helm abnehmen (https://narkosearzt.wordpress.com/2019/02/24/stabile-seitenlage-und-helm-ab-oder-etwa-doch-nicht/).
Gerade bei Regen oder kalter Witterung, im Grunde genommen aber immer außer wenn es 35° hat, solltet ihr die Person warm halten. Sucht Euch Jacken zusammen, fragt umstehende Personen und bittet sie nach Decken/Fliesjacken. Eigene Jacken sind deswegen super weil sie durch die eigenen Körperwärme vorgewärmt sind und außerdem ist es ein schöner Akt von Nächstenliebe.
Ich habe auch schon mangels Alternativen Unfallopfern meine warme Notarztjacke angezogen. Kommt danach in die Wäsche und gut ist.  
Ihr seht schon jetzt, man kann viel machen! Und für nichts davon muss man Notarzt oder Notärztin sein.
Wiederholung:
1) Unfallstelle absichern, ggf. eigenen PKW dafür nutzen
2) Sicherheitsweste anziehen
3) Überblick machen und 112 (Rettungsdienst/Feuerwehr) anrufen 
4) bei Schwerverletzten bleiben, Hilfe anbieten, Wärme erhalten

Das war die Pflicht, jetzt kommt die Kür.
Was mache ich wenn jemand wirklich viel blutet. Und wann blutet jemand viel?
Blutende Wunden haben die Eigenschaft sehr spektakulär auszusehen, auch wenn eigentlich noch gar nicht viel Blut geflossen ist. Viel Blut ist es immer dann, wenn es sich in Pfützen sammelt oder z.B. die Straße runter läuft. Dann sind es in der Regel deutlich mehr als 500ml Blut und das wird für diese Patienten potenziell kritisch. Das tückische ist – selbst wenn der Rettungsdienst rechtzeitig kommt, kann dieser Blutverlust in den ersten 10 oder 20 Minuten ausreichen, dass die Patienten hinterher (nach 24 Stunden) versterben. Es ist also immens wichtig diese Patienten von Anfang an warm zu halten und die Blutung zu stoppen.
Das geht ganz einfach – indem man dort wo das Blut rauskommt, Druck ausübt. Das kann man mit einem zusammengeknüllten Tuch (Dreiecktuch aus dem Erste-Hilfe-Kasten!) oder hervorragend auch mit einem T-Shirt machen. Dieses möglichst eng und fest in die Wunde drücken und von außen auf die Wunde drücken. Gegendruck verhindert, dass weiteres Blut verloren geht. 
Hier ist es etwas genauer beschrieben (https://www.drk.de/hilfe-in-deutschland/erste-hilfe/blutungen-und-blutstillstand/blutungen/) aber – macht da keine Raketenwissenschaft draus! 
Druck auf die Blutung, egal wie!
Mit dieser einfachen Maßnahme kann man ohne Witz ganz konkret Leben retten. Wenn wir nach 10 Minuten mit dem Rettungshubschrauber angeblasen kommen, dann sieht das zwar sehr spektakulär aus, aber wenn der Patient bis dahin schon 2 oder 3 Liter Blut verloren hat, dann werden wir für diesen Patienten gar nichts mehr ausrichten können.  

Also 
1) Unfallstelle absichern, ggf. eigenen PKW dafür nutzen
2) Sicherheitsweste anziehen
3) Überblick machen und 112 (Rettungsdienst/Feuerwehr) anrufen 
4) bei Schwerverletzten bleiben, Hilfe anbieten, Wärme erhalten
5) schwere, kritische Blutungen stillen 

Und zuletzt – wenn die ersten professionellen Retter kommen und die Einsatzleitung übernehmen, dann scheut Euch nicht selber um Hilfe zu bitten. 
Es gibt exzellente PSU-Teams, die das oft noch an Ort und Stelle mit Euch besprechen. Die Euch ein professionelles Feedback geben können, was die Einsatzkräfte jetzt tun. 
Das hilft ganz entscheidend bei der Verarbeitung. 
Auf keinen Fall solltet ihr die Fahrt einfach so fortsetzen. Das Risiko ist zu hoch selbst einen Unfall zu bauen, weil ihr mit den Gedanken ganz woanders seid. 

Ich hoffe das hilft Euch wenn ihr das nächste Mal zu einem schweren Verkehrsunfall kommt. 
Jede Hilfe ist besser als keine. 
Danke für Euren Einsatz und schreibt mir gerne mal was ihr so erlebt habt und wie ihr helfen konntet! 

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Impfung oder Infektion? Was hättens denn gern?

Ich schrieb hier über den Unterschied zwischen einer Impfung mit dem Wildtyp eines Virus bzw. seiner Mutante und einer kontrollierten Impfung. 

Was bedeutet das für Corona?
Unsere Kinder werden ab Herbst in engen Räumen zusammen sitzen. Früher oder später wird jeder infiziert. 

„Wer sich nicht impfen lässt, infiziert sich“. Das hat nicht irgendwer gesagt, das sind die Worte von Christian Drosten und das deckt sich mit den Einschätzungen von Epidemiologen. 

Eine Nicht-Infektion ist ein unrealistisches Szenario. 

Bleibt also die Option einer Infektion oder einer Impfung. 

Die STIKO stellt das anders dar. Sie argumentieren, dass es am besten wäre wenn Kinder nicht geimpft werden und auch nicht infiziert werden. Wie oben dargestellt besteht diese Option aber nicht. Wir werden mit der Impfmüdigkeit und den Impfverweigerern keine Herdenimmunität erreichen in der die Kinder sicher wären.
Wenn also nur Infektion versus Impfung bleibt, dann muss man die Risiken gegeneinander rechnen. 

Man schätzt, dass etwa 6% aller Kinder die sich mit dem Coronavirus anstecken Long-Covid mit bleibenden Atembeschwerden, dauerhafter Müdigkeit und ähnlichem entwickeln. Das wäre immerhin 6 von 100 bzw. 1 von etwa 17 Kindern. Wenn wir also von zwei Klassen à 25 Schülerinnen und Schüler ausgehen wären das immerhin 2 Kinder die ein hohes Risiko für Langzeitschäden haben.
Die Extremfälle von beatmeten oder sogar an COVID verstorbenen Kindern sind sicher spektakulär aber extrem selten und verzerren die Diskussion. 

Man kann aber nicht wegdiskutieren, dass bei einer Durchseuchung aller Kinder – was ab Herbst ein durchaus realistisches Szenario ist – ein erhebliches Risiko besteht, dass eine hohe Anzahl von Kindern dauerhafte Schäden davon tragen wird. 

Was ist also mit der Impfung?
In den Zulassungsstudien werden für Kinder unter 12 Jahren 10µg (=0,1ml mRNA-Impfstoff) bzw. für noch kleinere Kinder sogar nur 3µg mRNA-Impfstoff verimpft. Die meiner Meinung nach unerheblichen Nebenwirkungen wie Muskel- und Gliederschmerzen an der Einstichstelle lassen wir mal außer acht.
Bleiben als relevante Nebenwirkungen noch die extrem seltenen Herzmuskelentzündungen sind so selten, dass ihr Auftreten gemessen am spontanen Auftreteten einer Herzmuskelentzündung nicht erhöht ist.
Das bedeutet Kinder können spontan Herzmuskelentzündungen entwickeln. Die Gründe dafür sind vielseitig, es bleibt eine extrem seltene Erkrankung.

Kommt es also bei 3 von 1 Millionen Kindern pro Jahr zu einer Herzmuskelentzündung und tritt diese bei 3 von 1 Millionen Kindern nach einer Impfung auf muss man untersuchen, ob diese Entzündung in einem Zusammenhang mit der Impfung steht. 
Das tun ExpertInnen auf der Welt und schauen sich die Daten an. Je nach Studie sind dies 300 von 20.000.000 geimpften Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Das wäre 1 von ca. 65.000 Geimpften. Das ist eine Stadt von der Größe Rüsselsheims oder Friedrichshafens.

