Vom Unfall bis zur Reha – so geht das.

Ihr fahrt auf der Autobahn, vor Euch leicht zäh fließender Verkehr. Der Verkehr wird dichter, die ersten machen ihr Warnblinklicht an.
Ihr versucht Euch wie ihr das vom Narkosedoc gelernt habt bei dem sich bildendem Stau sofort auf die linken beziehungsweise mittlere Spur zu wechseln weil ihr wisst, dass die mit Abstand schlimmsten Unfälle fast immer auf der LKW-Spur ganz rechts passieren.

So auch hier, plötzlich gibt es direkt hinter Euch einen heftigen Knall, eine Wolke aus Staub und Dreck legt sich über die Fahrbahn, Autoteile fliegen durch die Luft, danach Stille.
Es sind
die ersten Zehntelsekunden des Unfalls
die darüber entscheiden ob die entstehende Verletzung mit dem Leben vereinbar ist oder nicht. Der Abriss einer Hauptschlagader, eine geplatzte Herzhöhle – und das Leben ist hier vorbei, eine Rettung unmöglich.
Instinktiv bist Du an die Seite gefahren und stehst jetzt hinter dem Unfall.

Die ersten Sekunden nach dem Unfall.
Du wählst die 112 und Dein Handy wird automatisch an die für diesen Ort zuständige Leitstelle verbunden (genial, oder?). Der Leitstellendisponent wird Dich alles wichtige fragen.
Was ist passiert? Von wo rufen sie an? Wieviele Verletzte gibt es?
Außerdem wird es für den speziellen Notfall spezielle Fragen geben (ist die Fahrbahn noch frei oder stehen die Autos quer? Konnten sich die beteiligten Personen selber aus dem Fahrzeug befreien?).
Nun wird entsprechend dem Meldebild ein Hilfskonvoi alarmiert. Der besteht in so einem Fall meistens aus Polizei (die regeln alles rund um Aufnahme des Unfalls, Absperrung bis zur Reinigung und Freigabe der Autobahn), Feuerwehr (sichert die Unfallstelle gegen entstehendes Feuer ab, kann eingeklemmte Personen befreien und noch viel mehr!), Rettungsdienst meist mit RTW und Notarzt, bei entsprechendem Szenario wird meist auch parallel ein Rettungshubschrauber mit alarmiert.
Der Patient selber hat zwar schwere Verletzungen die vielleicht nicht stundenlang aber doch so lange zu überleben sind, bis professionelle Hilfe eintrifft. Der Körper schüttet körpereigene Schmerzmittel und kreislaufstabilisierende Moleküle aus um diesen Zustand zu überleben.

Die kritischen 60 Minuten – „the golden hour of shock“ 
Die Autobahn wird im Anschluss dann durch die meist zuerst eintreffende Polizei abgesperrt so dass der Hubschrauber dahinter landen kann. In Zusammenarbeit wird die Unfallstelle abgesichert und versucht die Patienten schnellstmöglich und dem Verletzungsmuster enstprechend schonend zu retten. So schnell wie möglich, so sorgfältig wie nötig. Ein Patient mit drohender Querschnittsverletzung ohne sonstige Probleme muss so schonend wie möglich gerettet werden. Ein stark blutender Patient wird zur Not egal wie und so schnell wie irgend möglich aus dem Fahrzeug gerettet (Crash-Rettung).
Das alles findet immer in sehr enger Absprache zwischen dem Notarzt, dem Rettungsdienst, dem Einsatzleiter der Feuerwehr und auch der Polizei statt. Sobald ungefähr klar ist was für Probleme der Patient hat wird zum Beispiel der Rettungsassistent des Rettungshubschraubers versuchen ein Bett für den Patienten zu organisieren.
Jetzt klingelt in einer großen Klinik die auf die Versorgung von Schwerverletzten spezialisiert ist (meist eine Uniklinik oder eine sgn. BG-Klinik) das rote Telefon. Die Klinik bekommt eine ungefähre Info darüber was sie wann erwartet.
Nachdem der Patient gerettet ist wird meist eine Erstversorgung entweder noch auf der Straße oder im bereitstehenden RTW gemacht. Nach Stabilisierung, Ergänzung intensivmedizinischer Maßnahmen (Narkoseeinleitung, Thoraxdrainagen o.ä.) erfolgt meist der Transport in den Rettungshubschrauber.
Der Rettungsassistent sichert den startenden Hubschrauber ab, der Notarzt kümmert sich weiter um den Patienten. Meist wird jetzt nochmal das aufnehmende Krankenhaus direkt informiert.
„Der Christoph 1 hier, wir landen um 17:20 Uhr mit einem Polytrauma bei Euch, SHT, instabiles Thorax- und Beckentrauma, intubiert, beatmet“.
In der Klinik wird nun das Schockraumteam alarmiert. Bei uns läuft das so, dass man an einem kleinen Rädchen die Uhrzeit einstellt und daneben einen roten Buzzer drückt. Dann bekommen alle für den Schockraum zuständigen Kräfte auf ihr Telefon einen Alarm der z.B. „Schockraum 17:20 Uhr“ anzeigt. Man kann auch einfach so den Buzzer drücken dann wird es ein „Schockraum SOFORT!“ das gibt den besonderen Extra-Kick 😉
Die Zeit vom Ereignis des Unfalls bis zur Übergabe in der Klinik sollte nicht länger als eine Stunde dauern. Alles was darüber hinaus geht ist mit einer deutlich erhöhten Tödlichkeit verbunden.

Das Team wird also mit dem Patienten landen, warten bis die Turbinen etwas abgekühlt und schließlich ausgeschaltet sind (das dauert nun mal zwei Minuten) und im Anschluss den Patienten ausladen und in den Schockraum bringen. Hier steht ein Team bereit, dies besteht meist aus:
Schockraum Teamleader (meist ein Arzt der Anästhesie oder Chirurgie)
Facharzt / Fachärztin Anästhesie (kümmert sich primär um Sicherung des Atemwegs, Stabilisierung des Kreislaufs etc.)
Anästhesie-Pflegekraft (nimmt Blut ab, bereitet Medikamente vor und appliziert sie, macht Narkose, assistiert dem Anästhesisten, behält den Überblick und macht 1000 Dinge mehr…)
Facharzt / Fachärztin Chirurgie (macht die erste Ultraschallaufnahme des Bauches und der Lungen und schaut ob irgendwo Flüssigkeiten sind die da nicht hingehören, legt b.B. Thoraxdrainagen)
Chirurgie-Pflegekraft (entkleidet den Patienten komplett – falls nicht schon geschehen – und assistiert dem Chirurgen z.B. bei der Anlage der Thoraxdrainagen)
Notaufnahme-Pflegekraft (kümmert sich um die Anlage eines Blasenkatheters, nimmt Blut ab, bringt dies zur Blutbank/Labor)

im Standby stehen
Facharzt / Fachärztin Neurochirurgie (macht vor der Bildgebung eine erste Basisuntersuchung, insbesondere wenn der Patient noch wach ist)

Facharzt HNO / Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie / Urologie und andere – je nach angemeldetem Verletzungsmuster

