Das schwarze Schaf das keines ist.

Ich frage mich, wann der Punkt im Leben von Heinz kam, an dem er falsch abgebogen ist.
Heinz hat eigentlich alles bekommen, was ein Mensch benötigt und viele gute Charaktereigenschaften ausgebildet.
Liebe – reichlich bekommen in einer behüteten Familie mit einer liebevollen Mutter. Mut – im Rahmen der Bundeswehrausbildung absolvierte er unter anderem 19 Fallschirmsprüngen. Fleiß – ein Medizinstudium in Regelstudienzeit.
Haus gebaut, Familie gegründet, ein Sohn, eine Tochter.
Nach vielen investierten Jahren und unzähligen Arbeitsstunden in der Klinik dann irgendwann der lukrative Chefarztposten in der Gefäßchirurgie. Internationale Fortbildungen, gut dotierte Forschungsprojekte und die Verpflichtung als internationaler Dozent. Sogar in Hawaii war er. Beim “International Vasculay Surgery Congress”. Einer von neun “Leading experts” in Deutschland für Venenerkrankungen.
Im Sommer mit der Familie gegrillt, Weihnachten unter dem Tannenbaum. Alles schien perfekt.

Aber irgendwo bog Heinz ganz und gar falsch ab.
Er selber wäre der einzige der den ersten und all die folgenden Verbrechen erklären könnte. Wäre. Denn er kann es nicht. Er sieht es noch nicht einmal als Verbrechen.
Er lockte Studentinnen (17-28 Jahre jung) nach Dienstschluss in der Klinik in ein Untersuchungszimmer. Es ginge um eine Forschungsarbeit und die Probandinnen seien wichtige Versuchsteilnehmer. Er betäubte die Patientinnen hinterlistig unter Inkaufnahme schwerer Komplikationen. Er missbrauchte junge Frauen und zerstörte Seelen für ein Leben.
Die Opfer werden lebenslang damit leben müssen missbraucht worden zu sein. Wer einmal mit einem Menschen gesprochen hat, der sexuellen Missbrauch erlebt hat beginnt zu erahnen das jedes gesprochene Urteil auch im Ansatz keine Gerechtigkeit wieder herstellen kann.
Er machte weiter. Immer neue Opfer, immer neue Verbrechen. Sexspielzeuge die in abartiger Art und Weise eingesetzt und vom Täter in “mehr als 1 Millionen Fotos” (sic!) festgehalten wurden.
Laut Verteidigung alles bloß “neue, ungewöhnliche und für den Laien unverständliche Methoden der Untersuchung”.
Deshalb stellt sich Heinz auch aufrecht vor die Kameras der Presse. Er sieht sich als unschuldig an.
Er hat bestimmt auch eine Erklärung für den Abend an der Hotelbar mit der 18-jährigen Patentochter seiner Frau die er nach einem Musicalbesuch lege artis abgefüllt betrunken gemacht hat und dann in Hotelzimmer geführt haben soll in welchem er vorher Kameras installiert hat. Auch die dort angefertigten Fotos und Videos wird er dem Richter erkären müssen. Und seiner Frau. Seiner Tochter. Seinem Sohn.

Und dennoch ist er kein schwarzes Schaf. Das schwarze Schaf kann nichts dafür, dass es keine weiße Wolle hat. Heinz hat seine Verbrechen selber zu verantworten. Er hätte die Wahl gehabt – und hat sich für die böse Seite der Macht entschieden.

Verbrecher wird es immer und überall geben. Unter Politikern, Pfarrern und selbstverständlich auch unter Ärzten. Kriminelle machen sich die Sorglosigkeit ihrer Opfer in vermeintlich geschützten Umgebungen zunutze und wissen diese für ihre abartigen Pläne auszunutzen. Sie gewinnen dann Macht über uns wenn es ihnen gelingt alle anderen die diesen Beruf ausüben unter einen Generalverdacht zu stellen und wir ihnen nicht mehr vertrauen.

Mein Unverständnis darüber wie ein Mensch der offensichtlich alles im Leben erreicht hat, was man erreichen kann – Haus, Familie, Karriere – solche Verbrechen planen und durchführen kann, erwiderte eine von mir geschätzte Oberärztin
“Nein Narkosedoc. Der hat nicht alles. Der hat bald gar nichts mehr. Zu Recht.”