Nicht vergessen – nicht überall wo wir Menschen einen Zusammenhang sehen gibt es diesen auch.
Weil Bilder mehr als tausend Worte sagen: 

Wenn eine Nicht-Infektion also kein realistisches Szenario ist, dann bleibt nur die Abwägung des Risikos durch die Impfung gegen das Risiko einer Infektion. 
Und da steht auf der einen Seite ein schwer krankes, gegebenenfalls über Monate mit Luftnot, Müdigkeit und Fehltagen belastetes Kind. Und zwar nicht eins von 1000 oder eins von 1 Million sondern dann müssen wir wirklich von zig Betroffenen an jeder Schule reden.

Auf der anderen Seite ein extrem seltene Komplikation die nach allem was wir von den bisher dokumentierten Fällen ohne Folgeschäde vorübergehend war und komplett ausgeheilt ist.

Diese geht für mich sehr, sehr, sehr eindeutig zugunsten der Impfung aus. 

Es leuchtet mir nicht ein, warum wir die Kinder unter 12 Jahren daher ignorieren und ich kann es meinen Kindern auch nicht sinnvoll erklären. 
Ich hoffe sehr auf eine baldige Impffreigabe und Impfempfehlung für alle (!) Kinder, nicht nur die ab 12 Jahren.
Es wäre eine große Erleichterung.

Hiermit lade ich Dich zu meiner Masernparty ein!

Als ich ein Kind war gab es „Masernparties„. Hierbei sollten gesunde Kinder mit an Masern erkrankten Kindern spielen und sich dabei mit Masern anstecken um Immunität zu entwickeln. 

Es gab das auch für Windpocken („Pockenparty“). 

Auf den Parties sollten sich Kinder auf „natürlichem Weg“ mit der Krankheit anstecken um dann eine Immunität zu entwickeln. Schon sehr früh wusste man, dass eine Infektion mit Wildviren deutlich riskanter ist, als die Impfung mit dem abgeschwächten Lebendimpfstoff.

Die Idee, dass alles was die Natur hervorbringt sanfter, ja irgendwie gesünder sein soll ist in vielen Fällen richtig. 

Die Natur ist aber nicht nur liebevoll und sanft sondern mitunter auch brutal und rücksichtslos. Ein Virus denkt nicht, es will sich nur vermehren. 

Um dieses Ziel zu erreichen muss sich das Virus bestmöglich an den Wirt anpassen von dem es abhängig ist. Dies führt zu einer optimalen Vermehrung und über die Infektion eines weiteren Wirts lebt das Virus fort. Da Viren nicht in übergeordneten Verbänden kommunizieren können wissen sie nichts vom Tod des Wirts. Der Tod des Wirts (der Mensch) ist ein unbeabsichtigter Kollateralschaden.

Es zeigt aber ganz gut wie schlecht kontrollierbar Infektionen mit Viren ablaufen.

Wir wissen vorab nie, wer wie heftig auf eine Infektion mit dem Coronavirus reagiert.

Die Idee, dass etwas nur weil es „natürlich“ ist, deshalb auch besser ist, ist gerade bei Viren sehr gefährlich. 

Viren ist es egal was für eine kosmische Energie wir spüren, ob wir unser Essen auspendeln oder im Einklang mit der Natur leben wollen. 

Das kann man alles machen, aber es sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass Viren das alles komplett egal ist. 

Die haben ihren eigenen – sehr einfachen – Plan. Vermehren, verteilen, so viel und so schnell es geht. 

Die Infektion mit einem Wildtypvirus führt zu einer Produktion unkalkulierbarer Antikörper mit unbekannter Wirkung auf den Rest des Körpers. Bei einer Infektion „auf natürlichem Weg“ findet ein solches Virus zutritt zum Körper (die Infektion) und wird regelrecht überrannt von dem Virus. Es beginnt ein ungleicher Wettkampf des Körpers gegen das Virus. Das Immunsystem, unsere Körperabweher ist eines der faszinierendsten und komplexesten Systeme des Körpers. Es ist ein solches Wunderwerk, dass es mich staunen lässt, je tiefer man in die Details einsteigt. 

Es gibt sogar verschiedene Möglichkeiten der Immunantwort. 

Für Viren kann man vereinfacht sagen, dass irgendwann eine Fresszelle (Makrophage) ein Virus findet und dieses in sich aufnimmt. Fresszellen sind dabei nicht sehr wählerisch, aber auch nicht sehr schnell. Sie „sehen“ das Virus nicht, aber nehmen es irgendwann zufällig auf. 

Dieser Vorgang kann unterschiedlich lange dauern, es muss eben zufällig eine Fresszelle vorbeikommen und ein solches Virus finden. 

Routinemäßig wird innerhalb der Fresszelle das Virus in Teile zerlegt und diese Teile werden dann den T-Zellen präsentiert. „Schau mal hier, das hab ich gefunden“. Stellen wir uns das Virus als eine Art Einbrecher vor, dann wird er in Kopf, Rumpf, Arme, Beine und Finger zerlegt. 

Die T-Zellen analysieren die einzelnen Bauteile des Virus und verteilen Aufgaben. Die Finger des Einbrechers werden an B-Lymphozyten weitergegeben und die sind jetzt in der Lage als Plasmazellen von den Fingern Abdrücke herzustellen. Diese Abdrücke werden millionenfach produziert und sind eine Art Steckbrief für die Fresszellen. 

Wann immer jetzt ein Virus in den Körper kommt bleiben die von den Plasmazellen produzierten Fingerabdrücke wie orange leuchtende Post-Its an dem Virus hängen. Jetzt erkennt die Fresszelle die Viren an dem orange leuchtenden Post-it und kann das Virus entsprechend schnell unschädlich machen. 

Wenn es erstmal Antikörper gibt kann der Körper sich verteidigen.
Der Wettkampf besteht darin wer schneller ist.

Auf der einen Seite das Virus mit der massenhaften Reproduktion innerhalb der Zellen bis zur schweren Erkrankung oder sogar bis zum Tod des Wirts. Auf der anderen Seite die Immunantwort des Körpers, die Produktion von Fingerabdrücken, die Erkennung und das Töten der Viren. 


Warum bietet eine Impfung jetzt einen Vorteil?
Die Impfung kürzt den gefährlichen Teil ab. Dem Körper werden von Anfang an nur ein Finger des Virus gezeigt. Ein Finger alleine kann keinen Schaden anrichten, aber der Körper kann davon einen Fingerabdruck erstellen. Das sind die sogenannten Spikeproteine die bei der mRNA-Impfung erstellt werden. Durch einen genialen Trick werden Teile der körpereigenen Zellen dazu gebracht diesen Finger zu produzieren. Für diesen werden dann passgenaue Antikörper produziert. Kommt irgendwann ein echtes Coronavirus vorbei werden die Gedächtniszellen sich an den Fingerabdruck erinnern und das Virus ruck zuck vernichten. Keine Chance für das Virus. 

Es gibt aber auch noch andere Impfungen, zum Beispiel den Vektorimpfstoff (AstraZeneca, Sputnik und andere). 

Hier hinkt der Vergleich mit dem Virus als Einbrecher ein wenig. 

Bei der Entwicklung des Vektorimpfstoffs steht am Anfang ein harmloses Virus was beispielsweise nur einen leichten Schnupfen auslösen kann. Viele Virusinfekte laufen auch komplett unauffällig ab, wir werden davon gar nicht krank. Ein solches Virus nimmt man jetzt und baut Teile des Virus ein, gegen das man den Körper schützen will.
Der Körper wird wieder Fingerabdrücke nehmen und ist nun auch zukünftig gewappnet wenn zum Beispiel das echte Coronavirus in den Körper eindringt. 

Beide Möglichkeiten bieten den entscheidenden Vorteil, dass der Körper in aller Ruhe Fingerabdrücke nehmen kann und Steckbriefe erstellen kann. Der Körper kann sich vorbereiten und ist gewappnet wenn der echte Gegner kommt. 

Diese Chance nimmt man dem Körper wenn er es direkt mit dem echten Virus zu tun bekommt.  

