Feuerwerk 2020 – eine Prognose.

Im Moment wird fleißig diskutiert über das für und wieder der schwarzpulverinduzierten Feinstäuberei.
KONTRA:
Geld
Umwelt Müll
Umwelt Feinstaub
Umwelt Giftstoffe (Strontium, Cäsium, Kobalt…)
Gefahren und nicht Kosten für das Gesundheitssystem

PRO:
Wir wollen aber unseren Spaß.

Der Deutsche hat es nicht so mit Verboten. Seien sie auch noch so sinnvoll.
Ehrlich gesagt wären mir so ein paar Raketen und Böller an Silvester auch herzlich egal, aber es ist ja wie meistens. Die bescheurten 5% verderben den anderen 95% den Spaß.
Ich habe Silvesterfeiern erlebt bei denen Raketen bewusst in Menschenmengen gezielt wurden. Kriegsähnliche Zustände in der Altstadt, Polenböller die zwischen die Beine geschmissen wurden. Haha, wie lustig.

Wer kleine Kinder hat, lernt Silvester zu hassen. In den Tagen davor und danach kann man sich in der Wohnung mit Oropax einschließen, an einen Gang in die Stadt ist nicht zu denken.
Diese 5%-Spinner werden sich auch von einem Verbot nicht abhalten lassen, schon klar.
Anyway – hier meine These:
In irgendeiner Großstadt dieses Landes werden entsprechende Böller für einen Terroranschlag gehalten und eine Massenpanik hervorrufen die dann die Polizei wie in München beim Amoklauf mit einem Großaufgebot so sehr beschäftigen werden und so enorme Kosten verursachen werden, dass man dem ganzen einen Riegel vorschiebt. Nicht direkt von ganz oben, eher so in kleinen Schritten.
Böllerverbot in der Altstadt, nächstes Jahr in der Innenstadt, danach im Stadtgebiet, dann vom 31.12. bis 1.1., dann vom 28.12. bis 2.1. und so weiter.
Ach Moment – das läuft schon? Die BLÖD veröffentlich den großen Böller-Atlas („Wo sie knallen dürfen – und wo nicht“)
Sehr gut.

Übrigens – Julia Klöckner – unsere Ernährungsministerin und Verbraucherschutzministerin die gegen eine Lebensmittelampel zur Kennzeichnung von ungesunden Lebensmitteln ist – die ist auch gegen ein Böllerverbot. Die ist auch der Meinung, dass man Ferkel auch ohne Betäubung kastrieren kann, das ist nämlich keine Tierquälerei. Stalleinbrüche von Tierschützern die Verstöße gegen den Tierschutz aufzeigen wollen will sie dagegen härter bestrafen lassen.
Diese Frau ist auch gegen eine Zucker-Steuer, obwohl wir wissen, dass zwischen Zuckerkonsum und Diabetes-Erkrankungen ein direkter Zusammenhang besteht.
Diese Frau ist auch gegen ein Verbot von Feuerwerk.
Das alleine sollte Warnung genug sein.

Ich gehe jetzt übrigens ins Bett, ich habe morgen 24-Stunden-Dienst.
Ihr Kinderlein kommet – aber nicht das Amputat vergessen!

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Frag den @Narkosedoc – Twitter und ich.

Ich bin mal rüber zu diesem Twitter, habe die Decke abgezogen, entstaubt, frisch geölt, paar rostige Bauteile abgeschliffen und neu lackiert und – zack!

Der @narkosedoc zwitschert. Eine tolle Community dort, weitestgehend sehr höflicher und respektvoller Umgang, das gefällt mir. Klar, so ein paar Krakeelige sind auch dort dazwischen, aber in einem Wald voll zwitschernder Vögel muss man auch mal so einen röhrenden Hirsch verschmerzen können. Testosteron und so.

Ich habe dort eine Frage rausgehauen, Servicetweet quasi.

Was wolltet ihr immer schon vom Notarzt wissen?

Und jetzt geht es los.

https://platform.twitter.com/widgets.js

Per Sie und in höflich. Ich sagte es ja, sehr netter Umgangston hier 😉

Es sind tatsächlich AutofahrerInnen, die mal eben schnell noch hier durch müssen. Da erlebt man alles. Auch wenn wir mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs sind erleben wir Linksabbieger die uns die Vorfahrt klauen oder viel zu spät an die Seite fahren. Überhaupt wird gerne gebremst, aber sonst passiert nichts. Also ich sag mal so – mitten auf der Spur stehen bleiben sorgt jetzt nicht direkt dafür, dass wir schneller voran kommen. Und dafür machen wir ja den ganzen Zirkus. Ich glaube das ist manchmal aber auch einfach Überforderung, deshalb bin ich da auch erstmal keinem böse.

<blockquote class=“twitter-tweet“ data-conversation=“none“ data-lang=“de“><p lang=“de“ dir=“ltr“>Ich stelle mir die Zeit im Krankenwagen bis man beim (schwerverletzten) Patienten ist sehr schlimm vor. Ich könnte unter einem solchen Stress kein Auto fahren. Wie geht ihr damit um und was sind die Gedanken bei der Fahrt? Übrigens, Danke für Eure Arbeit!! ❤️</p>&mdash; Lola77 (@aarven77) <a href=“https://twitter.com/aarven77/status/1070287480639946752?ref_src=twsrc%5Etfw“>5. Dezember 2018</a></blockquote>

Ja, das ist unangenehm. Vor allem wenn auf der Anfahrt dann weitere Infos von der Leitstelle an uns weitergereicht werden. SHT Kind auf dem Melder und dann „Patient trübt jetzt ein“ zu hören sorgt für zusätzliche Anspannung. Davon muss man sich aber auch ein wenig frei machen. Es bringt nichts, wenn wir auf der Anfahrt verunfallen. Ich bin heilfroh, dass ich eine/n FahrerIn habe. Bei Kindernotfällen nutze ich die Zeit und rechne anhand der bekannten Daten zum Patienten (Alter, manchmal sogar Größe und Gewicht) benötigte Medikamentendosierungen aus. Was soll ich auch sonst machen?

Ohweiaohjemine hilft ja auch keinem weiter. Ein Mindset für die Narkose machen hilft hingegen schon. Manchmal sprechen wir uns auch ab welche Zielkliniken geeignet werden, ob wir noch den Hubschrauber dazu nehmen und ähnliche Sachen.