Dieses Team kümmert sich nur und ausschließlich um einen einzigen Patienten. Es ist die maximale Versorgungsstufe die wir leisten können, es gibt keine weitere Eskalation. Alle Technik und alle medizinischen Maßnahmen die überhaupt nur verfügbar sind werden eingesetzt um dieses eine Menschenleben zu retten. Das sieht chaotisch aus, läuft aber wie ein Uhrwerk nach einem Muster welches wir immer und immer wieder trainieren.
Deshalb ist es auch nicht förderlich wenn im Schockraum Praktikanten und Famulanten herumstehen die sich das mal ansehen wollen. Da sie es aber ja doch irgendwie lernen müssen bekommen Bystander bei uns hellblaue Umhänge angezogen (weil die Wände auch hellblau sind und sie so am ehesten nicht wahrgenommen werden) und müssen in einem auf dem Boden markierten Bereich stehenbleiben. Aus diesem dürfen sie nicht heraustreten, bis der Patient den Schockraum wieder verlassen hat.
Der Boden sieht sowieso wie in einer Turnhalle aus. Alles ist farbig eingezeichnet und hat einen festen Standplatz. Der Parkplatz für die Trage des Rettungsdienstes, der Parkplatz für unsere Traumaliege (die man direkt ins CT schieben kann), sogar unsere Beatmungskiste hat einen eigenen Parkplatz (und weil der Parkplatz für die Anästhesie blau ist hat irgendwann mal jemand eine Parkuhr drangehängt).
Abhängig vom Krankheitsbild gibt es ein abgestuftes weiteres vorgehen.

Extrem selten (wenige Male im Jahr) – der Patient wird noch im Schockraum notfallmäßig operiert (am Bauch, an der Luftröhre etc.) weil ein Transfer in den OP zu viel Zeit kosten würde

Selten
(wenige Male im Monat) – der Patient wird direkt in den OP gebracht, es wird keine weitere Bildgebung gemacht, der Patient wird sofort notoperiert aber mit den sterilen Bedingungen und der technischen Ausrüstung eines echten OP-Saales

Regelhaft wird der Patient nach einer kurzen Diagnostik- und Stabilisierungsphase unverzüglich in die Röhre geschoben – das heißt Computertomografie von der Locke bis zur Socke. Dabei entstehen weit über 1500 Bilder die sich der Radiologe (der nächste Facharzt im Bunde…) nun zügig anschauen muss. Das geht nach der radiologischen Devise – find first what kills first. Erstmal nach dem schauen, was den Patienten umbringt, den inkompletten Leistenbruch kann man dann hinterher noch dazu diktieren, das ist in der Regel nicht das akute Problem.
Auf Grundlage des Zustands des Patienten und der Ergebnisse der Diagnostik wird dann entschieden ob der Patient direkt in den OP geht oder erstmal auf die Intensivstation.

Die nächsten 24 Stunden  
Von der Akutphase auf der Autobahn wo Sekundenbruchteile über Leben und Tod entscheiden dehnen sich die relevanten Zeitabstände immer weiter.
Die ersten 24 Stunden werden zeigen wie der Körper es schafft mit den teils massiven Verletzungen umzugehen. Es stehen dramatische Veränderungen an, die den Kreislauf, die Blutgerinnung und Entzündungsmechanismen betreffen die auch ganz ohne Bakterien erhebliche Probleme verursachen können. Mit moderner Intensivmedizin kann der mit Abstand größte Teil der Patienten die es bis hier geschafft haben auch langfristig gerettet werden.
Die Beatmungstherapie, die Stabilisierung der Blutgerinnung, ein geregeltes Temperaturmanagement, die Vermeidung von weiteren Komplikationen wie Lungenentzündungen und Thrombosen und viele weitere Dinge müssen in einem komplexen Zusammenspiel von Ärzten, Pflegekräften, Spezialisten und den Angehörigen gemeistert werden.

Die nächsten Wochen
Der Patient wird manchmal schon nach wenigen Stunden, manchmal erst nach mehreren Tagen von der Beatmungsmaschine entwöhnt und kann aus dem künstlichen Koma erwachen. Je nach der erlittenen Schädigung kann dies auch mehrere Tage dauern.
Jetzt steht die Physiotherapie, ggf. auch Logopädie, Ergotherapie und andere ergänzende Therapieangebote im Vordergrund. Außerdem muss weiterhin kontinuierlich darauf geachtet werden, dass zum Beispiel die Magenschleimhaut keinen Schaden durch die Schmerzmittel nimmt und dass die Bettlägerigkeit nicht zur Ausbildung von Thrombosen führt.
Hauptziel ist es jetzt für den Patienten eine Anschlussheilbehandlung (früher auch Reha genannt) zu finden um schnellstmöglich eine Wiedererlangung der Selbständigkeit des Patienten zu gewährleisten.

Und für alle die sich das durchgelesen haben gibt es an dieser Stelle noch ein sehr empfehlenswertes Video.
Das Team vom SWR wollte eine Reportage über den Rettungshubschrauber drehen und war somit zufällig mit dabei als Marcelo in der Schule aus dem Fenster fiel. Das Team entschied sich dafür nicht nur den Unfall und die Erstversorgung (die schön zeigt was da so alles schief gehen kann) zu zeigen sondern auch die nächsten Tage, Wochen und Monate Maurice zu begleiten.
Sehenswert, in jeder Hinsicht.

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Von Eis und Schnee und Kühlung und Reanimation

Tina hat ein Baby bekommen. Das Kind heißt Emma.
Aus Gründen ist es aber eins der hot topics in der Wissenschaft und erregt die Gemüter. Die einen feiern den Fortschritt der Wissenschaft und die anderen – naja, sie mahnen und üben sich im Krückstockfuchteln und es ist also alles wie immer.
Was ist passiert?
Emma und Tina hätten beste Freunde sein können. Sie hätten sich auf der Krabbeldecke als quasi gleichaltrige Babies anfreunden können, sind jetzt aber Mutter und Tochter. Die Eizelle von Emma wurde über 24 Jahre kryokonserviert, Tina selbst ist gerade mal 25 Jahre alt und hat Emma jetzt ausgetragen. Die ganze Story (mit Foto von Emma und Tina und Benjamin) findet sich hier.
Man kommt nicht umhin über solche Nachrichten zu staunen und – der Mensch ist so – da kommt er nicht raus, er bewertet, er wägt ab und urteilt. Dabei ist es kompliziert. Mal wieder.

Mir geht es aber hier gar nicht um eine ethisch moralische Bewertung. Rein wissenschaftlich betrachtet denke ich mir für meinen Teil ein leises – hui.
Ich meine – 24 Jahre! Vor 24 Jahren wurden die fünfstelligen Postleitzahlen eingeführt und es wurden schlimme Dinge mit Text und Tönen gemacht, die Älteren unter uns erinnern sich noch.
Also mal frei von Ethik, Moral, Anstand und „Darf-er-das?“ – ist das nicht sensationell? So banal ist eine Kryokonservierung nämlich nicht zu machen, der ganze Prozess ist hochkomplex.