Genau das wurde auf den Masernparties gemacht. Kinder wurden bewusst angesteckt. Die Kinder wurden krank, erholten sich und waren fortan immun. Warum also die Aufregung?
Wir Mediziner nennen das anekdotische Evidenz. Da sind vielleicht 5 oder 10 Kinder auf so einer Party, stecken sich an und erholen sich wieder und alles ist gut, oder?
Schwere bleibende Schäden nach einer Maserninfektion liegen im Bereich von etwa 1:300 (ECDC, Europäische Union) bis 1:500 (CDC, USA). Wie auch immer – selbst wenn 10 solcher Masernparties in einem Dorf laufen, betrifft das gerade mal 100 Kinder. Weil es nur bei 1 von etwa 300 Kindern zu einem schweren, bleibenden Schaden kommt wird das kaum auffallen. Das Risiko ist aber trotzdem da und es ist nur eine Frage der Zeit und der Infektionen bis ein Kind bleibenden Schaden nimmt. 

Bleibende Schäden nach einer Masernimpfung sind hingegen so selten, dass sich keine realistische Häufigkeit angeben lässt. Als ernste Komplikation wird eine allergische Reaktion mit etwa 1 bis 4 von 1 Millionen Geimpften angegeben. 

Das Risiko einer Impfung steht also in keinem Verhältnis zur unkalkulierbaren Erkrankung.
Es wird mir ein Rätsel bleiben, warum trotzdem manche Menschen denken, dass der natürlich Weg einer Infektion aus irgendeinem Grund besser sei. 

Wir danken für ihr Verständnis!

Kennt ihr diese Schilder am Ende einer 12km langen Baustelle?
Man sieht keinen Bauarbeiter (auch nicht unter der Fahrbahn), kilometerlang Tempo 50 und am Ende das Schild „Wir danken für ihr Verständnis!“ und ich möchte dann ins Lenkrad beißen und „Ich habe dafür kein Verständnis!!“ brüllen.

Die Zahlen steigen wieder und ich kann es nicht fassen. Wir haben so gute Fortschritte mit den Impfungen gemacht und jetzt geht das ganze wieder los. Nicht zum zweiten Mal, nicht zum dritten Mal sondern voraussichtlich zum vierten Mal. 

Es gibt verschiedene Prognosen wann der nächste Peak kommt (Ende September/ Anfang Oktober), es bleibt ein gigantisches Experiment wie sich die Deltavariante, die fehlende Impfung bei Kindern und die Wiedereröffnung der Schulen auswirken wird.
Und dann lese ich „Ärzte nicht in Sorge wegen vierter Corona-Welle“ und finde heraus, dass es mal wieder derselbe dreiste alte Mann ist, der sich schon in der Vergangenheit gerne mal als Sprachroher aller Ärzte bezeichnet. Er ist es nicht. Es hat vor allem überhaupt keine Relevanz, wenn er die Lage falsch einschätzt und das herausposaunt. Es sendet nur ein falsches, ein fatales Signal.
Alles im Griff, Corona vorbei, entspannt Euch. Das ist die Botschaft. Das Gegenteil ist der Fall. Wir wissen überhaupt nicht was in den nächsten Wochen passiert. Wir sehen aktuell, dass die Zahlen langsam aber deutlich ansteigen. Es ist ein großes Experiment, alle Hygienemaßnahmen sind lediglich dazu geeignet den Fortschritt der Pandemie zu bremsen. Eine effektive Eindämmung ist nur durch eine möglichst vollständige Impfung zu realisieren. 

Die Zahlen sind eindeutig.
Man kann sich darüber streiten, welcher Impfstoff oder welche Kombination am wirksamsten ist.
Fakt ist – alle derzeit verfügbaren Impfstoffe senken bei vollständigem Impfstatus das Risiko für einen schweren Verlauf nahezu auf Null. Die realen Risiken durch die Impfung beschränken sich auf muskelkaterartige Schmerzen im Bereich der Einstichstelle, selten mal Fieber oder Schüttelfrost. Alles auch ansatzweise kein Vergleich zu einer Intensivtherapie!
Herrje, die Krankheit ist vermeidbar. Es ist kein Schicksal mehr!
Wer sich im März 2020 ansteckte, hatte Pech. Es gab keine Impfung, die Therapie ist rein symptomatisch. Jetzt wo jeder die Möglichkeit hatte sich impfen zu lassen gibt es keine Ausrede mehr. Das ist auch kein Pech mehr, wenn man sich jetzt noch ansteckt und schwer erkrankt.
Das ist vermeidbar!
Es gibt 1000 Gründe auf eine Intensivstation zu kommen, manche davon sind selbst verursacht. Ein Motorradfahrer nach einem schweren Verkehrsufnall – klar, der hätte nicht zwingend Motorrad fahren müssen, aber so ist das Leben.
Ein Alkoholexzess und hinterher im Koma mit dem Rettungsdienst zu uns?
Muss nicht sein, aber wir helfen allen, wir verurteilen niemanden. 

Sich wegen Faulheit oder weil man sich von irgendeinem Schwurbelquark auf Youtube oder Facebook bekloppt machen lässt nicht impfen zu lassen, ist aber leider nur dumm. 

Und „zu dumm“ oder „zu faul“ sind wirklich ein doofer Grund für einen Aufenthalt auf der Intensivstation.
Dazu sollte man im Oktober nicht unbedingt mit viel Verständnis beim Rettungsdienst und den KollegInnen auf der Intensivstation rechnen. Klar, Menschen die nicht geimpft werden dürfen oder die wegen Immunsupressiva oder einer Laune ihres Immunsystems keine Antikörper aufbauen usw. können natürlich nichts dafür. Umso tragischer wäre es wenn diese Menschen die sich gerne impfen lassen würden aber es nicht dürfen dann selber schwer an COVID erkranken. 

Vor allem für diese Mitmenschen, müssen alle anderen sich impfen lassen! 

Natürlich werden wir auch Menschen helfen, die sich nicht impfen ließen und die dann schwer erkranken werden. Aber ich kann es niemandem meiner KollegInnen verübeln wenn da kein Verständnis mehr aufgebracht wird. 

Die Stimmung auf der Intensivstation ist so schlecht wie lange nicht mehr. Viele erfahrene KollegInnen sind gegangen, die werden auch nicht mehr wieder kommen. Die Stimmung wird sicher nicht besser wenn wir dann wieder schwerkranken Covid-PatientInnen versorgen müssen die sich einfach nicht haben impfen lassen weil kein Bock, keine Zeit oder aufgrund anderer Ausreden. 

Impfgelegenheit gibt es genug, hier bei uns sogar auf dem Parkplatz vom Schnellrestaurant oder im Supermarkt. Da kann niemand sagen, es hätte keine Chance gegeben! 

Warum sind keine Betten mehr frei, obwohl noch 500 Betten frei sind?

Jaja, das haben Sie richtig gelesen.
Wie kann es überhaupt sein, dass wir mit dem Notarztwagen 50km durchs Land fahren um einen Patienten adäquat versorgen zu können, wenn es doch noch so viele freie Betten gibt?
Wieso fahren wir dabei manchmal sogar an Kliniken vorbei, die freie Betten haben?
Warum schlagen die Intensivmediziner jetzt Alarm, wenn doch noch 500 Betten frei sind?

Die Pandemie fordert uns intellektuell heraus.
Wir Menschen tendieren dazu unser eigenes Wissen zu überschätzen. Akzeptieren zu können, dass bestimmte Netzwerke, Zusammenhänge und Fachbereiche so komplex sind, dass man sie als Laie nicht einfach durchdringen kann, erfordert – Intelligenz.
Der Dunning-Kruger-Effekt besagt, dass objektiv inkompetente Menschen ihr Wissen und ihre Kompetenz dramatisch überschätzen. Mit zunehmendem Fachwissen wächst die Erkenntnis eigentlich sehr wenig zu Wissen und die Einschätzung der eigenen Kompetenz nimmt ab. Erst nach fundiertem Wissenszugewinn und echter Expertise wird der eigene Wissensstand realistisch und dann auch berechtigt als kompetent eingeschätzt.
Männer neigen übrigens eher dazu ihr Wissen zu überschätzen, als Frauen.

