#metoo

Die Antwort lautet – nein.
Nein, weil ich mich nicht erinnern kann jemals sexuell belästigt worden zu sein. Nein auch weil ich mich nicht erinnern kann jemals eine Frau sexuell belästigt zu haben oder sexistische Dinge gesagt zu haben.
Thematisch wäre der Blogeintrag damit an dieser Stelle eigentlich auch schon wieder beendet. Warum muss sich überhaupt ein Anästhesist zu dieser Sexismusdebatte äußern?
Erstens ist es fast das „Wort des Jahres“ geworden und es ist die wahrscheinlich größte Bewegung 2017 gewesen. Zweitens ist es eins der vielen Themen über die wir während unspannender Operationen gesprochen haben. Drittens ist es Teil meiner Vorsätze für das neue Jahr und viertens schreibe ich darüber weil es ganz einfach wichtig ist und weil zu meinem Nein auch ein Ja gehört.
Ja, auch ich habe zum Teil sehr fiese Erfahrungen im beruflichen Alltag mit (Alltags-)Sexismus gemacht. Ich sage es mal ganz ehrlich – ich schäme mich für so manchen der sich mit mir in der Herrenumkleide umzieht.
Es ist eine Schande wie schamlos manche Männer über Frauen im allgemeinen, Kolleginnen und (Ex-)Partnerinnen herziehen, wenn sie das Gefühl haben man sei „unter sich“.
Gerade in der Chirurgie wird Sexismus sehr offen praktiziert, gerne auch von Angesicht zu Angesicht, in aller Öffentlichkeit, vor Zeugen, auf Station und im OP. Gefühlt – und in meiner kleinen persönlichen Welt – ist es in der Orthopädie und Urologie am derbsten, bei den Allgemeinchirurgen ist es tagesformabhängig, bei den Gynäkologen selten und bei unseren  Kinderchirurgen zum Beispiel habe ich Sexismus noch nie erlebt. Besonders krass wird es meistens wenn zwei Männer operieren und ein Mann pflegerisch assistiert, da werden sprachlich die Hosen gerne mal komplett heruntergelassen.
Wenn dann doch mal jemand kommt und ein solches Verhalten rügt wird erstaunlich oft von den weiblichen und auch meist etwas älteren OP-Pflegekräften der eine oder andere Spruch  bagatellisiert. Man spricht dann von Altherren-Garde. Der sei halt so, der war schon immer so.
Das macht es nicht besser.
Und diese Männer sind weder Herren noch Mitglieder eines Ehrenwachdienst („Garde“) sondern wenn überhaupt allerhöchstens alt.

Viele meiner Gedanken dazu und warum ich nicht länger bereit bin dies zu akzeptieren stehen hier. Den Ausführungen dazu und den empfohlenen Links und Podcasts kann ich mich gut anschließen.

Eine Kollegin von mir ist als Chirurgin taktisch in ihren Entscheidungen brilliant. Sie ist technisch geschickt, hat eine sehr ruhige Hand und Schnittführung. Sie ist intelligent und wortgewandt, dabei eher leise und angenehm zurückhaltend. Sie hat viel Hintergrundwissen vor allem zur Intensivmedizin und geht damit nicht hausieren sondern stellt dieses Wissen in den Dienst ihrer Patienten. Und – sie sieht gut aus. Und eben diese Kollegin hat vor drei Monaten unser Haus verlassen und was sagt mein Kollege als Sie sich verabschiedet? Unter uns und im Spind?
Ich vermisse den Anblick ihres Dekolletés… (im Original etwas vulgärer, aber das kann sich jeder selbst denken).
Mich ekelt das an. Mir tut das leid für diese Kollegin, ich schätze sie und ihre Arbeit und tatsächlich vermisse ich ihre Unterstützung. Es war eine Wohltat mit ihr zu arbeiten, sie hat verletzte Kinder empathisch und konsequent behandelt und hat deliranten Omas in die Spur geholfen. Diese Ärztin war nah dran an perfekt und alles was ihm dazu einfällt ist so ein bräsiger Spruch.
Fragt mal Eure Schwester oder eine Frau Eures Vertrauens ob und wie oft sie schon mit Blicken ausgezogen wurde. Ich kenne Frauen die sich nach einer unsittlichen Berührung eines ekeligen Mannes zwei Stunden lang geduscht haben um das Gefühl wieder los zu werden. Eines Mannes in einer hochrangigen Position, in diesem Fall der Oberarzt eines Instituts der Uniklinik.
Er war der Meinung er dürfe das in seiner Position, was soll schon so eine kleine Studentin ausrichten können.
Zu viele alte Säcke Männer fühlen sich in ihrer Position sicher genug um hinter vorgehaltener Hand oder auch ganz offen Sexismus zu leben. Sie verletzen, demütigen und erniedrigen, sie versuchen den Selbstwert anderer Menschen, ihre Würde und den Stolz in beschämender Art und Weise anzugreifen.
Ich wünsche allen Chirurginnen, Schwestern, Pflegerinnen, Notärztinnen, Internistinnen, Raumpflegerinnen, Bürokräften und Mitarbeiterinnen im Krankenhaus und anderswo – seid stark. Benennt Zeugen, sprecht diese konkret an, schreibt ein Gedächtnisprotokoll.
Wie das genau geht und was man dann als nächstes machen kann steht hier.

Und was können wir Männer tun?
Den Mund aufmachen, Männer ansprechen. Falls man selber Sexismus erlebt ist es auch durchaus legitim sich proaktiv als Zeuge anzubieten.
Eine Kollegin von mir wurde im Rahmen der Visite sehr unsittlich berührt, einen blöden Spruch gab es gratis dazu. Ich habe mich als Zeuge angeboten, letztlich hatte Sie nicht den Mut das anzuzeigen.

In Beverly Hills hatte eine Krankenschwester den Mut einen Vorfall anzuzeigen in dem sie von einem Chirurgen attackiert wird. Ich will jetzt nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, es geht hier nicht um sexuelle Belästigung sondern um die Ausübung von Gewalt eines vermeintlich Starken gegenüber Schwächeren. So gesehen gibt es Parallelen, denn auch Sexismus setzt immer ein hierarchisches Gefälle voraus oder wird sogar eingesetzt um ein solches zu manifestieren.
Der Fall ist deswegen so brisant weil es eine Videoaufzeichnung des Vorfalls gibt. Erschreckend ist, wie gleichgültig die Mitarbeiter vorbeigehen, die den Vorfall mitbekommen haben müssen.
Konsequenz des Vorfalls in dem die Krankenschwester (austauschbar) von dem Starchirurgen der Augenklinik (ein sgn. „celebrity physician“ der im wesentlichen für die Erlöse des Krankenhauses verantwortlich ist) attackiert wurde – die Krankenschwester ist letztlich gegangen (worden).
In diesem Fall reden wir von einem Vorgang der – zumindest in Teilen – auf Video aufgezeichnet ist. Und natürlich ist es kompliziert und vielleicht war es alles ganz anders aber hey – ich glaube wir alle wissen wie es gelaufen ist. Und wenn auch nicht in diesem einen konkreten Fall, dann aber doch in ganz vielen Fällen die jeder von uns so oder ähnlich schon erlebt hat.