Quelle:
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/chefarzt-aus-bamberg-untersuchungen-mit-sexspielzeug-a-1027342.html

http://www.sueddeutsche.de/bayern/prozess-gegen-bamberger-ex-chefarzt-die-vernichtung-von-dr-w-ist-in-vollem-gang-1.2424842

Adnex:
Vielleicht war alles ganz anders als die wenigen von den Gerichtsreportern dargestellten Fakten es erscheinen lassen. Es ist Aufgabe der Justiz die vorliegenden Fakten zu bewerten und es geht mir nicht um eine Vorverurteilung. Ich habe kein Recht dazu über jemanden zu urteilen und hoffe, dass der Prozess fair und transparent zu einem gerechten Urteil führt.

Fachkräftemangel. Klartext.

EIn ärztlicher Kollege aus unserem Team – nennen wir ihn Bijan – hat uns letztens vor Augen geführt wie sich Fachkräftemangel im Alltag bemerkbar macht. Bijan hat nich hier in Deutschland studiert, er kommt aus einem anderen Land und ist hier hin gekommen weil es hier an Ärzten mangelt und wir relativ gut bezahlen. So weit so gut.
Wie wenig Fachwissen aber tatsächlich vorhanden ist und wie oft dies dann mit miserablen Sprachkenntnissen kombiniert zu einer echten Gefahr für den Patienten wird ist uns glaube ich nicht wirklich bewusst.

Das folgende Ereignis ist eigentlich nur mit medizinischem Hintergrundwissen verständlich, ich erzähle es aber trotzdem.
Ich bekam ein Gespräch zwischen Bijan und seinem Kollegen mit. Der Kollege grübelte gerade darüber nach wie er einer Patientin mit Z.n. mechanischem Aortenklappenersatz unter dauerhafter oraler Antikoagulation mit Marcumar nun für die elektiv geplante Hüft-TEP ein Bridgingschema planen könnte um überlappend mit Enoxaparinspritzen die Zeit bis zur OP und danach überbrücken zu können. Dafür gibt es eigentlich Tabellen und fertige Schemata, einfache Sache.
Frage des Kollegen an Bijan wie man das jetzt nochmal genau machen solle.
Bijan: “Das is alles Humbug! Ich glaube nicht an eine Wirkung von diesen Spritzen. Ich habe es gesehen! Glaube es mir, ich habe es gesehen und Du kannst es auch machen! Gib diese Spritzen einmal oder zweimal oder auch dreimal am Tag und mach eine Kontrolle von der Gerinnung. Quick, PTT, INR, es bleibt immer alles gleich. Das brauchst Du nicht zu machen!”
fachkräftemangel deutschland ärzte gastärzte rumänien litauen osteuropa afrika realität
In solchen Momenten bin ich dann doch sehr zwischen Lachen und Weinen hin und her gerissen. Es sind ja alles durch die Bank sehr nette Menschen, aber wir erleben solche und ähnliche Situationen jeden Tag. Mehrmals.
Und irgendwann ist es nicht mehr lustig. Es ist mein Alltag. Und ich Frage mich ob man Kritik am System äußern darf oder ob man dann direkt als radikaler Rassist abgestempelt wird. Obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Ich bin ja selber nur Gast hier.