Die „freien Intensivbetten“ sind nur eins von unzähligen Themen die im Rahmen der Coronakrise aufploppten. Es wird nicht mehr akzeptiert, wenn ein echter Experte sagt „Rot wäre gut“. Es wird nachgefragt ob gelb nicht besser wäre, was man denn gegen grün hat und ob es nicht besser wäre abzuwarten bis aus Blau eben auch Rot wird. Von Farbenblinden die im Dunkeln sitzen.

Ich habe es aufgegeben mit diesen Leuten zu diskutieren. Denen kann man auch nichts erklären. Die biegen sich ihre Realität zurecht, da kommt man mit Fakten nicht mehr gegen an.
Es gibt aber auch eine Menge Leute die kluge Fragen stellen. Die sagen – ihr redet von Alarmstufe Rot und hier im Kreis sind noch 7 von 120 Intensivbetten frei – reicht das nicht?
Gibt es die freien Betten? Ja, die gibt es.
Es sind sogar nicht wenige. Man muss nur mal ins Intensivregister gehen. Da gibt es Landkreise die haben 30-40% ihrer Intensivbetten frei.
Helfen uns diese freien Betten?
Überhaupt nicht. 

Es gibt nämlich kleinere und größere Krankenhäuser. Gerade in ländlich geprägten Gebieten gibt es eher kleinere Krankenhäuser. Wir unterscheiden hierbei Grundversorger, Regelversorger, Schwerpunktversorger und Maximalversorger. 

Alle Kliniken haben hierbei ihre Aufgabe im Gesamtsystem.
Es gibt sehr viele Menschen die einen entzündeten Wurmfortsatz („Appendix“) haben und es gibt sehr viele Kliniken, die einen solchen entfernen können.
Alle Kliniken können eine Kopfplatzwunde versorgen, die meisten auch eine Skalpierungsverletzung mit Abtragung der Kopfhaut.
Ein geschlossenes Schädel-Hirn-Trauma braucht mindetens ein CT und für ein offenes Schädel-Hirn-Traum braucht man eine Klinik mit Neurochirurgie (Maximalversorger o.ä.). Ein Patient mit einem offenen Schädel-Hirn-Trauma kann also weder in einem Haus der Grund oder Regelversorgung adäquat versorgt werden. Diese Patienten müssen in Schwerpunktversorger mit Neurochirurgie oder Unikliniken (die alles versorgen können).
Sind Regelversorger also überflüssig? Im Gegenteil! 
Kleinere Krankenhäuser haben viele positive Aspekte (persönlicher Kontakt, kurze Wege, enge Anbindung an Hausärzte etc.) kommen aber bei komplexen Krankheitsbildern unter Umständen an ihr Limit. Diese Krankenhäuser haben auch Intensivstationen, haben dort aber eher selten beatmete Patienten liegen. Ohne hier irgendwem zu nahe zu treten – ich habe viele Patienten von kleinen und sehr kleinen Intensivstationen in größere Krankenhäuser verlegt.
Gerade COVID-Patienten sind extrem herausfordernd und werden deshalb bei klinischer Verschlechterung gerne in größere Zentren zur weiteren Therapie verlegt.
Beatmungsparameter jenseits von gut und böse, erhebliche lagerungsabhängige Kreislaufinstabilität. 
Believe me – ich habe viele Intensivpatienten behandelt (Herztransplantierte, Kinder, Polytraumen und Kombinationen all dieser…) aber beatmete Covid-Patienten – die sind tricky. 

Man kann nicht pauschal sagen, dass Patienten in kleineren Häusern immer schlechter versorgt sind oder in der Uniklinik immer optimal versorgt sind. 
Gerade in kleinen Krankenhäusern findet man manchmal sehr gute Intensivmediziner und engagierte Pflegekräfte und umgekehrt. In größeren Häusern gibt es aber personell (z.B. tägliche Antibiotikavisiten mit einem Mikrobiologen, Beratung durch einen Apotheker etc.) und technisch (eigenes Labor und umgehende Ergebnisse und kein „Labortaxi“u.a.) andere Möglichkeiten. Diese Bedingungen können manchmal das Quentchen ausmachen, ob ein Patient trotz invasiver Beatmung nochmal z.B. durch Bauchlage, engmaschige Bronchoskopien etc. um eine ECMO herum kommt. 
Patienten werden oft „zur ECMO“ an die Uniklinik verlegt und benötigen dann gar keine ECMO. Wenn diese gar keine ECMO benötigen (weshalb sie ja ursprünglich verlegt wurden) hätte man sie auch dort lassen können, oder? 

Nein, denn diese Patienten werden oft nur deshalb besser weil (!) sie von der Expertise, (Wo)Manpower und Infrastruktur so sehr profitieren. So wurden während der ersten und zweiten Welle viele kritisch Kranke in Häuser höherer Versorgungsstrukturen verlegt.
Gleichzeitig wurden in diesen kleineren Regelversorgen viele Elektiveingriffe (Prothesen/Gelenkersatz, Tumorchirurgie etc.) abgesagt um Ressourcen frei zu halten. 
So kam es, dass kleinere Häuser weniger Patienten operierten, die auf der Intensiv hätten behandelt werden müssen und gleichzeitig ihre kranken COVID-Patienten in andere Kliniken verlegten.
 
In diesen Häusern gab es zeitweise wirklich relevante Leerstände. Ein sehr geschätzter Kollege von mir schrieb mir er wisse nicht warum um die paar Patienten so ein Wirbel gemacht würde. Kein Wunder, lagen doch bei ihm im Haus nur zwei Covid-Patienten.
Milde Sauerstoffpflichtig, nicht beatmet. Die Kranken waren nämlich bereits alle verlegt. Gleichzeitig konnten sich größere Häuser kaum retten vor schwerkranken Patienten die meist nicht nur ein paar Tage sondern unter Umständen mehrere Wochen auf einer Intensivstation liegen.
Zusätzlich zu den schwerstkranken COVID-Patienten müssen diese Kliniken aber auch noch die Nicht-Covid-Patienten versorgen, die in den kleineren Kliniken nicht versorgt werden können.

Wenn dann wie zuletzt in ganzen Landkreisen Auslastungen jenseits der 90% erreicht werden, ist weder der Rettungsdienst, noch die Krankenhäuser selbst handlungsfähig. 
Es nützt dem Intensivmediziner in Köln für seinen Patienten nach Einriss der Hauptschlagader nichts , wenn im Kreis Höxter ein paar freie Intensivbetten bei Grund- und Regelversorgern frei stehen. In der Statistik sind auch das „High-Care“-Betten. So bezeichnet man Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit. 
High-care ist aber eben nicht gleich high-care. 
Das kann man nicht 1:1 miteinander vergleichen. Zusätzlich gibt es erhebliche, regionale Unterschiede.

Wir laufen gerade extrem am Limit und ja, das hat ganz konkrete, sehr tödliche Konsequenzen. Die großen Häuser laufen zu – Patienten „stauen“ sich zurück.
Wir machen keine Triage an der Tür zur Klinik (Darf ich mal ihren Pass sehen? Unter 60? Sorry, kein Zutritt!). 
Die Verteilung (zu) knapper Ressourcen läuft als sogenannte #WeicheTriage

Es ist ein kontinuierlicher Ritt auf der Rasierklinge.
Wir versuchen immer noch für jeden einzelnen Patienten das Beste rauszuholen, aber oft muss man auch einfach die bestmögliche Option wählen weil die beste Option nicht verfügbar ist. Wie so viele Intensivmediziner (und ich schließe die Pflege mit ein!!) bin ich sehr enttäuscht, wie wir mit diesen gigantischen Problemen im Stich gelassen werden. 

Hier läuft die größte Katastrophe seit Kriegsende und Laschet hat nur Kanzler im Kopf. Vieles in diesem Land läuft gerade so absurd, dass ich nur noch laut lachen kann. Es ist ein verzweifeltes Lachen, nah am Wahnsinn. 
Wir müssen ständig neue Hiobsbotschaften schlucken, aber irgendwie werden wir trotzdem weiter machen. 