Nein.

Aber die Antwort hättest Du Dir ja auch selbst geben können, also hier nochmal in ausführlich. Appelative Suizide („Hilfeschreie“) sind meist sehr offensichtlich. Diese Patienten wollen aber auch meist gar nicht sterben sondern senden einen Hilferuf. Ritzen am Unterarm und sowas. Muss man total ernst nehmen und das tun wir auch.

Echte Suizidversuche können auch soweit fortgeschritten sein, dass der Patient selber nicht mehr befragt werden kann. Bei bewusstlosen Personen checken wir aber immer erst die eigene Sicherheit (CO? Andere Gase? Stromunfall?) und dann die Umgebung z.B. auf leere Tablettenblister oder ähnliches.

Meist gibt es irgendein kleines Detail was nicht stimmt oder jemanden aus dem Team stutzig werden lässt und dann kommt man meistens doch drauf. Auch deshalb sind wir ein Team und nur gemeinsam so richtig gut.

Der Tweet von @raphibuffy erinnert mich an ein sehr unschönes Erlebnis. Ein eingeklemmter LKW-Fahrer dessen Kopf unverletzt geblieben ist, der aber unterhalt der Brust von seinem Lenkrad eingeklemmt war. Der Unterkörper war nicht mehr durchblutet. Es stand zu befürchten, dass der Patient sofort innerlich verblutet, sobald wir das Lenkrad wegnehmen. Der konnte noch mit uns sprechen und war sich dennoch bewusst, dass hier sein Leben zu Ende geht. Wir haben noch mit ihm gesprochen, die Personalien aufgenommen und ich gebe zu, dass ich ihm ein bißchen mehr Hoffnung gemacht habe als angemessen gewesen wäre. Er erzählte nichts von einer Familie sondern nur, dass wir seinen Spediteur informieren sollen, dass er einen Unfall hat. Ich habe ihn versucht verbal abzlenken und ihn medikamentös abgeschirmt, also schmerzfrei gemacht. Als wir das Lenkrad ganz leicht nach vorne gezogen haben wurde er schlagartig weiß und bewusstlos. Man hat hinterher einen Abriss der Hauptschlagader festgestellt, das wäre mit dem Leben nicht vereinbar gewesen. Wir können eben leider nicht allen helfen. Das muss man akzeptieren können. Einfach ist das trotzdem nicht.

Indem man darüber redet. Ich rede darüber lieber mit meiner Frau als mit meinen Arbeitskollegen, aber das muss jeder für sich selbst rausfinden.

Viele flüchten sich auch in den Sport.

Was auch hilft – ein routiniertes Abschiedsritual. Melder abgeben, Klamotten ausziehen, Duschen (und die Sorgen „abwaschen“), bequeme Alltagskleidung an, laute Mucke für den Nach-Hause-Weg und dann zu Hause ankommen.

Es gab auch schon Tage an denen ich gesagt habe – heute gehen wir gemeinsam richtig lecker Essen. Einfach um das Leben zu feiern. Bewusst einen Kontrapunkt setzen zu den manchmal sehr traurigen (oft aber auch sehr lustigen 😉 Eindrücken.

Aber ja, leider. Viel zu oft.

Ich versuche das immer ein wenig zu bremsen, ehrlich. Ich finde es dem Leitstellendisponenten gegenüber unfair. Die müssen am Telefon entscheiden ob das ein echter Notfall ist oder nicht. Und wenn sie weniger als den Löschzug+RTW+NEF raus schicken müssen sind sie am Ende noch haftbar dafür. Nee, ich sage immer – lieber ein einfacher Notfall und schnell wieder ins Bett als irgendwas superschlimmes kompliziertes. Freuen wir uns doch einfach, dass es glimpflich ausgegangen ist und tschüss, ruhige Nacht noch. Hilft ja sowieso nichts sich aufzuregen, passiert ist passiert.

Weil ich verdammt stolz bin ein Teil der Luftrettung zu sein. Ich habe nirgendwo vorher ein so professionelles Team erlebt. 100% Verlässlichkeit von jedem Teammitglied. Herausforderungen die uns oft medizinisch und menschlich ans Limit bringen aber die wir gemeinsam zu bestehen versuchen.

Ein Team in dem wir offen mit Fehlern und Beinahe-Fehlern umgehen. Und ein tecnisches Hilfsmittel (der Hubschrauber) welcher wahrscheinlich eine der komplexesten Maschinen ist, die der Mensch je geschaffen hat. Und den der Pilot exakt dahin stellen kann wo er/sie das möchte.

Übrigens – jeder von uns in diesem Team ist so begeistert von der Luftrettung. Wir sind jeden Tag dankbar dafür, dass wir unseren Traum wahr machen konnten. Diese Begeisterung geben wir auch gerne weiter. Komm doch mal vorbei, wenn wir in Deiner Nähe landen 😉

Das entscheidet die Leitstelle je nach Notruf. Es gibt bestimmte Stichwörter bei denen der Disponent einen Notarzt mit raus schicken muss. Luftnot, Sturz aus großer Höhe und solche Dinge. Manchmal ist es auch Ermessenssache.

Ich habe das als Notarzt noch nicht erlebt. Aber auf einer Intensivstation. Ich musste ihn notfallmäßig intubieren, er war auf dem Weg in den OP. Keine Zeit für ein Telefonat, keine Angehörigen vor Ort. Ich habe ihn gefragt, ob er mir noch was sagen möchte weil seine Karten ziemlich schlecht standen. Ich habe das was er mir gesagt hat dann genau so seiner Frau gesagt und ich hatte noch nie so einen dicken Kloß im Hals.

Es war sehr schön und es war sehr traurig und am Ende waren es tatsächlich seine letzten Worte. Das klingt total kitschig und es riecht sehr danach als wenn ich mir das so ausdenken würden aber wer in der Notfall- und Intensivmedizin arbeitet weiß – so absurd und so brutal wie die Realität manchmal ist können wir uns das gar nicht ausdenken.

Falls es wirklich um „Kochsalzlösung“ geht, also NaCl-Infusion kann ich nur sagen – damit kann man Nudeln kochen, mehr nicht. Der Erfolg dieser Infusion ist wohl dem Erfinder zu verdanken, der die Plörre als physiologische Kochsalzlösung vermarktet. Physiologisch klingt natürlich und ist besser als pathologisch. Kochsalz kennt man aus der Küche, das kann so schlimm nicht sein. Und eine Lösung suchen wir ja meistens im Leben.

Soll man nicht geben, niemals. Auch nicht bei Dialysepatienten.

Hier gut nachzulesen:

http://www.wains-world.de/2014/11/03/chips-und-erdbeeren-niemand-braucht-nacl/

Das ist mir tatsächlich noch nie begegnet. Ich werde aber zukünftig mehr darauf achten, sollte mir ein Smartphone vor die Füße fallen.

Wie ist das bei anderen Blaulichtern? Ist das jemandem von Euch schon mal da draußen begegnet und habt ihr daraus echten Nutzen gezogen? Hat es ggf. sogar die Therapie verändert?

Tät mich interessieren tun.

*war vor 2 Wochen auf einer notfallmedizinischen Workshop zum Thema Geburt im Notarztdienst

*googlet „regelmäßig“

Eine von mir sehr geschätzte Kollegin ist Geburtshelferin und Gynäkologin. Sie ist der festen Überzeugung, dass alle präklinischen Geburten gemeinsam haben, dass die strahlenden Protagonisten welche das Kind dann in der Klinik abgeben allerhöchstens Zuschauer eines spontan ablaufenden Naturereignis sind dem sie in Ihrer Funktion als Rettungsdienst zufällig beiwohnten.

In der Kurzfassung kann man sagen – eine normale Geburt erfordert fast kein Eingreifen von außen, das Kind wird seinen Weg finden. Und jetzt warte ich auf die Hebammen die mich verhauen. 😀

Aber im Ernst – komische Sternenguckerlagen und Schulterdystokien – da sind wir doch alle komplett aufgeschmissen. Auch die Anästhesisten, weil man das Problem nicht mit einem Tubus lösen kann 😀

Und zum Schluss weil es das ganze so schön abrundet:

Ja Mann.

Danke sagen, dankbar bleiben.

Die letzten Jahre musste ich immer an Weihnachten arbeiten. Entweder Heiligabend oder am 1. Weihnachtsfeiertag.
Ich werde dieses Jahr an Weihnachten Dienst „light“ arbeiten. Heiligabend frei, 1. Weihnachtstag frei, am 2. Weihnachtstag dann Tagdienst. Das ist vollkommen okay für mich, ich bin froh, dass ich Heiligabend und den 1. Weihnachtsfeiertag mit meiner Familie verbringen kann. Eigentlich möchte ja jeder an Heiligabend und am 1. Weihnachtstag frei haben. Manche fahren nach Hause zur Familie, ich habe auch schon von Abi-Treffen an Weihnachten gehört (weil ja alles ins Dorf zurück kommen). Selbst unsere KollegInnen muslimischen Glaubens machen ungern an Weihnachten Urlaub. Sie feiern zwar kein Weihnachten, genießen aber die festliche, winterliche Atmosphäre.
Wirklich freiwillig ist also keiner an Weihnachten im Krankenhaus. Die Patienten schon gar nicht. Spätestens am Vormittag von Heiligabend wird nochmal Patient für Patient durchgeschaut ob es irgendwie möglich ist eine Entlassung (wenn auch nur für ein paar Tage) verantworten zu können. Über die Unfreiwilligkeit dieser Zwangsgemeinschaft und die besondere Atmosphäre dieser Tage habe ich an anderer Stelle schon mal was geschrieben, das würde ich auch heute so noch unterschreiben. Es bleibt etwas besonderes und es ist auch ein besonderes Gefühl für diese Menschen da zu sein, die nicht anders können. Die komplett auf uns angewiesen sind, deren Leben davon abhängt, dass wir da sind und für sie sorgen, für sie kämpfen.
Wenn dann an Heiligabend alle home-for-christmas-driven und ich in die Gegenrichtung fahre, dann fühlt es sich immer ein bißchen traurig an. Gleichzeitig habe ich ein gutes Gefühl. Ich weiß, dass wir heute keine Lapalien behandeln sondern wirklich nur die, bei denen es nicht mehr anders geht.
Operative Eingriffe legen wir soweit mediznisch vertretbar auf den 23.12. oder den 25.12., so dass auch unsere Intensivpatienten am 24.12. mit ihrem Besuch ein bißchen Zeit verbringen können.
In diesen Diensten ist dann manchmal auch sowas wie Zeit für die Patienten und Angehörigen da, was man sich sonst oft wünscht, sich aber kaum realisieren lässt.
Wir haben einen hauseigenen Gospelchor, der meist schon im September mit den Proben für Weihnachten anfängt und wirklich gut singt. Die singen dann unten im Forum aber auch auf jeder einzelnen Station mindestens zwei bis drei („Zu-ga-be!“) Lieder. Das ist ein enormer Einsatz.
Ich werde an Weihnachten an die Polizisten, die Mitarbeiter in der stationären Altenpflege, die Mitarbeiter in den Jugendwohnheimen, den Sozialstationen und den Wohnheimen für Menschen mit Behinderungen. Die Busfahrer, die Pilotinnen und die Zugführer, die uns an Weihnachten nach Hause bringen. Ein Freund von mir wird im Kraftwerk sitzen, Spitzenleistungen abfangen, Strom umleiten und dafür sorgen, dass unser Baum am Heiligabend schön leuchtet. Unzählige Gesprächspartner sitzen bei der Telefonseelsorge bereit und haben ein Ohr für einsame Menschen. Was für eine wertvolle Aufgabe!
Da fehlen noch ein paar mehr. Die Mitarbeiter aus dem Radio und dem Fernsehen zum Beispiel. Oder die Einzelhandelsfachverkäuferin die an der Kasse sitzen muss, weil der REWE bis 22 Uhr geöffnet hat. Egal ob Kunden kommen oder nicht.
Das macht dann schon wieder nachdenklich, ob das wirklich so sein muss, dass man am 24.12. um 21 Uhr eine Fleischwurst kaufen kann. Oder Chips.
Die Polizisten, der Rettungsdienst, das sind die stillen Helden. Die müssen ja, Leben und Tod und so weiter. Aber der kleine Kassierer beim Penny um die Ecke? Hat der denn eine Wahl? Müssen die denn auch? Ja, sie müssen. Aus verschiedensten Gründen.
Unsere Welt hat sich verändert, 2018 haben wir so manchen Wahnsinn der vom Präsidenten mit dem hirnorganischen Psychosyndrom vertwittert wurde nur noch ein müdes Lächeln übrig gehabt. Der Wahnsinn ist zum Alltag geworden, das Fahrgeschäft hat auf Turbo geschaltet.
Als vor ein paar Jahren jemand sagt „jetzt sind die guten alten Zeiten von denen wir in ein paar Jahren sprechen werden“, da haben wir gedacht, das kann nicht sein. Und heute sagen wir – so war es. Ich erinnere mich an Diskussionen während meines Krankenpflegepraktikums im 1999/2000 und da wurde schon geschimpft. Internistische Station, 14 Zimmer, maximal 36 Patienten, wir waren mit 9 Leuten im Frühdienst, 6 Examinierte, 2 Schüler und ich. Heute wuppen die das im Frühdienst manchmal zu dritt. Zwei Examinierte, eine Schülerin. Fertig.
Wir sollten wachsam sein, aufeinander acht geben. Nicht nur aufs Recht bestehen sondern etwas Gutes tun. Der Chemokasper zum Beispiel hat in der Nacht einen quasi unsichtbaren – weil komplett in schwarz gekleideten – Fahrradfahrer auf einer dunklen Strecke mit dem Auto Geleitschutz gegeben. Das sind für mich moderne Ritter! Lasst uns mehr aufeinander achten.
Sei ein Ritter, sei eine Ritterin.
Und ruf Mama und Papa mal wieder an, sie freuen sich. Nebenbei kannst Du vielleicht am Telefon das WLAN reparieren, das geht schon wieder seit Tagen nicht. Aber das ist eine andere Geschichte.
Frohe Weihnachten und eine ausgeglichene bis positive Kalorienbilanz wünscht,

der Narkosedoc

End-of-life-decisions. Wir müssen reden.

Mit dem etwas sperrigen Ausdruck „End-of-life-decisions“ werden all jene Entscheidungen beschrieben die am Ende eines Lebens gemacht werden müssen.
Manche davon entscheidet der Patient selbst, manche die Krankheit, andere Entscheidungen müssen von den behandelnden ÄrztInnen oder sogar von den Angehörigen getroffen werden.
Entschieden wird aber so oder so, man kann nicht keine Entscheidung treffen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt – man kann Entscheidungen aufschieben, aber auch das ist eine Entscheidung.
Ich entscheide das jetzt nicht heißt im Umkehrschluss – wir lassen alles erstmal so weiterlaufen. Das ist auch eine Entscheidung.

Um mehr Selbständigkeit in den mitunter wichtigsten Fragen des eigenen Lebens zu gewinnen, vor allem aber auch um den eigenen Angehörigen Unsicherheit und Zweifel zu nehmen sollte man einiges regeln.
Dazu gehört ein Testament, klar. Wer kriegt die Kohl, die Pelze, die Immobilien.
Aber auch – wohin soll mein Hund, wenn ich nicht mehr für ihn sorgen kann? Wohin soll er vor allem nicht?
Dazu gehört auch eine Vorsorgevollmacht. Sie regelt, dass wenn ich selber nicht mehr in der Lage bin meine Angelegenheiten zu regeln – und nur dann! – eine von mir dazu beauftragte Person diese Aufgaben übernimmt. Habe ich keine Vorsorgevollmacht wird in der Regel ein naher Verwandter als Betreuer eingerichtet, das ist aber lange keine Selbstverständlichkeit.
Viele glauben immer noch, dass eine Heiratsurkunde so eine Art Vorsorgevollmacht ist. Das hat damit nichts zu tun!

Exkurs:
Ein Mann liegt auf unserer Intensivstation, Darmverschluss, komplizierte OP, viel Blutverlust, Multiorganversagen, Langzeitbeatmung, Dialyse, Ausgang ungewissen, langfristige Pflegebedürftigkeit sehr wahrscheinlich, dauerhafte Hirnschäden nicht auszuschließen.
Seine Ehefrau möchte in seinem Sinne die Therapie beenden.
Seine Tochter ist der gleichen Meinung, der Vater habe das nicht gewollt. Es ist aber nicht schriftlich fixiert, man wollte das immer machen, liegt auf dem Küchentisch, ihr kennt das.
Die Tochter lebt mit den Eltern in einem Haus, man hat ein sehr inniges Verhältnis. Es wird das Vormundschaftsgericht eingeschaltet und eine Betreuung beantragt.
Der Sohn (in Argentinien lebend) wird informiert, dass es dem Vater nicht gut geht. Vor Jahren kam es zum Bruch in der Familie, er hat den Vater seit 15 Jahren nicht gesehen. Er mischt sich jetzt ein, will die Betreuung übernehmen. Er wird also vom Richter angehört, sagt aus, dass der Vater ein lebensbejahnder Mensch gewesen sei (vor 15 Jahren…) und er sicher eine Maximaltherapie wünsche. Die Frau, die Tochter insistieren. Es kommt zum Streit und der Richter entscheidet das einzig mögliche – ein neutraler, fremder Berufsbetreuer wird eingesetzt. Diese Leute „betreuen“ manchmal 150 oder bis zu 200 Menschen.
Es gibt wie überall viele gute Menschen, aber auch schwarze Schafe. Ich habe auf unserer Intensiv in fast 10 Berufsjahren noch nicht ein einziges Mal (!) einen Berufsbetreuer gesehen. Man faxt denen was hin, die unterschreiben das und schicken es zurück. Keine Skrupel, keine Interessenwahrnehmung, es ist eine Abwicklung von Geschäften.
Will man das? Wohl eher nicht. Also regelt das schriftlich wer wann was für Euch entscheiden darf. In einer Vorsorgevollmacht.

Wenn man Kinder hat sollte man auch eine Sorgerechtsverfügung verfassen.
Hier wird festgelegt wer sich um die Kinder kümmern soll und wer das Sorgerecht bekommen soll wenn ihr es selber nicht mehr ausüben könnt. Das ist unfassbar wichtig. Ein Familiengericht wird das mit höchster Priorität berücksichtigen, was eine Mama für ihre Kinder gewünscht hätte. Pflegefamilie oder Kinderheim? Zu den Großeltern die zwar viel Liebe schenken aber auch schon selbst sehr alt sind und 200km weg wohnen und wo die Kinder sich einen komplett neuen Freundeskreis aufbauen müssen?
Oder doch lieber zu den Freunden die in der Neubausiedlung direkt nebenan wohnen aber selbst schon drei Kinder haben?
Überflüssig zu erwähnen, dass man sowas natürlich ganz konkret mit den Menschen besprechen sollte die in der Sorgerechtsverfügung genannt werden…

Bleibt noch die Patientenverfügung. Die Entscheidungen die ich für mich in der Patientenverfügung festlege haben unter Umständen die am weitesten reichenden Folgen. Für mein eigenes Leben, aber auch für das weitere Leben meiner Familie, Angehörigen und Freunde.
Warum es Sinn macht auch als 21-jährige Topsportlerin oder als 24-jähriger Medizinstudent eine Patientenverfügung formuliert zu haben, darüber schreibe ich im nächsten Artikel.

14-jähriger stirbt nach Narkoseeinleitung

Wecker klingeln, entgegen ärztlichen Rat als erstes aufs Smartphone gucken, durch die Nachrichten scrollen… wach.

Manchmal gibt es diese Nachrichten die uns mit einem Blick in den Newsfeed sofort wach machen.
Donald Trump ist über Nacht Präsident der USA geworden.
Zack – besser als ein doppelter Espresso.
Sowas war das hier für mich:

„14-jähriger stirbt nach Narkoseeinleitung“
(unter anderem hier)

In feinstem Schulenglisch ploppt ein „WHATTHEFU**?!?“ in meinem Kopf auf. Ich bin nicht der Pressesprecher der Klinik, ich darf das sagen was ich denke.
Und das ist wahrscheinlich das gleiche was alle AnästhesistInnen, Anästhesiefachpflegekräfte, ATAs und Co auch denken – was ist da passiert?
Ein Zwischenfall, der Junge wird noch nach Bielefeld transportiert. Ein Klinikmitarbeiter meldet den Vorfall, der Junge kann nicht mehr gerettet werden und verstirbt, es wird eine Obduktion angeordnet. Jetzt wird bekannt, dass auch die Patientenakte beschlagnahmt wurde.
Wir werden das wahrscheinlich nie erfahren, was dort passiert ist, die Öffentlichkeit muss ja auch nicht alles wissen. Trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack.
War es wirklich schicksalhaft?
Ja, kann schon sein. Ein bisher unentdeckter Herzfehler, eine angeborene Stoffwechselstörung, eine fulminante anaphylaktische Reaktion auf ein Medikament wie zum Beispiel Propofol, eine Prädisposition für eine maligne Hyperthermie mit Entwicklung einer solchen und fatalem Ausgang.
Kann schon sein.
Kann aber auch anders gewesen sein. Und ich glaube das ist es was den meisten sofort durch den Kopf geht – ließ der Junge sich beatment? War es ein Sauerstoffmangel?
Das alles ist ja getrieben von der Frage – wäre der Tod vermeidbar gewesen? Hätte man diese Komplikation anders antizipieren können? Gab es in der Zwischenzeit vielleicht sogar schon andere Zwischenfälle bei denen man hellhörig hätte werden müssen?
Die anästhesiologische Führungsebene dort erscheint jedenfalls sehr kompetent. Zertifikate, Zusatzbezeichnungen, der Chef sogar habilitiert.
Ich bin sehr zuversichtlich, dass die zuständigen Mitarbeiterinnen vor Ort in der Klinik dort nicht nur Krisenmanagement betreiben sondern an einer Aufarbeitung der Vorfälle interessiert sind.
Der Tod des Jungen tut mir in aller erster Linie leid für die Familie. Die haben ihren Sohn verloren, vielleicht gab es einen Bruder, eine Schwester. Die Trauer und den Schmerz den Eltern empfinden die ihr Kind begraben müssen kann man nicht beschreiben. Ich glaube es gibt nichts grausameres auf dieser Welt als sein eigenes Kind zu Grabe tragen zu müssen.
Ich denke aber auch an das Anästhesieteam was an dem Tag für diesen Jungen zuständig war. Die werden sich genau das fragen: wie ist das passiert? Hätten wir das vermeiden können? Hätten wir etwas ahnen können? Gab es Anzeichen für die eingetretene Komplikation die wir übersehen haben?

Mich macht dieser Zwischenfall demütig.
Wir legen Menschen in einen künstlichen Schlaf, spritzen Medikamente bei denen die Atmung zum Stillstand kommt. Unsere Patienten vertrauen sich uns an, legen ihr Leben in unsere Hand.
Wir spritzen sie in einen Zustand den sie ohne unsere Hilfe nicht überleben können. Wir wachen über unsere Patienten, beschützen sie. Wir reflektieren ständig ob es Ihnen gut geht, ob wir noch irgendetwas verbessern können.
Das muss uns klar sein, bei jeder! einzelnen! Narkose.
Fehler passieren, überall.
Aus Müdigkeit weil ich drei Nachtdienste in Folge machen musste.
Aus Ablenkung weil ich auf dem Handy daddel.
Aus Überheblichkeit weil ich ja schon über 5000 Narkosen gemacht habe.
Aus vielen anderen Gründen, weil wir Menschen sind.

In Gedanken sind gerade ganz viele Menschen bei diesem Jungen, dieser Familie und diesem Anästhesieteam.
Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute.

Chirurgischer Basar

Manchmal komme ich mir vor wie auf dem Basar. Es gibt die Patienten mit den richtig großen OPs, die sich nach der chirurgischen Aufklärung (kleiner Schnitt und der Tumor ist raus…) sehr wundern, wenn wir Ihnen dann neben der Vollnarkose noch allerlei Drumherum verkaufen müssen (arterielle Blutdruckmessung, Doppellumentubus, zentraler Venenkatheter, Intensivstation etc.).
Und die mit vermeintlich überflüssigen Operationen die eigentlich gar nicht nötig sind und bei denen wir eigentlich gar keine Narkose machen wollen.
Oder die bei denen wir keine Narkose machen wollen weil wir wissen, dass das kein gutes Ende nimmt.
Da wird mit den Chirurgen verhandelt, beraten und geschachert wie beim Teppicheinkauf in Alanya.
3 aktuelle Fälle aus unserer Prämedikationsambulanz.

22 jährige Patientin, normalgewichtig, keine relevanten Vorerkrankungen. Seit etwa einem halben Jahr „Probleme mit der Bandscheibe“. Arbeitet als Lageristin bei einem großen Versanddienstleister, habe dort viel und schwer heben müssen. Allenfalls diskrete Ausstrahlungssymptomatik, keine (!) Zeichen eines Querschnittssyndroms. Stellt sich bei uns vor weil für den Folgetag eine OP zur Entlastung der Bandscheibe geplant ist.
Ich biete ihr an sich hinzustellen oder hinzulegen, echte Rückenschmerzpatienten sitzen ungerne.
Sie lehnt ab, das ginge schon, so schlimm sei es nicht. Ich frage wo sie sich schmerzmäßig auf dem Schmerzscore von 0 bis 10  (0 = friedliche Blumenwiese, 10 = infernalischer Höllenschmerz) befindet. Es sei eine 4 bis 5, aber auf Dauer sei das ja auch nicht schön.
Ich frage was mit einer Ausweitung der Schmerztherapie ist?
Nein, sie sei nicht so für harte Schmerzmittel.
Und Krankengymnastik? Aufbau der Rückenhilfsmuskulatur?
Ja, man habe ihr da so Übungen gezeigt. Die hätte sie machen sollen, aber es war bei ihr wie bei fast allen – keine Zeit, keine Lust, dafür aber 100 Ausreden.
Ich frage Sie was sie sich von der Operation (!) am Rücken erwarte. Sie reagiert verduzt, als ich ihr sage, dass eine solche Operation fast immer nur zu einer Linderung der Beschwerden und so gut wie nie zu einer Heilung führe. Dort wo das Messer Gewebe wegschneidet entsteht Narbengewebe, dies kann sich verziehen und zu größeren Schmerzen als vorher führen. Sie schaut verwundert, das habe ihr nämlich noch keiner erzählt.
Sie wäre nicht die erste Patientin die nach ein paar Jahren und etlichen Operationen in der Schmerztherapie landet und bereut der allerersten von etlichen Operation zugestimmt zu haben.

Ein Patient, 82 Jahre alt, großer und weit fortgeschrittener Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der Patient geht nach der „Aufklärung“ durch den Chirurgen für die OP nach Whipple davon aus, dass man den Kräbbs rausschneiden könne und er danach geheilt sei. Ich verweise darauf, dass diese Operation bei Patienten mit seinem Vorerkrankungsprofil an meiner alten Klinik nicht durchgeführt würde, da die Wahrscheinlichkeit an der OP und ihren Folgen zu sterben höher ist als der mögliche Gewinn durch eine etwaige Lebensverlängerung von ein paar Monaten.

Noch ein Patient, 135kg, Tennisspieler und Raucher mit einer fortgeschrittenen Lungengerüsterkrankung (COPD) und Schlaf-Apnoe-Syndrom der sich wegen eines Schulter-Arm-Syndroms zur geplanten subakromialen Dekompression vorstellt. Der Sinn und Nutzen dieser OP an sich ist höchst umstritten, das Risiko für Komplikationen im Rahmen der Vollnarkose für den Patienten ist erheblich. Wir besprechen die Möglichkeiten mit dem Patienten (Regionalanästhesie mit Risiko der Phrenicusparese, zeitweise Beatmungspflichtigkeit, intensivstationäre Aufnahme etc.).
Der Chirurg wird unter Hinweis auf das erhebliche Narkoserisiko (bei fraglichem Nutzen…) darum gebeten die Dringlichkeit und Notwendigkeit des Eingriffs zu begründen. Da dies ausbleibt entfällt die OP, der Patient wird nicht operiert.

Was habe ich als Anästhesist eigentlich für Möglichkeiten wenn ich Bedenken bezüglich einer OP habe?
Das Tätigkeitsfeld des Anästhesisten in der Prämedikation ist politisch und medikolegal hochkomplex und voller Tretminen. Trotzdem gibt es da Möglichkeiten.

Problem 1: Es ist nicht so wie es scheint.
Die OP, die sich aus meiner Sicht vielleicht als unnötig darstellt, ist für den Patienten aus anderen Gründen vielleicht sehr wohl notwendig. Es gibt viele Gründe für eine OP die über eine akute Lebensbedrohung hinaus gehen. Erhalt der Lebensqualität, Erhalt der Selbständigkeit, der Möglichkeit zum Erhalt der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit.
Nicht immer können Patienten uns das so differenziert mitteilen.
Praxistipp: Ich nehme mir zwei Unterlagen vom Patienten mit, verweise darauf, dass ich diese kurz kopieren möchte. Dann gehe ich raus, rufe den Chirurgen an der diesen Patienten operieren möchte und hake mal kurz nach. Einem kurzen Gespräch folgt meist Klarheit.
Warum tue ich so als wenn ich etwas kopieren würde und sage es dem Patienten nicht direkt? Weil ich glaube, dass ein Patient ein Recht auf das Gefühl größtmöglicher Sicherheit hat. Es verunsichert den Patienten unnötig wenn wir aufgrund innerklinischer Kommunikationsprobleme uns telefonisch abstimmen müssen.

Problem 2: Kompetenzgerangel
Der erfahrene (leitende?) Oberarzt oder vielleicht sogar der Chefarzt persönlich stellt die Indikation zur OP. In der Prämedikationsambulanz sitzt der jüngste Assistenzarzt, frisch approbiert, vor einem Jahr noch an der Uni.
Auch über Abteilungen hinweg kann ein solch erheblicher Unterschied in der Hierarchie erhebliche Auswirkungen auf Entscheidungsprozesse haben.
In diesem Fall würde ich bei begründeten Zweifeln „mal eben zum kopieren“ rausgehen (…) und mit dem eigenen Oberarzt / Oberärztin Rücksprache halten.

Problem 3: Fälle machen
Ein OP verdient nur Geld, wenn er operiert. Je nach OP sind das zwischen 11 und 25€ pro Minute. Und wer einen Hammer hat sieht überall Nägel.
Wir operieren seit Jahren wahrscheinlich zu viel und zu oft, vielleicht ist aber auch der Bedarf gestiegen. Meiner persönlichen Einschätzung nach gibt es schon hin und wieder Operationen bei denen man mal nachdenklich wird. Das sind aber gefühlt keine 5-10 % der Gesamt-OPs.
Ob der Blinddarm wirklich nachts um 3 raus muss oder ob er nur zu dieser finsteren Zeit heraus muss, damit am Tag keine geplante Operation verschoben oder gar gestrichen werden muss – das sei mal dahingestellt.
Grundsätzlich glaube ich ist der Anteil der vermeidbaren Operationen aber wesentlich geringer als es in der Öffentlichkeit gerne effektheischend dargestellt wird. Das ist zumindest mein persönlicher Eindruck – in unserer Klinik.
Klar ist aber auch – eine einzige, überflüssige Operation ist bereits eine zu viel!

Wie ist das an Eurer Klinik? Gibt es die Möglichkeit Bedenken bezüglich einer OP zu äußern?
Hat das Konsequenzen oder wird das ignoriert?

Experten überall.

Wir leben in einer Zeit der Experten. Bei uns sagt man: von nichts eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung. Oder auch – noch kein Haar am Sack, aber im Puff drängeln.
Wobei – Meinung trifft es nur so ungefähr. Unter einer Meinung verstehen das Lexikon und ich eine persönliche (!) Ansicht eines Sachverhalts. Was viele vergessen – das persönliche wird zur allgemeingültigen Referenz erhöht. Es ist dann keine Diskussionsgrundlage mehr sondern ein unumstößliches Manifest selbsternannter Experten. Ich weiß, ihr schwarz.

Katharina weiß am besten, dass die Masernimpfung nur im Interesse von der bösen Pharmaindustrie ist und die Carla aus der Nachbarschaft hat das ja auch gehabt und ein paar Pusteln später ist sie jetzt immerhin auch ein leben lang immun. Katharina hat eben noch nie eine Masern-Enzephalitis gesehen, da kann man sich mal hinstellen und ganz sportlich so eine Meinung vertreten.

Gerade online wird hemmungslos Dampf abgelassen. Bei einem Zeitungsartikel macht es keinen Unterschied mehr ob FAZ oder Haselüner Käseblatt – pöbelnde Dumpfbacken wissen es besser. Besser als die dummen Politiker, die faulen Beamten oder – in meinem Fall – die ignoranten und schlecht ausgebildeten Ärzte und inkompetenten Pflegekräfte.
Ist hier allen der Dunning-Kruger-Effekt bekannt? Nicht?
Dann bitte dringen mal nachlesen. Das erklärt so einiges. Unwissenheit für zu mehr Selbstvertrauen.

Es wird gegen alles und jeden gehetzt und das gerne vor Publikum. Dafür gibt es ja Bewertungsportale oder zur Not auch GoogleMaps.

vor 2 Monaten
Sehr lange Wartezeit, obwohl nichts los war. Dazu noch eine falsche Diagnose. Das ist auf keinen Fall zu empfehlen!

Der Dominik hat es gechecked. Der Arzt war auf dem Golfplatz, die Krankenschwester bei er Fußpflege. Der Dominik hatte sich den Fuß vor zwei Wochen umgeknickt eine offene Trümmerfraktur zugezogen und wollte vor dem Urlaub nur mal kurz checken lassen hätte dringend in den Schockraum gemusst. Aber die Ignoranten von der Notfallambulanz kümmern sich natürlich lieber erstmal um den kaputten Motorradfahrer.
Stun-den-lang habe ich da keinen Menschen gesehen (ja, warum?). Lieber Dominik, Du hast keine Ahnung davon, wie eine Notaufnahme funktioniert. Du hast wahrscheinlich noch nie etwas von der Triage gehört und Du weißt auch nicht, dass es eine Liegendanfahrt für den Rettungsdienst gibt, also bitte – setz Dich wieder hin, nimm Dein „lustiges Taschenbuch“ und versuch wenigstens die Bilder zu verstehen.

vor 2 Wochen
Habe heute wegen einer einfachen Frage angerufen und wurde in die Notfallambulanz weitergeleitet. Da wurde ich dann ziemlich unfreundlich abgewisen. „Da müssen sie ihren Hausarzt fragen!“ Sagte man mir am Telefon. Gut das heute Samstag ist. Sehr unfreundlich!

Ja, genau Vera. Ich hätte direkt aufgelegt. Das Krankenhaus ist nicht die Auskunft und in der Notfallambulanz haben wir keine Call-Center-Agents. Wusstest Du, dass eine mediznische Beratung (auch fernmündlich) zum 3,5-fachen Satz abgerechnet werden muss?
Liebe Vera, für Fälle wie Dich gibt es die 116117. Versuch es mal dort, oder bei der 11833. Aber nicht in der NOTaufnahme.

Das sind ja eher die moderaten Fälle, es gibt da ja noch ganz andere Kaliber, aber die will ich hier gar nicht zitieren.

Wie lange ist es eigentlich her, dass Dieter Nuhr seine mittlerweile geflügelten Worte sagte? Wenn man mal keine Ahnung hat, einfach mal Fr*** halten. Wenn sich nur alle daran hielten, wie wunderbar ruhig könnte es in diesem Land sein.

Eingepackt und mitgemacht.

Als ich heute ins Notarztfahrzeug einstieg begrüßte mich Thomas mit der Frage, ob ich der Notarzt sei.
Ich bejahte, daraufhin fuhren wir los.
Exkurs:
Thomas fuhr auch letzte Woche Donnerstag nach einer Alarmierung zu unserer Klinik – wie so oft. Dazu muss man sagen, dass unsere Klinik relativ groß ist. Es beteiligen sich drei Kliniken (Innere, Chirurgie, Anästhesie) am Rettungsdienst. Das heißt je nach Tag und Uhrzeit ist der zusteigende Notarzt Chirurg, Internist oder auch Anästhesist. Insgesamt beteiligen sich etwa 40-50 Ärztinnen und Ärzte am Rettungsdienst. Hinzu kommen PJler oder auch Famulanten, also angehende Ärztinnen und Ärzte die sich noch im Studium befinden und mal am Rettungsdienst als Praktikanten teilnehmen um mal zu gucken wie man das so praktisch macht mit der Notfallmedizin.
Im Notarztauto sitzt vorne links der Fahrer, meist ein Rettungsassistent bzw. Notfallsanitäter. Vorne rechts sitzt gewöhnlich der Notarzt und wenn noch jemand mitfährt so findet sich meistens auf der Rücksitzbank ein Plätzchen.
Auf dem Melder stand ein Verkehrsunfall, zwei PKW, mehrere eingeklemmte Personen. Alarmiert war unser NEF sowie ein RTH und mehrere RTWs sowie ein Großaufgebot der Feuerwehr zur technischen Rettung der eingeklemmten Personen.
Thomas flitzte also von seiner Rettungswache zu unserer Klinik und hielt vor der Klinik um den Notarzt aufzunehmen. Der kam dann auch, setzte sich vorne rechts hin und Thomas düste los. Die beiden flogen mit Sondersignal durch die Stadt über rote Ampeln und über den Zubringer der Verbindungsstraße in Richtung Autobahn wo sich der Unfallort befand.
Als sich der Verkehr langsam staute und Thomas sich mit dem NEF nach etwa 12 Minuten Anfahrt in die Rettungsgasse einfädelte um zum Unfallort vorzufahren fragte sein Beifahrer „Nehmen wir denn auch noch den Notarzt mit?“.

Kurze Stille im NEF.

Thomas wurde in dem Moment schlagartig klar, dass der junge Kollege neben ihm nicht der war für den er ihn gehalten hatte. Man hätte so vieles fragen können: wer bist Du? Warum setzt Du Dich nach vorne? Vor allem – warum hast Du nicht mal eher was gesagt?
Der Praktikant war offensichtlich mit den Gegebenheiten des Rettungsdienstes nicht recht vertraut, man hat ihn wahrscheinlich einfach schlecht eingearbeitet. Dazu kommt die Zeitnot, ungewohnte Abläufe und Personal was sich kaum oder gar nicht kennt.
Rückblickend muss ich sagen – das hätte mir so oder ähnlich wahrscheinlich auch passieren können. Es gibt verschiedene Modelle wie der Notarzt zum Einsatzort kommt. Manchmal steht das NEF an der Klinik und der Fahrer hat dort ein Zimmer. Das ist die einfachste und schnellste Variante, man steigt gemeinsam ins Fahrzeug und fährt los. Oft kommt das NEF aber auch aus der Stadt von der Feuerwehr oder von einer Hilfsorganisation und fährt erstmal zu der Klinik um dort den Arzt aufzunehmen. Dann gibt es noch Selbstfahrer und andere Orchideen aber es gibt vor allem kaum Standards.
Die Internisten werden vor dem Haupteingang abgeholt, die Anästhesisten hinten am OP und die Chirurgen laufen immer zur Straße. Der Praktikant war zur Zeit in der Inneren Abteilung (Haupteingang), der Notarzt wäre ein Anästhesist gewesen. Der stand wahrscheinlich auch hinten am OP, Thomas hatte aber ja vor der Tür seinen „Notarzt“ schon gefunden.

Was nun?
Zurück fahren und den Arzt holen?
Also wenden (?), 12 Minuten zurück zur Klinik und mit dem Notarzt erneut anfahren?
Thomas entschied sich dafür durchzufahren. Er gab eine Rückmeldung an die Leitstelle und instruierte die Leitstelle mit einem weiteren Fahrzeug den an der Klinik wartenden echten Notarzt nachzuführen. Das war in jedem Fall die beste Lösung zumal ja ein weiterer Notarzt über den Hubschrauber schon vor Ort war.

Glück im Unglück, an der Einsatzstelle waren statt der befürchteten Schwerverletzten nur ein paar leichtverletzte Unfallbeteiligte.
Am Ende stand nur einer unter Schock – das war unser Praktikant.

Wenn mich also das nächste mal jemand fragt ob ich der Notarzt bin sage ich einfach – ja, ich bin Dein Notarzt, wir können losfahren.

Status 6 all night long

Der Notarztdienst hier im ländlichen Bereich verspricht eigentlich recht ruhig zu sein. In 24 Stunden sind es meist nicht mehr als drei oder vier Einsätze, nachts bleibt der Melder oft komplett ruhig. Nicht in dieser Nacht.

Eine Partygesellschaft rief uns weil die Gasflasche leer war, also fuhren wir mit Sondersignal zum Baumarkt um eine neue Flasche zu besorgen. Beim zweiten Einsatz nahmen wir den Bürgermeister mit, dieser brauchte eine Impfung für den geplanten Sommerurlaub. Bis zur nächsten Kinderklinik ist es relativ weit, wir fuhren gefühlt stundenlang über Land aber die Kinderklinik war nunmal die einzige Klinik die den Bürgermeister impfen konnte.
Zack, den Bürgermeister abgesetzt und ab ging es nach Hause.

Auf der Rückfahrt wurden wir nämlich von der Leitstelle direkt für einen Folgeeinsatz alarmiert. Bewusstloses Kind, Nachforderung vom RTW bei drohender respiratorischer Insuffizienz.

Ich ging in Gedanken das Szenario durch und hatte für meinen Geschmack etwas zu viel Zeit auf einer gefühlt viel zu langen Anfahrt zum Einsatzort.

Das Navi führte uns über Feldwege auf Schleichwege zurück auf Feldwege die immer entweder in einer Sackgasse oder vor einem Gebäude oder vor vor einem Pöller endeten. Für Pöller haben wir eigentlich ein Werkzeug an Bord, damit versuchte ich vergeblich den Pöller umzulegen. Es war auch eigentlich kein Dreikant wie sonst sondern mehr so ein Flaschenöffner, den hatte wohl jemand ausgetauscht.

Mein Fahrer hielt es nicht für nötig mal bei der Leitstelle nachzufragen wo denn der Einsatzort genau sei. Normalerweise kommt dann irgendeine ergänzende Information oder der Anrufer macht sich bemerkbar.

Joko (ja genau, der Halbbruder von Klaas) machte noch ein paar Versuche den Einsatzort anzufahren und brach die Anfahrt schließlich ab.

Ich war fassungslos ob dieser Nonchalance. Nein, sagte Joko, er würde das jetzt nicht finden, die würden schon klar kommen im RTW.

Die Auseinandersetzung fand ein jähes Ende weil ich schließlich ausstieg, das Renn-E-Bike vom Anhänger nahm und auf eigene Faust versuchte den RTW zu finden.

Was ich fand war ein quicklebendiges Kind. Topfit ausgeschlafen und hellwach. Noch bevor ich eine Rückmeldung an die Leitstelle geben konnte weckte mich das Kind brabbelnd und lachte mich freudestrahlend an.
Guten Morgen.