Es gibt viele (noch) ungelöste medizinische Probleme. Zum Beispiel können wir für Menschen mit einem Herzstillstand ganz viel tun und sie retten – wenn wir schnell genug sind.
Gerade beim Herzstillstand rennt aber die Zeit rasend schnell weg. In den ersten Minuten setzt bereits ein Zelltod im Gehirn ein, bereits nach wenigen Minuten ist ein irreparabler Hirnschaden entstanden. Wenn also zum Beispiel jemand im Büro einen Herzinfarkt erleidet kann das Herz in einen Herzrhythmus verfallen der so ungleichmäßig wird, dass es schließlich stehen bleibt.
Meistens wird dann der Notruf (112…) abgesetzt und – dann passiert nichts. Manchmal werden die Rettungskräfte eingewiesen, gelegentlich wird der Tote (!) in die stabile Seitenlage gelegt.
Viel zu selten wird die einzig richtige und zwingend notwendige Hilfe in Form einer Herzdruckmassage durchgeführt.
Wird das Gehirn nicht mehr mit frischem Blut und Sauerstoff versorgt können die Zellen keine Energie mehr produzieren, sie stellen die Arbeit ein, der Mensch wird innerhalb von Sekunden bewusstlos. Mindestens ein genauso großes Problem wie die fehlende Zufuhr von frischen Nährstoffen ist der fehlende Abtransport anfallender Stoffwechselendprodukte. Jede Zelle (meines Körpes… 😉 ist darauf angewiesen, dass die anfallenden Stoffwechselendprodukte – also das was am Ende der Hormonproduktion, der Energiesynthese und anderer Zellaufgaben übrig bleibt –  abtransportiert und fachgerecht entsorgt wird.
Werden diese Produkte nicht entsorgt steigt ihre Konzentration innerhalb der Zelle und kann einen Zelltod induzieren. Vereinfacht gesagt erkennt die Zelle – hier stimmt was nicht. Sie kann dann selbständig entscheiden sich lieber selbst zu töten bevor sie noch die anderen in Probleme bringt. Was die Zelle nicht weiß ist, dass die Nachbarzelle gerade das selbe Problem hat und die selbe Lösungsstrategie gewählt hat. Genauso wie tausende und ggf. Millionen andere Zellen. Das ist ein riesiges Problem denn der eingeleitete Zelltod bedeutet letztlich eine Öffnung der Zellporen und ein Aufquellen bis zum Zerplatzen der Zelle. Was bei einer einzelnen Zelle eine pfiffige Lösung zur Entsorgung ist, stellt bei einer gleichzeitig einsetzenden Zelltod von Millionen von Zellen ein großes Problem dar. Es kommt zum Hirnödem und zum Tod weiterer – bisher gesunder – Zellen die regelrecht zerquetscht werden.

Wie schön wäre es also, wenn man diesen Prozess aufhalten oder zumindest bremsen könnte?
Und genau das hat man versucht. Seit Jahrzehnten laufen dazu Versuche, eine der größten hat im Rahmen einer Auswertung der INTCAR (international cardiac arrest registry) Datenbank 2012 gezeigt, dass die verzögerte Einleitung einer milden Kühlung des Patienten das neurologische Ergebnis (kann selber essen, selber trinken, sich selbst pflegen…) dramatisch verschlechtert. Je langsamer die Kühlung eingeleitet wird, desto schlechter sind die Chancen wieder ein selbständiges Leben führen zu können.
Also kühlen wir Menschen nach einer Reanimation mit Kühlpacks, manche nehmen kühle Infusionen und manchmal müssen auch Tiefkühlpommes tun.
Konsequenter wäre es Patienten zu kanülieren (also mit großen Gefäßzugängen zu versorgen) und das warme Blut rasch durch eine kühle Spülflüssigkeit zu ersetzen. Zukunftsmusik? Irgendwie ja, aber was wäre die Medizin ohne die Pioniertaten unerschrockener Mediziner. Mit dashamwaimmerschonsogemacht würden wir heute noch Schröpfen.

Es gibt erste vielversprechende Ergebnisse aber noch ist das alles sehr experimentell. Bereits 2005 wurde populärwissenschaftlich über die Pioniertaten berichtet. Im Grunde genommen geht es um nichts weniger als den Körper für einen bestimmten Zeitraum auf Standby zu stellen und wieder zu aktivieren.
So beeindruckend die ersten Versuche anliefen, so frustrierend klein sind die Fortschritte, aber es gibt sie.

Ich glaube dass die Kühlung das nächste große medizinische Thema wird. Offensichtlich haben wir die richtigen Mechanismen dazu noch nicht komplett verstanden, aber wir sind auf dem Weg.
Wenn ihr also das nächste Mal die letzte Packung Pommes aus der Tiefkühltruhe holt überlegt es Euch gut – ihr könntet damit nicht nur Leben sondern Hirnmasse retten!

Erster Tag auf der Intensivstation – aus der Praxis für die Praktiker

Als ich kurz nach dem Berufseinstieg das erste Mal auf der Intensivstation eingeteilgt wurde habe ich die Nacht vorher nicht gut geschlafen. Diese ganzen Kabel, Medikamente, Schläuche, Einheiten, Parameter und vor allem – ich kannte keinen der Kollegen. Weder von der Pflege noch von den Ärzten.
Es war kaltes Wasser und tief war es auch.
Rückblicken muss ich sagen hatte ich überhaupt keinen Plan.
Wie gerne hätte ich damals jemanden gehabt der mir mal praktisch (!) sagt, wie man an so einen Intensivpatienten rangeht. Körperliche Untersuchung und Verordnungen macht ein Hausarzt ja auch und außerdem lernt man diese Basics ja im Studium, oder?
Was soll daran also so schwer sein?
Was unterscheidet denn den Intensivpatienten vom Patienten beim Hausarzt?
Mir fallen spontan 4 Punkte ein, die Liste lässt sich bestimmt verlängern (aktive Mitleser vor 😉

1) Unsere Patienten können meistens keine Fragen beantworten (weil sie einen Tubus im Hals haben),
Für eine richtige körperliche Untersuchung ist die Mitarbeit des Patienten sehr wichtig. Wir müssen meistens alleine klar kommen.
2) Unsere Patienten haben nicht ein einziges („Herr Hausarzt ich habe so Halsschmerzen…“) sondern meist gleich mehrere Probleme.
Manche Patienten benötigen wegen einer Arrhythmia absoluta eigentlich eine effektive Antikoagulation damit sie keinen Schlaganfall bekommen, aus der frischen OP-Drainage soll es aber auch nicht bluten.
3) Die Probleme treten meist nicht nur in der Mehrzahl auf sondern dann oft auch von recht komplexer Struktur.
4) Unsere Patienten schweben die längste Zeit in akuter Lebensgefahr – sonst wären sie nicht dort. Und wenn Sie stabil sind werden sie wieder verlegt.

Wie geht man jetzt an sowas ran?
Hier ein paar Tipps wie man es machen kann.

1) Stell Dich vor!
Du bist der oder die Neue, es gehört sich so, dass Du Dich bei Deinen neuen Kollegen vorstellst nicht Deine Kollegen bei Dir, das ist eine Frage der Höflichkeit.
Es sei denn Du bist Kronfürstin Viktoria zu Krummbieg von der Hohenwiese und möchtest auch so behandelt werden. Wird dann aber keine schöne Zeit.
Wichtig – wir sind ein Team! Der Chefarzt ist genauso wichtig wie die Putzfrau, der Physiotherapeut genauso wichtig wie die Codierer. Also – begrüß Sie alle, zur Not auch mehrfach.
Und bring einen Kuchen oder eine Schüssel Süßigkeiten mit und schreib Deinen Namen drauf. Klingt nach billig erkaufter Freundschaft? Klar, aber was im Supermarkt an der Kasse mit Kindern funktioniert, klappt bei uns schon allemal.