Meistens gibt es ja nur Aussage gegen Aussage und das ist schon kompliziert genug. Es gibt natürlich auch Fälle wie den von Horst Arnold der wegen einer Vergewaltigung zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde die er nachweislich nie begangen hat.
Darum geht es mir hier aber nicht. Es geht mir um Sexismus im Alltag, um die sogenannten Kavaliersdelikte. Um Altherrenwitze auf Kosten meist junger Mitarbeiterinnen.
Um billige Anmachsprüche die hinten herum noch ganz entrüstet als war doch nur ein Kompliment getarnt werden.

Also Männer – macht den Mund auf. Im OP, im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr, auf Station im Krankenhaus, in der Personalabteilung, im Eiscafé, bei der Müllabfuhr und im Drogeriemarkt. Es liegt an Euch zu zeigen, dass nicht alle Männer so sind.

Disclaimer light:
Das Thema ist kompliziert und bietet Potenzial zur Hysterie, das ist mir wohl bewusst. Eine gute und unaufgeregte Annäherung bietet wie ich finde die ARD mit diesem Themenkomplex unter
http://www.ardmediathek.de/tv/Sexismus-im-Alltag/Thema?documentId=47428042
Es ist wie immer meine persönliche Meinung und repräsentiert nicht mein Krankenhaus oder meinen Berufsstand.

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Mein Beileid.

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/viersen/lkw-unfall-auf-a61-bei-viersen-abschied-von-getoeteter-polizistin-aid-1.7291467

Ich möchte den Kollegen und Kolleginnen sowie vor allem den Hinterbliebenen der getöteten Polizistin mein Beileid aussprechen.
Denen die noch mit ihren Verletzungen kämpfen wünsche ich baldige Genesung und die besten Ärzte und Pflegekräfte.
Den Kollegen und Kolleginnen die Angst und Sorge um ihre Freunde, Partner und Mitarbeiter haben wünsche ich viel Kraft und guten Mut und dass die Menschen um sie herum sie stützen und stärken können.

Als Notarzt im Rettungsdienst kann ich nur nochmal betonen wie froh und dankbar ich bin, dass es Euch gibt. Ihr kommt zur Hilfe wenn es brennt, ihr rast mit lebensgefährlicher Geschwindigkeit genau da hin wo Menschenleben bedroht werden. Ihr fürchtet keinen Attentäter und stellt Euch schützend vor die Schwächeren. Zu allem Übel müsst ihr Euch für Euren ehrenwerten Dienst entwürdigende Beleidigungen anhören.
Beleidigungen von Menschen die an sich selbst oder am Leben gescheitert sind. Menschen die ihr auch beschützt, auch wenn ihr sie nicht mögt.
Ich habe Polizisten bei deeskalierenden Maßnahmen erlebt was mich tief beeindruckt hat. An einem Moment an dem ich schon längst ausgerastet wäre, bleibt ihr ruhig und sachlich, versucht die Situation zu entspannen.
Ihr seid an Heiligabend und Silvester und an Omas Geburtstag im Dienst und verpasst im besten Fall nur Omas legendäre Buletten. Eure Partner brauchen Verständnis für einen Beruf der viel von der Familie fordert.
Ihr müsst Dinge sehen die sich in die Seele brennen, die verarbeitet werden müssen und die vielleicht langfristig dazu führen dass ihr krank oder sogar berufsunfähig werdet.
Da finden sich viele Parallelen zum Rettungsdienst, trotzdem halte ich unseren Beruf im Vergleich zu Eurem Beruf für sehr viel ungefährlicher.
Bei uns steht an erster Stelle die Eigensicherung. Vor dem ABCDE kommen die 5-Sekunden-Rundumblick ob die eigene Sicherheit gegeben ist. Falls nicht holen wir Euch.

So wie der Autofahrer der den LKW bemerkte der in Schlangenlinien fuhr. Ihr wolltet schlimmeres verhindern, habt durch Euer Eingreifen vielleicht verhindert, dass der 40-Tonner 15km weiter einen Opel Corsa mit Kleinfamilie zermalmt.
Was dann passierte ist im Einsatz zumindest jederzeit möglich. Ihr seid Euch der Gefahr bewusst und nehmt die Herausforderung trotzdem an. Weil ihr Euch dem Beruf und dem Dienst an der Gesellschaft verpflichtet fühlt.
Deshalb an dieser Stelle und weil ich jedes Mal innerlich erleichtert aufatme wenn ich Euer Auto an einer Einsatzstelle sehe –

Danke.

All I want for Christmas… der Narkosedoc wünscht sich was:

Der Narkosedoc hat einen Wunsch zu Weihnachten.

Ich wünsche mir, dass jeder User im Internet bevor (!) er seinen Senf von sich gibt mal überlegt ob er das guten Gewissens so auch seiner Mutter vorlesen könnte. Oder um Mutti mal außen vor zu lassen – ich würde mich freuen wenn ein jeder mal vor dem Absenden überlegt ob dieser Kommentar die Welt ein Stück besser oder schlechter macht. Dieses ewige Genörgel und Schlechtmachen. Ganz zu schweigen von der einfach stumpf rassistischen und völkisch angehauchten Dummlaberei im Schutz der vermeintlichen Anonymität.

Ja, Kommentare werden gelesen. Nicht selten sogar von den Menschen an die sie gerichtet sind. Und ja, Kommentare können verletzten und krank machen. Ich habe vor ein paar Monaten tagelang über einige Kommentare gegrübelt und war drauf und dran dem einen oder anderen ein wutentbranntes JETZTPASSMALAUFDU**** über die Tastatur entgegen zu schleudern.

