Politik und Propofol

Venlafaxin, Lamotrigin, Candesartan, Unacid. Diese Medikamente haben eigentlich nichts gemeinsam, außer dass es für sie alle schon mal einen Lieferengpass gab. Lieferengpass ist dabei ein Euphemismus, eine Schönfärberei, denn tatsächlich waren diese Medikamente über mehrere Wochen überhaupt nicht lieferbar.
Es gibt unter der Gelben Liste eine ständig aktualisierte Liste mit Medikamenten die aktuell schlecht oder gar nicht lieferbar sind.
Gründe dafür gibt es viele, manchmal brennt die einzige noch produzierende Firma das Herstellers ab, mal gibt es Kontaminationen und ganze Chargen werden zurückgerufen. Viele Engpässe sind das Resultat eines globalisierten Marktes der weitestgehend unreguliert eben den Gesetzen von Angebot und Nachfrage folgt.
Dabei sind Interessen und Belange von Patienten eher nachrangig. Vorrangig geht es um Effizienz, Kostenersparnis und einen möglichst maximalen Gewinn. Pharmakonzerne sind vor allem Unternehmen die in erster Linie ihre Aktionäre zufrieden stimmen sollen oder auch die dahinter stehenden absurd reichen Familien wie die Wirtz-Familie (2,5 Mrd. € geschätztes Vermögen, Grünenthal Pharma und andere) noch reicher machen sollen.
Falls möglich schmücken sie sich dabei gerne mit dem Image der Heilsbringer. Menschen zu heilen ist ja eine sehr ehrenrührige Sache, damit schmückt man sich gerne.
Wenn also die Produktion auf maximale Effizienz getrimmt wird – zum Beispiel indem man statt mehrerer, ausfallsicherer Standorte nur noch an einem einzigen Standort produzieren lässt – kann es eben auch zu Ausfällen kommen.
Manchmal aber – und das ist fast noch am schlimmsten – weiß man die Gründe gar nicht so genau. Das ist im Moment der Fall für Propofol. Propofol ist das wahrscheinlich  wichtigste Narkosemedikament. Es gibt kein Medikament was mehr mit einem Berufsbild verknüpft ist. Ein Anästhesist ohne Propofol, das ist wie ein Chirurg ohne Messer. Ein guter Anästhesist kann Narkose auch mit anderen Medikamenten machen, manchmal gibt es auch gute Gründe warum wir primär gar kein Propofol einsetzen. Zum Beispiel bei einer bekannten Allergie, zur eiligen Sectio bei einer Schwangeren oder auch beim schwer herzkranken Patienten bei dem die gefäßerweiternde (entspannende…) Wirkung des Propofols vermieden werden soll.
Wenn wir aber die Wahl haben, würden wir immer Propofol nehmen. Es ist uns sehr vertraut, kein Medikament spritzen wir häufiger. Es macht ein schönes Einschlafen, ist sicher steuerbar, hat nur wenige und dabei sehr gut beherrschbare Nebenwirkungen.
All dies macht Propofol zu dem Medikament in der Anästhesie.
Ja, wir können auch mit Alternativen umgehen und Narkose kann man auch relativ problemlos ohne Propofol machen. Die Alternativen haben aber teils erhebliche Nebenwirkungen die wir nur ungern in Kauf nehmen.
Kommt es zu einem längerfristigen Lieferengpass werden wir Alternativen auch bei Patienten wählen müssen, bei denen wir gar keine Alternativen wollen.
Midazolam als Alternative für die Langzeitsedierung auf Intensivstationen hätte dort massive Nachteile. Es hat eine viel, viel längere Halbwertszeit, es reichert sich auch in geringer Dosis in enormen Mengen im Körper an. Dieser Effekt ist noch vermehrt bei älteren Patienten – dem Großteil unseres Patientenkollektivs auf der Intensivstation. Ganz vereinfacht gesagt würden Patienten letztendlich deutlich länger auf Intensivstationen liegen, wir würden die Patienten schlechter wach bekommen, hätten mehr Langzeitbeatmete. Das ganze bei ohnehin schon knappen Intensivkapazitäten wäre zumindest suboptimal.
Für fast jedes Medikament gibt es Alternativen, die wir im Notfall auch nutzen werden müssen. Was bleibt uns auch sonst übrig?
Wir werden entweder mehr oder weniger zähneknirschend auf Medikamente wie Midazolam, Ketamin oder auch Thiopental (was übrigens schon seit über einem Jahr kaum lieferbar ist) zurückgreifen.
Gibt uns der Körper des Patienten vor, dann akzeptieren wir das und finden einen anderen Weg. Das ist unsere Aufgabe als Ärzte, dafür sind wir ausgebildet.
Es fällt schwer zu akzeptieren, dass wir Ärzte uns in unserer Therapiefreiheit auch den wirtschaftlichen Gesetzen eines globalisierten Marktes unterwerfen müssen.
Als das @twankenhaus darüber twitterte war die Empörung groß.
Da wird dann auf die raffgierigen Pharmaunternehmen geschimpft und dass @jensspahn endlich mal aktiv werden solle. Ein Einsatz für !!1!1! und Großbuchstaben. Das sind dann aber auch meist die gleichen, die schimpfen weil sie ja sowieso schon jeden Monat so hohe Beiträge an die Krankenversicherung zahlen.
Wir wollen alle möglichst billig einkaufen und möglichst viel Geld auf dem Konto haben. Darin unterscheiden wir uns nicht im geringsten von genau den Konzernen die wir anprangern. Pharmakonzerne existieren nicht aus Uneigennützigkeit, sie dienen nicht dem Humanismus sondern dem Kapitalismus.
Wenn wir mehr Sicherheit in der Versorgung, akzeptable Arbeitsbedingungen und eine allgemein bessere Versorgungsqualität im Gesundheitssektor wünschen, dann müssen wir dafür bezahlen. Es ist eine Frage der Prioritäten und im Moment und eigentlich seit mindestens 15-20 Jahren scheinen die Prioritäten eben woanders zu liegen. Wir haben das System alle gemeinsam kaputt gespart und lange durch erheblichen, persönlichen Einsatz, durch Überstunden und mit überdurchschnittlichem Engagement bis hin zum burn-out am Leben gehalten. Wir haben kompensiert und neutralisiert, sind von Feuer zu Feuer gerannt und haben versucht die kleinen und großen Brände zu löschen. Und all die aufreißenden Löcher, die wir über viele Jahre noch flicken konnten reißen nun immer weiter auf. Wir kompensieren nicht mehr, wir akzeptieren und resignieren. Längst schon sterben Menschen weil wir Intensivkapazitäten absagen müssen. Wir sagen „wir haben keinen Platz“ und meinen „wir haben Platz aber kein Personal“.
Und jetzt haben wir eben auch teilweise keine Medikamente mehr.
Jemand sagte mal heute wären die guten alten Zeiten, von denen wir in 20 Jahren sprechen werden. Ich möchte mir nicht vorstellen, was das konkrete bedeutet. Allmählich beginne ich aber zu verstehen, was das in Zukunft bedeuten könnte.

Nachtrag:
Wenn ich mal meine bescheidene Meinung als hier in Deutschland praktizierender Arzt äußern darf – es wäre schön, wenn die große Politik in Berlin und der kleine Mann am Kiosk sich mal langsam den wirklich wichtigen Themen zuwenden könnte.
Wenn man schon nicht aus eigentlich selbstverständlichen, humanistischen Gründen Geflüchtete willkommen heißen mag, dann vielleicht aus einer ganz egoistischen Motivation. Wir haben tausende offene Stellen im Gesundheitssektor und es wäre uns allen sehr damit geholfen, wenn wir Fachkräfte gewinnen. 
Ob es denen da Rechtsaußen passt oder nicht, aber diese Fachkräfte können und werden nicht nur aus Deutschland kommen. Ein wichtiger Anfang wäre deshalb schon mal damit gemacht, wenn wir als Land für Fachkräfte attraktiv werden. 
Wir können also selbst entscheiden ob wir unsere Energie in Gastfreundschaft oder in Hass und Hetze investieren. Ob ausländische Fachkräfte nach Deutschland kommen und hier bleiben wollen, hängt nämlich vor allem sehr davon ab, welches Bild wir nach außen vermitteln und im Alltag leben.
Es wird nicht ohne Folgen bleiben, wenn wir so arrogant und dumm bleiben, dass wir denken, dass alle hier in unser tolles Deutschland kommen wollen und nur wir mit dem goldenen Stempel entscheiden wer kommen und bleiben darf und wer nicht.
Das ist mitnichten so.
Wer sich beispielsweise mal mit syrischen Ärzten unterhält, wird sehr schnell merken, dass es neben Deutschland viele andere attraktive Länder gibt. Ein Kollege von mir hat Angst um seine Frau und seine Kinder. Er berichtet über fast tägliche rassistische und ausländerfeindliche Anfeindungen gegen seine Familie. In der Klinik wird er respektiert, privat erlebt er Ausgrenzung und Isolation.
Wir halten uns bereits für ganz großartige Menschen wenn wir Toleranz und Akzeptanz leben. Dabei brauchen wir nicht weniger als ein Umdenken um 180°.
Nicht „die“ brauchen uns, sondern wir brauchen „die“!
Propofol kann man ersetzen, dafür gibt es Alternativen.
Fehlende Fachkräfte kann man nicht ersetzen.