Unsere Landesregierung in NRW hat es geschafft, den schlechtmöglichsten Mix aus Zermürbung der Bevölkerung mit immer neuen, einschränkenden Maßnahmen ohne Aussicht auf Besserung und trotzdem mit ansteigenden Infektionszahlen zu treffen. So schamlos muss man erstmal sein, sich damit für das Bundeskanzleramt zu empfehlen.
Es fällt schwer mit diesem Wissen weiter zu machen, aber natürlich geben wir nicht auf.
Ich kenne viele Intensivmediziner und Intensivpflegekräfte. Die machen das nicht als Job, das ist eine Berufung. Anders wäre dieser beneidenswerte Mix aus Überbelastung, schlechter Bezahlung und fehlender echter Wertschätzung auch nicht zu erklären.
Wir bleiben für Euch da, bleibt ihr für uns zuhause.
Und – bleibt gesund!

Die Rechnung bitte!

Wenn eine einzige Querdenkerdemo für tausende Neuinfektionen verantwortlich ist, dann ist das ein sehr hoher Preis den die vernünftige Allgemeinheit für die Versammlungsfreiheit egoistischer Schwurbler zahlen muss. 
Warum nehmen wir Rücksicht auf die Rücksichtslosen?
CN Rant Auch harmlose Verläufe ohne Beatmung kosten im Schnitt etwa 7000€. Schwere Verläufe kosten schnell mal zwischen 30.000 bis 100.000 € (na, @fdp? Kosten!). 
Und hier reden wir nur über die Akutphase, von #LongCovid, Verlust der Arbeitskraft und den Kosten ganz zu schweigen. Warum dulden wir das? 
Diese Verwirrten sind davon überzeugt in einer Diktatur zu leben, die ihre Freiheitsrechte einschränkt und wir glauben sie zurück zu gewinnen in dem wir ihre Superspreaderevents weiter genehmigen? Wisst ihr warum mich das aufregt? 
WEIL ICH DIE SCH***E AUSBADEN MUSS. NICHT DIE SPINNER DIE DA RUMLAUFEN!
Hier brennt der Baum, seit einem Jahr trage ich FFP2. JEDEN F**KING TAG! 10-12h sind mittlerweile völlig normal, manchmal auch 16 Stunden und länger. Diese bekackten Intensivtransporte mit COVID. Stundenlag sitzt man in diesen Plastikanzügen die dicht sind wie ein Ganzkörper-Regenparka. Mir läuft die Suppe am Rücken runter und mir dröhnt der Kopf weil es laut ist, wir uns anschreien müssen und die Patienten extrem krank sind. Die COVID-Patienten in der Klinik zermürben. Wochenlang grottenschlecht, alles ist bei COVID-Patienten extrem. Kreislauf, Beatmung, Analgosedierung, Lagerung es ist einfach alles extrem. Kleinste Fortschritte – gefolgt von Rückfallen.
Aber wir können auch extreme Intensivmedizin. Wir versuchen uns selbst zu motivieren, sonst macht es ja keiner. Mit mehr Geld oder mehr Personal rechnet niemand mehr, da kommt nur lauwarme Luft, sonst nichts. Ausbaden müssen es die Patienten. Dann dauert es eben länger bis sie abgesaugt werden. Und wenn mal einer so mutig ist und die Wahrheit ausspricht (@UK_Muenster) wird er mundtot gemacht und die PR-Abteilung übernimmt. Alles easy! Alles safe! Alle Patienten tip top versorgt. Am Arsch hängt der Hammer! Ihr wisst selber, dass das nicht stimmt. Warum decken wir das? Zeigt den Leuten da draußen mal was die jahrzehntelange Sparerei aus einstiger Spitzenmedizin gemacht hat! 
Ja, wir können immer noch ECMO, wir transplantieren sogar Herzen, aber das sind doch nur die schicken Aushängeschilder, die den schönen Schein bewahren sollen. Das Dienstpläne quasi von Woche zu Woche, teilweise nur tagesaktuell gemacht werden. Im Vergleich zu 1980 machen wir mit der Hälfte der Pflegekräfte die doppelte Fallzahl und das obwohl die Patienten immer älter und kränker und pflegebedürftiger werden. Manche von uns arbeiten je nach Dienstplan 70 oder 80 Stunden pro Woche. Das sind fast zwei Vollzeitstellen in anderen Branchen, aber wir machen es möglich, weil sonst die Dienste nicht besetzt sind. 
Es herrscht ein enormer Druck seitens der Kollegen und Vorgesetzten. Niemand meldet sich mal eben krank. Und wenn man krank ist wird per Whatsapp oder telefonisch täglich nachgefragt. Bist Du wieder fit? Kannst Du den Dienst machen? 
Und wenn ich dann nein sage, weil ich nicht das vierte Wochenende in Folge arbeiten möchte, na dann ist was los. „Als Entschuldigung gilt die eigene Beerdigung“ sagte mal jemand. Jaha, super lustig, was haben wir gelacht. Diese Kultur hat sich überall etabliert und das macht die Leute fertig. Guckt Euch mal das Durchschnittsalter auf Intensivstationen an. Das hat keine Zukunft. Ich hätte auch Bock auf Mallorca. Ich würde mich dulli eine Woche an den Strand legen. Einfach mal nichts tun, niemanden hören müssen. 
Aber es ist eben fucking egoistisch sich in einen Kack Flieger zu setzen und mit 300 Leuten so zu tun, als ob es Corona nicht gäbe! Dieses unstrukturierte, konzeptlose Hin und Her an allen Fronten macht mich mürbe. 
Ich habe so keinen Bock mehr auf diese Politik! 
Zivilisierte Länder wie NZ und AUS haben gezeigt wie man mit einer konsequenten Strategie hin zu #ZeroCovid hätte kommen können. Aber hier muss jeder Landespapst sein eigenes Wahlkampf-Süppchen kochen. 
Coronademos hätte ich als erstes gestrichten, dann die Büros und so weiter. Konsequent statt nur Gelaber und Plexiglas überall. @ArminLaschet und Co. strengen sich an, ja, aber ich glaube die kommen einfach intellektuell nicht mehr mit. Ich kann dem das nicht mal übel nehmen, der ist Jurist. Mit einer Rechtsanwaltsgehilfin (Gebauer) und einem Maschinenschlosser (Laumann) wird dann ein Kabinett daraus. Die sind intellektuell überfordert. 
Epdiemiologie, die Wissenschaft von der Entstehung, Verbreitung, Bekämpfung und den sozialen Folgen von Epidemien – das übersteigt bei weitem alles was dieses Kabinett kognitiv zu leisten imstande ist. Weil sie es aus der Politik gewohnt sind hören sie sich verschiedene Meinungen an. Und da zählt eine Meinung von @BrinkmannLab eben genauso viel oder wenig wie die Meinung des Sportredakteurs der eben meint, Samstag Bundesliga ist für die Auflage wichtig. Ich werde auch in der dritten Welle dabei sein. Ich werde mein Team motivieren, wir werden unser Bestes geben, aber es wird anders als im März/April.
Alles was jetzt kommt ist mit Ansage, es gab Warnungen, Hochrechnungen, ihr (@ArminLaschet@jensspahn) habt sie ignoriert. Alle Zahlen die wir gerade sehen wurden exakt so von großartigen KollegInnen wie @BrinkmannLab und @Karl_Lauterbach und @risklayer vorhergesagt. 
15 Minuten Excel reichen um das zu verstehen, ihr wolltet (!) es nicht hören. Danke fürs durchlesen. 
Danke fürs zuhören. 
Danke auch an alle, die uns immer wieder motivieren, obwohl sie selbst genervt sind. 
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in der Mehrheit sind. Das macht Mut! Trotzdem brauchen wir Veränderung. 
Wir brauchen wirklich gute Leute in der Politik. Nicht nur Leute, die als Schülersprecher irgendwie im Stadtrat gelandet sind und sich vor allem selbst gut finden und zum eigenen Vorteil und für ihre Freunde Deals aushandeln. Wir brauchen einen mutigen Plan für die Zukunft und gute Leute wie @janoschdahmen die das auch umsetzen können und sich nicht im Filz verfangen. 
Digitalisierung, Gesundheit, Bildung, Klima. Dafür brauchen wir einen Plan.
Aber jetzt muss ich schlafen. 
Die neue Woche wird anstregend. 