2) Mach Dich mit dem Tagesablauf bekannt
Was läuft morgens als Erstes? Wer kann verlegt werden? Wer benötigt Diagnostik und wo melde ich die an (telefonisch? elektronisch?)? Wann macht die Pflege Übergabe? Wann sind geeignete Zeiten für Prozeduren wie Katheterwechsel / Drainagen / Tracheotomien?

3) Such Dir in der Pflege Vertraute
Ich habe von den erfahrenen Pflegekräften sehr viel gelernt. Ich habe von den Pflegekräften sehr viel mehr gelernt, als von meinen ärztlichen Kollegen. Ich habe nicht nur die kleinen Tipps und Tricks im Umgang mit manchmal zickigen Kathetern gelernt. Es waren die Pflegekräfte die wussten wie man die Dialyse wieder zum Laufen bringt, wie man die Beatmung so einstellt, dass wieder Luft reingeht und so weiter.
Das Leben und Arbeiten auf der Intensivstation macht sehr viel mehr Freude wenn man Freunde hat. Es wird zur Hölle wenn Du Dir Feinde in der Pflege machst. „Wer ist hier der Arzt?“ gehört nicht zu den Sätzen die einem das leben leichter machen.

4) Finde am ersten Tag heraus wo die wichtigsten Dinge gelagert sind und wie sie funktionieren!
Das Reabrett, der Defibrillator, der Wagen für den schwierigen Atemweg, der Notfallwagen für Katheter, die Bronchoskope, Zugänge, Infusionen, (Notfall)-Medikamente.
Es bleibt im Notfall keine Zeit für Erklärungen. Kleinere Notfälle gibt es eigentlich jeden Tag, richtige Notfälle gar nicht so oft wie man denken würden. Wenn es aber einen richtigen Notfall gibt ist es besser wenn Du schon mal weißt wo der Defibrillator steht und wie man ihn anmacht. Und wie man einen Blutdruck misst. Das ist doch banal? Nein, keineswegs. Bei den Defis der R-Serie von Zoll ist zum Beispiel der Knopf für die Blutdruckmessung mitnichten so wie bei allen anderen Defibrillatoren irgendwo im Menu zu suchen. Es ist ein kleiner Knopf an der Seite den man meistens nicht sehen kann, weil da ein Kabel vorhängt. Unabhängig davon meiner Meinung nach eines der besten Geräte, aber das soll hier nicht Thema sein.

5) Lege Dir ein Konzept zurecht
Genau wie in der Notfallmedizin sollte jeder Intensivpatient nach einem festen Schema untersucht werden. Dafür gibt es meistens standardisierte Untersuchungsbögen auf den Intensivstationen. Irgendwas fehlt aber immer auf diesen Bögen. Ich habe noch nie einen wirklich guten, kompletten Untersuchungsbogen gesehen. Deshalb hilft es auch ein eigenes Konzept zu haben.
Wichtigster Punkt – für jeden Patienten sollte für jeden Tag ein ganz konkretes (!) Therapieziel stehen. In den meisten Fällen ist das entweder eine Deeskalation der Therapie (z.B. mit dem Ziel der Verlegung auf die Normalstation) oder Eskalation der Therapie.
Wie kann so ein konkretes Tagesziel aussehen? Zum Beispiel so:

  • erstmalig aus dem Bett herausmobilisiert
  • Medikamente (teilweise) oralisiert
  • Schmerztherapie optimiert
  • Therapielimitierung besprochen
  • Reha-Platz organisiert
  • ZVK entfernt (weil nicht mehr benötigt) und PVK anglegt

6) Nachfragen ist besser als Klugsch***en:
Frag nach – wie macht ihr das?
Sag nicht an Deinem ersten Tag – bei uns in Pusemuckel haben wir das so gemacht.  Das will keiner hören! Wirklich. Wir haben hier auch Strom und fließend Wasser und wenn in Pusemuckel alles besser war dann wärste halt besser da geblieben.
Besser ist es positives hervorzuheben! Ihr habt ein festes Belegungsschema für die ZVKs? Das finde ich klasse, bei uns in … war das immer totales durcheinander, das hat jeder gemacht wie er wollte.
Und deshalb – frag nach Hausstandards / SOPs und halte Dich dran!
Die Pflegekräfte werden es Dir danken, wenn sie ein einziges und nur ein einziges Mal (!) etwas genau. so. vorbereiten können wie es dann auch gemacht wird.

7) Ein ganz wichtiger Punkt (danke an Ø. s.u.):
Versuch nicht den souveränen Großmediziner zu spielen, wenn nichts dahinter steht. Wir sind alle vom Fach.
Unterschätze niemals eine Pflegekraft. Du hast vielleicht an der Uni gelernt, dass Medikament X an Rezeptor Y geht. Die zuständige Pflegekraft weiß dafür wann dieses Medikament wirkt, in welcher Konzentration es wirkt und warum man das bei diesem Patienten vielleicht besser nicht geben sollte.
Unterschätze niemals das Fachwissen eines Patienten der seit 20 Jahren dialysepflichtig ist. Deine Theoriekenntnisse sind nichts wert ohne klinische Erfahrung! Und klinische Erfahrung bekommt man erst nach vielen Jahren, das kann man nicht beschleunigen.

8)
Suche den Kontakt zu den Pflegekräften.
„Die Pflege“ hat ein feines Gespür dafür ob Du Dich für sie und die Patienten interessierst oder nicht. Nutze die Möglichkeit die Viertelstunde bei der Übergabe dabei zu sein. Hör Dir an, welche Probleme es bei den Patienten gibt, bring Dich ein (wenn Du gefragt wirst!).

9)
Lies Bücher, geh zu Workshops, bilde Dich mit Journals fort.
Du wirst recht bald feststellen, dass im Alltag gut klarkommst. Dann kannst Du in dem Trott weitermachen und Dich die nächsten Monate und Jahre so durchschlagen.
Der Anspruch an unsere Versorgung muss aber sein es nicht irgendwie, sondern so perfekt wie möglich zu machen. Deshalb lies, nutze FOAM (free open access medical education), frag Deinen Chef nach aktuellen Zeitschriften und bearbeite sie. Melde Dich für Vorträge zu Themen die für Dich wichtig sind, Dir aber noch Kopfschmerzen machen – das führt zu einer intensiveren Auseinandersetzung und einem anhaltenden Lerneffekt.
Und lies jeden Abend zwei bis vier Seiten in einem Buch über Intensivmedizin. Das dauert 10 Minuten, tut nicht weh und nach drei bis vier Monaten hast Du das Buch durch. Und hast Patient Blood Management verstanden.

Auch diese Liste lässt sich beliebig erweitern, es soll nur ein Denkanstoß sein.
Wie man einen Patienten auf der Intensivstation konkret untersuchen kann werde ich in einem der nächsten Blogposts erklären, für heute und für den ersten Tag soll das hier erstmal reichen.

PS: Ergänzungen und Erfahrungsaustausch von Fachpersonal (Pflege!!) sind willkommen und werden gerne eingepflegt!

Weiß weiß weiß sind alle meine Farben…

Ich habe ferngesehen und ich bin damit noch nicht ganz durch. 