Warum ich es nicht gemacht habe? Weil ich den Hass so Leid bin. Den Hass gegen Ausländer, gegen Besserverdiener, gegen den Nachbarn der wieder falsch geparkt hat, den Hass gegen dies und jenes und alles. Ich habe das Gefühl, dass es da draußen eine viel zu große Menge Menschen von ihrem Leben, Job oder wasauchimmer frustriert sind und sich dann erstmal ans Internet setzen um all ihre Unzufriedenheit und den Ärger über die eigene verpfuschte Existenz aus sich heraus zu lassen. Wenn ich schon im echten Leben nichts zu melden habe, dann wenigstens in diesem Internet. Da kann man sich einen Dr.-Titel geben und dann mal richtig vom Leder ziehen. Blöd nur wenn die ganzen Rechtschreibfehler dann erahnen lassen, dass sowohl der Titel als auch der vorgegebene Beruf („Ich als Notarzt…“) erstunken, erlogen und im echten Leben unerreichbar sind.

So mancher Kommentar hat mich so geärgert, dass ich ihn einfach nicht so stehen lassen konnte! Andererseits – don’t feed the trolls.

Es wäre zu aufwändig einem kleinen unbedeutenden Internettroll klar zu machen warum ich in einer bestimmten Situation so und nicht anders entschieden habe. Die meisten verstehen ja noch nicht mal warum wir bei einem Notfall nicht rennen – wie soll man ihnen dann komplexe, medizinische Sachverhalte erklären?

Und wenn der kleine Troll eine Meinung hat, dann hat er die. Da helfen ja alle Argumente nichts. Totschlagargument bleibt die böse Pharmalobby, die hat uns Ärzte ja sowieso alle gekauft. Is klar.

Natürlich polemisieren manche Gedanken die ich hier schreibe. Ich freue mich auch wenn darüber diskutiert und miteinander (!) geredet wird. Viele Kommentare habe ich als bereichernd empfunden und schätze die differenzierte Meinung mancher die hier kommentieren – und andere Trolle korrigieren. Danke dafür!

An alle Trolle: egal wie dumm, falsch oder borniert Dir ein solcher Artikel oder Gedanke von mir erscheint – denke nach bevor Du auf „senden“ klickst. Wird Dein Kommentar etwas Gutes bewirken oder willst Du nur Dampf ablassen? Dann geh lieber ins Fitti und nicht ins Internet.

Ich wünsche mir, dass weniger Hass gesät und stattdessen einfach häufiger mal gesagt wird, was wir am anderen toll finden oder worüber wir uns freuen. Ich war letztens bei einem großen Burgerbrater und wurde sehr nett und sehr freunlich bedient und der Typ meinte ich solle mich schon mal hinsetzen er bringt mir das Essen – was er auch zwei Minuten später tat. Das war so außergewöhnlich, dass ich hinterher nochmal hingegangen bin und mich bedankt habe für die ungewöhnlich freundliche Bedienung – das Gesicht war unbezahlbar! Der Typ hat laut gelacht, hat sich riesig gefreut und mit seiner Freude seine Kollegen angesteckt.

Es geht auch anders. Hypertensiver Notfall mit RTW + NEF im Altenheim und der Blutdruck ist 165/90?

Da kann man sich ganz schnell und quasi anonym über die bräsige Leitstelle aufregen und mal richtig die Sau rauslassen wieso man denn bei so einer Lapalie so ein Fass aufmachen kann. Tatsächlich wissen wir nämlich nie welcher von den etwa 12 Disponenten in der Leitstelle gerade den Auftrag angenommen und abgearbeitet hat, da lässt es sich anonym und so ganz unter uns im RTW oder NEF viel leichter über die da von der Leitstelle schimpfen.

Tatsächlich wissen wir aber gar nicht was der Anrufer gemeldet hat. Sprach der Anrufer unsere Sprache? Wurden vielleicht noch andere Dinge mitgeteilt die sich vor Ort als falsch herausgestellt haben?

Ich kann nur jedem im Rettungsdienst tätigen Kollegen raten – und hier meine ich insbesondere und explizit die ärztlichen Kollegen! – sich mal einen Tag auf der Leitstelle hinzusetzen und selber mal zu disponieren.

Es ist viel komplizierter als gedacht aus der Ferne eine Diagnose zu stellen und dann auch noch das richtige Rettungsmittel einzusetzen.

Da sitzt ein Mensch, einer mit Seele, mit Herz. Sicher nicht unfehlbar aber eben auch kein Fleischklumpen den man einfach mal nach aktueller Tageslaune aufs übelste beschimpfen darf.

Sting (ja, der Sting von ThePolice) hat auf seinem Konzert in Berlin mal erzählt, dass wir alle irgendjemandes Tochter und irgendjemandes Sohn sind. Das fand ich ein total starkes Bild.

Ja, selbst der bräsige, dickbäuchige Nachbar mit dem Alkoholproblem der immer so nach Schweiß stinkt hat eine Mutter für die ihr Sohn sehr wichtig ist, mit all seinen Problemen.

Kein Mensch ist unwichtig oder egal, kein Mensch ist illegal. Wir alle sind für irgendjemanden wichtig und wertvoll und sollten deshalb nicht hassen sondern den anderen zumindest respektieren. Liebe ist für den Anfang vielleicht ein bißchen zu viel verlangt und ein großes Wort.

Respekt vor dem Leben, dem anderen Menschen, Respekt sollte drin sein.

 

Ich wünsche mir, dass wir gegenseitig einfach mal ein bißchen mehr aufeinander Acht geben. Die Tür aufhalten, dem anderen die Vorfahrt lassen, von den 80 gebackenen Keksen dem Nachbarn mal 5 auf einem Teller vorbei bringen. Kostet nichts extra, macht keinen Aufwand, wären sowieso am Ende übrig geblieben und weggeschmissen worden. So aber entsteht aus einer kleinen Geste vielleicht etwas Großes.

Ich möchte auch nicht in einer Gesellschaft leben in der ein Wort wie Gutmensch als Schimpfwort missbraucht wird. Ich hoffe sehr ein Gutmensch zu sein, ein guter Mensch. Ein hoher Anspruch und ein lebenslanges Ziel.

 

Aus Wut dagegen entsteht Hass, aus Hass entsteht Gewalt, Gewalt schreit nach Rache und Rache ist das primitivste aller Gefühle. Damit kann keiner etwas Gutes anfangen, Wut und Hass zerstören, bauen nichts auf und helfen niemandem weiter. Nicht dem der hasst und nicht dem der gehasst wird.

 

Ich bin der festen Überzeugung, dass wenn ich etwas Gutes in die Welt trage dieses Gute irgendwann zu mir zurückfindet. Ob im Ehrenamt, in der Kirche, im Kleinen oder im Großen.

Sei gut zu der Welt und die Welt wird gut zu Dir sein.