Studie: springermedizin.de/covid-19/infek…

Quelle: tagesschau.de/inland/coronav…

ftp.zew.de/pub/zew-docs/d…

Nur ein einzelnes Reiskorn.

Kennen Sie Sissa ibn Dahir?
Wahrscheinlich nicht. Sollten Sie aber.
Angeblich lebte er etwa 300-400 n.Chr. in Indien und auf ihn geht die Schachbrettaufgabe zurück. Er hatte einen Wunsch frei und überlistet einen damals herrschenden Tyrannen indem er ihn um ein paar Reiskörner bat.
Auf dem ersten Feld des Schachbretts wollte er ein Reiskorn, auf das zweite Feld das doppelte (zwei Reiskörner), auf das folgende wiederum das doppelte (vier Reiskörner und so weiter. 

Der Tyrann durchschaute dies nicht, lachte und erklärte sich einverstanden. 

(https://de.wikipedia.org/wiki/Sissa_ibn_Dahir

Nach Tagen der Arbeit und des Rechnens vermeldete der Vorsteher der Kornkammer dem erstaunten Herrscher, dass alle Kornvorräte des Landes nicht reichen würden um diesen Wunsch zu erfüllen. 

In Worten lägen auf dem Spielfeld 18 Trillionen, 446 Billiarden, 744 Billionen, 73 Milliarden, 709 Millionen, 551 Tausend und 615 Körner. In Weizenkörnern wäre es das Tausendfache (!) der weltweiten Weizenernte 2014/2015.

Okay, wir haben also verstanden, dass sehr kleine Zahlen sehr schnell groß werden können. Es bleibt dabei – Corona und die Pandemie sind eine intellektuelle Herausforderung. Harmlose Dinge können sehr schnell, sehr großen Schaden anrichten. 

Sich in einfache Heilsversprechungen zu stürzen und irgendwelchen Schwurblern und Kristallzüchtern hinterher rennen ist der Weg des geringsten Widerstands. Komfortabel, aber dumm. 


Wir sind ja intelligent, also schauen wir uns genauer an was B117 oder andere Mutanten so gefährlich macht. Beim Coronavirus wird oft die Reproduktionszahl genannt. Die Reproduktionszahl (R-Wert) ist für das Verständnis der Pandemie und der Notwendigkeit einer Eindämmung wichtig zu verstehen. 

Ich will das hier nicht im Detail tun, das haben andere bereits getan (kann man unter anderem hier nachlesen: https://www.dw.com/de/coronavirus-was-ist-die-reproduktionszahl-r/a-53200591). 

Bei nur zehntausend (10.000) Infizierten – und wir sind gerade in Deutschland konstant bei weit höheren Zahlen, bedeutet ein R von 1,1 eine Vervielfachung nach folgenden Werten: 

10000, 11000, 12100, 13310, 14641, 16105 Infizierte. 

Schon nach 6 Zyklen wären wir also bei über 16.000 Infizierten. Das sind übrigens ungefähr die Zuwachszahlen die wir momentan in Deutschland haben. 

Wir wissen das aktuell (bei noch vorhandener Intensivkapazität) trotz Behandlung etwa 0,8% der Infizierten sterben. 

Nach obigen Zahlen wären das:

80, 88, 97, 106, 117 und schließlich 129 Tote.

Das ist eine sehr optimistische, also vom bestmöglichen Szenario ausgehende Variante.

Die nun folgende Rechnung für die neue Mutante (genannt B117) sieht dafür so aus. 

B117 ist wesentlich ansteckender, aus Großbritannien wird eine Reproduktionszahl von etwa 1,6 genannt. Dies bedeutet für die Infektionszahlen die folgenden Werte für 6 Zyklen: 

10000, 16500, 27225, 44921, 74120, 122298. 

Das sind fast sechs mal so viele Infizierte wie bei einer Reproduktionszahl von 1,1! 

Und damit wird auch verständlich, warum diese Variante so viel tödlicher ist. Selbst wenn die Sterblichkeit bei 0,8% bliebe, dann hätten wir (0,8% von 122.298 Infizierten) 978 Tote. Und bei dieser Anzahl an Infizierten und Intensivpatienten wird die Sterblichkeit nicht bei 0,8% bleiben, weil wir dann schon lange nicht mehr alle PatientInnen mit Sauerstoff, Beatmung und ähnlichem versorgen können.
(Das können Sie alles hier nachlesen: https://www.theatlantic.com/science/archive/2020/12/virus-mutation-catastrophe/617531/, da finden Sie auch die Links zu den Papern mit den Daten für die Berechnungsgrundlage).  

Dieses Szenario gilt es zwingend zu verhindern. 
Die Wahrheit ist unbequem, aber weitere Ausweichversuche werden wir noch teurer bezahlen. Jetzt ist die Zeit eine Ausbreitung der neuen Mutanten zu verhindern. Das geht nicht ohne eine Schließung aller Büros oder mindestens eine Verpflichtung zum Tragen von FFP2-Masken in allen Innenräumen in denen Menschen zusammen kommen. Plexiglas schützt nicht vor Aerosol. Anderthalb Meter Abstand in einem Großraumbüro sind absolut nicht ausreichend als Infektionsprophylaxe. Busfahrer, Verkäufer im Einzelhandel – sie alle müssen zwingend mit FFP2-Masken versorgt werden.
Anders kriegen wir das nicht in den Griff. 

Es wird teuer, so oder so. Wir haben die Wahl ob es jetzt sehr weh tut und sehr teuer wird oder ob wir in zwei Monaten unsere Zögerlichkeit bereuen. Das Virus verhandelt nicht, es lässt sich nicht beschwichtigen. Jede Verharmlosung und Kompromissbereitschaft auf unserer Seite wird gnadenlos ausgenutzt. 

Fragen Sie mal Herrn Ramelow (MP Thüringen) und Herrn Kretschmer (MP Sachsen) – die beiden haben ihre Lektion gelernt und kriechen jetzt zu Kreuze.
https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-sachsen-kretschmer-100.html

https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bodo-ramelow-gesteht-fehler-im-kampf-gegen-corona-17135034.html

Hört auf Experten, lasst Euch nicht von Schwurblern in die Irre führen.
Nutzt seriöse Quellen um an Informationen zu kommen. Facebook, Whatsapp oder Youtube sind für Freizeittipps, Geburtstagsgrüße und Kochtutorials geeignet. 

Achtet auf Euch, tut Euch mal was Gutes und bleibt gesund. 
Und ich mache mir jetzt ein schönes Risotto. 

Von Traumatourismus und Intensiv-Erlebnisreisen

Die Suche nach einem Intensivbett fängt meistens schon draußen an, in der Präklinik, im Rettungsdienst. Erfüllt ein Patient eine oder mehrere Bedingungen für eine Aufnahme auf die Intensivstation (Lebensgefahr z.B. durch absehbare Beatmungspflichtigkeit, Kreislaufschwäche mit Notwendigkeit einer Kreislaufunterstützung usw.) wird die Leitstelle kontaktiert und gefragt welche Klinik in der Umgebung ein freies Intensivbett hat. Die Leitstelle weißt dann die nächste Klinik mit einem freien Intensivbett zu. Wir fahren jetzt schon regelhaft nicht mehr die nächste Klinik sondern in der Regel deutlich weiter entfernte Kliniken an. Überflüßig zu erwähnen, dass jede Verzögerung einer adäquaten Intensivtherapie mit einer konkreten Gefahr für den erkrankten Patienten verbunden ist. 