Meinen Senf werde ich zu folgendem, hervorragend guten Film geben: 

37Grad –  Betrug im weißen Kittel, die vielen Lügen der Alexandra B.

Es geht um eine Hochstaplerin die sich aus vielfältigen Gründen dafür entschied auf kriminelle Art und Weise das Vertrauen anderer Menschen zu erschleichen und in einem Beruf zu arbeiten für den Sie nicht qualifiziert war.
Der Beruf des Arztes lockt viele eben immer noch aufgrund des vermeintlich hohen sozialen Ansehens und es gibt nicht wenige Beispiele von Möchtegernärzten. Sascha S., Denny H., Christian E…. die Liste ließe sich beliebig verlängern.
Jetzt zum Beispiel um die portraitierte Alexandra B.
Die Reportagereihe 37° ist ganz grundsätzlich ein hervorragendes Format und auch diese Folge reiht sich ein in die unendliche Liste aufmerksam recherchierter, dramaturgisch gut geführter, unaufgeregter Portraits außergewöhnlicher Lebenslinien.

Habt ihr die Reportage auch gesehen? Mich würde Eure Meinung dazu interessieren.

Wenn man sich dieses Portrait anschaut blickt man auf die Trümmer einer gescheiterten Existenz.
Ich war mir am Ende nicht ganz sicher ob die Protagonistin wirklich überschaut was sie da angerichtet hat. Ähnlich wie die Darsteller bei gescripteten Realityshows (Bauer sucht dies, Schwiegertochter etc.) die nach der Ausstrahlung ihrer ausgeschlachteten Lebensgeschichte vor einem Scherbenhaufen stehen habe ich hier den Eindruck, dass man diese offensichtlich kranke Frau vor sich selbst schützen müsste.
Es besteht überhaupt keine Einsicht darüber, etwas kriminelles getan zu haben.
Das Highlight dann als der Postzusteller und Möchtegernarzt die Möchtegernärztin interviewt und etwas von Psychodynamik faselt und ihr Verhalten als pathologisch einstuft.
Eigentlich kann man relativ wenig von dem was die Protagonistin erzählt so stehen lassen. Ich saß die längste Zeit mit offenem Mund vor dem Fernseher und musste über so viel Realitätsverkennung staunen. Sie bemitleidet sich in einer Tour und sieht überhaupt nicht welcher Schaden durch Sie angerichtet wurde. Mitnichten ist es so, dass keine Patienten zu Schaden gekommen wären. Das lässt sich so pauschal gar nicht behaupten. Es ist vielleicht kein Behandlungsfehler offensichtlich geworden, zumindest sind aber adäquate und etablierte Therapien verzögert worden. Das wäre noch die mildeste Variante der Patientenschädigung.

Ein anderer Aspekt hat mich nachdenklich gemacht.
Ich bin seit einer ganzen Weile bei einem namhaften deutschen Ärzteportal registriert und werde hierüber von Zeit zu Zeit als Honorararzt eingesetzt. In der Regel geht es hierbei um Notarztdienste. Diese Dienste werden manchmal sehr kurzfristig und per SMS vergeben. Eine Nachricht kommt dann zum Beispiel um 14:30 Uhr mit der Bitte um eine krankheitsbedingte Übernahme eines Notarztdienstes am Standort XY ab 16 Uhr.
Dem Auftraggeber blieben also noch genau 90 Minuten um zu überprüfen ob ich auch wirklich für diese Tätigkeit geeignet bin (Approbation und Fachkunde Rettungsdienst).
Laut geltenden Verträgen zwischen den Krankenhäusern und der Agentur verpflichtet sich die Agentur dazu die Dokumente zu überprüfen.
Ich habe bis heute nicht ein einziges Dokument an diese Agentur geschickt! Ich zahle einmal jährlich einen Mitgliedsbeitrag und dafür werde ich vermittelt. Da hat nie eine Überprüfung stattgefunden. Und wie effektiv diese Überprüfung läuft wenn es denn eine Überprüfung gibt kann man ebenfalls in obiger Reportage sehen.
Der Ärztemangel und die Notwendigkeit den Dienstplan zu besetzen spielt diesen Betrügern in die Hände.
Bei meinen drei letzten Arbeitgebern wurde die Approbation einmal von der Sekretärin unserer Abteilung kopiert. Darauf das Vermerk „im Original gesehen“ und fertig.
Ich befürchte dass da draußen noch etliche wenn nicht hunderte falsche Ärzte unterwegs sind. Die Hürden sind nicht hoch genug, der Einstieg wird sehr einfach gemacht und vor allem finden kaum bis keine Überprüfungen statt und die gemachten Überprüfungen sind zu unsicher.
Das Zertifikat meines an der Decke installierten Feuermelders hat ein Wasserzeichen und ein Hologramm (!), meine Approbationsurkunde ist auf Standardpapier ausgedruckt.
Ein Register zum Abgleich gibt es nicht.
Daran sollte man vielleicht dringend mal was ändern. 

Fernsehtipp (Feuer & Flamme, WDR)

Wer sich für Feuerwehr, Rettungsdienst und Notfallmedizin interessiert ist bestimmt schon längst drüber gestolpert. Ich bin ein großer Fan der Serie „Feuer & Flamme“, immer Montagabends 20:15 Uhr im WDR.
Begleitet wurde die Feuerwehr Gelsenkirchen über fünf Monate und es wurden über 1000 Stunden (!) Material gesammelt. Ein ansehnlicher und hochwertiger Mix aus Videoaufnahmen die unter anderem mit Drohnen oder Bodycams aufgenommen wurden bilden eine für Dokumentationen ungewöhnlich hohe Bildqualität.
Durch die Bodycams ist der Zuschauer nicht nur dabei, sondern mitten im Einsatz. Die Protagonisten sind genau der Schlag Feuerwehrmänner wegen derer ich so gerne bei der Feuerwehr als Notarzt mitfahre. Herzlich, zupackend, im richtigen Moment auch mal rau und immer mit vollem Einsatz dabei.
Ja, es sind tatsächlich fast ausschließlich Feuerwehrmänner dabei, das entspricht wohl dem Berufsbild welches immer noch zu selten von Frauen ergriffen wird.
Die Reportage ist unaufgeregt und relativ ungefiltert. Vom eigenen Erleben her kann ich sagen, dass ich selten mal eine Doku gesehen habe die so realistisch den Arbeitsalltag zeigt. Vom hochaufwändigen  Verkehrsunfall mit maximaler Schadenseinwirkung und vollem Materialeinsatz bis zum Fehlalarm zeigt die Doku sehr gut und vor allem repräsentativ die ganze Bandbreite. Auch die „Ich brauch mal jemanden zum Reden“-Einsätze die wir alle kennen.
Meine uneingeschränkte Empfehlung!
Alle Folgen auch in der Mediathek hier:

http://www1.wdr.de/fernsehen/feuer-und-flamme/index.html

Intubieren leicht gemacht – 3 Tipps und ein Trick wie es mit dem Atemweg klappt (Teil 1)

So, der Google-Eintrag wäre mir mit der Überschrift sicher 😉

Der folgende Eintrag ist sehr fachspezifisch und richtet sich daher primär auch an Fachpublikum.