E-Überall

„Das Reisen mit der Eisenbahn bei hohen Geschwindigkeiten ist nicht möglich, da Passagiere nicht in der Lage wären zu atmen und erstickten.“

Dionysys Lardner

(1793 – 1859), irischer Physiker, Mathematiker und Enzyklopädist

E-Scooter, E-Fahrräder, E überall.
An manchen Kliniken sind selbst die Fahrgestelle für die Trage vom Hubschrauber mittlerweile elektrisch motorisiert. Die Anhöhe zur Klinik hoch zu schieben ist plötzlich auch im Hochsommer gar kein Problem mehr.
Die Digitalisierung bringt uns viel Neues, auch neue Wörter. Smombies zum Beispiel. Menschen die wie ein Zombie fremdgesteuert durch ihr Smartphone in der Gegend umherirren. Smombies eben.
Und wenn dann so ein Smombie auf einen der unerfahrenen E-Scooter-Touristen treffen die sich hier in der Stadt tummeln, dann ist der Unfall vorprogrammiert.
Erstmal sind E-Scooter Fahrzeuge mit denen man am Straßenverkehr teilnehmen kann. Das kann man mit Turnschuhen auch. Was sie unterscheidet ist, dass sich mit wenig Aufwand, fast unhörbar relevante Geschwindigkeiten erreichen lassen bei denen auch höhergradige Verletzungsmuster möglich sind – insbesondere wenn die Unfallgegner ein Auto fahren oder als Fußgänger unterwegs sind.
Und weil das neu ist und weil es neue Unfallmuster gibt und der Deutsche allem Neuen gegenüber erstmal prinzipiell skeptisch ist wird das verteufelt was da auf uns zukommt.
Tatsächlich muss man erstmal abwarten ob es wirklich so viel mehr Unfälle gibt. Vielleicht ist es nur eine Umstellung, vielleicht müssen wir einfach mal mehr aufeinander achten und Rücksicht nehmen. Diese Forderung kommt nicht vom Bundespräsidenten sondern von der DGU, der deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie.
Im Moment hagelt es Pressemeldungen sobald jemand mit einem E-Scooter verunfallt. Die neue E-Mobilität polarisiert. Kein Käseblatt hätte berichtet, wenn dieser Unfall (41J. weiblich mit E-Scooter, falsche Richtung bei Rot über die Straße…) mit einem Fahrrad passiert wäre.
Da steht dann „Schwerer Unfall mit E-Scooter“. Man hätte auch was anderes schreiben können. Sowas wie „Schwerer Unfall nach Rotverstoß – Frau fährt auf der falschen Straßenseite und wird von PKW erfasst“. Andersherum ist es aber spektakulärer. Und weil es so nicht nur im Hamburger Abendblatt steht, sondern auch noch in 30 anderen Zeitungen und Onlinemeldungen erscheint es uns wichtig. Potzblitz, schon wieder ein Unfall mit einem E-Scooter. Schlimm diese Dinger.
Im DLF hat mal ein Soziologe dieses Phänomen gut auf den Punkt gebracht. Unsere Wahrnehmung und die Verarbeitung von Informationen funktioniert immer noch wie früher als wir in einem Dorf mit 500 Leuten gelebt haben. Die Reichweite hat sich geändert, die ganze Welt und alles Spektakuläre was in der Welt passiert kommt auf unseren Fernseher, auf Smartphone per Push-Nachricht direkt auf den Desktop und ploppt auf dem Sperrbildschirm auf. Das Dorf ist groß geworden, wir halten uns für aufgeklärt und global denkend, unsere Wahrnehmung bleibt die eines Bauern im 500-Seelen-Dorf.
Ich erinnere mich mit viel Mühe an zwei oder drei Unfälle mit Bezug zur E-Mobilität. Allesamt Rentner, allesamt E-Bikes und einmal wegen schwerer Alkoholintoxikation (nach Sturz mit E-Bike) und zwei Mal mit Antikoagulation (nach schwerem Sturz mit E-Bike) bei uns im Schockraum gelandet. Kein einziger E-Scooter-Unfall, weder im RTH, noch als Notarzt oder als Anästhesist im Schockraum. Also habe ich mal mit unseren Chirurgen gesprochen und selbst die finden, dass das für sie keine konkrete Relevanz hat.
Das ist sicher alles nicht repräsentativ und man muss da vor allem mal zukünftige Statistiken abwarten ob das wirklich alles so schlimm ist. Man muss dann mal die Gesamtzahl der Verletzungen in Verhältnis zu den gefahrenen Kilometern, zur Anzahl der Einwohner setzen und so weiter. Ein Unfall pro Woche oder auch 20 Unfälle am Tag heißen für sich erstmal gar nichts.
Für den Moment lässt sich aber sagen, dass wir hier in einem der größten Unfallkrankenhäuser mit großem notfallmedizinischen Schwerpunkt bisher keine bis kaum merkliche die Auswirkungen der E-Mobilität spüren.
Mich nerven auch die Touris, die den E-Scooter zu zweit auf der falschen Straßenseite fahren. Die sind für 1-2 Tage in der Stadt, wollen das mal testen und genau so sieht das auch aus. Klar, das nervt die Anwohner aber ich denke, dass das ein Hype ist der sich dann auch irgendwann legt wenn jeder mal so ein Ding gefahren ist.
Ehrlich gesagt wundere ich mich schon, dass wir nicht mehr relevante Kopfverletzungen haben. Gefühlt fahren 90% ohne Helm und gefährlich ist beim Roller vor allem, dass der Schwerpunkt anders als beim Fahrrad sehr viel weiter vorne liegt. Bei einer Vollbremsung muss man sich also nach hinten lehnen um zu verhindern, dass der E-Roller nach vorne umkippt.
Ich werde das mal hier zur Wiedervorlage setzen und in einem Jahr erneut berichten. Dann wird es wahrscheinlich niemanden mehr interessieren, aber manchmal ist das ja auch ganz gut zu sehen, was aus so vermeintlichen Aufregerthemen wurde.
So wie damals die Horden von BSE-Zombies, die befürchtet wurden. Aber vielleicht kommt das ja auch noch.

Spahn macht Ernst.

Was wie eine neue Rubrik des NEO MAGAZIN ROYALE klingt ist vielleicht das neue große Ding aus Berlin. Jens Spahn hat sich die Betreiber von Beatmungsheimen und sogenannten Beatmungs-WGs vorgenommen.
Und ich finde das richtig gut.

Das Thema ist seit Jahren (SPIEGEL-Artikel von 2017, Welt 2012) überfällig und eigentlich eher ein alter Hut. Weil sich aber niemand so richtig an dieses heiße Eisen getraut hat, konnten seit den 90er Jahren zunehmend geschäftstüchtige Anbeiter Beatmungs-WGs aufbauen.
Die Krankenhäuser haben sich gefreut, weil sie endlich ihre lästigen dauerbeatmeten Patienten los werden die von den Reha-Kliniken abgelehnt wurden. Die Betreiber der Beatmungs-WGs haben sich gefreut, weil sie an jedem der Patienten richtig viel Geld verdienen. Und die Krankenkassen haben brav bezahlt.
Verlierer ist die Allgemeinheit, die die Kosten tragen muss.

Wer wissen will worum es da geht darf sich gerne mal hier zu „Beatmungs-WG“ belesen. Der Fachausdruck dafür lautet übrigens außerklinische Intensivpflege und damit kann man eine Menge Geld verdienen.
20.000€ im Monat sind viel Geld und die sind auch gerechtfertigt – wenn, ja wenn man Intensivpflege außerklinisch auch mit dem nötigen, personal- und materialintensiven Aufwand betreibt.
Wenn man aber die Kosten drückt – und das am besten bei gleichbleibenden Einnahmen – dann fängt die Sache an lukrativ zu werden.
Wie man das am Besten macht kann man sich unter anderem hier sehen. Klar gibt es auch Erfolgsgeschichten, die Vorzeige-WGs die intensivpflichtigen Menschen ein Leben außerhalb der Klinik ermöglichen. Menschen die beatmet werden müssen aber die aus der Klinik raus wollen und in einer gemütlichen, häuslichen Umgebung leben wollen. Wie eine normale Wohnung eben. Natürlich gibt es die auch und es ist in dieser Diskussion wichtig hier die Guten von den Bösen zu trennen. Wir müssen aber vor allem über die Bösen reden. Menschen die unter Vortäuschung falscher Tatsachen pflegerische Versorgung vorheucheln und nur materielle Interessen haben. Da agieren windige Geschäftemacher unter dem Deckmantel der Menschlichkeit und missbrauchen für den finanziellen Gewinn PatientInnen die sich nicht dagegen wehren können.

Mein erster Kontakt mit einer solchen Beatmungs-WG muss ziemlich genau 2005 gewesen sein. Damals war ich im Rahmen eines Praktikums auf Hausbesuch mit einem niedergelassenen Allgemeinmediziner, welcher mit mir einen Patienten besuchte.
Im Vorfeld bot er mir sogar an den Nachmittag frei zu machen, was ich als hochmotovierter Jungmediziner natürlich ablehnte. Ich wollte Hausbesuche machen. Hinterher zeigte sich, dass er nicht an einer Verbesserung meiner Work-Life-Balance interessiert war sondern daran, dass ich diese Beatmungs-WG nicht von Innen zu sehen bekomme.
Der Besuch selbst war ihm sichtlich unangenehm. Das Haus war von außen ein komplett unscheinbares Wohnhaus, darüber und darunter befanden sich weitere Wohnungen.
In einer dieser stinknormalen Wohnungen von ca. 100qm waren in zwei Einzelzimmern und in zwei Doppelzimmern insgesamt sechs PatientInnen in einem Pflegebett untergebracht. Alle sechs waren über eine Trachealkanüle beatmet. Fünf von sechs PatientInnen guckten an die Decke, eine Kommunikation mit der Außenwelt war nach allem was ich beurteilen konnte nicht möglich.
Ein Patient schien zumindest mit Blicken im Raum das Geschehen verfolgen und es machte den Eindruck als wenn er zumindest zeitweise wahrnehmen würde was um ihn herum geschah.
Eine adäquate Kommunikation erschien mir auch hier nicht möglich, es wäre unmöglich gewesen den Willen des Patienten zu befragen, dennoch erschien es mir so als wenn eine innere Abwehr gegenüber pflegerischen Handlungen sichtbar wäre.
Gemeinsam mit den sechs PatientInnen lebte hier auch eine Pflegekraft.
Eine Pflegekraft für alle sechs PatientInnen.
Es bimmelte mal hier und mal da, eigentlich war ständig etwas zu tun. Absaugen, Filter wechseln, PEG piept, PEG-Beutel (mit künstlicher Ernährung) wechseln, wieder absaugen.
Alle acht Stunden wurde gewechselt, kurze Übergabe, nächste Pflegekraft übernimmt. Alleine mit sechs IntensivpatientInnen. Ach so Moment – Bewohner! Bewohner hieß das. Da wurde großen Wert drauf gelegt, dass das keine PatientInnen sind. Voll versorgt mit künstlicher Ableitung von Stuhl und Urin (SPFK) und voll ernährt über eine PEG, kontinuierlich assistiert beatmet. Aber hey – Bewohner. Keine Patienten.
Die Wohnung gehörte offiziell unserem Patienten, nennen wir ihn Herrn Huber. Herr Huber hatte wiederum fünf Jahre vorher einen schweren Schlaganfall erlitten in dessen Folge es zu einem fulminantem Untergang nahezu des kompletten Hirngewebes kam. Er wurde damals erst operiert (kraniotomiert) und wurde im Verlauf der weiteren intensivmedizinischen Therapie nicht mehr richtig wach. Kein Wunder, es fehlte nahezu das komplette Gehirn. Die Familie drängte auf eine Fortsetzung der Therapie, ein Ableben des Patienten wäre mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen verbunden gewesen. Als Leiter eines Unternehmens hatte er es versäumt den Nachlass zu regeln, die Firma wäre zerschlagen worden. Herr Huber hatte wohl aber diverse Versicherungen abgeschlossen. Krankentagegeldausgleich, Rente, ein ganz gutes Einkommen war das.
Ein Familienmitglied organisierte dann eine 24h-Betreuung. Zunächst zuhause waren die Kosten enorm, es musste eine andere Lösung her. Irgendwie kam dann noch ein Patient dazu und dann noch einer und am Ende stand diese WG in der sechs Menschen die mal ein eigenes, selbständiges und selbstbestimmtes Leben hatten am selbigen gehalten.
Darf man das? Möchte das irgendjemand? Ich kenne niemanden der das für sich wünschen würde. Niemanden, nicht einen einzigen Menschen kenne ich.
Aber ich habe in meiner beruflichen Laufbahn unzählige Gespräche mit Angehörigen geführt, die einen solchen vegetativen Zustand als akzeptabel bewerteten. Sicher nicht optimal, aber immer noch besser als der Tod. Es ist nicht das Ende. Solange der Körper noch warm ist, lebt er noch und vielleicht wird er ja wieder wach.  Solche Dinge und ähnliches redet man sich dann ein um eine solche Entscheidung sich selbst gegenüber rechtfertigen zu können.
Keiner der Angehörigen war glücklich mit der Entscheidung, letztlich waren die wenigsten aber so konsequent den Weg zur Terminierung der Intensivtherapie zu gehen.
Herr Huber war jetzt also zuhause, die Pflege war kostenintensiv. Eine Freundin der Familie arbeitete auch als Pflegekrat bei Herrn Huber und kam dann irgendwann mit der Idee man können ja noch zwei Patienten dazu holen, dann könne man die Kosten dritteln. Sie organisierte ab da den Schichtdienst, ihr Mann übernahm die Verwaltung und Abrechnung. Und natürlich blieb es nicht bei drei PatientInnen sondern es kamen noch mehr dazu.
Die Einnahmen sprudeln, die Kosten bleiben überschaubar. Ein Problem sind die Qualifikation des Personals. Da arbeiten dann auch mal Altenpflegehelfer die in Beatmungspflege angelernt werden (oder auch nicht) und die sollen dann das machen was man Intensivpflege nennt.
Die Krankenhäuser freut es, auf Intensivstationen sind Bettplätze ein rares Gut. PatientInnen die nach einigen Wochen Therapie keinen Fortschritt zeigen wird man dort gerne los.
Behandlungsplätze in Weaningkliniken (das sind Kliniken die sich darauf spezialisiert haben PatientInnen von Beatmungsgeräten zu entwöhnen) sind schwierig zu finden.
Bei multimorbiden Patienten wird die Anschlussheilbehandlung auch gerne mal unter Hinweis auf das fehlende Rehabilitationspotenzial abgelehnt. Diese Menschen fallen ein ein Versorgungsloch.
Ein aktuelles Fallbeispiel – eine fortgeschritten demente, 85jährige Dame stürzt im Pflegeheim auf den Kopf, nach dem Sturz trübt sie ein, wird bewusstlos. Notarzt und Rettungsdienst versorgen die Patientin, intubieren, bringen die Dame in unseren Schockraum. Nach Diagnostik einer Hirnblutung erfolgt die neurochirurgische Operation mit Ausräumung der Blutung. Die Dame wird nicht richtig wach, Schutzreflexe sind nicht ausreichend vorhanden, am 8. Tag wird nach frustranen Extubationsversuchen dillatiert. Eine AHB wird abgelehnt (kein Rehapotential), die Geriatrie lehnt ab (Die ist beatmet mit einer Trachealkanüle, sowas machen wir hier nicht, da können wir unsere Komplexpauschale nicht abrechnen), Normalstation mit Trachealkanüle geht auch nicht. Weaningklinik lehnt ab (zu alt, zu wenig Potential) und das Krankenhaus will nur noch eins: diese Frau loswerden. Wir haben die OP gemacht, jetzt brauchen wir das Intensivbett für andere OPs.
Erst im Frühjahr haben zwei weitere Beatmungs-WGs aufgemacht und einen Anruf später heißt es – klar, kann kommen. Krankentransport bestellt, Papiere fertig, Tschüss und gute Reise.
Die Dame wird jetzt bis ans Ende ihres Lebens beatmet an die Decke gucken und das kostet uns alle  20.000€ im Monat. Hätte man entweder gar nicht erst operiert oder nach erfolgter OP versucht sie mit intensiver Logopädie, Schlucktraining und Atemtraining von der Beatmung zu entwöhnen hätte das sicher viel Geld gekostet, langfristig aber ihr ein besseres Leben ermöglicht und Kosten gespart.

Als Notarzt war ich oft in Beatmungs-WGs und habe teils katastrophale Zustände vorgefunden. Ich habe ein Beatmungsgerät gesehen bei dem Mullbinden auf den Lautsprecher geklebt wurden damit der ständig bimmelnde Alarm „nicht so nervt“. Hygienische Mängel (unsterilisierbare Einmalprodukte wurden mehrfachst verwendet, Einmal-Trachealkanülen ausgekocht und über Monate benutzt),  Qualifikationsdefizite („Ich bin neu hier, ich habe meine erste Schicht, ich war vorher in der ambulanten Pflege.“) sind nur ein Teil.

Wie genau die Änderungen aussehen sollen die Jens Spahn sich da überlegt und wie sie sich dann vor allem in der Realität auswirken werden ist noch nicht klar. Ich halte es aber aus persönlicher Erfahrung für dringend notwendig, dass am besten bei jedem einzelnen Patienten eine Bedarfsanalyse gemacht wird und diese Beatmungs-WGs verschärften Kontrollen unterzogen werden.
Unangemeldete Kontrollen und verbindliche Vorgaben zur Mindestqualifikation für das eingesetzte Personal würden helfen die schwarzen Schafe zu finden. Eine angepasste Vergütung die weniger Anreize setzt PatientInnen beatmet von einer Intensivstation in eine solche WG abzuschieben wäre ein Anfang.
Die Gegner der Reformpläne sehen das Ende des Goldesels gekommen und werden nicht müde Vorbild-Konzepte zu präsentieren. Ja, die gibt es, aber sie sind nicht repräsentativ. Es gibt sicher vereinzelte WG-Konzepte für Schwerkranke und künstlich beatmete PatientInnen bei denen der Patient und die Besserung der Lebensqualität im Mittelpunkt steht.
Mir sind aber vor allem die Negativbeispiele bekannt. Dubiose Betreiber die sich nicht in die Karten gucken lassen.
Es wäre schön, wenn sich daran etwas zum Guten ändern würde.
Ich würde es Jens Spahn wünschen, dass er mal wirklich einen nennenswerten Erfolg für die Allgemeinheit erreicht, dass kriminelle Handlungen beendet werden und dass am Ende ausnahmsweise mal die betroffenen Patienten gewinnen.

Sommer, Sonne, Ertrinkungsunfall.

Das klingt schon irgendwie komisch. Auf Sommer und Sonne folgt sowas wie Freibad oder zumindest Plantschbecken, aber nicht Ertrinkungsunfall. Und irgendwie klingt es ja auch sehr nach Spaßverderber, wenn man bei Sommer und Sonne schon wieder von sowas nervigem wie einem Ertrinkungsunfall redet. 

Kann man nicht einmal die Sonne und den Sommer genießen ohne mit dem mahnenden Zeigefinger zu wedeln? Einmal nur ins Freibad gehen ohne Blaulicht, Rettungsdienst, Tragik und Schicksal?

Ganz unbeschwert den Sommer genießen.

Das war auch der Plan, als ich mit meinem Bruder ins Freibad gegangen bin. Eigentlich wollten wir klettern gehen, aber es war so heiß, dass selbst im Wald die Temperaturen abartig hoch waren. 

So tauschten wir kurzfristig den Plan von in den Bäumen hängen auf im Wellenbad dümpeln.  Wir hatten uns bereits gut im Wasser abgekühlt und freuten uns an Typen die es so wahrscheinlich nur im Freibad gibt. Selbst der als ausgestorben geltende Original VoKuHiLa™  lässt sich hier vereinzelt noch finden. Die Jugend balzte, die Kinder kreischten, es wurde gespritzt, geplantscht, vom Seitenrand gesprungen und Freibadpommes verspeist.
Ein perfekter Nachmittag. 

Um dem sich der Außentemperatur nähernden Ruhepuls etwas Abwechslung zu bieten entschieden wir uns für einen Gang zu den Sprungtürmen. Die Formel zum Glück lautete hier zwei Einer, zwei Dreier, ein Fünfer und die Zusatzzahl ist der Zehner. 

Getreu dem ungeschriebenen Unterhaltungsgesetz muss am Einer gestartet werden, es folgen Dreier, Fünfer und Zehner. Es ist eine ganze Weile her, dass ich zum ersten Mal auf einem Einer stand und auch dass ich zum letzten Mal hier stand. 

Zwei etwa acht bis zehnjährige Jungs mit Migrationshintergrund – nennen wir sie Fatih und Mesut – schlugen den gleichen Weg ein. Johlend, stets darauf bedacht eine möglichst große Menge Zuhörer zu erreichen machten Sie sich auf den Weg zur Sprungorgel. Für ihr Alter schien da eine beachtliche Ladung Testosteron mit und in Ihnen unterwegs zu sein, es wurde eine Menge ALTA! und DEINEMUDDA! gegrölt und ich verzichte hier – aus Gründen – auf eine wörtliche Wiedergabe. Man war sich seiner Sache sehr sicher, heute würde es knallen, der Zehner war gerade hoch genug, man plante das Becken leer zu spritzen, die Nachwuchsriege deutsch-türkischer Gangsterrapper schrieb ob der kreativen Vielfalt verwendeter Schimpfwörter fleißig mit. 

Weil leider gerade am Zehner bereits zwei Sprungwillige anstanden entschieden die Jungs sich dann doch spontan erstmal für den Einer, immerhin standen hier ja auch nur drei Zuhörer an und man könne ja sowieso immer noch gleich auch, sie verstehen schon.
Es hatte was von Moonwalk wie sie gleichzeitig mit großen Schritten und noch größeren Sprüchen Richtung Sprungbrett gingen, gleichzeitig sich aber innerlich sträubten dem Sprungbrett näher zu kommen.
Am
Einer angekommen blieb Mesut am Rand stehen, während Fatih unversehens in der Schlange stand. Ich stand hinter ihm, er drehte sich um, hinter ihm stand nicht Mesut sondern ich und irgendwie traute er sich nicht einen Rückzieher zu machen.
Mesut machte dicke Sprüche vom Beckenrad, Fatih fragte ob das Becken tief sei. SPRINGALTERISVOLLBABY! sagte Mesut. Ich wies auf das Schild, 5 Meter tief.
Ob man da stehen könne fragte er.
KLARMANALTER! sagte Mesut.
Das ist so tief wie der 5er hoch ist sagte ich.

Der übliche Ablauf ist, wippen, springen, Wasser spritzen, vom Beckenrand springen.
Fatih wippte, sprang, es spritzte ein wenig und dann war es sehr leise.
Irgendwas war anders, aber keiner konnte es so richtig greifen. Dann wurde es hektisch. Ein älterer Herr sprang beherzt ins Wasser – und ging selber unter wie ein Stein. Er ruderte wie wild, nur die Hände waren noch über der Wasseroberfläche, der Kopf war unter Wasser.
Was war hier los? Ich ging nach vorne und sah, dass Fatih in Richtung Boden trieb, der Mann hatte das erkannt und wollte ihn rausholen. Es passierte sehr vieles gleichzeitig, die Situation war sehr dramatisch. Von der Seite sprang jetzt im Beckerhecht der Bademeister angesprungen, ich versuchte Fatih zu greifen. Der Bademeister zog den Erwachsenen aus dem Becken und schob ihn an Land wo er auf dem Rücken liegend liegen blieb. Gleichzeitig hatte ich Fatih gepackt und hochgezogen, es ist erstaunlich welche Kräfte und Reserven sich in Notsituationen mobilisieren lassen. Beide kamen an Land, beide wurden erstversorgt.
Fatih hatte weit aufgerissene Augen, er hustete sich die Seele und das Badewasser aus dem Leib. Der Erwachsene neben ihm war sein Vater, der war in einem deutlich schlechteren Zustand. Extrem kurzatmig, Rasselgeräusche über der Lunge, Herzfrequenz knapp an die  200/min. Das Team der Bademeister sperrte sofort das Becken und kümmerte sich mit mehreren Leuten um Vater und Sohn.
In der Folge trafen die Profis ein, übernahmen den Sohn. Der Vater verweigerte trotz guten Zuredens die Mitfahrt und Krankenhausaufnahme.
Es stellte sich in der Folge heraus, dass eigentlich niemand in der Familie schwimmen kann. Ich weiß nicht was Fatih dazu trieb vom Sprungbrett zu springen, er war sich vielleicht einfach sicher, dass er schon irgendwie wieder an Land kommen würde. Vielleicht war die Angst vor den Blicken der anderen beim Rückzug auch größer als die Angst vor dem Wasser.
Es ist ein bekanntes Problem, dass unter Migrantenkindern der Anteil an Nichtschwimmern relativ hoch ist und es ist auch bekannte, dass unsere Gesellschaft ein allgemeines Problem mit Nichtschwimmern hat.
Kaputte Schwimmbäder, zu wenig Lehrer, zu wenig Ausbilder, zu wenig dies, zu wenig das.
Gleichzeitig sieht Wasser so friedlich und unscheinbar aus. Wir kaufen Spritzpistolen, Wasserbälle und diverses Zubehör um eine besonders fröhliche Zeit am Wasser zu haben. Niemand glaubt wie schnell man ertrinken kann, bis einer ertrinkt.
Ich habe drüben bei Twitter darum gebeten aufeinander aufzupassen. Mittlerweile gibt es unter dem Tweet unzählige Geschichten von ertrinkenden, beinahe-ertrinkenden und gerade-noch-Geretteten. Von Menschen die ihre kleinen Geschwister irgendwo heraus gezogen haben, aber auch Geschichten die von viel Arroganz und Ignoranz gegenüber der Gefahr geprägt sind.

<blockquote class=“twitter-tweet“><p lang=“de“ dir=“ltr“>Liebe Eltern, <br>Kinder <a href=“https://twitter.com/hashtag/ertrinken?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw“>#ertrinken</a&gt; leise. <br>In einem Planschbecken, in Pfützen von 10cm Tiefe. <br>Sie ertrinken in dem Moment wenn ihr &quot;mal eben&quot; auf Toilette geht. <br>Sie rufen nicht Hilfe, sie planschen nicht mal. <br>Sie sind einfach weg… <br>Danach ist nichts mehr wie zuvor.</p>&mdash; Narkosedoc (@narkosedoc) <a href=“https://twitter.com/narkosedoc/status/1144878072832958464?ref_src=twsrc%5Etfw“>June 29, 2019</a></blockquote> https://platform.twitter.com/widgets.js

Kinder atmen Wasser aus verschiedenen Gründen ein. Eine Welle die sie überrascht, eine Unachtsamkeit, ausgerutscht. Ein Gegenstand der nicht schwimmt und einfach auf den Boden sinkt. Kinder bücken sich einfach danach und atmen weiter – auch unter Wasser.
Der Kehlkopf ist voller Wasser, ein Schrei kommt dann nicht mehr raus.
Die Sonnencreme macht die Folie eines Swimmingpools sehr glitschig, einmal ausgerutscht und auf den Kopf gefallen können selbst größere Kinder auch in 20cm flachem Wasser ertrinken.
Unabhängig von der Größe des Kindes und den schwimmerischen Fähigkeiten können Kinder auch immer mal wieder krampfen. Das kindliche Gehirn ist noch im Wachstum und besonders anfällig gegenüber Einflüssen von außen. Der Krampf an sich ist meist relativ ungefährlich, gerät ein Kind bei einem Krampf unbeobachtet unter Wasser, ist dies nicht mit dem Leben zu vereinbaren. Das passiert immer wieder in Badewannen, auch bei Erwachsenen.

Noch etwas:
Kinder, die nach einem Ertrinkungsunfall bei einem sommerlichen Badeunfall wiederbelebt werden müssen haben weitaus schlechtere Chancen auf ein Überleben ohne Folgeschäden als Kinder die im Winter in eiskaltes Wasser fallen.
Vereinfacht gesagt bleibt bei Ertrinkungsunfällen im warmen Badewasser das Herz irgendwann aus Sauerstoffmangel stehen. Das Gehirn ist dann bereits lange ohne Sauerstoff, ein schwerer Hirnschaden und eine bleibende Pflegebedürftigkeit werden mit jeder Minute wahrscheinlicher.
Bei Ertrinkungsunfällen im kalten Wasser (Eisbach, zugefrorener See u.a.) ist der Kopf meist noch über Wasser, der Körper kühlt aus (!), der Stoffwechsel fährt runter, die Herzfrequenz wird langsamer und erst wenn die Muskeln durch die Kälte gelähmt werden gleitet der Körper des dann meist schon bewusstlosen Kindes unter Wasser. Das ist auch der Hintergrund beim „Wunder von Kärnten„.

Prävention ist also das allerwichtigste.
Und weil ich sowas großartiges niemals selber twittern könnte hier der schönste Reply und die Quintessenz der Diskussion:

<blockquote class=“twitter-tweet“><p lang=“de“ dir=“ltr“>Und jeder, der mir hier kommt mit: aber da hätte… Der Bademeister… Die Eltern… Flipper himself… Aber irgendwas müssen, sollen oder whatever, kriegt aufs Maul. Spart euch Klugscheißerei.</p>&mdash; Juliet Gibb (@mamigration) <a href=“https://twitter.com/mamigration/status/1145304356746682368?ref_src=twsrc%5Etfw“>June 30, 2019</a></blockquote> https://platform.twitter.com/widgets.js

In diesem Sinne – habt Spaß, passt aufeinander auf, genießt den Sommer!

Der Narkosedoc

Worte

Ein Abschied verleitet immer dazu, etwas zu sagen, was man sonst nicht ausgesprochen hätte.
– Michel de Montaigne

Die allermeisten Patienten die bei uns auf der Intensivstation behandelt werden, können wir retten. Manchmal erkennt man aber schon innerhalb der ersten Stunden, dass wir den Kampf ums Leben verlieren werden.
Die Angehörigen sind für mich immer ein wichtiger Bestandteil des therapeutischen Erfolges auf der Intensivstation. Sie können den Patienten motivieren, unterstützen, Perspektive und vor allem Orientierung geben. Zwischen ganz vielen fremden und neuen Gesichtern und Stimmen, sind es die Angehörigen die Sicherheit vermitteln können. Du bist sicher hier, die kümmern sich gut um Dich, das wird wieder.
Befindet sich der Patient im Koma, so liegt es an uns (den Ärzten und Pflegekräften), dass wir nicht nur dem Patienten Aufmerksamkeit widmen sondern auch die Angehörigen unterstützen. Die Angehörigen machen eine oft extreme Zeit durch in der sie zu wenig essen, zu wenig schlafen und zu viele Tränen weinen müssen.

Insbesondere wenn die Therapiemaßnahmen nicht greifen und die Situation sich trotz des maximalen Einsatz von Technik und Medikamenten immer weiter verschlechtert, dann müssen wir die Angehörigen darauf vorbereiten, dass wir zwar weiter hoffen und weiter all unsere Kraft und Möglichkeiten für das Leben des Patienten einsetzen, aber möglicherweise am Ende den Kampf verlieren werden.

Der Abschied und die Vorbereitung auf den Abschied gehört zur Intensivmedizin.
Ich habe recht früh schon im Studium im Rahmen eines der vielen Praktika erlebt wie fatal es sein kann, wenn Angehörige sich in falscher Sicherheit wiegen. Obwohl der Patient eine bösartige Grunderkrankung hatte und der Lungenkrebs bereits mit vielen Metastasen in mehreren Organen und Knochen gestreut hatte, wurde den Angehörigen Hoffnung gemacht.
Teilweise weil die Ärzte sich die Niederlage nicht eingestehen konnten, vielleicht auch weil sie selber so sehr mitgehofft und gebangt haben, dass Sie trotz aller Professionalität verdrängten wie sich der betreute Patient immer weiter vom Leben entfernte und dem Tod näherte.

Vor ein paar Wochen betreute ich Herrn Schuller, einen betagten Herrn mit fortgeschrittenem Nierenzell-Karzinom. Der Krebs hatte hier bereits weit gestreut, es gab Metastasen in der Leber, in der  Lunge und auch im Kopf.
Eine Metastase kann so lange wachsen, wie sie Platz hat und nicht einblutet. Der Krebs wächst mit seinen kaputten Zellen die nur auf Wachstum programmiert sind in die gesunden Zellen hinein, zerstört und verdrängt sie. Dies kann im Gehirn dazu führen, dass ein epileptischer Anfall ausgelöst wird, ein elektrisches Gewitter über alle Gehirnzellen hinweg. Bedrohlich anzusehen für die Umstehenden, der ganze Körper zuckt, Schaum kann sich vor dem Mund bilden, der Patient der gerade noch entspannt beim Kaffeetrinken saß liegt zuckend am Boden und ist komplett aus der Welt. Genau dies passierte bei Herrn Schuller. Zu einem Zeitpunkt als man dachte der Krebs habe einen Dämmerzustand erreicht, nach Monaten voller guter Nachrichten und ohne neue Hiobsbotschaften kam das aus dem Nichts.
112, großer Aufmarsch der Rettungsdienste, Krankenhausaufnahme, CT. Der Patient hatte für sich immer lebensverlängernde Maßnahmen ausgeschlossen, mehrfach sprach er mit der Familie darüber, dass er keine Intensivtherapie wolle, es gab eine wasserdichte Patientenverfügung.
Jetzt wechselte die Auseinandersetzung mit dem Lebensende von trockener Theorie auf Büttenpapier viel zu schnell und dann doch für alle überraschend die Seiten.
Der behandelnde Onkologe drängte auf eine Verlegung in die Neurochirurgie, Not-OP, sofort. Die Familie schloss sich dem an, ja, eine OP. Das wäre die Lösung.
Der Patient wurde uns überwiesen und wurde per Hubschrauber in unsere Klinik geflogen. Große Hoffnungen und eine noch größere Familie begleiteten den Patienten und fuhren im Auto hinterher. In unserer Klinik klarte der Patient zunehmend auf, er lehnte eine Operation vehement ab. In der Bildgebung stellte sich heraus, dass nicht nur eine einzelne sondern mehrere Metastasen im Kopf waren, zwei davon waren schon eingeblutet, eine Operation wurde ausgeschlossen.
Ein Wunder überhaupt, dass Herr Schuller wieder zu sich kam.
Die Familie war noch nicht da, durch den luftgebundenen Transport hatten wir ein bißchen Vorsprung. Ich ging zu Herrn Schuller, wir sprachen mit einander.

ND: Sie sehen müde aus.
Pat: Ich möchte schlafen.
ND: Sie hatten einen Krampfanfall.

ND: Da ist eine Metastase in ihrem Kopf.
Pat: Da sind überall Metastasen. Ich möchte nicht mehr kämpfen.
ND: Ihre Familie ist hier, die wünschen eine OP. Wir glauben nicht, dass Ihnen eine neue OP helfen würde.

Pat: Ich möchte schlafen.
ND: Sie dürfen einschlafen. Aber ich möchte, dass Sie wissen, dass dies sicher das Ende ist und dass Sie nicht mehr wach werden.
Pat.: Ich weiß das. Ich möchte schlafen.

ND:  Ich werde auf sie aufpassen, ich verspreche Ihnen, dass Sie keinen Hunger, keinen Durst, keine Schmerzen, keine Luftnot und keine Angst haben werden.
Pat: Ich vertraue Ihnen. Ich habe keine Angst, ich möchte jetzt gehen.

Ich bat die Pflegekraft einen Morphinperfusor zu starten.
Morphin ist großartig, es lindert Schmerzen, nimmt Ängste weg und macht einen Menschen völlig unempfindlich für Luftnot, da kann der Mensch noch so sehr brodeln.

Ich ging zur Familie. Die Familie war sehr aufgebracht, als ich Ihnen mitteilte wie wir uns entschieden hatten und dass diese Entscheidung dem Willen des Patienten entspricht.
Die Schärfe und moderate Aggression entstand aus Liebe. Eine tiefe, ehrliche, über Jahrzehnte gewachsene Liebe zu ihrem Vater, Opa, Schwiegervater, Ehemann und Bruder. Eine große Familie die ein noch größerer Schmerz einte weil hier die Gewissheit den Raum füllte, dass das geliebte Oberhaupt der Familie bald schon nicht mehr bei Ihnen sein würde.

Ich erklärte der Familie, dass selbst theoretisch eine Operation nur zu einer Verschleppung der Entscheidung geführt hätte. Wir hätten ihn dafür beatmet, wir hätten ihn operiert und nach ein paar Tagen hätte man festgestellt, dass er überhaupt nicht mehr wach wird. Wir hätten ihn nicht tracheotomiert sondern hätten an einem der folgenden Tage dann die Beatmung abgestellt. Ein sehr kalter Akt, ein abruptes Ende ohne echten Abschied.

Nachdem ich sehr viele Fragen beantwortet, Trost gespendet und etliche Tassen Kaffee verteilt hatte machten wir uns gemeinsam auf den Weg zu seinem Bett.

Ich sagte Herrn Schuller, dass wir gekommen sein um Abschied nehmen zu können. Ich sah sowas wie ein sehr müdes Lächeln. Ich glaube er hätte gerne noch etwas gesagt, aber er war schon zu schwach dazu.
Für einen Atemzug brauchte er alle Energie die in seinem entkräfteten Körper noch vorhanden war, sein Kopf wippte bei jedem Atemzug nach oben und fiel kraftlos nach unten. Er sah angestrengt und sehr müde aus.

Ich sprach ein letztes Mal mit Herrn Schuller:
ND: Herr Schuller, haben Sie Luftnot?
Herr Schuller schüttelte den Kopf.
ND: Haben Sie Angst?
Er schüttelte den Kopf.
ND: Herr Schuller, ich gehe jetzt. Ich lasse Sie jetzt mit Ihrer großartigen Familie alleine. Ich habe mich sehr gefreut Sie kennengelernt zu haben und es war mir eine Ehre sie auf den letzten Metern begleiten zu dürfen.

Herr Schuller atmete bis zuletzt sehr ruhig, zuletzt immer flacher. Frau Schuller hielt ihren Mann bis zum letzten Atemzug im Arm. Der Monitor zeigte uns um 23:44 Uhr eine Nulllinie an.
Ich ging zur Familie und sprach Ihnen mein tief empfundenes Beileid aus.
Wir erlebten eine große Dankbarkeit. Ich hörte sehr herzliche Worte für unser Team.

Die Tochter, die beiden Söhne, gerade noch voller Wut über die Machtlosigkeit gegenüber dem Tod waren vereint in der Erleichterung darüber, gemeinsam die letzten Meter mit Papa gegangen zu sein.
Die Kinder und seine Ehefrau waren voll des Lobes über unser Team und dass Sie hier und in diesem Rahmen Abschied nehmen durften und sie standen ums Bett, lehnten am und saßen im Bett.
Der älteste Sohn kam auf mich zu, sehr muskulös und tättowiert, ein großer und sicher sehr starker Mann. Er umarmte mich, einfach so. Und vielleicht habe ich in dem Moment ein bißchen weinen müssen.

Mach’s gut Herr Schuller!

Es tut mir leid… NICHT. Ein Rant.

ICH WARTE SEIT DRÖLF STUNDEN !11!1!
„Das kann ich verstehen, es tut mir sehr leid…“

ICH WARTE SEIT DRÖLF STUNDEN !11!1!
„Wir hatten einen Notfall dazwischen, es tut mir sehr leid, dass sie warten mussten, aber…“ 

ICH WARTE SEIT DRÖLF STUNDEN !11!1!
Ich bitte um ihr Verständnis, wir sind aktuell nur zu zweit für 12 Plätze in der Notaufnahme, es tut mir leid, aber…“

Freunde der Gesundheitszunft – hört auf Euch für Dinge zu entschuldigen, für die ihr nichts, aber auch gar nichts könnt! 

Es ist nicht unsere Schuld, dass zu wenig Mitarbeiter eingestellt sind um die unzähligen Patientinnen und Patienten zu behandeln. Es ist nicht unsere Schuld, dass die wenigen verbliebenen Mitarbeiter unter der Last der Arbeit mit Rückenschmerzen und Burnout ausfallen.

Es ist auch nicht unsere Schuld, dass die öffentliche Hand die Verteilung von Notfällen und solchen die überhaupt keine sind nicht hinbekommt. Die halbherzigen Versuche über die 116117 oder den kassenärztliche Notdienst die Notaufnahmen zu entlasten scheitern an so vielen Seiten – das ist nicht unsere Schuld!
Die ewigen und immergleichen Entschuldigungen helfen niemanden und schaden uns selbst ganz direkt.
Unsere Entschuldigungen folgen einer ganz simplen Logik, wir möchten deeskalieren. Wir wollen keinen Stress am Arbeitsplatz, wir möchten ein-einziges-mal einen ruhigen Dienst erleben und wenn der um 14 Uhr beginnt ist der Traum meist um 14:20 Uhr zum ersten mal geplatzt. Wir versuchen es aber weiter, wollen aufgebrachte Patienten besänftigen, randalierende Betrunkene sollen unsere ZNA nicht kaputt machen. Außerdem möchten wir, dass die Patienten sagen – hier wurde mir gut geholfen, die haben klasse Arbeit gemacht. Wir wollen stolz auf unsere Arbeit sein und wir möchten nicht, dass Patienten schlecht gelaunt sind.
Wenn wir mit immer weniger Personal auch noch die x-te Schicht übernehmen, Überstunden machen, uns die Hacken abrennen und auf Pausen verzichten – alles nur um den lieben Patientinnen und Patienten bestmöglich zu helfen, dann führt das nur zu einer einzigen Konsequenz:
„Da oben“ wird man denken – na geht doch!
Und zack, gleich nochmal die Personalpläne für 2020 etwas zurecht gestutzt. Ging ja irgendwie auch so.

Wir bringen Kaffee, reichen Wasser, Getränkegutscheine für die Cafeteria, es tut uns sehr leid, bitte haben sie Verständnis.

Und genau das ist im Sinne der Geschäftsführung, die mit immer weniger Geld versuchen müssen den Laden auf Teufel komm raus am Laufen zu halten. Die aufgrund knapper Gelder und des negativen Jahresabschluss vom Vorjahr vor allem Personal streichen um Geld zu sparen. Mit nichts lässt sich besser Geld sparen als durch Stellenstreichung.
Das geht ganz heimlich, still und leise über sogenannte sozialverträgliche Maßnahmen. Mitarbeiter geht in Rente – Stelle wird nicht nachbesetzt. Mitarbeiterin wird schwanger? Einfach keine Vertretung einstellen und das Geld für das Berufsverbot von der Versicherung einstreichen. Lohnt sich doppelt, müssen die übrig gebliebenen KollegInnen sich die Dienste eben aufteilen.
Umso schöner wenn genau die Leute die unter der Last der Arbeit zusammenbrechen sich auch noch für die Verhältnisse entschuldigen. Wisst ihr wieviel davon in der Teppichabteilung ankommt?
Nichts. Gar nichts.
In jedem Krankenhaus in dem ich bis jetzt gearbeitet habe war die Verwaltung, die Pflegedirektion, Personalabteilung und die Geschäftsführung in einem separaten Gebäude untergebracht. Meist recht idyllisch am Klinikpark gelegen, mit bodentiefen Glasfenstern. Oder ganz oben auf dem Dach, hinter verspiegelten Panoramafenstern und dem weiten Blick übers Ländle.
Schimpfende Angehörige die sich über stundenlange Wartezeiten beschweren? Hört man nichts davon.
Die lassen ihre Wut an denen aus die schon wieder keine Mittagspause hatten, die ständig das Gefühl haben keinem gerecht zu werden. Die den Patienten notdürftig entkleidet (müssen die dann im OP machen…) mit Prothese (keine Zahnboxen mehr da!) und ohne Prämedikation (vergessen!) in die Schleuse schieben. Immer mit einem grummeln im Bauch weil man schlechte Arbeit abgeliefert hat, eigentlich weiß wie es besser ginge und es gerne auch besser machen würde aber keine Zeit, keine Zeit.
Wir entschuldigen uns bei den KollegInnen, bei den Patienten, bei den Angehörigen.
Die Personalabteilung freut sich über 10% weniger Pflegekräfte in diesem Jahr und trotzdem haben wir es „geschafft“.
Und die Geschäftsführung freut sich über geringere Personalkosten und dass am Jahresende doch noch die schwarze Null geschafft wurde.
Die QM-Abteilung redet uns ein, dass das alles ohne Qualitätseinbußen geht, die CIRS-Briefkästen haben sie aber trotzdem mal lieber abgehängt. Machen ja auch nur Arbeit diese Zettel.

Genau dieses ewige Beschwichtigen, Wagenglätten und Glattbügeln ist im Sinne der demokratisch gewählten Entscheider in den Landtagen und im Bundestag die über Gelder verfügen mit denen man in dringend benötigte Baumaßnahmen in Krankenhäuser investieren könnte.

Genau das ist es was den Krankenkassen gefällt. Die sitzen schön weit weg von der proppevollen Notaufnahme in ihren Bürotürmen und rechnen sich die Zahlen schick. Tackern, lochen, abheften – hauptsache ein fettes schwarzes Plus am Ende des Jahres.

Warum entschuldigen wir uns also ständig für alles?
Weil wir dazu erzogen wurden zu helfen.
Weil wir immer alles glatt bügeln wollen. Deeskalieren, beschwichtigen und im wahrsten Sinne des Wortes alles wieder gut machen. Die Wunde, die Schmerzen, die Aufregung, den Ärger.
Wir sind die, die alles wieder gut machen.
Das ist unser Job, dafür wurden wir ausgebildet.

Ich möchte mich nicht dafür entschuldigen, dass ein Patient am Vormittag im Lungenödem entlassen wird und ich ihn als Notarzt Nachmittags wieder mit in die Klinik mitnehmen muss. Meine Klinik.
Die Klinik auf die ich mal stolz war, die mittlerweile wie fast alle Krankenhäuser einen schlechten Ruf hat und über die es heißt „die Schwestern und Pfleger sind unfreundlich und unfähig und die Ärzte kommen nie vorbei“.
Wir schreiben Leute auf den Dienstplan die überhaupt nicht geeignet sind für Bereitschaftsdienste. Ich weise darauf hin, werde korrigiert und die Leitung sagt mir, dass es denen egal ist, Hauptsache da steht irgendein Name.

Ich entschuldige mich nicht mehr.
Ich empfehle den Patienten zum Beschwerdemanagement zu gehen. Ein Termin bei der Geschäftsführung, bei der Pflegedirektion, bei  ihrem Landtagsabgeordneten oder Bundestagsabgeordneten.
Richten Sie ihre Beschwerde an diejenigen die es nicht hören wollen.
Diejenigen die es immer noch nicht verstanden haben wie lichterloh der Baum brennt.
Wir haben es oft genug gesagt, haben ausgeholfen, sind für Dienste eingesprungen, haben Überstunden gemacht.
Ich kann es nicht mehr hören.

Clamshell-Thorakotomie – der schnellste Weg direkt zum Herz

Seit einigen Jahren hört man immer wieder Notfallmediziner und Mitarbeiter im Rettungsdienst etwas von der Clamshell erzählen. Meist folgt den Erzählungen blutiger Rettungsmaßnahmen ein respektvolles und vielleicht auch etwas ungläubiges Raunen, gefolgt von anerkennender Zustimmung ob einer heldenhaften Tat.
Andernorts wird es als spinnerte Maßnahme abgetan. Überflüssig, sinnlos und vielleicht sogar ethisch-moralisch fragwürdig weil der Leichenschändung näher als der Rettung eines Lebens.
Clamshell, das bedeutet Muschelschale.
Clamshell – so nannte man früher auch Klapphandys bei denen man den Anruf durch ein Hochklappen des Displays annehmen konnte. In der Gastronomie nennt man Pommes-Gyros-Styroporschalen so, die man aufklappen kann.
Und in der Medizin bezeichnet man mit einer Clamshell-(Thorakotomie) ein Verfahren bei dem der komplette Brustkorb über einen Schnitt etwa in Höhe des 5. Intercostalraums bezeichnet wird. Der Brustkorb wird hochgeklappt, danach wird der Herzbeutel direkt durch einen Schnitt eröffnet und ein eventueller Erguss in der Herzhöhle entlastet.

Auch als Laie kann man sich vorstellen, dass es sich hierbei um eine Maßnahme handelt die unter Umständen nicht nur Außenstehende sondern selbst erfahrene, professionelle  Rettungsdienstmitarbeiter irritiert und verstört zurück lässt.
Ein schwer verletzter Mensch wird in der Mitte des Körpers quasi komplett aufgeschnitten, der Herzbeutel eröffnet und das mitten auf Straße. Oder in der Kneipe. Oder eben überall da, wo der Tatort sich eben gerade befindet. Es müssen nämlich einige Bedingungen erfüllt sein, damit es überhaupt einen Grund gibt zu dieser Notfallmaßnahme zu greifen.
Indiziert (das heißt in etwa sowas wie medizinisch sinnvoll) ist diese Maßnahme unter anderem nämlich bei Messerstichverletzungen im Bereich des Brustkorbs sowie neben oder direkt unterhalb des Brustbeins.
Die deutschen Leitlinien zeigen an diesem Beispiel eigentlich ganz schön, dass sie mit der modernen Entwicklung von Lehre und Forschung nicht mehr Schritt halten können. Es findet sich nämlich nur eine einzige, winzige und nicht weiter beachtenswerte Erwähnung der Clamshell-Thorakotomie in der Leitlinie Polytrauma.
Das liegt vielleicht auch daran, dass wir (noch) relativ wenige Messerstichverletzungen in Deutschland haben. Es gibt aber mittlerweile auch einige Fälle stumpfer Thoraxtraumen welche von dieser Maßnahme profitiert haben.
Die Maßnahme ist sehr blutig, ja. Es sieht danach aus wie in einem Horrorfilm. Nur ist es kein Film, sondern das echte Leben. Aber genau dieses Leben ist für den Menschen der dort liegt vorbei wenn er nicht auf gut ausgebildete Helfer trifft die mit dieser Maßnahme bei geeignetem Verletzungsmuster sein Leben retten können.
Es geht vor allem um Einblutungen in den Herzbeutel welche das Herz daran hindern effektiv zu schlagen. Da könnte man ja auch eine Drainage einlegen?
Falsch. Erstens ist eine Perikarddrainage nicht mal eben gelegt und selbst erfahrene Kardiologen tun sich hier selbst mit Ultraschall als Hilfe manchmal recht schwer. Zweitens reicht eine solche Drainage nicht wenn sich bereits ein Gerinnsel gebildet hat.
Recht anschaulich zeigt das dieses Video welches auf Twitter die Runde gemacht hat:

<blockquote class=“twitter-tweet“><p lang=“en“ dir=“ltr“>Cause of death massive cardiac tamponade ! <a href=“https://t.co/YrfDZP6xMi“>pic.twitter.com/YrfDZP6xMi</a></p>&mdash; Surgery Clips (@surgeryclip) <a href=“https://twitter.com/surgeryclip/status/1118605141525942272?ref_src=twsrc%5Etfw“>April 17, 2019</a></blockquote> https://platform.twitter.com/widgets.js

Das Thema wird hitzig diskutiert. Das Spektrum fängt auf der einen Seite bei anachronistischen Verweigerern an, welche den Sinn der Maßnahme nicht erkennen und es unter Leichenschändung abtun. In ihrem Bereich komme sowas sowieso nicht vor, die Messerstechereien auf den Straßen Londons sind weit entfernt von ihrem beschaulichen Rettungsdienstbezirk. Gleich daneben sind die innerklinischen Notfallmediziner welche der Meinung sind, dass sowas ja nur die da draußen betrifft und in der Notaufnahme müsse man das ja nicht können.
Am anderen Spektrum tänzeln die enthusiastischen Vollzeitretter welche mit missionarischer Verklärung von den neuen Möglichkeiten schwärmen bisher als verloren gegoltene Verläufe doch noch zu einem positiven Ausgang zu wenden.
Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte.
Ich habe es selber innerhalb von nicht mal einem halben Jahr zweimal in unserer Klinik erlebt, dass wir Patienten welche vom Notarzt gebracht wurden nur durch eine solche invasive Maßnahme gerettet haben.
Und wir sind nicht die einzigen, die Fallberichte dazu werden mehr und die Maßnahme erhält auch im deutschsprachigen Raum zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Zu Recht!
Es gibt immer noch zu viele Kollegen die auch 2019 meinen, dass ein traumatischer Herz-Kreislauf-Stillstand keine Prognose hat. Dass das falsch ist (und zwar nicht erst seit 2019)   hat unter anderem diese viel beachtete Arbeit von Kleber et al. gezeigt zum Thema „Unfallbedingte vermeidbare Todesfälle in Berlin 2010: Notwendigkeit, die Strategien für das präklinische Management und die Ausbildung zum Trauma-Management zu ändern.“
Hier konnte gezeigt werden, dass etwa 15% der Todesfälle als möglicherweise oder sogar mit Sicherheit überlebbar klassifiziert wurden.
Das sind die Patienten bei denen nach einem Trauma die Reanimation abgebrochen wurde und der Patient für tot erklärt wurde. Unwiederbringlich.
Patienten die man mit beidseitigen Thoraxdrainagen, einer Beckenschlinge, einem chirurgischen Atemweg und/oder einer Eröffnung des Herzbeutels hätte retten können.

Ein Beispiel.
Wir fliegen in eine ländliche Region, durch einen Querschläger wurde ein junger Mann im Brustkorb verletzt. Im Anflug werden wir angesprochen und abbestellt, wir landen trotzdem da wir bereits die Einsatzstelle sehen und direkt davor eine gute, sichere Landemöglichkeit besteht. Ein Notarzt ist vor Ort, man hatte bei schlechter werdenden Kreislaufverhältnissen eine Reanimation mit Herzdruckmassage begonnen und wolle nun aufhören weil der Notarzt den Patienten für tot erklärt habe.
Der Patient hat zwei Venenzugänge, ist mit einem Larynxtubus versorgt und ansonsten läuft eine Herzdruckmassage wie beim Herzinfarktpatienten. Der junge Mann hat aber keinen Herzinfarkt sondern wurde durch ein Geschoss verletzt. Und dafür gelten andere Regeln.
Tatsächlich hat gemäß dem ERC (ERC 2015 Kapitel 4 – Kreislaufstillstand in besonderen Situationen) die Thoraxkompression eine geringere Priorität als die sofortige Behandlung der reversiblen Ursachen durch z.B. eine Thorakotomie oder Kontrolle der Blutung durch eine Beckenschlinge oder durch eine proximale Kompression der Aorta.
Alles wichtiger als die Herzdruckmassage.
Der Patient erhielt also beidseits eine Thoraxdrainage, links zischte es einmal, kurz danach kam das CO2 und der Patient hatte wieder Kreislauf.
Der Eintritt des Projektils war rechts vom Brustbein und damit innerhalb der sgn. cardiac box und ja, der Patient hätte eine Clamshell-Thorakotomie bekommen wenn nicht schon nach einer einfachen Mini-Thorakotomie der Kreislauf wiedergekommen wäre.

Ein anderes Beispiel.
Ein Pfleger wurde in einer Psychiatrie von einem psychisch kranken Patienten ohne Vorwarnung mit einem Brotmesser attackiert und umgehend in unsere Klinik eingeliefert. Von Seiten des Rettungsdienstes wurde ein PVK gelegt und im Sinne des load-and-go der Patient umgehend in unsere Klinik transportiert. Das Messer steckt noch im Brustkorb, die Herzfrequenz ist bei 188/min, der Blutdruck wurde vom Rettungsdienst als nicht messbar beschrieben. Palpatorisch allerhöchstens flau zentral tastbar erfolgt die weitere Versorgung nach Schockraumprotokoll. Da der Patient kreislaufinstabil ist und bereits bei Ankunft im Schockraum reanimationspflichtig wird erfolgt umgehend eine Mini-Thorakotomie beidseits. Da sich hierauf keine Besserung einstellt werden die beiden Mini-Thorakotomien zu einer sgn. Clamshell-Thorakotomie verbunden. Es entleert sich ein massiver Perikarderguss, in der Folge lässt sich rasch ein ausreichender Kreislauf etablieren. Unter Hinzuziehung der Herzchirurgen kann in der Folge eine höhergradige Verletzung des Herzmuskels ausgeschlossen werden, der Patient kann nach einem einwöchigen Aufenthalt auf der Intensivstation entlassen werden.
Manche Kliniker argumentieren, dass sie keine Herzchirurgen vor Ort haben und es deshalb sinnlos sei eine Clamshell durchzuführen wenn niemand vor Ort ist der ein mögliches Loch im Ventrikel nähen kann. Die Sorge ist nicht ganz unberechtigt, aber dieses Beispiel aus unserer Klinik zeigt doch ganz schön, dass dieser Patient ohne diese Notfallmaßnahme nicht überlebt hätte.
Der Fall zeigt auch, dass alle die im Rettungsdienst oder in der Notfallmedizin tätig sind sich mit dieser Maßnahme auseinander setzen sollten. Keiner kann sagen, dass das irrelevant sei. Das ist fahrlässig und entspricht keiner zeitgemäßen Versorgung Schwerverletzter.
Besonders tückisch wird es dadurch, dass diese Patienten oft präklinisch so instabil sind, dass sie nicht mehr bis ins überregionale Traumazentrum geflogen werden können sondern in die nächstbeste Klinik gefahren werden. Da knallen die Türen auf und der Patient fliegt durch die Tür und dann liegt er da in der Notaufnahme des kleinen Grund- und Regelversorgers.
Gerade dort werden frühzeitig die Reaniomationsbemühungen eingestellt und invasive Maßnahmen gar nicht erst begonnen.

Wie man das macht wurde hier mal ganz gut gezeigt, lernen kann man das unter anderem in Kursen wie diesem hier (INTECH = INvasive TECHniken).
Einen hervorragenden Artikel dazu hat Scott Weingart bereits 2012 geschrieben, ich empfehle auch die eingefügten Videos dort sowie diesen deutschsprachen Artikel des sowieso wunderbaren FOAMINA-Teams.

Unterm Strich würde ich mir wünschen, dass Verweigerer und Missionare zueinander finden und wenn dadurch auch nur ein einziger Mensch gerettet wird haben sich all die hitzigen Diskussionen, die sachlichen und unsachlichen Auseinandersetzungen gelohnt.
Es geht um den Patienten der da liegt und nicht um uns.
Es geht nicht darum sich selbst als martialischen und furchtlosen Helden ein Denkmal zu setzen. Es geht aber auch nicht, solche Maßnahmen als verrückte Ideen abzutun und davon auszugehen, dass das im eigenen Krankenhaus auf dem Land schon nicht vorkommen wird.
Es geht um die 15% die wir retten können.
15 von 100 denen wir helfen können wieder ins Leben zurück zu kehren.
Nicht ausschließlich mit einer Clamshell-Thorakotomie, aber als einer Technik in einem Repertoire von invasiven Möglichkeiten.

Wer nicht fragt bleibt dumm. Oder schreibt einen Kommentar unter das Youtubevideo.

„Mir hat noch nie etwas geschadet, was ich nicht gesagt habe.“
– Calvin Coolidge

Keine Ahnung zu haben ist keine Schande. Ich finde es ist eher ein Wesenszug menschlicher Größe, wenn man zugeben kann, von etwas keine Ahnung zu haben.
In den seltensten Fällen wird das aber jemand zu geben. Keine Ahnung zu haben wird als Zeichen von Schwäche, Dummheit oder auch fehlender Berufserfahrung gedeutet. Die Erfahrenen, die haben auf alles eine Antwort. „Ich erkläre Dir, wovon ich nichts versteh“ singt Herbert Grönemeyer und ich habe schon oft an Grönemeyer gedacht während meiner ärztlichen Tätigkeit.
Gerade die Medizin ist eine sehr eitle Wissenschaft und da gehört der Rettungsdienst auch mit dazu. Nicht-Wissen wird verschwiegen, stattdessen wird halbgares 5-Prozent-Wissen mit breiter Brust zum epischen Vortrag und mit einer Teigrolle in Form von unberechtigtem Selbstbewusstsein plattgeklopft und ausgebreitet wird, auf dass es noch größer (und noch platter) erscheint.
In der Präklinik arbeiten wir oft mit Spezialisten zusammen. Spezialisten für Brandschutz (Feuerwehr), für Wasserrettung (DLRG), ja selbst für so etwas scheinbar banales wie die Bereitstellung von Licht gibt es großartige Spezialisten – die Frauen und Männer vom THW. Und damit sind nur mal drei Gruppen genannt.
Ich gehöre auch zu einer Spezialistengruppe, mit unserem Hubschrauber kommen Spezialisten für Luftrettung (Piloten, HEMS) und Notfallmedizin (Notarzt) hinzu.
Jeder Spezialist hat Fachkenntnisse im eigenen Gebiet. Ich kann den Zustand eines eingeklemmten LKW-Fahrers in wenigen Sekunden einschätzen und gebe dem Einsatzleiter der Feuerwehr diese Information weiter. Gemeinsam entscheiden wir ob wir eine Sofortrettung, eine schnelle Rettung oder eine schonende Rettung durchführen. Ich habe bis heute kaum eine Ahnung davon wie man das am besten technisch anstellt, bin aber jedes Mal erstaunt wie schnell, sicher und zuverlässig die Frauen und Männer von der Feuerwehr einen Menschen da raus holen.
Es ist schon ein paar Monate her, da musst ein Patient in einem Klärwerk aus einem Schacht gerettet werden und ich habe den Spezialisten von der Höhenrettung staunend zugesehen, wie sie mit ihren zig Seilen und Karabinern den Patienten sicher und zügig an die Erdoberfläche gebracht haben.
Ich würde mir nie anmaßen die Entscheidungen dieser Gruppe anzuzweifeln oder gar in der Gruppe oder im Internet zu kritisieren.
Bei mir ist das anders. Ich bin Notarzt im Hubschrauber und erlebe regelmäßig, wie unser Verhalten, unsere Entscheidungen und unsere Handlungsweise hinterfragt, kritisiert oder auch offen kritisiert wird. Das wäre okay für mich, wenn wir das im 1:1-Gespräch unter vier Augen klären würden. Ich bin gerne bereit einem ehrlich interessierten Mitarbeiter des Rettungsdienstes zu erklären warum wir einen Patienten nicht fliegen obwohl er oder sie sich das so schön ausgedacht hatte.
Stattdessen werden wir ständig ungefragt gefilmt (EIN HUBSCHRAUBER!!), manchmal ist das Video schon bei Youtube bevor wir an der Zielklinik gelandet sind.
Bei der Zigarette danach wird dann von dem Rettungsfachpersonal diskutiert warum wir das denn so und so gemacht hätten und nicht so und man hätte ja schon alles vorbereitet und überhaupt.
Ich kenne diese Diskussionen, ich war oft genug dabei.
Das hat nichts mit einem qualifizierten Debriefing zu tun.
Ich würde mir wünschen, dass wir einfach mal ehrlich zugeben, wenn wir keine Ahnung haben. Die Spezialisten machen lassen. Sei ein guter Teamleader oder ein gutes Teammitglied.
Ein Beispiel?
Für unseren Piloten wurde eine Landestelle ausgewiesen. Feuerwehr sperrt mit einem ganzen Löschzug eine Landefläche ab. Wir gehen dort runter, starten durch und landen nicht dort sondern 300m weiter und müssen durch die Polizei mit einem Einsatzwagen an die Einsatzstelle herangeführt werden.
Ich glaube, dass da bis heute noch ein paar Leute rumlaufen die uns für komplett bescheuert halten. Genau diese Leute wissen auch bis heute nicht, dass wir von oben das verrottende Gewächshaus direkt nebenan gesehen haben, dessen Scheiben sich im Landeanflug bedrohlich anhoben und teilweise wegflogen. Abbruch der Landung, durchgestartet, neue Entscheidung für einen sicheren Landeplatz.
Ein anderes Beispiel?
Wir werden nachbestellt zu einem Verbrennungstrauma, der RTW ist bereits vor Ort. Sicher 60-70% der Körperoberfläche sind verbrannt. Wir benötigen 20 Minuten für den Anflug, in den 20 Minuten wird original nichts gemacht. Bei Übernahme stellen wir fest, dass der Patient
a) mit knapp 140kg zu schwer für den RTH
b) die Zielklinik bodengebunden gerade mal 15 Minuten weg ist
c) der Patient instabil, stark schmerzgeplagt und mit einer Spontanatmungsfrequenz von 40/min intubationspflichtig ist/wird
Selbst wenn wir den Patienten fliegen würden hätten wir mit dem Umlagern vor Ort (Monitoring wechseln, RTW-Trage auf unsere Trage), dem eigentlichen Flug (Anlassen 2 Minuten, Flug 6 Minuten, Nachlaufen der Triebwerke 2 Minuten) sowie Umlagern an der Klinik (raus aus der Maschine, rein in einen RTW, Fahrt zur Liegendanfahrt, raus aus dem RTW, quer durch die Klinik zum Schockraum) sehr viel mehr Zeit verbraucht als wenn wir bodengebunden direkt fahren.
Klar, der Weg von A nach B, der ist mit dem Hubschrauber schneller. Der lohnt sich aber erst bei längeren Distanzen, weil durch das Drumherum so viel Zeit verloren geht.

Wir haben Piloten die auf ihre Flugzeiten achten müssen. Für die Piloten ist das Wetter am Einsatzort, an der Zielklinik und an unserer Homebase wichtig. Sie achten auch darauf wieviel Krafstoff noch an Bord ist. Gerade im Sommer kann man nicht mit einem vollen Tank fliegen weil die Maschine dann zu schwer wird.
In der Luftrettung kommen Aspekte zum tragen, mit denen man im bodengebundenen Rettungsdienst im Normalfall nichts zu tun hat. Was den erfahrenen Rettungsdienstler aber nicht davon abhält der jungen RS-Azubine mit großen Worten zu mansplainen warum er die und die Entscheidung ganz anders getroffen hätte und man ja nicht allen helfen könne und die müssen ja selber wissen was sie tun.
Wir machen unseren Job, ihr macht Euren Job. Wir arbeiten alle zusammen für die eine Sache. Wir helfen Menschen, wir arbeiten gemeinsam gegen die Zeit und wollen Leben retten und das möglichst sicher und schnell.
Wir sind das #teamblau, Polizei, DLRG, Feuerwehr, THW, Bergwacht und andere. Bei uns arbeiten Pflegekräfte und Ärzte, Spezialisten verschiedenster Art, Ehrenamtliche und Hauptberufliche.

Wenn Du in einer dieser Hilfsorganisationen im #Teamblau mitarbeitest und etwas nicht verstehst – frag uns gerne. Es wird immer jemanden geben, der Dir kompetente Antworten geben kann. Meistens steht hinter jeder unverständlichen Aktion eine bisher unbekannte Information.

Null zu Null.

Die Ruhe vor dem Sturm.
So nennt man das wohl wenn auf der Rettungsleitstelle nichts zu tun. Wenn alles gesaugt, geputzt, sortiert, abgeheftet und erledigt ist.
Jetzt in diesem Moment sitzen in diesem Land alleine knapp 90 Teams bestehend aus Piloten, Notfallsanitätern und Notärzten welche stets bereit sind alles stehen und liegen zu lassen um loszufliegen und zu helfen. Dazu kommen die weit über 1000 Teams aus Notärzten und Notfallsanitätern die mit ihrem Notarzteinsatzfahrzeug bereit stehen um zu helfen.
Und die zigtausenden Teams von Rettungswagen, Intensivtransportwagen und unzählbaren Feuerwehreinheiten. Polizei, THW, Notfallmanager der Bahn, Tierretter und so weiter.
Wir alle haben etwas gemeinsam. Wir wurden ausgebildet um Menschen (und Tieren 😉 in Not zu helfen. Wir tragen einen Pager, einen DME, ein Funkgerät oder ein Telefon mit uns um im Moment des Notrufes sofort einsatzbereit zu sein.
Wir legen immer alles parat, sind in jedem Moment auf einen Einsatz vorbereitet. Manchmal müssen wir während des Dienstes duschen (ich versuche zum Beispiel immer nach einer Reanimation zu duschen) und dann legen wir alles bereit so dass wir selbst bei einem Alarm unter der Dusche schnell wieder angezogen und einsatzbereit wären.
Wir packen morgens alle Geräte einmal aus, checken den Defi, die Beatmung, gucken die Rucksäcke durch. Danach wird alles verstaut, einsatzbereit gemacht.

Ruhe bedeutet nichts zu tun. Warten.
Was irgendwie absurd ist, weil da draußen geht das Leben ja weiter. Und eigentlich könnte man ja auch was anderes tun, wenn man wüsste dass es so ruhig bleibt. Zum Sport gehen, das Auto durch die Waschstraße fahren und um 15:30 Uhr ins Stadion. Was man eben so an einem Samstag macht.
Weil wir aber nicht wissen wann und wo ein Notfall passiert sind wir immer bereit.
Manchmal sitzt man dann wirklich stundenlag da und es passiert nichts.
Ich fahre ab und zu auch bodengebunden in einem etwas ländlichen Bereich. Da kann es tatsächlich auch mal passieren, dass wir einen „Nuller“ haben. Keinen einzigen Einsatz, den ganzen Tag über. Das kommt dort so drei oder vier Mal im Jahr vor.
Die Raucher fluchen dann meistens weil die erste Schachtel schon vor 15 Uhr leer ist. Ich habe irgendwann all die Arbeit die ich mir mitgenommen habe erledigt und nach ein paar Stunden ist Bücher lesen auch langweilig.
Im Fernsehen läuft sechs Stunden Biathlon und Dschungelschwachsinn, das hält ja auch kein Mensch aus. Dann döst man da so vor sich hin und wenn man ehrlich ist, ist das ein ganz schön doofer Zustand.
Wir haben uns morgens unsere Uniform angezogen, alles gecheckt, gepflegt, gewartet, damit wir Menschen in Not retten können. Nicht damit wir rumsitzen und uns langweilen.
Wenn man dann keinen Einsatz hat, kommt man sich sehr schnell sehr überflüssig vor.
Wir sind quasi arbeitslos.
Das ist gut für den Bürger, weil dem Bürger geht es dann ja gut. Etwas besseres könnte ja eigentlich gar nicht sein, alle achtzig bis hunderttausend Einwohner in unserem Einzugsgebiet erfreuen sich bester Gesundheit!
Oder sie sind zumindest nicht so krank, dass sie jetzt gerade einen Notarzt benötigen.
Das ist ja eigentlich was Schönes.
Das muss man sich dann auch mal sagen und dann geht es wieder.
Dem Bürger geht es gut.
Und ich fahre jetzt nach einem Dienst nach Hause in dem ich nichts erlebt habe.
Muss es auch mal geben. Eine Nullrunde.
Schlecht für uns, gut für den Bürger.