Ein Beispiel:
Herr Müller erleidet einen Herzinfarkt. Die nächstgelegene Klinik wäre in 10 Minuten erreichbar, diese hat einen Katheterplatz und auch eine Intensivstation, aber kein freies Bett mehr. Also wird Herr Müller 50 Minuten in die deutlich weiter entfernte Klinik gefahren und dort behandelt. In der Klinik gelingt die Wiedereröffnung des verstopften Herzkranzgefäßs. Aufgrund der verspäteten Behandlung sind aber bereits größere Teile des Herzmuskels abgestorben. Trotz initial erfolgreicher Therapie zeigt sich in den nächsten Tagen, dass eine zu große Fläche des Herzmuskels durch den zu spät behandelten Herzinfarkt abgestorben ist. Der Patient zeigt Zeichen einer schweren Herzinsuffizienz, kann aber mit kreislaufunterstützenden Medikamenten auf der Intensivstation eingestellt werden und nach 10 Tagen auf der Intensivstation und weiteren zwei Wochen auf der Normalstation entlassen werden. In den nächsten Monaten kommt es wiederholt zu kardialen Dekompensationen also einer akuten Herzschwäche mit Ansammlung von Flüssigkeit in den Beinen und in der Lunge. Die Abstände zwischen den Krankenhausaufenthalten werden kürzer, die Zeit die der Patient zu Hause verbringt auch. Aufgrund erneuter Komplikationen verstirbt der Patient etwa ein Jahr nach dem ersten Herzinfarkt im kardiogenen Schock. 

Das ist ein exemplarischer, aber typischer Verlauf, wenn man einen Herzinfarkt nicht sofort und so schnell wie möglich behandelt. Die initiale Verzögerung kann auf lange Sicht zwischen Lebensmonaten oder Lebensjahren entscheiden. Durch eine schnellere Therapie hätte der Patient eventuell auch nur einen kleineren Schaden am Herzmuskel erlitten und wäre statt 10 Tagen so wie die meisten unserer Herzinfarktpatienten nur eine Nacht auf der Intensivstation zur Überwachung geblieben. 

Das lässt sich so auch auf Schlaganfälle, Schwerverletzte („Traumatourismus“) und andere Erkrankungen übertragen. Die Verspätung einer Therapie bedeutet massive Konsequenzen für den Patienten und ist eben nicht unmittelbar erkennbar. 

Die Patienten sterben in der Regel nicht auf dem Weg zu der weiter entfernten Klinik und auch nicht kurz danach, sondern erst Tage, Wochen oder Monate später. Niemand bringt dann den (zu frühen) Tod mit der verspäteten Therapie in Verbindung. 

Was mache ich also als Intensivmediziner wenn meine Station „voll“ ist und ein weiterer Patient angekündigt wird? 

Eine Option wäre es die neu intensivpflichtigen Patienten nicht anzunehmen. Klingt so einfach, bedeutet praktisch aber unter Umständen, dass diese Patienten durch die verzögerte Therapie oder den Transport Schaden nehmen – wie oben beschrieben. 

Alternativ kann man versuchen eigene Intensivpatienten auf die Intensivstation einer anderen Klinik zu verlegen. 

Man muss aber erstmal eine andere Klinik finden, die einem einen stationären (= bereits versorgten) Patienten abnimmt. Da kann man ganz locker mal mehrere Stunden Telefonate investieren. Eine Klinik die im Leitstellensystem auf „grün“ steht, muss nicht zwingend einen Patienten aufnehmen der aus einer anderen Klinik kommt. 

Die Verlegung ist sowieso nur selten eine echte Option. Der Patient muss stabil genug für einen unter Umständen längeren (Intensiv)-Transport sein. Der potentielle Schaden durch den Transport sollte nicht größer sein als die potentielle Gefahr durch die Verlegung auf die Normalstation. Außerdem kann man beispielsweise einen neurochirurgischen Patienten, welcher vor ein paar Tagen am Kopf operiert wurde, nicht ohne weiteres in eine Klinik verlegen, die gar keine Neurochirurgie hat. 

Es gibt noch viele weitere Probleme weshalb es oft trotz aller Widerstände sinnvoller ist ein Bett dadurch zu schaffen, einen eigenen Patienten auf die Normalstation zu verlegen.

Macht man das unter dem Druck zunehmend kranker Patienten weiter, steigt sowohl die Behandlungsintensität des einzelnen Intensivpatienten (geringerer Anteil moderat Erkrankter, höherer Anteil Schwerkranker Patienten) als auch der Workload einer jeden Pflegekraft. Während eine Intensivpflegekraft in Ausnahmefällen auch mal einen sehr kranken und zwei mäßig kranke Intensivpatienten versorgen kann, ist auch die beste Pflegekraft bei drei maximal kranken Intensivpatienten überfordert. 

Ich hoffe es ist klar geworden – man kann also drei Patienten oder drei Patienten betreuen.  Und eine Intensivstation kann mit 20 überwiegend gelben und orangenen Patienten oder mit 20 roten Patienten voll sein. 

Wie es einer Intensivstation geht hängt also nicht nur von der Anzahl der belegten Betten ab. Vor allem die Anzahl der Pflegekräfte und der Zustand der Patienten ist entscheidend. Covid-Patienten sind besonders pflegeaufwändig. Die Patienten zeichnen sich durch eine erhebliche Kreislaufinstabilität und komplexe Beatmung aus. Außerdem müssen diese Patienten während der kritischsten Phasen auf den Bauch gedreht werden – eine komplexe Aufgabe die mit Vor- und Nachbereitung für eine Pflegekraft zwei Stunden Arbeit bedeuten kann – für einen Patienten. 

Es kommt also auf die Patienten, auf die vorhandenen Pflegekräfte (und Ärzte) auf den Zustrom und den Abstrom und viele weitere Faktoren an ob eine Intensivstation noch einen Patienten versorgen kann. 

Aktuell (Stand Mitte Dezember 2020) gibt es in Deutschland ca. 2000 Kliniken und noch ca. 6000 freie Intensivbetten. Das bedeutet rein rechnerisch in etwa 3 freie Intensivbetten pro Klinik. Jeder in der Präklinik tätige Notarzt oder Notfallsanitäter weiß um den Unsinn solcher Zahlen. Was auch immer der Grund für die fehlerhaften Angaben im DIVI-Intensivregister sind – sie stimmen einfach nicht mit der Realität überein. Es muss da ein massives Defizit in der Datenerfassung oder in den Angaben der meldenden Kliniken geben. 

Wir fahren mittlerweile regelhaft dutzende Kilometer bis zum nächsten freien Intensivbett, oft gibt es von 16 Kliniken im Landkreis nur noch eine Klinik mit freiem Bett. Man möge mir gerne widersprechen, aber die Realität scheint eine andere zu sein als es Schlagzeilen wie „20% freie Intensivbetten“ vorgaukeln. Das kann ich und niemand der im Krankenhaus oder im Rettungsdienst arbeitet Ernst nehmen. 

 
Selbst wenn im DIVI-Register die Ampel auf „grün“ steht, sind die meisten Intensivstationen bereits seit Wochen auf dunkelrot. Und das obwohl es vielleicht noch ein freies Bett gibt. 

Wann ist eine Intensivstation voll?

Woran ich mich seit März gewöhnt habe ist, dass viele Menschen mitreden möchten, die keine Ahnung aber dafür eine starke Meinung haben.
Aktuell erlebt man dies beim Thema der freien Intensivbetten. Da streiten niedergelassene HNO-Ärzte mit Betriebswirtschaftlern und weiteren Nicht-Klinikern.
Alle schauen auf das Intensivregister der DIVI und die Beteiligten werden nicht müde zu betonen, dass alles gut ist so lange wir noch freie Intensivbetten haben.

Dabei ist die Lage weit komplexer. Laut RKI werden in Deutschland 7% aller Patienten mit COVID-19 ins Krankenhaus aufgenommen. Nehmen wir Recklinghausen – 250 Neuinfektionen pro Woche bedeutet etwa 17 Patienten die pro Woche aufgenommen werden. Laut RKI werden ca. 17% der hospitalisierten COVID-Patienten beatmungspflichtig auf der Intensivstation. Das wären für den Kreis Recklinghausen etwa 3 Patienten. Das erscheint nicht viel. Problematisch ist, dass die Patienten im Durchschnitt 13,5 Tage auf der Intensivstation sind. Die liegen also noch da wenn die neuen kommen – und so weiter.