Nenn mich einen hoffnungslosen Optimisten, nenn mich einen Gutmenschen.

Resignation ist keine Option.

 

Ich bedanke mich bei allen von mir sehr geschätzten Leserinnen und Lesern die mir ein 2017 einen netten Kommentar hier gelassen haben. Ich bedanke mich bei allen die mir einen Tipp zukommen lassen haben oder sich für einen Tipp bedankt haben. Ich danke auch und vor allem DocCheck dass sie meinen Blog featuren und mich unterstützen und im besonderen einer besonderen Mitarbeiterin die mit mir immer wieder konstruktive Gespräche führt, meinen Senf vorkostet und mich ermutigt weiterzumachen auch wenn mal Gegenwind kommt. Danke M.!
Allen Klinikern, Notfallmedizinern und Blaulichtberufenen wünsche ich ein frohes Fest mit ruhigen Tagen ohne Dienst, ohne Blaulicht und ohne Stress.
Allen Patienten wünsche ich gute Genesung und falls Sie hier sind weil Sie bald operiert werden und eine Narkose brauchen – die machen das schon! 😉
Ich wünsche allen ein wunderbares Fest mit ganz vielen lieben Menschen um Euch herum. Ich freue mich auf 2018 mit Euch!
Hohoho,

der Narkosedoc

Homo homini lupus est

AUS:
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/frankfurt-menschenmenge-behindert-rettungskraefte-bei-wiederbelebung-a-1166284.html


Ein 19-jähriger muss wiederbelebt werden. Solche Einsätze sind kein Spaß. Wir trainieren jahrelang, werden von Spezialisten ausgebildet, pauken bücherweise Fachwissen damit wir in solchen Situationen das Beste für diesen einen Menschen erreichen können. Wir wollen helfen. Leben retten.

Es ist der Sohn meiner besten Freundin. Seine Schwester war mit ihm zum einkaufen, sie steht neben ihm, schreit um sein Leben. Der Vater kommt hinzu, hatte nur kurz das Auto geparkt. Er trommelt vor Wut und Schmerz mit den Fäusten auf eine Mülltonne, beißt sich auf die Finger.

Daneben steht ein andere 19-jähriger, bepöbelt die Rettungskräfte, „ruft zu Störungen auf“. Ich meine – was ist eine gerechte Strafe für so ein Verhalten? Kann man das überhaupt bestrafen?
Was ist das für ein Individuum frage ich mich, so verroht? Wie wird man so?

Und wann genau fing das eigentlich alles an so zu eskalieren?
Ich frage mich – wann war der Moment an dem ich das erste Mal stutzte?
Stutzen, dieses Verb passt sehr gut in unsere Zeit. Ich stutze über den kleinen Mann aus Nordkorea. Der kleine Mann mit den dicken Backen der so viel Hass in sich hat, dass es hinaus muss. Raus aus seinem kleinen Land. Der einem etwas zu pummelig geratenen Dackel gleich die Doggen dieser Welt anbellt und nur Ärger will. Der regelrecht darum bettelt einen auf die Mappe zu kriegen. Koste es was es wolle auch hunderttausende Menschenleben.
Es ist düster geworden da draußen. Dunkle Wolken ziehen auf.

Woher kommt all dieser Hass? Hass fremden Menschen gegenüber? Menschen die eigentlich auch nur Väter und Mütter von, Sohn von, Tochter von oder Bruder von irgendjemandem sind.
Menschen die eigentlich nur ein ganz normales Leben haben wollen, so mit morgens frühstücken, zur Arbeit gehen, Kollegen treffen, Mittagspausenschnack, Feierabend und Fernseh gucken in der Doppelhaushälfte.
Diese fremden Menschen sind alle geliebt von ihrer Mama, von ihrem Papa, von ihren Geschwistern. Keiner ist irgendjemand.
Durch den kursiv geschriebenen Einschub wird aus „einem 19-jährigen“ der Thomas der gerade Abi gemacht hat und sich für Maschinenbau in Aachen eingeschrieben hat. Die persönliche Ebene verändert unsere Wahrnehmung.
Es hasst sich einfach leichter wenn man den Menschen nicht kennt an dem sich gerade die Wut über eigene Missstände und Verfehlungen entlädt. Mein Nachbar ist Alkoholiker, hat den Führerschein erst verloren und dann nie mehr nachgemacht und wegen des Alkohols und des fehlenden Führerscheins arbeitslos. Da könnte man mal bei sich selbst anfangen. Das ist aber unbequem, einfacher ist es die Asylanten zu hassen. Die Asylanten sind eine undefinierbare Masse, da hasst es sich ganz bequem.
Wenn man sich nur mal die Mühe machen würde und den einzelnen Menschen zu betrachten der da in dieser Masse sichtbar wird!

lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit
(Denn der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch. Das gilt zum mindesten solange, als man sich nicht kennt.)

Wann also genau fing das an, dass man einfach einen Menschen beschimpfen und hassen durfte?
Das Feuer war nie aus, auch nicht nach dem zweiten Weltkrieg. Wahrscheinlich brennt dieses Feuer seit es Menschen gibt.
„Uga-uga aus der Höhle hinter dem Wasserfall ist verantwortlich für wasauchimmer, dafür wird er bezahlen.“ Oder so.
Vielleicht war ich zu sehr geschützt in meiner 80er-Jahre-Kind-Wohlstandsblase, aber ich meine es gab mal eine Zeit in der Hass, Missgunst, Neid und Boshaftigkeit nicht so an der Tagesordnung waren wie heute.
Niedertracht ist definiert als eine „bewusst böse Denkweise“.
Mit nichts anderem ist die Verrohung besser zu beschreiben die wir erleben müssen. Auch im Rettungsdienst.

Alleine im letzten Monat finden sich etliche Berichte:

Da stirbt ein 59-jähriger Motorradfahrer vor den Augen seiner besten Freunde auf der Autobahn. Das erste was einem LKW-Fahrer einfällt ist sein Smartphone rauszuholen und die Szene zu filmen. Keine erste Hilfe, erstmal ein Video. Für Youtube? Für die Whatsapp-Gruppe „Skatfreunde Keuschbueren“?
Das ist mittlerweile so ein Reflex. Es passiert irgendwas – ZACK! Smartphone raus, Video. Oder wenigstens 10 Fotos. Haste nichts gefilmt ist es nicht passiert.
Wir haben erlebt, dass wir mit einem Patienten im Schockraum der Uniklinik ankamen und dort bereits ein Video (!) von der Unfallstelle gesehen worden war inklusive Abflug unseres Hubschraubers.
Gefilmt, gestreamt, veröffentlicht.