Stell Dir vor, Du hast neben Dir im Büro einen Kollegen.
Ihr macht die gleiche Arbeit, ihr verdient das gleiche Geld. Weil er noch Probleme mit der Sprache hat, schafft er es nicht so viele Akten zu bearbeiten wie Du. Dein Chef sagt das ist OK, er ist ja noch nicht so lange hier, Du mögest bitte Geduld haben.
Außerdem bittet er Dich seine Arbeit auch noch mit zu machen und gehst deshalb meistens auch etwas später nach Hause als Dein Kollege. Tagsüber kümmerst Du Dich auch noch um die Notfälle, für die Notfallbearbeitung hat Dein Kollege noch keine Lizenz deshalb musst Du das jetzt immer machen. Zusätzlich.
Wenn Du Dir Zeit nimmst und ihm was erklärst lächelt er freundlich, sagt so Dinge wie “ja, das ist gut” oder auch “OK” und andere zustimmende Nettigkeiten. Wenn er dann genau das identisch wiederholen soll merkst Du dass er nichts von dem was Du ihm in aller Ruhe erklärt hast verstanden hat. Du fängst am nächsten Tag von vorne an.
Die dringend notwendigen Botengänge über die anderen Flure lässt er weg – er spricht ja nicht die Sprache der anderen. Was soll er in deren Zimmer wenn er sich nicht mit denen unterhalten kann. Die anderen Büros bleiben also mit ihrem Problem allein, es sei denn Du kümmerst Dich darum. Zusätzlich.
Ein neuer Monat, ein neuer Gehaltscheck. Du hast erfahren, dass Dein Kollege eine Sondervergütung ausgehandelt hat, weil er ja schon Sprachlevel B1 attestiert bekommen hat. Du fragst Dich wie das sein kann und denkst Dinge die Du lieber für Dich behältst. Außerdem bekommt der Kollege jetzt wöchentliche Sprachkurse finanziert. Das ist gut, nur so wird eine sinnvolle Kommunikation in Zukunft vielleicht mal möglich werden. Der Sprachkurs wird vom Chef bezahlt.
Dein Fortbildungsantrag wird abgelehnt “sie sehen ja, dass wir hier im Moment unmöglich auf sie verzichten können”.
Für die Zeit des Sprachkurses wird Dein Kollege von der Arbeit freigestellt, Du bearbeitest in der Zeit seine Akten. Du bekommst die Mehrarbeit nicht vergütet oder als Freizeitausgleich sondern bekommst von der Personalleiterin die Anweisung Dich besser zu organisieren, dann sei die Arbeit auch im vorgegebenen Rahmen zu schaffen. Das ihr vor zehn Jahren mit drei Leuten A-F gemacht habt und nun zu zweit alleine A-Z machen sollt ist unerheblich.
Die Bürger beschweren sich weil ihre Anträge so lange rumliegen und außerdem wolle man mal den Abteilungsleiter sprechen oder besser direkt den Vorstand – so gehe es ja nicht. Du nimmst Dir den Fall an und entdeckst grobe Verfahrensfehler und mehrfach übergangene Standardprozeduren.
Dein Chef bagatellisiert die Fehler, bittet Dich in Zukunft “ein Auge auf die Arbeit des Kollegen zu haben”, es wäre ja auch für Dich unschön wenn sowas in Zukunft nochmal vorkommt. Der Kollege kann ja nichts dafür – jaja, ist noch nicht so lange hier.
In der Mittagspause haben Dein Kollege und seine Landsleute derweil beschlossen zur Personalabteilung zu gehen. Sie beantragen die Beihilfe in der Erledigung von privaten  Finanzangelegenheiten (Steuererklärung, Wohnungssuche etc.) und ihr Sprecher droht gleichzeitig damit direkt zum Nachbarkrankenhaus weiter zu ziehen wenn dem nicht entsprochen wird. Die Truppe bekommt zugesagt, dass sich die Sekretärin des Assistenten der Geschäftsführung in Zukunft um derlei Belange kümmern werde.
Du hast kein Zeit Dich zu wundern denn Du musst raus, Dein Notfallpieper alarmiert. Eine Akte wurde fälschlicherweise nicht abgeheftet und ungesehen an den Bürger zurückgeschickt und liegt völlig auseinander genommen und verzettelt auf der Straße.

An dieser Stelle hinkt der Vergleich nicht nur, er endet hier auch.
Ich arbeite zur Zeit in der Inneren Medizin (um das echokardiografieren besser zu lernen – so war der Plan) und erlebe genau das. Jeden Tag.
Feuer löschen und Brände austreten die andere gelegt haben. Und für die sie viel Geld bekommen. Und damit im Dienstplan ein Name steht und dieser nicht leer bleibt.

Mir ist bewusst, dass das ein sehr heißes Thema ist. Und mir ist auch klar, dass eine Lösung nicht von heute auf morgen zu finden sein wird.
Aber jenseits der Talkshow-Virtualität einer Familie Plasberg darf ich Euch sagen – es sieht heute bereits sehr dunkel aus in deutschen Krankenhäusern der Grund- und Regelversorung. Selbst eine private Vollversicherung garantiert aber auch für rein gar keinen Qualitätsstandard mehr.
Ich kann für Zertifikate an der Wand nicht mehr sehen!
Das dürft ihr gerne rauf und runter diskutieren und schön reden – in den Krankenhäusern die mir bekannt sind ist eine adäquate Versorgung schon lange nicht mehr gewährleistet. Selbst eine Notfallversorgung ist im Krankenhaus in vielen Bereichen einfach nicht mehr gegeben. Muss man ja auch mal so sagen wie es ist.
Selbst unser Geschäftsführer meint, dass wir eine gute Versorgung leisten würden. Es tut mir leid, aber er hat leider einfach keine Ahnung wie es wirklich läuft!
Menschen sterben, weil keiner auf dem Flur ist um ihren Alarm entgegen zu nehmen. Das ist dann so. Menschen sterben weil auf der Intensivstation eine Dialyse falsch zusammen gebaut wird und dann heißt “Naja, die Oma war aber auch schon sehr krank.” .
Wo kein Kläger, da kein Richter.
Peter Alexander Ustinov hat mal gesagt

Heute sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen werden. 