3 todsichere Tipps wie die Intubation fast immer gelingt:
1) Schokokuchen backen
2) Anästhesie anrufen und fragen ob die es mal eben machen können
3) entspannt zugucken, hinterher gemeinsam den Kuchen vernaschen und den gelungen Plan feiern

Das Intubieren, also die Sicherung des Atemwegs über die Einlage eines sgn. Endotrachealtubus in die Luftröhre wird von manchen Anästhesisten als der heilige Gral ihres Fachs gehütet. Es wird in Anwesenheit fachfremder Mitarbeiter (Praktikant, Internist, Rettungsassistent…) stets ein großes Buhai darum gemacht. Furchtbar kompliziert, kann als Nicht-Anästhesist quasi nicht klappen, man braucht 3 Trilliarden Inkubationen um den einfachen Atemweg zu beherrschen… ist klar.

Ich sage immer – die Intubation als handwerkliche Fähigkeit kann man einem Toastbrot beibringen, das Toastbrot muss es nur 1000 Mal machen. Ja, es ist einfach eine Übungssache. Man braucht für eine optimierte Laryngoskopie und die erfolgreiche Intubation noch nicht mal ein Medizinstudium.
Das eigentliche Problem (hört hört!) ist ein ganz anderes. Die Patienten sterben nämlich lange bevor sich der Hobby-Intubateur/Intubateuse an die Stimmritzen machen kann. Der Patient hat zu wenig Schlafmittel, kein Relaxans, vielleicht auch zu wenig Schmerzmittel und dann fängt er an zu würgen und übergibt sich. Der Sauger ist nicht vorbereitet (wer hat heute den Zimmer-Check gemacht?? Da war doch alles abgehakt?), der Patient aspiriert.
Oder er hat zu viel Schlafmittel/Schmerzmittel und die Katecholamine laufen nicht mit. Dann ist kein Arterenol aufgezogen, der Patient wird langsam, bleibt stehen, es wird reanimiert.
Manni der LKW-Fahrer stemmt die Hände in die Hüfte und sagt – na, merkste watt?
Die Intubation ist deshalb so ein risikoreiches und minenübersätes Kampffeld weil es so viele Fallstricke drum herum gibt.

Die Patienten die auf der Intensivstation oder im Rettungsdienst wirklich intubationspflichtig sind oder intubationspflichtig gemacht werden sind wirklich krank. Wenn die einen Tubus brauchen, dann brauchen die einen Tubus. Ein Nicht-gelingen der Intubation ist fast regelhaft mit dem Ableben oder einer Reanimationssituation verbunden.
Das bedeutet maximalen Stress bei allen Beteiligten. Wenn man dann nicht optimal vorbereitet ist, kann das Projekt nur scheitern.

Mein Rat daher: macht eine Checkliste, bereitet Euch vor, entwickelt einen Plan B, bereitet diesen auch vor, kommuniziert miteinander.
Oder so:

1) Plan mit allen (Pflege/Rettungsdienst) kommunizieren
2) Plan vorbereiten (der eingesprühte Tubus nebst Laryngoskop ist kein vorbereiteter Plan!)
3) Plan B (z.B. Larynxtubus! Larynxtubus! Larynxtubus!!) mit allen kommunizieren
4) Plan B vorbereiten
5) Kommunikation!

Über allem steht:
Überleben geht vor Analgesie geht vor Amnesie geht vor Narkose!

Zur Vorbereitung empfehle ich:

  • zwei sichere, periphere VENENZUGÄNGE, 500ml Vollelektrolytlösung rasch infundieren
  • Patient kopfwärts ziehen, LAGERUNG optimieren!, Intubationskissen ggf. Handschuhbox unter den Kopf, Kopfteil erhöhen
  • Zahnersatz / Kaugummi o.ä. raus
  • Monitoring mit PULSOXYMETRIE (Ton an!), EKG, NIBP (1-minütlich!) oder„Radialis-Monitoring“ per Hand durch Assistenz, CO2-Sensor bereit
  • ABSAUGUNG rechts und LARYNGOSKOP mit Spatel links vom Kopf des Patienten griffbereit, Stethoskop vorhanden
  • Ileus? Dann MAGENSONDE legen und unter Sog entfernen
  • Endotrachealtubus (+ eine Größe kleiner) & Führungsstab / Gum-elastic-Bougie & Blockerspritze vorhanden
  • RRsys < 100mmHg vor Intubation dann jetzt präemptiveSTABILISIERUNG mit laufendem NA-Perfusor
    • Beatmungsbeutel mit Reservoir, O2-Fluss maximal
    • PRÄOXYGENIERUNG, ggf. CPAP, > 3 tiefe Atemzüge
    • Intubationsplan und -procedere im TEAM kommuniziert• PLAN B : Guedel / Wendeltubus, Larynxtubus / Intubations-LMA vorhanden und„Plan B“ mit dem Team kommunizieren!
  • Medikamente spritzen in der Reihenfolge:
  • Analgetikum (wirken lassen) > Sedativum > Relaxans > 20ml NaCl-Bolus hinterher >  Intubation & Blockung
  • Auskultation (Epigastrium dann infraclaviculär re. & li.)
  • kommt CO2?
  • Fixierung, ggf. Bronchoskopie / Sekretfalle

Und was nimmt man da so an Medikamenten Narkosearzt?
Zum Beispiel diese hier:

(Es handelt sich hier um einen VORSCHLAG! Medikation für Erwachsenen von ca. 70kgKG, ggf. individiuelle Dosisanpassung beachten!)

• Atropin, Akrinor und Noradrenalin (z.B. Arterenol) bereithalten ggf. präemptiv stabilisieren (s.o.)

• 20 mg Etomidat i.v. ODER 2 – 5 mg Midazolam (z.B. Dormicum)

• 150 mg Ketamin oder 75 mg Ketamin-S i.v.

• 70 mg Esmeron (oder 100mg Succinylcholin i.v. aber „Sux sucks“ und CAVE mit den vielen KI für Succi!)

Männer: Spatel Gr. 4, ETT 8.0, Eindringtiefe bei Zahnreihe 22cm Frauen: Spatel Gr. 3, ETT 7.0 Eindringtiefe bei Zahnreihe 20cm


Ihr seht, die eigentliche Intubation ist nur ein kleiner Beitrag zu einer sehr anspruchsvollen Prozedur. Das Begleitwerk, die Narkose, das richtige Katecholaminmanagement und natürlich die Therapie der Grunderkrankung ist ein hochkomplexer Vorgang. Und überall wo es komplex ist können sich Fehler und damit verbundene Gefahren einschleichen.
Mir ist kein Toastbrot bekannt, was diesen Themenkomplex sicher beherrscht und das ist auch gut so, somit haben wir von der Gas-Wasser-Drogen-Front auch weitere eine stabile Auftragslage.
In diesem Sinne, schlafen Sie gut,

der Narkosedoc

Kommsereinkönnserausgucken. Das erste Mal auf der Intensivstation.

Ich gehe mal davon aus, dass die allermeisten noch nie auf einer Intensivstation waren. Höchste Zeit mal eine paar Informationen dazu zu geben, was da so passiert. Vielleicht erspare ich dem einen oder anderen dafür ein wenig Stress.
Es ranken sich viele Mythen, Halb- und Unwissen um die Station hinter den milchglasbeschichteten Doppeltüren.
In den Niederlanden ist es daher in vielen Kliniken üblich, dass man vor großen Operationen (Prothesenimplantationen, kardiochirurgische Eingriffe etc.) mit den Patienten gemeinsam die Intensivstation besucht, auf der sie im Anschluss an die Operation wach werden.
Dies nimmt bereits im Vorfeld ganz viele diffuse Ängste weg, erleichtert aber auch vielen das Gespräch über eigene Vorstellungen eines selbstbestimmten Heilungsprozess (> Patientenverfügung).

Vor dem ersten Besuch steht die Frage nach den Besuchszeiten. Manche Intensivstationen sind immer zugänglich, andere bieten Kernbesuchszeiten an. Alle haben gemeinsam, dass man erstmal klingeln muss. Wir möchten nicht, dass andere Besucher Deine Mutter/Schwester/Tochter nackt sehen. Wir möchten auch wenn ein Patient abgeführt hat, dass erstmal wieder alles sauber gemacht wird, bevor der Besuch reinschneit. Dafür spielt es auch keine Rolle ob der Patient im Koma liegt oder nicht.
Überhaupt, Würde. Ein großes Wort. Sie zu erhalten ist eine Kunst, eine stetige Herausforderung und Aufgabe eines jeden Mitarbeiters.
Manchmal muss man priorisieren, Überleben geht z.B. nun mal vor Würde. Um bestmöglich helfen zu können müssen wir Menschen manchmal sehr schnell und komplett entkleiden. Bei einem Kreislaufstillstand müssen ggf. Katheter an Hals und/oder Leiste eingeführt, Drainagen in den Brustkorb eingebracht und Klebeelektroden auf Brust und Rücken angebracht werden. Deshalb gibt es für Vatti auch keinen schönen Trainingsanzug sondern das beliebte One-size-fits-all-Hemdchen. Für Kinder mit Clowns und Teddybären drauf. Für Vatti mit langweiligen Mustern (wer entwirft eigentlich sowas geschmackloses?).

Solange der Patient nach einer Operation wach ist, selbständig atmet und nur ein bißchen überwacht werden soll ist der Aufenthalt erstmal nicht viel anders als auf der Normalstation.
Anders als auf der Normalstation ist vielleicht der Monitor. Auf dem Monitor ganz oben ist eine grüne, zackige Linie – das EKG – und die zeigt uns an, dass es im Herz eine Aktivität gibt. Daneben steht noch eine Zahl z.B. 80 das entspricht in etwa dem Puls.
Ob diese Aktivität auch einen Effekt hat sieht man am Blutdruck. Dieser ist entweder eine fortlaufende (meist rote) Kurve und entspricht dem von Herzschlag zu Herzschlag gemessenen Blutdruck. Quasi eine Live-Übertragung. Das geht über einen kleinen Plastikkatheter, meist an der Handgelenksinnenseite oder in der Leiste.
Alternativ gibt es auch eine Blutdruckmessung über eine Blutdruckmanschette. Alle paar Minuten wird die Manschette aufgepumpt und lässt den Druck wieder ab und gibt diesen Blutdruck auf dem Monitor aus.  Zum Beispiel als „120/80 mmHg“.
Dann gibt es noch einen Clip auf einem der Finger (oder am Ohr oder an der Nase…) über den wir den prozentualen Sauerstoffgehalt im Blut messen können. Zum Beispiel als „99 %“.
Für jeden dieser Werte geben wir Grenzen ein.
Die Computer hinter den Monitoren vergleichen konsequent die gemessenen Werte mit den hinterlegten Grenzen. Die Grenzen können wir anpassen. Was für ein Kind normal ist, kann für einen Erwachsenen schon auffällig sein und umgekehrt.
Grundsätzlich stellen wir die Werte sehr großzügig ein. Ein Warnton bedeutet erstmal fast nichts. Es kann ein „Ist das in Ordnung?“ sein oder auch ein „Ich kann gerade keine Werte mehr messen“ bedeuten, z.B. weil der Clip vom Finger gerutscht ist.
Es gibt auch unterschiedliche Stufen von Alarmen. Tertiäralarme, Sekundäralarme, Primäralarme, Arrhythmiealarme oder auch Asystoliealarme. Alarm ist nicht gleich Alarm.
Dementsprechend entspannt darf man als Patient oder Besucher eben auch sein, wenn es am eigenen Bett bimmelt. Ihr könnt darauf vertrauen – wenn es wirklich wichtig ist, sind innerhalb von Sekunden mehrere Fachkräfte am Bett.
Es ist nicht nötig zu der Pflegekraft hin zu gehen und auf den Alarm aufmerksam zu machen. Wirklich nicht. Wir hören das und kommen gucken, wenn es von Relevanz ist.

Das erklärt auch den allgemeinen Lärmpegel auf einer Intensivstation. Beatmungsgeräte, Monitore, Dialysegeräte. Alle wollen uns was mitteilen und das bei zehn, manchmal zwanzig oder mehr Patienten. Dazu die Gespräche unter den Ärzten und Pflegenden, die Telefonate, Schubladen und Tastaturen.
Lärm ist ein großes Problem auf Intensivstationen, denn es bedeutet Stress für die Patienten und die Mitarbeiter. Lärm lässt sich nicht immer vermeiden, wir versuchen ihn aber auf ein Minimum zu beschränken.

Die Desinfektion der Hände ist auch noch ein wichtiger Punkt. Vor dem Besuch auf der Intensivstation ist der Besuch fast wichtiger als nach dem Besuch. Du hast zuhause gerade noch ein Stück Geflügelfleisch zu kleinen Streifen geschnitten? Dann bist Du soeben zum Überträger von MRSA, MRGN und vor allem ESBL-Bakterien geworden. Hochresistente Bakterien, die unseren Patienten das Leben schwer machen. Diese zu Unrecht als „Krankenhauskeime“ bezeichneten Krankheitserreger wurden in der Landwirtschaft gezüchtet, von Landwirten, Schlachtern und Tierärzten als Patienten ins Krankenhaus gebracht und überleben dort in einem stetig vorhandenen Pool von geschwächten, chronisch kranken Patienten.
Besodners an Türklinken aber auch auf fast allen anderen Oberflächen überleben diese Bakterien und werden vor allem per Handschlag weitergegeben.
Ich empfehle die Lektüre der Links. Vermeidet Halbwissen und schafft Grundlagen für den nächsten Party-Smalltalk über die schlimmen Krankenhauskeime.
Deshalb beim Betreten des Krankenhauses, vor dem Betreten der Intensivstation, nach dem Verlassen der Intensivstation und am besten auch nochmal am Ausgang die Hände desinfizieren.