Da passiert ein Unfall auf der A3 – Wohnwagen gegen LKW. Zwanzig Gaffer stehen rum und filmen das. 

Das zieht sich durch alle Altersklassen. Schon 15-jährige sind ganz vorne mit dabei. Und weist man als Rettungsdienst auf das Fehlverhalten hin darf man keine Scham erwarten sondern muss mit aggressivem Verhalten rechnen.

Am Rheinufer in Remagen gibt es genau eine einzige Landestelle an der der RTH nicht landen kann weil ein Spacko dort steht und filmt. Und auch trotz eindeutiger und mehrmaliger Aufforderung nicht Platz macht. Hinterher beleidigt er noch den Piloten.

Geht es noch schlimmer? Na klar.
Da steht ein Mann auf dem Vordach eines Hotels in der Innenstadt von Baden-Baden. Unten stehen 50 Schaulustige, filmen und johlen und rufen dem Mann zu er solle doch endlich springen. 
Da suhlen sich Menschen welche im Leid anderer Menschen.
Das würden Tiere nicht machen. Soweit mir bekannt ist, würde sich ein Tier nie am Leid eines anderen Tieres ergötzen. Es wäre ihm egal, vielleicht. Aber die bewusste Freude darüber, dass es hier jemand anderem richtig dreckig geht ist eine urmenschliche Eigenart.
Blöd nur, wenn man irgendwann selber mal da liegt.
Und keiner zur Hilfe kommt, weil die Rettungsgasse zu ist. Aber dann tröstet vielleicht der Gedanke dass man sich das Elend hinterher aus zwanzig verschiedenen Blickwinkeln anschauen kann.
Wenn man dann noch lebt.

Weihnachten auf der Intensivstation und im OP

Wie ist es eigentlich Weihnachten so auf der Intensivstation? Oder im OP? Kann man da froh und munter sein? Man kann.
Es ist eine verschworene Gemeinschaft. Das besondere an der Heiligabend-Krankenhaus-Gemeinschaft ist die Auslese. Nimm die Chefärzte und die Oberärzte weg und setz sie bei Muttern an den gedeckten Weihnachtsschmaus-Tisch. Dann nehmen wir all die Putzfeen weg, die Saubermänner, die Logistiker, die Müllfahrer, die Heizungsinstallateure, Maler und Lackierer und sonstigen fleißigen Helferlein. Ein Notdienst oder gar Feiertagsarbeit ist tariflich nicht vorgesehen, also ab unter den Weihnachtsbaum zuhause. Schon in den Tagen vor Weihnachten werden die Patienten großzügig rausgeschmissen entlassen. Am 22. verlassen nach der Visite die selbständig gehenden das Krankenhaus, am 23. werden dann die mit Gehhilfe rausgefegt und am 24. rollen die Krankenfahrstühle (a.k.a. „Rolli“) durch den Ausgang. Hauptsache irgendwie zu Weihnachten zuhause. Kein Beatmungsschlauch im Mund? Schmerzen irgendwo unterhalb von Frisch-amputiert? Dann nichts wie ab! Nach! Hause!
Sekretärinnen schließen die heiligen Vorzimmer ab, der Pfarrer schließt die Gemeinde in seinen Segen ein und dann die Türen zu.
Und dann ist Ruhe.
Auf der Seite der Patienten bleibt also nur noch die Crème de la Crème der Bodensatz übrig. Die, denen es wirklich schlecht geht.
Und auf Seiten der Arbeitnehmer werden Pflegekräfte und Ärzte auf das unbedingt notwendige Mindestmaß zusammengestrichen. (Also im Grunde genommen so wie immer, aber das ist ein anderes Thema).
Und so sitzen wir da und sind alle an einem Ort, an dem wir nicht sein wollen, aber sein müssen. Es wird dunkel, die Kerzen sterilen LED-Imitate flackern fast schon besinnlich vor sich hin und dann kommen entgegen jede Regel doch noch Freiwillige. Nämlich diejenigen, die tatsächlich in den letzten Wochen vor Weihnachten Lieder geübt (!) haben. Sie ziehen von Station zu Station, treffen sich vor dem Schwesternzimmer und Patienten werden in Betten und mit Sauerstoff auf den Flur geschoben um dabei sein zu können. Und dann werden zwei oder drei Weihnachtslieder gesungen und für einen Moment liegt eine ganz besondere Stimmung in der Luft. Eine Stimmung die einen Geschmack davon gibt, dass es wichtigere Dinge gibt als den Grexit oder Obergrenzen für Klimaerwärmung und Flüchtlinge. Es würden sich viele Probleme lösen lassen, wenn es mehr solcher Momente gäbe. Weniger Distanz und mehr gemeinsames Singen. Kann ruhig schräg sein.

Davon ab ist es meistens einer der ruhigsten Dienste. Die wenigen Notfälle sind dann auch echte Notfälle und selbst von denen finden nur wenige den Weg als Neuaufnahme auf die Intensivstation. Denn wer es irgendwie noch schafft, schleppt sich bis zum 1. Weihnachtstag – was im Regelfall dann logischerweise ein sehr arbeitsreicher Dienst ist.

Und bei aller Ernsthaftigkeit, Professionalität und fachgerechten Durchführung der Eingriffe muss ein wenig Spielraum bleiben um diesem besonderen Moment  ein Augenzwinkern zuwerfen zu können. 

Frohe Weihnachten! Und – singt mal wieder ein Weihnachtslied!

Der Narko-hohoho-sedoc

Nous sommes unis.