Aber wann ist eine Intensivstation eigentlich voll?
Man könnte ja denken – wenn es 20 Betten auf der Intensivstation gibt, dann ist diese mit Patient Nr. 20 voll. Weit gefehlt.
Auch auf einer Intensivstation unterscheiden sich die Patienten nämlich bezüglich der Schwere ihrer Erkrankung.
Es gibt Patienten die ohne Maschinen wie es sie nur auf einer Intensivstation gibt nicht überleben können. Das sind zum Beispiel Patienten mit einer schweren Lungenentzündung und gestörten Sauerstoffaufnahme die durch ein Beatmungsgerät beatmet werden müssen. Meist benötigen sie noch kreislaufstabilisierende Medikamente und starke Schmerzmittel, manchmal auch Schlafmittel für ein künstliches Koma. Nennen wir sie die roten. Patienten die ohne die Technik und Perfusoren auf der Intensivstation in kürzester Zeit tot wären.
Dann gibt es die orangen Patienten, die sind zwar nicht beatmet, aber benötigen zum Beispiel kreislaufunterstützende Medikamente. Diese Medikamente kann man nur geben wenn man gleichzeitig mit jedem Herzschlag den Blutdruck überwacht – auch das geht nur auf einer Intensivstation.
Dann gibt es die gelben Patienten. Bei uns liegen beispielsweise Patienten die nach einer Lungen-OP für die Operation zwar kurzzeitig an einer Herz-/Lungenmaschine angeschlossen wurden, jetzt aber wieder selbständig atmen können. Diese Patienten benötigen noch eine intensive Schmerztherapie, Atemtraining und Überwachung von Vitalparametern (Blutdruck, Atmung etc.). Diese Patienten benötigen weder ein Beatmungsgerät noch eine Dialyse, aber sie profitieren von der intensiven Betreuung und Überwachung einer Intensivstation.
Je mehr Neuaufnahmen zwingend auf die Intensivstation müssen, desto eher wird man diese gelben Patienten auf eine Normalstation verlegen müssen.

Nehmen wir an die Intensivstation ist voll, das Krankenhaus hat sich abgemeldet – für den Rettungsdienst kann diese Klinik nun nicht mehr angefahren werden.
Weit gefehlt wer sich mit seiner Intensivstation sicher fühlt. Manchmal kommt der Rettungsdienst nämlich doch und abweisen darf man einen Patienten nicht so einfach.
Viel häufiger kommt es aber bei Patienten die bereits im Krankenhaus zum Beispiel auf einer Normalstation liegen zu Komplikationen. Dann muss dieser Patient notfallmäßig beatmet werden (=roter Patient) und benötigt nun ebenfalls ganz dringend ein Bett auf der eigentlich vollen Intensivstation.
Nun muss ein freies Bett geschaffen werden und es beginnt die Suche nach dem Patienten der am wenigsten krank ist. Meist werden diese Patienten schon bei der Übergabe als potentielle Verlegungskandidaten markiert. Diese Patienten sind so krank, dass man sie eigentlich noch gerne auf der Intensivstation belassen möchte, aber eben zur Not verlegen kann, falls ein Bett für einen noch kränkeren Patienten benötigt wird. 
Es gehört zu den Herausforderungen der Leitung einer Intensivstation immer zwischen dem vorhandenen Angebot (an Betten) und der Nachfrage (durch Patienten die ein solches benötigen) zu vermitteln. Im Normallfall ist das auch kein Problem. Es gibt einen Graubereich in dem Patienten sowohl von der Intensivstation (besserer Pflegeschlüssel, mehr Behandlungsmöglichkeiten) als auch von der Normalstation (mehr Ruhe, Tag/Nacht-Rhythmus, weniger Risiko für multiresistente Erreger usw.) profitieren. Es gilt den richtigen Zeitpunkt für die Verlegung abzupassen.
Im normalen Klinikalltag funktioniert das sehr gut. Kritisch wird es wenn sich der Belegungsdruck für die Intensivstation durch immer neue Aufnahmen erhöht. Immer neue kritisch kranke Patienten die ein Intensivbett benötigen bedeutet, dass immer liberaler Patienten auf die Normalstation verlegt werden müssen die eigentlich noch nicht verlegungsfähig sind.
Gleichzeitig passiert etwas mit dem Arbeitsaufwand und der Betreuungsintensität der Patienten auf der Intensivstation. Immer weniger gelbe Patienten und immer mehr orange oder rote Patienten bedeutet eine enorme Zunahme der Arbeitsbelastung der Pflegekräfte und Ärzte auf der Intensivstation. Eine Pflegekraft kann im Frühdienst vielleicht zwei gelbe und einen orangenen Patienten versorgen. Zwei rote und ein oranger Patient sind schlicht zu viel für eine Pflegekraft. Man muss sich nur mal umhören und erfährt von Pflegekräften die vier oder fünf Patienten auf einer Intensivstation versorgen müssen. Alles geht – dank Wegfall der Pflegeuntergrenze! 
Diese Patienten müssen dann eben länger warten bis ihnen jemand den Schleim absaugt, oder bis jemand ihnen ein Schmerzmittel gibt oder die Beatmung anpasst. Die Qualität der Versorgung leidet darunter massiv, aber das ist eine politische Entscheidung und liegt nicht an der Unfähigkeit der betreuenden Pflegekräfte. Komplikationen und ein Schaden des Patienten sind vorprogrammiert.
Diese Mangelversorgung ist nicht nur geduldet sondern gewollt weil sie billiger ist als andere Lösungen.

Der immense Belegungsdruck welcher auf den Intensivstationen lastet wird aber auch in Richtung der Normalstationen weiter gegeben. Ein postoperativer Patient welcher noch intensiv Schmerztherapie, Atemtherapie und Mobilisationstherapie benötigt, wird auf einer Normalstation früher oder später untergehen. Selbst wenn das Personal dafür ausgebildet wäre, könnten sie aufgrund regelhafter Unterbesetzung die entsprechende Pflege gar nicht leisten.
Dies führt dazu, dass Patienten die mit der nötigen Unterstützung prinzipiell auf der Normalstation verbleiben könnten untergehen. Ohne eine gute Schmerztherapie wird der Patient sich nicht ausreichend bewegen, es kann zur Ausbildung von Beinvenenthrombosen kommen. Fehlt die notwendige Atemtherapie entwickelt der Patient minderbelüftete Areale in den Lungen, die Grundlage für eine Lungenentzündung. Mit Fortschreiten der Lungenentzündung geht es dem Patienten schlechter, schließlich muss er zurück auf die Intensivstation und gegebenenfalls sogar künstlich beatmet werden.
Das sind nur einige Beispiele, es ist wie immer weit komplexer, aber ich möchte es exemplarisch verständlich machen.
Nicht jeder Patient kommt zurück auf die Intensivstation, manche Patienten schaffen den Absprung Richtung Entlassung oder Reha. Je mehr Wackelkandidaten (=gelbe Patienten) man aber von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt, desto höher wird das Risiko für Rückkehrer. 
Dann hat man zwei Probleme – auf der einen Seite eine rappelvolle Intensivstation mit richtig kranken Patienten (nur noch rote und orangene Patienten) und keine echten Verlegungskandidaten. Auf der anderen Seite Normalstationen die vermehrt anrufen und intensivmedizinsche Konsile anmelden weil sie sehen wie einige ihrer Patienten immer schlechter werden. 
Mittendrin der Intensivmediziner der sich dann entscheiden kann wer das Bett bekommt und wer „auf Normal“ muss.
Und was macht man dann, wenn der Rettungsdienst einen Patienten bringen will der zwei Straßen weiter reanimiert wurde? Oder wenn die Station anruft und einen Patienten ankündigt, der jetzt ins Herzkatheterlabor geht und danach ein Bett auf der Intensiv benötigen wird?

Was dann passiert habe ich in dem Artikel beschrieben der demnächst erscheint.