Habe ich noch was vergessen?
Fragen gerne in den Kommentaren, Antworten dazu vielleicht in einem weiteren Beitrag.
Grüße von der Intensiv schickt,

der Narkosearzt

Weihnachten auf der Intensivstation und im OP

Wie ist es eigentlich Weihnachten so auf der Intensivstation? Oder im OP? Kann man da froh und munter sein? Man kann.
Es ist eine verschworene Gemeinschaft. Das besondere an der Heiligabend-Krankenhaus-Gemeinschaft ist die Auslese. Nimm die Chefärzte und die Oberärzte weg und setz sie bei Muttern an den gedeckten Weihnachtsschmaus-Tisch. Dann nehmen wir all die Putzfeen weg, die Saubermänner, die Logistiker, die Müllfahrer, die Heizungsinstallateure, Maler und Lackierer und sonstigen fleißigen Helferlein. Ein Notdienst oder gar Feiertagsarbeit ist tariflich nicht vorgesehen, also ab unter den Weihnachtsbaum zuhause. Schon in den Tagen vor Weihnachten werden die Patienten großzügig rausgeschmissen entlassen. Am 22. verlassen nach der Visite die selbständig gehenden das Krankenhaus, am 23. werden dann die mit Gehhilfe rausgefegt und am 24. rollen die Krankenfahrstühle (a.k.a. „Rolli“) durch den Ausgang. Hauptsache irgendwie zu Weihnachten zuhause. Kein Beatmungsschlauch im Mund? Schmerzen irgendwo unterhalb von Frisch-amputiert? Dann nichts wie ab! Nach! Hause!
Sekretärinnen schließen die heiligen Vorzimmer ab, der Pfarrer schließt die Gemeinde in seinen Segen ein und dann die Türen zu.
Und dann ist Ruhe.
Auf der Seite der Patienten bleibt also nur noch die Crème de la Crème der Bodensatz übrig. Die, denen es wirklich schlecht geht.
Und auf Seiten der Arbeitnehmer werden Pflegekräfte und Ärzte auf das unbedingt notwendige Mindestmaß zusammengestrichen. (Also im Grunde genommen so wie immer, aber das ist ein anderes Thema).
Und so sitzen wir da und sind alle an einem Ort, an dem wir nicht sein wollen, aber sein müssen. Es wird dunkel, die Kerzen sterilen LED-Imitate flackern fast schon besinnlich vor sich hin und dann kommen entgegen jede Regel doch noch Freiwillige. Nämlich diejenigen, die tatsächlich in den letzten Wochen vor Weihnachten Lieder geübt (!) haben. Sie ziehen von Station zu Station, treffen sich vor dem Schwesternzimmer und Patienten werden in Betten und mit Sauerstoff auf den Flur geschoben um dabei sein zu können. Und dann werden zwei oder drei Weihnachtslieder gesungen und für einen Moment liegt eine ganz besondere Stimmung in der Luft. Eine Stimmung die einen Geschmack davon gibt, dass es wichtigere Dinge gibt als den Grexit oder Obergrenzen für Klimaerwärmung und Flüchtlinge. Es würden sich viele Probleme lösen lassen, wenn es mehr solcher Momente gäbe. Weniger Distanz und mehr gemeinsames Singen. Kann ruhig schräg sein.

Davon ab ist es meistens einer der ruhigsten Dienste. Die wenigen Notfälle sind dann auch echte Notfälle und selbst von denen finden nur wenige den Weg als Neuaufnahme auf die Intensivstation. Denn wer es irgendwie noch schafft, schleppt sich bis zum 1. Weihnachtstag – was im Regelfall dann logischerweise ein sehr arbeitsreicher Dienst ist.

Und bei aller Ernsthaftigkeit, Professionalität und fachgerechten Durchführung der Eingriffe muss ein wenig Spielraum bleiben um diesem besonderen Moment  ein Augenzwinkern zuwerfen zu können. 

Frohe Weihnachten! Und – singt mal wieder ein Weihnachtslied!

Der Narko-hohoho-sedoc

#1000 Tode

„‘Tausend Tode schreiben’ ist ein groß angelegtes Projekt. Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.

‘Tausend Tode schreiben’ ist ein work in progress. Eine weitere Version folgt am 16.2.2015 (3/4), die endgültige und vollständige Fassung (4/4) erscheint am 13.3.2015 zur Leipziger Buchmesse. Käufer*innen älterer Versionen der ’1000 Tode’ bekommen die jeweils neuen gratis per E-Mail. 

Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.“

Zitat: 1000 Tode schreiben auf http://www.minimore.de

Mein Beitrag:

Einer von 1000 Toten

Der Tod ist eine feste Konstante meiner Arbeit als Intensivmediziner.
Manchmal ist er ein effektiv agierender Gegner den wir erfolgreich bekämpfen. Manchmal ist er der nicht eingeladene Gast auf einer Party die wir gerne unter uns weitergefeiert hätten. Selten macht man ihm die Tür auf und bittet ihn herein.
In jedem Fall ist sein Erscheinen mit vielen Emotionen verbunden.

Ich habe kleine Kinder und sehr alte Leute sterben sehen. Notare, Pfarrer, den steinreichen Metzger und die bettelarme an der Gesellschaft gescheiterte Drogenabhängige. Menschen mit Lungenkrebs, Lungenentzündung, Blutvergiftung, Herzinfarkt und Hirnblutung. Den meisten ist es vergönnt in Anwesenheit der sie liebenden Familie auf die letzte Reise zu gehen.
Viel zu viele sterben alleine.
Dann stelle ich mich als der sie behandelnde Arzt ans Bett und halte die Hand. Auf der anderen Seite steht die betreuende Pflegekraft.
Ich spreche für mich und für den gerade sterbenden Menschen ein Gebet. Im EKG sieht man ein paar letzte elektrische Entladungen so individuell wie ein Fingerabdruck. Die Menschen wissen nicht mehr wie es aussieht wenn jemand stirbt. Der Sterbeprozess ist sehr individuell, vieles aber ist gemeinsam. Das Brodeln des Lungenwassers in den Lungen und das für Außenstehende beängstigende Schnappen nach Luft. Alles Dinge die der Mensch nach allem was wir wissen nicht mehr mitbekommt. Dennoch geben wir großzügig Morphin, ein Medikament was abschirmt, Schmerzen auslöscht, Luftnot und Angst wegnimmt.
Wir schließen dann die noch offenen Augen nachdem der letzte Herzschlag geschlagen ist. Machen den Monitor aus. Falten die Hände. Machen eine LED-Kerze an weil offenes Feuer von der Brandschutzordnung verboten ist. Die Pflegekraft macht die Türen auf, damit die Seele auf die Reise gehen kann.
Ich schreibe den Totenschein und vollführe den letzten bürokratischer Kraftakt im fünffachen Durchschlag eines gelebten Lebens. Original grün, einmal umschlagen, auf der pinken Seite weiter, ein gelber, ein weißer und ein blauer Durchschlag.
Ein letzter Blick auf die Leiche und die beginnenden Totenflecken als Zeichen des sicheren Todes. Der Patient verbleibt mindestens zwei Stunden auf der Intensivstation. Sicher ist sicher.
Dann ziehen wir das Bettlaken über den Kopf. Es sollen keine anderen Patienten oder Mitarbeiter des Hauses irritiert werden. In der Kühlkammer suchen wir eine freie Box, geben den Schlüssel gemeinsam mit dem Totenschein beim Pförtner ab von wo aus der Bestatter sich wiederum alles abholt und seinen Part erledigt.

Ich würde mir wünschen, dass wir den Tod als etwas normales begreifen. Etwas das untrennbar zum Beginn eines Lebens dazu gehört.
Früher wurde bei Schwangerschaften etwas von „guter Hoffnung“ genuschelt. Geboren und gestillt wurde ganz heimlich. Seit einiger Zeit gibt es sogar Geburtsfotografen die ganze Reportagen von diesem tollen Ereignis machen.

Wir sollten beim Tod umdenken lernen, man kann sehr viel Gutes vom Ende des Lebens lernen.