Ich bin großer Fan von gutem Fußball, man könnte auch sagen der „Fußballkultur“. 11Freunde, Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs – das ist meine Welt. Ich favorisiere keinen einzelnen Verein, mag bestimmte Vereine dafür ganz und gar nicht und schaue aus oben genannten Gründen gerne mal ein Fußballspiel wenn es sich anbietet.
So wie gestern.
Ich hatte Bereitschaftsdienst und wir waren um kurz nach 20 Uhr fertig mit dem Tages-OP-Programm. Kurz vor Anpfiff erreichte mich der Anruf des Unfallchirurgen – Kind 5J., kombinierter Unterarmbruch, nüchtern, jetzt machen. Gut, dann also kein Fußball, sondern in den OP.
Ich ging also zu Lina, prämedizierte die kleine Lady und ihre aufgeregten Eltern, gab ihr was gegen Schmerzen und etwas zum Entspannen, klebte ein „Zauberpflaster“ (betäubt den Bereich in dem man später den Zugang legen kann) und ging in den OP. Die Narkose gestaltete sich problemlos, die Scheidung der Fraktur war etwas komplizierter da die Weichteilschwellung schon recht ausgeprägt war, kurzum – es dauerte.
Während der Narkose achte ich darauf, dass meine kleinen Kunden wie auf Watte liegen und es keine Druckstellen gibt. Kinder bekommen rasend schnell fies aussehende Druckstellen, wenn man nicht aufpasst. Dafür fühle ich mehrfach nach der Blutdruckmanschette, lege den Arm immer mal wieder etwas anders hin (Mikrolagerung) und achte darauf, dass keine Schläuche und Kabel auf der Haut liegen. Dabei bin ich schon recht nah an den kleinen Menschen und schlafende Kinder sind etwas wunderbares. In einem schlafenden Kind kann man so viel Gutes sehen und ich war sehr glücklich, diesen Beruf machen zu dürfen. Ich bekomme das wertvollste von zwei Menschen (den Eltern) übertragen, sie vertrauen mir, sie geben ihr Kind an mich ab. Kinder sind nicht nur kleine Menschen, sie sind etwas ganz besonderes, auch was z.B. die Dosierung der Medikamente angeht. Halber Mensch, halbe Ampulle funktioniert da nicht.
Ich bin also stets achtsam, wach, voll da, lasse die Kleinen keinen Moment aus dem Auge. Und diese Mischung aus Verantwortung für den Patienten, Vertrauen von den Eltern, der Ruhe des nachts operierenden Teams und dem Wissen hier ganz konkret geholfen zu haben ist etwas sehr schönes.
Gleichzeitig passierten ein paar hundert Kilometer weiter furchtbare Dinge von denen wir noch nichts wussten.
Lina lag so ganz friedlich da und als alles fertig war habe ich die Medikamente ausgemacht, konnte Lina tief schlafend die Beatmungsmaske  entfernen und sie wurde wach und plapperte fröhlich vor sich hin.
Als ich aus dem OP kam und auf mein Zimmer gehen wollte um den Rest des Fußballspiels und wenigstens die Zusammenfassungen der anderen Spiele schauen zu können sah ich es. Diese Menschen die vor einem Fernseher zusammen sitzen und etwas surreales anschauen. Es war am 11. September 2001 genauso. Damals in der Jugendherberge.
Es war sehr viel Ruhe da in der Ambulanz vor dem Fernseher und es wurde anders als sonst nicht gesprochen.
Der sonst so abstrakte Terror – allenfalls in fernen Ländern mit vielen Wüsten und kryptischen Städtenamen präsent – schafft es sonst ja höchstens mal in die Tagesschau. Suruç, Port El-Kantaoui, Dağlıca, das sind abstrakte Orte mit abstrakten Namen und das was dort passiert bleibt eben abstrakt. Daran ändert auch die Tagesschau nichts.
Aber Paris, das Stade de France, eine Brasserie, das ist sehr konkret. Das ist das Gegenteil von abstrakt und es berührt mich sehr, weil ich wie so viele andere Menschen genau dort schon unterwegs war. Zu wissen, dass an diesem mir bekannten Ort so schlimme Dinge passieren kann mich nicht kalt lassen.
Wenn Hass mit Hass beantwortet wird ist dies ein zutiefst primitives und verachtungwürdiger, barbarischer Akt der Grausamkeit. Bereits entstandenes Leid bei gefrusteten Perspektivlosen potenziert sich durch Terror in den Familien und Angehörigen der durch Rache Betroffenen, Verletzten und Toten. Auf Gewalt mit Gegengewalt zu antworten ist so simpel wie sinnlos, seit tausenden Jahren haben wir da nichts dazugelernt. Keiner kann diesen Krieg gewinnen.
Zu den ersten Eilmeldungen gesellten sich weitere Informationsfetzen und von Minute zu Minute fügte sich ein entsetzliches Mosaik zusammen.
Ich bin aus dem Alter raus in dem ich nach solcherlei Ereignissen mich einfach umdrehen könnte, Augen zu, schlafen. In meinem Kopf waren noch viele Gedanken und der Kontrast zwischen der schlafenden Lina und dem brennenden Paris hätte nicht größer sein können.
Am Morgen dann die Übergabe an den Diensthabenden, von ihm die Frage wie es mir ginge. Paralysiert sei ich, entgegnete ich ihm. Ich schilderte ihm in drei Sätzen und weitaus weniger ausführlich als hier geschrieben, wie ich die Ereignisse des Abends erlebt hatte.
Schroff entgegnete er mir im belehrenden Ton eines vor der Rente stehenden Sportlehrers: Tja, mein lieber Narkosedoc, ich weiß nicht was ihr alle Euch so anstellt. Solange wir unsere T-Shirts von kleinen Kindern in Bangladesch nähen lassen wird es diesen Terror immer geben. Das ist halt so.“
Ich bin auf diese Diskussion nicht eingestiegen, Visite, Übergabe, ab nach Hause.
Im Kern ist die Entstehung des Terrorismus sicher ein multimodales Problem, aber darf man deshalb so abgezockt reagieren? Was muss in und mit einem Menschen passieren damit ihn ein solcher Blutrausch kalt lässt?

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(Ich bitte zu entschuldigen, dass an dieser Stelle vor ein paar Stunden ein bereits terminierter Artikel veröffentlicht wurde – den holen wir bei Gelegenheit nach.)

Immer schön frisch bleiben.

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Die Notfallmedizin hat mich von Anfang an begeistert.
Bereits die ersten Mitfahrten bei erfahrenen Kollegen fand ich sehr aufregend. Temp 100 in der Innenstadt – hui. Geblitzt worden – egal!
Hochmotiviert mit dem Ziel einem Menschen in Not helfen zu können.
Dann die ersten eigenen Fahrten – hui². Eigene Patienten behandeln!
Kein Oberarzt im Hintergrund den ich fragen muss.
Kein Oberarzt im Hintergrund den ich fragen kann.
Beim Blick auf den Dienstplan wird die Spalte „NEF“ auf den eigenen Nachnamen abgesucht. Jeder Dienst bedeutet eine Menge Zeit dringend zu erledigende Dinge vom Schreibtisch zu bekommen. Lecker umsonst essen in der Kantine. Traurige, lustige aber auch dramatische Erlebnisse mit Kollegen und Kolleginnen. Viel Banalität und Langeweile, aber eben auch diese Minuten in denen es im Kopf kribbelt.
Und immer die bange Frage – was erwartet uns vor Ort?
Der auf dem Melder als „Kind (11)“ angemeldete war dann nicht 11 Jahre, sondern klitzekleine 11 Monate – Adrenalin.
Die bewusstlose Person macht uns selbst die Tür auf – Entspannung.
Die Reanimation im Altenheim (zu der ich mit genau diesem Gedanken hingefahren bin) entpuppt sich als 20-jährige Altenpflegehelferin mit Lungenembolie – volle Konzentration, maximale Therapie, alle sind hellwach dabei.