Ich muss mal scharf darüber nachdenken, ob ich dann noch hier sein will.

Wird mal kurz laut.

rettungswagen rast durch die stadt martinshorn laut blaulichtAchtet mal auf der nächsten Alarmfahrt darauf: wenn man mit Martinshorn angeblasen kommt halten viele sich die Ohren zu – und kneifen dann sicherheitshalber auch die Augen zu.
Warum machen die Leute die Augen zu, wenn man mit Martinshorn angeblasen kommt?
Man kann sich die Ohren zuhalten. Das macht einigermaßen Sinn.
Man kann sich auch wegdrehen, dann wird der Schall nicht direkt in die Ohren getrichtert sondern kommt über die Ohrmuschel vielleicht etwas leiser rein.
Man könnte sich auch hinter einer Hauswand verstecken, auch dann wäre es leiser. Oder in einer Mülltonne.
Aber warum kneifen die Leute immer die Augen zu wenn es laut wird?  :-D
Ich finde das herrlich. Ein Massenphänomen. Macht jeder! Völlig unsinnig, aber so sind wir Menschen. Manchmal machen wir eben komische Sachen und wir wundern uns noch nicht einmal darüber.

Verwundert schmunzelnd,
der Narkosedoc

Meine liebste Notfall-App

Ich möchte gerne ein wenig von Euch wissen. Zuerst bekommt ihr aber natürlich etwas von mir. Ich plaudere mal aus dem Nähkästchen was ich so als Notarzt immer gerne bei mir habe.
Es geht um Apps. In einem früheren Post habe ich ja mal von den kleinen Helferlein geschrieben, die einem den Einsatz einfacher machen können. Ähnlich ist es mit Apps. Mein Smartphone habe ich eigentlich immer dabei und ich wäre ja doof, wenn ich das nicht nutzen würde.

Ein Kind, 7 Jahre, Autist, stürzt aus dem Fenster. 8m tiefer auf Steinboden aufgeschalgen, mehrfach frakturierte Arme, V.a. Unterschenkelfraktur links, Blut aus dem Ohr. Das Kind ist auf starken Schmerzreiz noch so leidlich erweckbar, weint dann vor Schmerz, dämmert aber rasch ein. Sättigung 92%, Rest o.p.B.
Hubschrauber ist bestellt, ca. 12 Minuten Anflugzeit.
Nächstes Krankenhaus bodengebunden in 15 Minuten, Traumazentrum ohne Neurochirurgie in 20 Minuten, Kindertraumazentrum mit Neurochirurgie in 55 Minuten.

Dieses Kind benötigt jetzt eine Narkose und daran führt auch kein Weg vorbei. Dafür benötigt es Medikamente. Aber wie viel?

medizinische apps die man als notarzt gebrauchen kannEs gibt das Kinder-Notfall-Lineal und andere Hilfsmittel. Es gibt auch andere Apps. Mich hat “Ana Paed” (2,99€) überzeugt, denn es ist das einzige, bei dem ich Medikamente ergänzen kann (das kann das viel gelobte “Pedi Safe” nämlich nicht).
So habe ich nicht nur Ketamin hinterlegt, sondern auch Ketamin S und diese jeweils in i.m., s.c. oder i.v.-Dosierung wahlweise zwecks Analgesie oder Narkose.
Ehrlich gesagt habe ich das mittlerweile auch im Kopf, aber in den Anfangsjahren war mir das immer eine Hilfe. Ich habe mir das grob im Kopf überschlagen wieviel ich wovon nehmen würde, habe nochmal bei “Ana Paed” reingeschaut und dann meinen Plan mitgeteilt.
Mir ist die Diskussion um pro und contra lang und breit bekannt – ich habe dazu mal einen Vortrag auf einem Kongress ausgearbeitet. Es ist ganz einfach so – ich habe diese App für meine Arbeitsweise als am effektivsten kennengelernt. Auf dem Hubschrauber haben wir aber auch noch das Lineal. Meistens benötigen wir keins von beiden, aber es ist gut es dabei zu haben.

Außerdem nutze ich regelmäßig den IFAP-Index, gratis als Download im Appstore. Dort kann ich falls notwendig noch vor Ort recherchieren, ob ein Medikament aus der Hausmedikation des Patienten für mich Relevanz hat. Insbesondere die neuen, oralen Antikoagulantien haben teilweise abenteuerliche Namen die man als solche nicht unbedingt sofort erkennt.

Wenn ich auf der Anfahrt zu einem Patienten dieses “was macht man da nochmal genau”-Gefühl bekomme schaue ich gerne bei der – etwas überalteten aber kostenlosen und sehr übersichtlichen – Notmed.info-Seite rein. Großartige Arbeit des Kollegen dort drüben, leider von 2010 und teilweise nicht mehr komplett up to date. Aber egal, wenn lau, dann tau!
Ich habe mir den Link zum Glossar im Telefon “zum Homebildschirm” hinzugefügt. Da findet man schnell mal was zur Pantherpilzvergiftung. Oder so.

Im Klinikalltag hat mir die “Bleeding Card” (welche auch “zum Homebildschirm” hinzugefügt werden kann) schon manches mal Orientierung gegeben.

Das sind die Apps die ich wirklich regelmäßig nutze und die mir im Notarzt-Alltag aber auch in der Klinik helfen.
Und weil man das ja heute immer dazu sagen muss: ich bekomme kein Geld dafür, das ist meine ehrliche Meinung.

Jetzt bin ich auf Eure Rückmeldung gespannt! Gibt es da draußen nutzvolle, vielleicht sogar kostenlose Tools und Apps die mir helfen können?
Vielen Dank für Eure Rückmeldungen im voraus,

der Narkosedoc!

#1000 Tode

„‘Tausend Tode schreiben’ ist ein groß angelegtes Projekt. Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.

‘Tausend Tode schreiben’ ist ein work in progress. Eine weitere Version folgt am 16.2.2015 (3/4), die endgültige und vollständige Fassung (4/4) erscheint am 13.3.2015 zur Leipziger Buchmesse. Käufer*innen älterer Versionen der ’1000 Tode’ bekommen die jeweils neuen gratis per E-Mail. 

Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.”

Zitat: 1000 Tode schreiben auf http://www.minimore.de

Mein Beitrag:

Einer von 1000 Toten

Der Tod ist eine feste Konstante meiner Arbeit als Intensivmediziner.
Manchmal ist er ein effektiv agierender Gegner den wir erfolgreich bekämpfen. Manchmal ist er der nicht eingeladene Gast auf einer Party die wir gerne unter uns weitergefeiert hätten. Selten macht man ihm die Tür auf und bittet ihn herein.
In jedem Fall ist sein Erscheinen mit vielen Emotionen verbunden.

Ich habe kleine Kinder und sehr alte Leute sterben sehen. Notare, Pfarrer, den steinreichen Metzger und die bettelarme an der Gesellschaft gescheiterte Drogenabhängige. Menschen mit Lungenkrebs, Lungenentzündung, Blutvergiftung, Herzinfarkt und Hirnblutung. Den meisten ist es vergönnt in Anwesenheit der sie liebenden Familie auf die letzte Reise zu gehen.
Viel zu viele sterben alleine.
Dann stelle ich mich als der sie behandelnde Arzt ans Bett und halte die Hand. Auf der anderen Seite steht die betreuende Pflegekraft.
Ich spreche für mich und für den gerade sterbenden Menschen ein Gebet. Im EKG sieht man ein paar letzte elektrische Entladungen so individuell wie ein Fingerabdruck. Die Menschen wissen nicht mehr wie es aussieht wenn jemand stirbt. Der Sterbeprozess ist sehr individuell, vieles aber ist gemeinsam. Das Brodeln des Lungenwassers in den Lungen und das für Außenstehende beängstigende Schnappen nach Luft. Alles Dinge die der Mensch nach allem was wir wissen nicht mehr mitbekommt. Dennoch geben wir großzügig Morphin, ein Medikament was abschirmt, Schmerzen auslöscht, Luftnot und Angst wegnimmt.
Wir schließen dann die noch offenen Augen nachdem der letzte Herzschlag geschlagen ist. Machen den Monitor aus. Falten die Hände. Machen eine LED-Kerze an weil offenes Feuer von der Brandschutzordnung verboten ist. Die Pflegekraft macht die Türen auf, damit die Seele auf die Reise gehen kann.
Ich schreibe den Totenschein und vollführe den letzten bürokratischer Kraftakt im fünffachen Durchschlag eines gelebten Lebens. Original grün, einmal umschlagen, auf der pinken Seite weiter, ein gelber, ein weißer und ein blauer Durchschlag.
Ein letzter Blick auf die Leiche und die beginnenden Totenflecken als Zeichen des sicheren Todes. Der Patient verbleibt mindestens zwei Stunden auf der Intensivstation. Sicher ist sicher.
Dann ziehen wir das Bettlaken über den Kopf. Es sollen keine anderen Patienten oder Mitarbeiter des Hauses irritiert werden. In der Kühlkammer suchen wir eine freie Box, geben den Schlüssel gemeinsam mit dem Totenschein beim Pförtner ab von wo aus der Bestatter sich wiederum alles abholt und seinen Part erledigt.

Ich würde mir wünschen, dass wir den Tod als etwas normales begreifen. Etwas das untrennbar zum Beginn eines Lebens dazu gehört.
Früher wurde bei Schwangerschaften etwas von “guter Hoffnung” genuschelt. Geboren und gestillt wurde ganz heimlich. Seit einiger Zeit gibt es sogar Geburtsfotografen die ganze Reportagen von diesem tollen Ereignis machen.

Wir sollten beim Tod umdenken lernen, man kann sehr viel Gutes vom Ende des Lebens lernen.

Das 1. Mal – Auskunft auf einer Intensivstation

Hallo Besucher,

Sie sind sehr besorgt, weil wir einen Menschen in unserer Obhut haben um den Sie sich Sorgen machen. Das tun wir auch.
Was uns unterscheidet sind die Werkzeuge und Techniken die wir einsetzen, damit es dem von ihnen geliebten und von uns behandelten Menschen bald wieder besser geht. Und die Sprache. Im Notfall Hörer abnehmen
Die Abläufe, Therapieansätze und die Organisation einer Intensivstation sind relativ kompliziert und deshalb benötigt man auch sechs Jahre Studium, fünf Jahre Facharztausbildung, ein Jahr Zusatzausbildung und diverse Weiterbildungsmaßnahmen um Intensivmedizin so richtig verstehen zu können. Deshalb wird ihnen der Sohn der Nachbarin (der arbeitet bei der Feuerwehr), die Suchmaschine ihres Vertrauens (“Intensivstation Aufenthalt zeitraum”) und auch nicht die Bäcker.blume die Antworten geben können die Sie hören wollen.

Die für Sie relevanten Information hat immer die Pflegekraft die den von ihnen geliebten Menschen umsorgt. Ja, Sie wollen einen Arzt sprechen und das kann ich auch verstehen. Wenn Sie auf einen deutsch sprechenden Arzt treffen der sich darin versteht ihnen komplexe Sachverhältnisse in einfachen Worten ohne Fachtermini erklärbar zu machen, der Zeit für Sie hat und Sie nicht mit mehr Fragen als Antworten zurück lässt – dann sollten Sie den Tag nutzen und schnell noch einen Lottoschein ausfüllen. Die Kombination ist extrem selten.

Sie werden als Angehöriger nicht nachhaken sondern brav nicken (“subarachnoidal eingeblutet… Mhm… infauste Prognose… Mhm… massive Mittellinienverschiebung… Aha… destruierendes Ödem”) und am Ende fragen ob alles wieder gut wird. Es liegt in der Natur des Menschen ungern zuzugeben, dass man von einer bestimmten Materie nichts versteht. Ein guter Arzt weiß das vorher und lässt den Angehörigen gar nicht erst in diese Falle laufen.
Machen Sie sich nichts vor – Sie sind nicht vom Fach. Und keiner erwartet das von ihnen. Also haken Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstehen. Und notieren Sie die Fragen zuhause. Im Krankenhaus sind die Eindrücke oft so heftig, dass die ganzen Fragen die zuhause noch so präsent waren plötzlich – verschwinden.

Nutzen Sie den Erfahrungsschatz und die Nähe der Krankenpflegenden zum Patienten. Sie sind es, die die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen haben. Kann er mich hören? Hat sie schon etwas gesagt? Konnte er etwas essen? Benötigt er immer noch so viel Kreislaufunterstützung? Funktioniert die Niere wieder ausreichend? Wie lange wird er noch hier bleiben?

Ich kann ihnen was über die 2x2h-Clearance, über den verbesserten Cardiac-Index und die morphologischen Veränderungen im cCT erzählen, aber bringt Sie das weiter?
Auf die wirklich dringendsten Fragen wird ihnen von uns sowieso niemals eine Antwort geben. Damit kann man nur falsch liegen.
Ob eine bestimmte Erkrankung tödlich ist oder wann genau die Behandlung auf der Intensivstation beendet sein wird lässt sich nur in ganz wenigen Einzelfällen sagen.

Ich würde mich freuen, wenn mehr Angehörige der Kompetenz und Erfahrung unserer Pflegekräfte vertrauen würden. Das sind sehr gute Leute! Die haben drei Jahre eine Ausbildung gemacht und dann noch zwei Jahre eine Fachweiterbildung für Intensivpflege. Die wissen sehr genau was sie da tun und noch mehr – die wissen was der Mensch benötigt um den Sie sich gerade so sorgen.

Wenn Sie also das nächste Mal “einen Arzt sprechen” wollen auf der Intensivstation – überlegen Sie noch einmal ob die betreuende Pflegekraft nicht der bessere Ansprechpartner ist.

Mein Freund. Mein Helfer.

Die Polizei, Dein Freund und Helfer
Die Polizei, Dein Freund und Helfer.

Ich erzählte ja von denen die nicht wollen, denen die nicht können und denen die nicht wollen und nicht können. Im medizinischen Bereich ein Phänomen was sich vermehrt ausbreitet und wo sich mir zumindest die Ursachen erschließen. Ärztemangel, kaputt gespartes Gesundheitssystem, fehlende Investitionen etc.
Neuerdings ist mir aufgefallen, dass wir damit aber nicht alleine dastehen! Ich rede jetzt nicht vom Handwerkerpfusch oder Serviceverhalten einzelner Telekommunikationskonzerne sondern von der Polizei. Ja, Dein Freund und Helfer.
Die Polizei war für mich immer gesetzestreue Kompetenz in Sachen Strafverfolgung, Bürgerschutz und Ansprechpartner in der Not. Mein Glaube daran, dass die Polizei potentielle Straftäter verfolgt war unerschütterlich. Na gut, wo Menschen arbeiten wird manchmal auch geschlampt. Ist wohl überall so.
Aktueller Fall:
Pat. kommt nach Hochrasanztrauma als verunfallter Fahrer eines großen Paktetlieferanten in unseren Schockraum. Der Beifahrer kommt schwerverletzt in die Nachbarstube und wird vom zweiten Traumateam versorgt. Unseren Schockraum füllt schon sehr bald der kalt wabernde Nebel eines Foetor alcoholicus. Wenn es Passivraucher gibt, dann sind wir gerade zu Passivtrinkern geworden. Egal, ich schweife ab… kurzum – der Kunde hat eine Fahne.
Dieser Umstand ist weder zu ignorieren, noch zu überriechen. Die Polizei wartet artig im Ambulanzbereich bis Sie nach erfolgter Diagnostik zu unserem Patienten dürfen um “ein paar Fragen zu stellen”. So weit die Routine.
Und gehen wieder.
Bei Verdacht auf einen Verkehrsunfall unter Drogeneinfluss (und dazu gehört ja auch der Alkohol) muss immer eine Blutprobe abgenommen werden. Der im Krankenhaus gemessene Äthylalkoholwert kann unter Umständen wohl im Prozess angefochten werden, weil ja ggf. zur Desinfektion ein alkoholhaltiger Tupfer verwendet wurde. Deshalb führt jedes Polizeiauto ein Blutentnahmepäckchen mit in dem ein Blutentnahmeröhrchen nebst alkoholfreiem Hautdesinfiziens enthalten ist.
Narkosearzt tippt Herrn Wachtmeister – klopf, klopf – auf die doppelt besternte Schulter. Ich versichere mich nochmal, dass sie das Päckchen doch gleich bestimmt auf die Intensivstation bringen würden.
Verständnisloses Kopfschütteln.
– Wegen der Blutentnahme.
Ratlose Mundwinkel.
– In unseren Tupfern ist ja Alkohol…
Im seinem Kopf läuft “Itchy und Scratchy”
– … und in unserem gemeinsamen Kunden ja offensichtlich auch. Nö?
Es tut sich was.
Ja! Na klar, müsse ja noch, man sei unterwegs, komme gleich wieder, klaro, wollten wir ja sowieso.
Sie kamen nicht wieder.
Und der Patient der offensichtlich im volltrunkenen Zustand sich selbst und seinen Beifahrer kaputt gefahren hat wurde nie strafverfolgt. Ein (vor Gericht nicht verwertbarer) Atemalkoholtest wurde ebensowenig angeordnet wie eine polizeiliche Blutentnahme. Und ich frage mich – warum?

Was, wenn selbiger Paketbote nächsten Monat nicht vor einen Baum sondern gegen den Großfamilienkombi fährt?
Ein vergleichbares Ereignis ist mir vorletzte Woche erneut passiert und ich komme so langsam ins Grübeln. Hat das System? Scheuen die den Aufwand? Darf man das fragen? Macht man sich dann schon strafbar? Ist so eine Blutprobenanordnung viel Arbeit und Schreibkram? Falls hier ein Polizist mitliest, ich wäre um eine Antwort sehr dankbar.
Einen Bericht müssen die ja sowieso schreiben.
Es geht aber nicht nur um Blutprobenentnahmen sondern auch die oft lustlose und aus meiner Sicht vernachlässigte Asservation von Beweisgegenständen bei Straftaten. Wir haben da so einen aktuellen Fall, aber das ist mir im Moment noch zu heiß.
Wie sind Eure Erfahrungen mit der Polizei?
Ich meine nicht nur die Zusammenarbeit im Rettungsdienst sondern auch und gerade im Krankenhaus. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.

Ich bin dann mal weg. Innerlich.

Endstrecke, one way.

Nee nee, keine Angst. Der Narkosedoc bleibt. Er bleibt auch da wo er ist, mir geht es ganz gut.
Es geht um Arbeitsmoral, innere Kündigungen, Motivation, Belastung und Qualität und darüber ist schon viel gesprochen und noch mehr geschrieben worden. Arbeit ist ein großer Teil des menschlichen Lebens, manchmal bleibt sogar links und rechts davon kaum noch Zeit für etwas anderes.
Ich habe in meiner medizinischen Laufbahn drei Gründe für schlechte Versorgungsqualität erlebt.
1) wir wollen aber können nicht
2) wir können aber wollen nicht
3) wir wollen nicht UND können nicht
Kategorie 1 ist der kleine Grundversorger im ländlichen Raum der sich auf einem seinr zwei Intensivbetten (“wir haben hier so einen Monitor und der Strom ist auch an”) um einen Patienten mit ARDS kümmern muss. Da geht einfach gerätetechnisch nicht mehr und auch die Ausbildung gibt einfach keine ECMO-Therapie her. Der Kunde muss da weg und zwar schnell und das ist dann eben so. Gerade im Rettungsdienst und noch häufiger in der Luftrettung (Guuuuut, dass ihr da seid!) lernt man diese Kategorie kennen. Da hilft man gerne und wird nach Kräften unterstützt.
Kategorie 2 hat technisch vielleicht die Voraussetzungen, vielleicht ist man sogar ganz gut ausgebildet. Jahrelanger Raubbau am Gesundheitssystem hat aber zu Verschleiss am Personal geführt und der Frust sitz tief. Die medizinischen Fähigkeiten sind zwar noch vorhanden aber sie werden nur noch wiederwillig eingesetzt. Das kann an der Uhrzeit (nachts um 3), an dem Patienten (Der Dicke wiegt 180kg! Selbst schuld!) oder tausend anderen Gründen liegen. Kategrie 2 hat mich in den letzten Jahren zunehmend verärgert und es wird schlimmer.
Kategroie 3 setzt allem die Krone auf und breitet sich rasant aus. Es fehlt an Ausbildung, ganz grundlegenden Sprachfähigkeiten, handwerklichem Können oder eben allen dreien. Und es fehlt die Bereitschaft diesen desolaten Zustand zu ändern.
Stirbt ein Patient wird den Angehörigen gesagt das sei eben so. Da könne man nichts ändern. Oh, gehen Sie mal bitte zur Seite, da kommt der nächste. Oh, auch kaputt. Naja. Hat ja angefangen.
Ich könnte Euch an dieser Stelle etliche Beispiele alleine aus den letzten Wochen nennen, aber es führt ja zu nichts. Nein, wir werden das Problem nicht lösen, aber wir werden es zunehmend spüren. Beim eigenen Krankenhausaufenthalt, in der Familie, in ein paar Jahren.

Der Anspruch an meine eigene Arbeit war immer meinen Aufgabenbereich so gut wie möglich zu erledigen. Nicht irgendwie oder so wie wir es seit zwanzig Jahren machen sondern so gut es gemäß aktuellem, wissenschaftlichem Stand möglich ist.
Als Anästhesist kommt man mit Kategorie 1 da sehr gut klar. Wir sind die Alles-für-Sie-Abteilung und helfen gerne. Meistens. Es sei denn mein Gegenüber kommt aus Kategorie 2 oder 3. Dann klopft auch in meinem Kopf der kleine Mann etwas lauter und es möchte einfach ein saftiges “… SAMMA! HACKTS?!?” raus.
Es geht hier nicht um Leitlinien-Klugschiss, um Kongressnews oder Level-C-Empfehlungen sondern um Basics. Um lebenswichtige Basics die den kompletten Behandlungsverlauf entscheiden und von jedem Anfänger sicher beherrscht werden sollten.
Darum, dass man einem Patienten nachdem man ihn intubiert auch beatmet und nicht einen Sauerstoffnasenpömpel mit Pömpel in den Tubus steckt.

Manchmal ist es frustrierend.