Klar, so lange ich hier rumsitze geht es dem Bürger gut.
Es ist auch sehr komplex, jemandem der sich nicht für die Notfallmedizin begeistert, erklären zu können, was genau die Faszination ausmacht. Es ist dieses Ostinato im Hintergrundrauschen der Großstadt. Wir sind immer da, nur für den Fall.
Es geht gar nicht um das Leid der Menschen. Mir sind auch kaputte Autos egal, das Gaffer-Gen fehlt mir.
Was ist es dann?
Ich glaube, es geht mir um die Herausforderung gegen den Gegner zu gewinnen. Mein Patient erleidet ein Trauma, eine Krankheit schlägt erbarmungslos zu.
Ab diesem Moment arbeitet der Gegner gegen uns. Der Gegner hat Vorsprung.
Er arbeitet mit starken Schmerzen, mit einer zunehmenden Schwächung des Kreislaufs und hat viele Booster (laute Umgebung, Chaos an der Einsatzstelle…) und Multiplikatoren (Begleiterkrankungen, Bltuverdünner…) auf seiner Seite die dem Gegner helfen sollen zu gewinnen.

Es ist die Herausforderung sich in kürzester Zeit einen Überblick zu machen. Einen Plan zu erstellen. Bereite bitte diese Medikamente vor, ruf Du bitte dort an, mach Du bitte das.
Der Gegner sieht nicht tatenlos zu, es werden neue Ereigniskarten auf den Tisch geworfen.
Blutdruckabfall? Trumpf im Ärmel = habe Arterenol in die Infusion gepackt, lasse ich auf mittelhart mittropfen Puls peripher gut tastbar.

Die Situation erkennen, Optionen prüfen, eine Option wählen, durchführen und bewerten. Ständig mit dem Team im Kontakt bleiben, effektiv kommunizieren, erkennen wer noch welche Kompetenzen und Reserven zur Verfügung und hat und wer nicht.

Es ist kein Spiel. Es ist ein Wettkampf.
Es geht um Sieg oder Niederlage, es geht darum wie man gewinnt. Elegant, schnell, kurz und schmerzlos (man verzeihe mir dieses Wortspiel…). Die Therapie kann improvisiert, schmutzig, radikal, langsam, vorsichtig, aggressiv oder in begründeten Fällen auch fernab der Leitlinien stattfinden.
Entscheidend ist unterm Strich. Es geht um die Ungewissheit und das Nicht-mehr-Planbare.
Es erinnert mich an die Wanderungen mit meinem Großvater durch die Schweizer Berge. Wir konnten immer nur bis zum nächsten Felsvorsprung schauen. Meistens kam dahinter der nächste Anstieg, ein weiterer sich serpentinenartig schlängelnder Wanderweg um den Berg herum. Viel zu selten kam die ersehnte Bergstation mit Spielplatz und Verpflegung. Die Motivation blieb der Reiz des Unerwarteten. Es könnte sein. Wir müssen mal schauen. Erstmal nur bis da vorne.

Es sind die komplexen, schwerverletzten oder schwerkranken Patienten. Es sind die großen Herausforderungen die bei mir dieses Kribbeln im Kopf auslösen.
Am Rande der Komfortzone muss ich wach sein, auf Fehler lauern, entdecken, beheben, selber keine machen. Haken schlagen und den Patienten sicher ans Ziel führen. Ich bin wie der Bergführer, der die Gletscherspalten umgehen muss.

Und am Ende gilt es die eigene Arbeit ständig neu zu bewerten. Was war besonders gut? Was hätten wir besser machen können? Wo besteht Nachholbedarf?

Nach einem NEF-Dienst gehen viele Einsätze in der Bedeutungslosigkeit verloren. Fehleinsätze, Banalitäten. Es bleibt aber immer ein Destillat über was mich reifen lässt, demütig macht und am Ende dankbar zurück lässt, den für mich schönsten Beruf der Welt zu haben.

#1000 Tode

„‘Tausend Tode schreiben’ ist ein groß angelegtes Projekt. Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.

‘Tausend Tode schreiben’ ist ein work in progress. Eine weitere Version folgt am 16.2.2015 (3/4), die endgültige und vollständige Fassung (4/4) erscheint am 13.3.2015 zur Leipziger Buchmesse. Käufer*innen älterer Versionen der ’1000 Tode’ bekommen die jeweils neuen gratis per E-Mail. 

Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.“

Zitat: 1000 Tode schreiben auf http://www.minimore.de

Mein Beitrag:

Einer von 1000 Toten

Der Tod ist eine feste Konstante meiner Arbeit als Intensivmediziner.
Manchmal ist er ein effektiv agierender Gegner den wir erfolgreich bekämpfen. Manchmal ist er der nicht eingeladene Gast auf einer Party die wir gerne unter uns weitergefeiert hätten. Selten macht man ihm die Tür auf und bittet ihn herein.
In jedem Fall ist sein Erscheinen mit vielen Emotionen verbunden.

Ich habe kleine Kinder und sehr alte Leute sterben sehen. Notare, Pfarrer, den steinreichen Metzger und die bettelarme an der Gesellschaft gescheiterte Drogenabhängige. Menschen mit Lungenkrebs, Lungenentzündung, Blutvergiftung, Herzinfarkt und Hirnblutung. Den meisten ist es vergönnt in Anwesenheit der sie liebenden Familie auf die letzte Reise zu gehen.
Viel zu viele sterben alleine.
Dann stelle ich mich als der sie behandelnde Arzt ans Bett und halte die Hand. Auf der anderen Seite steht die betreuende Pflegekraft.
Ich spreche für mich und für den gerade sterbenden Menschen ein Gebet. Im EKG sieht man ein paar letzte elektrische Entladungen so individuell wie ein Fingerabdruck. Die Menschen wissen nicht mehr wie es aussieht wenn jemand stirbt. Der Sterbeprozess ist sehr individuell, vieles aber ist gemeinsam. Das Brodeln des Lungenwassers in den Lungen und das für Außenstehende beängstigende Schnappen nach Luft. Alles Dinge die der Mensch nach allem was wir wissen nicht mehr mitbekommt. Dennoch geben wir großzügig Morphin, ein Medikament was abschirmt, Schmerzen auslöscht, Luftnot und Angst wegnimmt.
Wir schließen dann die noch offenen Augen nachdem der letzte Herzschlag geschlagen ist. Machen den Monitor aus. Falten die Hände. Machen eine LED-Kerze an weil offenes Feuer von der Brandschutzordnung verboten ist. Die Pflegekraft macht die Türen auf, damit die Seele auf die Reise gehen kann.
Ich schreibe den Totenschein und vollführe den letzten bürokratischer Kraftakt im fünffachen Durchschlag eines gelebten Lebens. Original grün, einmal umschlagen, auf der pinken Seite weiter, ein gelber, ein weißer und ein blauer Durchschlag.
Ein letzter Blick auf die Leiche und die beginnenden Totenflecken als Zeichen des sicheren Todes. Der Patient verbleibt mindestens zwei Stunden auf der Intensivstation. Sicher ist sicher.
Dann ziehen wir das Bettlaken über den Kopf. Es sollen keine anderen Patienten oder Mitarbeiter des Hauses irritiert werden. In der Kühlkammer suchen wir eine freie Box, geben den Schlüssel gemeinsam mit dem Totenschein beim Pförtner ab von wo aus der Bestatter sich wiederum alles abholt und seinen Part erledigt.

Ich würde mir wünschen, dass wir den Tod als etwas normales begreifen. Etwas das untrennbar zum Beginn eines Lebens dazu gehört.
Früher wurde bei Schwangerschaften etwas von „guter Hoffnung“ genuschelt. Geboren und gestillt wurde ganz heimlich. Seit einiger Zeit gibt es sogar Geburtsfotografen die ganze Reportagen von diesem tollen Ereignis machen.

Wir sollten beim Tod umdenken lernen, man kann sehr viel Gutes vom Ende des Lebens lernen.

Mein Freund. Mein Helfer.

Die Polizei, Dein Freund und Helfer
Die Polizei, Dein Freund und Helfer.

Ich erzählte ja von denen die nicht wollen, denen die nicht können und denen die nicht wollen und nicht können. Im medizinischen Bereich ein Phänomen was sich vermehrt ausbreitet und wo sich mir zumindest die Ursachen erschließen. Ärztemangel, kaputt gespartes Gesundheitssystem, fehlende Investitionen etc.
Neuerdings ist mir aufgefallen, dass wir damit aber nicht alleine dastehen! Ich rede jetzt nicht vom Handwerkerpfusch oder Serviceverhalten einzelner Telekommunikationskonzerne sondern von der Polizei. Ja, Dein Freund und Helfer.
Die Polizei war für mich immer gesetzestreue Kompetenz in Sachen Strafverfolgung, Bürgerschutz und Ansprechpartner in der Not. Mein Glaube daran, dass die Polizei potentielle Straftäter verfolgt war unerschütterlich. Na gut, wo Menschen arbeiten wird manchmal auch geschlampt. Ist wohl überall so.
Aktueller Fall:
Pat. kommt nach Hochrasanztrauma als verunfallter Fahrer eines großen Paktetlieferanten in unseren Schockraum. Der Beifahrer kommt schwerverletzt in die Nachbarstube und wird vom zweiten Traumateam versorgt. Unseren Schockraum füllt schon sehr bald der kalt wabernde Nebel eines Foetor alcoholicus. Wenn es Passivraucher gibt, dann sind wir gerade zu Passivtrinkern geworden. Egal, ich schweife ab… kurzum – der Kunde hat eine Fahne.
Dieser Umstand ist weder zu ignorieren, noch zu überriechen. Die Polizei wartet artig im Ambulanzbereich bis Sie nach erfolgter Diagnostik zu unserem Patienten dürfen um „ein paar Fragen zu stellen“. So weit die Routine.
Und gehen wieder.
Bei Verdacht auf einen Verkehrsunfall unter Drogeneinfluss (und dazu gehört ja auch der Alkohol) muss immer eine Blutprobe abgenommen werden. Der im Krankenhaus gemessene Äthylalkoholwert kann unter Umständen wohl im Prozess angefochten werden, weil ja ggf. zur Desinfektion ein alkoholhaltiger Tupfer verwendet wurde. Deshalb führt jedes Polizeiauto ein Blutentnahmepäckchen mit in dem ein Blutentnahmeröhrchen nebst alkoholfreiem Hautdesinfiziens enthalten ist.
Narkosearzt tippt Herrn Wachtmeister – klopf, klopf – auf die doppelt besternte Schulter. Ich versichere mich nochmal, dass sie das Päckchen doch gleich bestimmt auf die Intensivstation bringen würden.
Verständnisloses Kopfschütteln.
– Wegen der Blutentnahme.
Ratlose Mundwinkel.
– In unseren Tupfern ist ja Alkohol…
Im seinem Kopf läuft „Itchy und Scratchy“
– … und in unserem gemeinsamen Kunden ja offensichtlich auch. Nö?
Es tut sich was.
Ja! Na klar, müsse ja noch, man sei unterwegs, komme gleich wieder, klaro, wollten wir ja sowieso.
Sie kamen nicht wieder.
Und der Patient der offensichtlich im volltrunkenen Zustand sich selbst und seinen Beifahrer kaputt gefahren hat wurde nie strafverfolgt. Ein (vor Gericht nicht verwertbarer) Atemalkoholtest wurde ebensowenig angeordnet wie eine polizeiliche Blutentnahme. Und ich frage mich – warum?

Was, wenn selbiger Paketbote nächsten Monat nicht vor einen Baum sondern gegen den Großfamilienkombi fährt?
Ein vergleichbares Ereignis ist mir vorletzte Woche erneut passiert und ich komme so langsam ins Grübeln. Hat das System? Scheuen die den Aufwand? Darf man das fragen? Macht man sich dann schon strafbar? Ist so eine Blutprobenanordnung viel Arbeit und Schreibkram? Falls hier ein Polizist mitliest, ich wäre um eine Antwort sehr dankbar.
Einen Bericht müssen die ja sowieso schreiben.
Es geht aber nicht nur um Blutprobenentnahmen sondern auch die oft lustlose und aus meiner Sicht vernachlässigte Asservation von Beweisgegenständen bei Straftaten. Wir haben da so einen aktuellen Fall, aber das ist mir im Moment noch zu heiß.
Wie sind Eure Erfahrungen mit der Polizei?
Ich meine nicht nur die Zusammenarbeit im Rettungsdienst sondern auch und gerade im Krankenhaus. Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen.