Am Ende.

Letzte Woche habe ich mit Frau Schurig über das Ende ihres Lebens gesprochen. Es waren alle da an ihrem Bett. Ihr Mann mit dem sie seit 53 Jahren verheiratet ist, der gut genährte und sehr gefasste Sohn (so etwa Anfang 50) und die etwa gleichalte Schwiegertochter. Auch mit Ihnen habe ich über das Lebensende von Frau Schurig gesprochen.

Wir führen auf der Intensivstation viele Gespräche über das Ende des Lebens. Die Voraussetzungen sind immer andere, die Wünsche und Wege dahin sind es auch. Ich glaube jeder hat eigene Gedanken dazu und manche schaffen es sogar diese anderen mitzuteilen oder auch in Form einer Patientenverfügung aufzuschreiben.
Viele gehen auch den Weg der Verzweifelten und besuchen einen Notar bei dem sie für viel Geld eine nutzlose Verfügung unterschreiben die mit den Worten „Wenn zwei Ärzte unabhängig voneinander feststellen, dass meine Erkrankung unweigerlich zum Tod führt, wünsche ich…“ anfängt und nicht mal das sündhaft teure Papier wert ist auf dem sie steht weil bereits die einleitenden Worte unsinnig sind.

Also sind wir dann oft auf der Intensivstation mit sehr alten, komplex vorerkrankten Patienten konfrontiert und müssen über das Ende reden.
Wir fragen also unsere Patienten ob sie sich mal darüber Gedanken gemacht haben und wenn ja wieviel Intensivmedizin sie noch möchten und was wir noch für sie tun können und sollen. In aller Regel führen wir dieses Gespräch auf der Intensivstation nicht mit den Patienten selbst sondern deren Angehörigen, da die Patienten zu diesem Zeitpunkt meist schon beatmet sind und im künstlichen Koma liegen.
Sehr selten kommt es vor, dass man wirklich mal von Angesicht zu Angesicht mit den Patienten in Ruhe über den Sinn und Unsinn weiterer intensivmedizinischer Maßnahmen sprechen kann. Ich halte es zum Beispiel nicht für sinnvoll einen maximal luftnötigen Patienten unter NIV-Maske mit 100% bei beginnender Dekompensation zu fragen ob er denn auch eine Beatmung und einen Luftröhrenschnitt wünsche. Das ist irgendwas zwischen Erpressung und unmoralischem Angebot, auf jeden Fall ist aber seitens des Patienten in so einer Situation keine Geschäftsfähigkeit mehr gegeben.

Frau Schurig kam zu uns weil sie seit Monaten Gewicht verloren hatte. Ein bißchen müde fühlte sie sich auch seit einiger Zeit aber es ging ja alles so noch ganz gut.
„Wer soll denn sonst den Haushalt machen, ich renn doch nicht wegen jedem Zipperlein zum Arzt.“
Als Frau Schurig zu uns kam war sie in einem sehr schlechten Zustand. Fahles, eingefallenes Gesicht, regelrecht ausgemergelt.
„Die hat ja nie was gehabt. Kerngesund war sie immer!“
Beim Hausarzt war sie mit der Problematik nie. Verdrängung? Ignoranz?
Irgendwann ging es dann gar nicht mehr, sie kam zu uns mit dem klinischen Bild eines Darmverschlusses.
„Über Weihnachten muss ich aber nach Hause, mein Sohn und meine beiden Töchter kommen. Die wohnen in Österreich und in der Schweiz. Ist doch wohl nichts ernstes, oder?“
Eine Notfalloperation war notwendig, viel Diagnostik außer einem CT war vorher nicht möglich sonst wäre der Stuhl oben herausgekommen. Im OP zeigte sich ein riesiger Darmtumor der fast den gesamten Bauchraum durchsetzte und bereits die Leber infiltriert hatte und auch das Bauchfell war über und über mit Metastasen übersät. Es wurde ein künstlicher Darmausgang angelegt, eine heilende Operation war unmöglich.
„Aufgemacht haben sie meine Frau und gleich wieder zu. Nichts zu machen. Überall Krebs.“
Frau Schurig war bereits bei Aufnahme im Nierenversagen, sie benötigte in der OP sehr viel kreislaufunterstützende Medikamente, viel Flüssigkeit und ein komplexes Spektrum der Intensivmedizin sonst hätte sie die OP in dem schlechten Zustand gar nicht überstanden.
„Überall diese Schläuche. Letzte Woche ging es ihr noch gut!“
Für die Familie war der Fall klar. Die eigentlich gesunde alte Dame kommt ins Krankenhaus und da fällt sie in die Hände der Mediziner und ist dem Tod geweiht. Das ist nicht einfach als Gesprächsgrundlage.
Tatsächlich war Frau Schurig rasch wach, adäquat und sah sehr viel besser aus als noch vor der OP. Etwa am fünften Tag zeichnete sich aber ab, dass die Nieren sich trotz aller Zuwendung und unterstützenden Maßnahmen nicht erholen wollten. In der weiteren Bildgebung zeigten sich bereits fortgeschrittene Lungenmetastasen, ein Hinweis für eine sehr weit fortgeschrittene Erkrankung.
„Und da kann man jetzt nichts mehr machen? Meine Frau war doch bisher immer kerngesund! Ich verstehe das nicht.“
Am fünften Tag nach der Operation waren die Nierenwerte so hoch angestiegen, dass wir vor der Frage standen, eine Dialyse zu starten um womöglich noch ein bißchen Zeit zu gewinnen oder den Gang der Dinge zu akzeptieren.
Das besondere in diesem Fall war, dass es für die Patientin definitiv keine Rettung im Sinne einer Heilung gab. Noch außergewöhnlicher war es, dass die Patientin wach, adäquat und bei vollem Verstand und ohne Schmerzen oder Luftnot oder andere beeinträchtigende Symptome im Bett saß. Von außen gesehen ging es ihr pudelwohl, einzig die Nieren arbeiteten überhaupt nicht mehr. Normalerweise würden wir bei palliativen Patienten mangels Perspektive gar keine Dialyse fahren, hier war aber die Sondersituation, dass man zumindest theoretisch noch davon ausgehen musste, dass die Nieren mit viel Glück wieder die Arbeit aufnehmen und der Patientin somit vielleicht noch ein paar Wochen zum Leben blieben.
In einem ethischen Fallgespräch am Bett der Patientin und mit der Patientin legten wir die Gründe für das Gespräch dar, es wurden die Therapieoptionen erläutert und auch konkret angesprochen, dass nur eine Dialyse vielleicht noch ein wenig Zeit bringen könne. Die Patientin legte Wert darauf festzustellen, dass sie jegliche lebensverlängernde Maßnahmen eigentlich für sich ausgeschlossen habe. Sie habe aber auch den dringenden Wunsch noch einmal nach Hause zu kommen.
Entsprechend wurde mit der Patientin vereinbart einen einmaligen Zyklus Dialyse über etwa eine Woche zu starten um die Nierenwerte etwas zu bessern und ihr die Möglichkeit zu geben noch einmal nach Hause zu kommen.
Die Schwiegertochter war sehr ruhig in dem Gespräch und fragte nur eine Frage.
Was passiert wenn wir keine Dialyse machen?
Obschon im Gespräch vorher klar kommuniziert wiederholte ich, dass die Patientin nach allem was wir über die Krankheit wissen mit und ohne Dialyse relativ bald sterben würde. Mit Dialyse könne man das Ende vielleicht noch einige Zeit hinausschieben, ohne Dialyse würde sie innerhalb der nächsten Tage müde werden, in einen Dämmerzustand fallen und schließlich sterben.
Die Schwiegertochter verließ zügigen Schrittes das Zimmer und ward nicht mehr gesehen. Die Reaktion hat mich sehr überrascht.
Ich war bis dahin davon ausgegangen, dass wir in einer ruhigen und offenen Gesprächsatmosphäre eine gute gemeinsame Basis gefunden hätten.
Der Sohn der Patientin entschuldigte sich für das aufbrausende Verhalten seiner Frau, für mich war das im Rahmen der Trauerbewältigung absolut in Ordnung wenn ich mir doch auch einfach nur für die Schwiegertochter gewünscht hätte, dass sie die Nachricht besser hätte verarbeiten können.
So blieb am Ende die Vereinbarung eine Dialyse zu versuchen um auf eine Erholung der Nieren im Verlauf zu setzen und somit noch ein paar Wochen gewinnen zu können.
Die Patientin äußerte sich sehr zufrieden über unseren Austausch.
Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Das war ein gutes Gespräch. 
Dem Ehemann standen zwar die Tränen in den Augen, aber auch von ihm war viel Dankbarkeit zu spüren. Dem Sohn bat ich an, nochmal unter vier Augen mit seiner Frau zu sprechen, das Gesprächsangebot unterstützte ich durch die Übergabe einer Visitenkarte mit der persönlichen Durchwahl des Arztes der Intensivstation. In besonderen Fällen geben wir diese Nummer direkt an die Angehörigen.
Die Schwiegertochter verzichtete auf ein Gespräch mit mir und ging stattdessen zum Chefarzt und zum Geschäftsführer um sich über uns zu beschweren.
Nicht bei Facebook oder per Mail sondern in einem wutentbrannten Brief machte Sie ihrem Ärger Luft. Um einmal ein Gefühl dafür zu bekommen wie kompliziert Kommunikation in Krisensituationen sein kann, wie wenig von dem gesagtem auch so beim Empfänger ankommt wie es gemeint war und mit was für Problemen wir im Krankenhaus zu tun haben sei hier der Brief in anonymisierter Form angefügt:

Sehr geehrte Damen und Herren,
am Vortag habe ich meine Schwiegermutter bei Ihnen auf der Intensivstation besucht. In dem Gespräch sollte es um die weitere Therapieplanung gehen. Meine Schwiegermutter war bisher immer gesund, nach der Operation wurde uns nun mitgeteilt, dass die Nieren kaputt gegangen seien. Der Arzt hat auch gesagt, dass meine Schwiegermutter sterben würde. 
Er hat ihr das in einem Gespräch direkt gesagt. Ich finde das unmöglich! Man darf doch einem Menschen nicht sagen, dass er sterben wird!
Meine Schwiegermutter war am Ende ganz aufgelöst, das Gespräch hat sie völlig überfordert. Ich erwarte von Ihnen eine Erklärung und eine Entschuldigung.
Mit freundlichen Grüßen… 

Ich musste zum Rapport bei meinem Chef, beim Chef der Chirurgie (dem Klinikdirektor) und es gab ein Treffen der beiden mit dem Geschäftsführer.
In dem dann stattfindenden Gespräch mit der Schwiegertochter und meinem Chef konnten die Vorwürfe letztlich schnell aus der Welt geschafft werden. Hierfür war sicher auch hilfreich, dass sowohl die im Gespräch anwesende Bezugspflegekraft, als auch der Rest der Familie sowohl die Inhalte als auch die Stimmung und letztlich den Gesprächsverlauf gänzlich divergierend darstellten.
Ich kann auch rückblickend keinen Fehler in der Gesprächsführung erkennen und habe für mich selbst überlegt ob und wenn ja was ich anders hätte machen sollen. Das Gespräch unter Ausschluss der Patientin führen? Über die Patientin aber nicht mit der Patientin reden? Keine Option.
Ein Nachgeschmack bleibt natürlich auch beim Chef hängen. Beschwerde ist Beschwerde und wenn sie auch noch so unhaltbar ist.

Wir hätten die Patientin gerne für die letzten Meter des Lebenswegs in ein Hospiz oder nach Hause verlegt. Letztlich zählt aber der Wille des Patienten und der klammerte sich hier an die Hoffnung einer Erholung der Nierenfunktion mit Gewinnung weiterer Wochen oder Monate.
Frau Schurigs Körper war so geschwächt, dass sie trotz einer langsamen und schonenden Dialyse (slow, extended) und trotz Katecholamingabe zunehmend kreislaufinsuffizient wurde und vier Tage nach dem Gespräch auf der Intensivstation verstarb.

Von der Familie wurde im Anschluss eine großzügige Geldspende für die Intensivstation übergeben, außerdem gab es Süßigkeiten und eine Dankeskarte.
Alles nicht so einfach manchmal.

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Erster Tag auf der Intensivstation – aus der Praxis für die Praktiker

Als ich kurz nach dem Berufseinstieg das erste Mal auf der Intensivstation eingeteilgt wurde habe ich die Nacht vorher nicht gut geschlafen. Diese ganzen Kabel, Medikamente, Schläuche, Einheiten, Parameter und vor allem – ich kannte keinen der Kollegen. Weder von der Pflege noch von den Ärzten.
Es war kaltes Wasser und tief war es auch.
Rückblicken muss ich sagen hatte ich überhaupt keinen Plan.
Wie gerne hätte ich damals jemanden gehabt der mir mal praktisch (!) sagt, wie man an so einen Intensivpatienten rangeht. Körperliche Untersuchung und Verordnungen macht ein Hausarzt ja auch und außerdem lernt man diese Basics ja im Studium, oder?
Was soll daran also so schwer sein?
Was unterscheidet denn den Intensivpatienten vom Patienten beim Hausarzt?
Mir fallen spontan 4 Punkte ein, die Liste lässt sich bestimmt verlängern (aktive Mitleser vor 😉

1) Unsere Patienten können meistens keine Fragen beantworten (weil sie einen Tubus im Hals haben),
Für eine richtige körperliche Untersuchung ist die Mitarbeit des Patienten sehr wichtig. Wir müssen meistens alleine klar kommen.
2) Unsere Patienten haben nicht ein einziges („Herr Hausarzt ich habe so Halsschmerzen…“) sondern meist gleich mehrere Probleme.
Manche Patienten benötigen wegen einer Arrhythmia absoluta eigentlich eine effektive Antikoagulation damit sie keinen Schlaganfall bekommen, aus der frischen OP-Drainage soll es aber auch nicht bluten.
3) Die Probleme treten meist nicht nur in der Mehrzahl auf sondern dann oft auch von recht komplexer Struktur.
4) Unsere Patienten schweben die längste Zeit in akuter Lebensgefahr – sonst wären sie nicht dort. Und wenn Sie stabil sind werden sie wieder verlegt.

Wie geht man jetzt an sowas ran?
Hier ein paar Tipps wie man es machen kann.

1) Stell Dich vor!
Du bist der oder die Neue, es gehört sich so, dass Du Dich bei Deinen neuen Kollegen vorstellst nicht Deine Kollegen bei Dir, das ist eine Frage der Höflichkeit.
Es sei denn Du bist Kronfürstin Viktoria zu Krummbieg von der Hohenwiese und möchtest auch so behandelt werden. Wird dann aber keine schöne Zeit.
Wichtig – wir sind ein Team! Der Chefarzt ist genauso wichtig wie die Putzfrau, der Physiotherapeut genauso wichtig wie die Codierer. Also – begrüß Sie alle, zur Not auch mehrfach.
Und bring einen Kuchen oder eine Schüssel Süßigkeiten mit und schreib Deinen Namen drauf. Klingt nach billig erkaufter Freundschaft? Klar, aber was im Supermarkt an der Kasse mit Kindern funktioniert, klappt bei uns schon allemal.

2) Mach Dich mit dem Tagesablauf bekannt
Was läuft morgens als Erstes? Wer kann verlegt werden? Wer benötigt Diagnostik und wo melde ich die an (telefonisch? elektronisch?)? Wann macht die Pflege Übergabe? Wann sind geeignete Zeiten für Prozeduren wie Katheterwechsel / Drainagen / Tracheotomien?

3) Such Dir in der Pflege Vertraute
Ich habe von den erfahrenen Pflegekräften sehr viel gelernt. Ich habe von den Pflegekräften sehr viel mehr gelernt, als von meinen ärztlichen Kollegen. Ich habe nicht nur die kleinen Tipps und Tricks im Umgang mit manchmal zickigen Kathetern gelernt. Es waren die Pflegekräfte die wussten wie man die Dialyse wieder zum Laufen bringt, wie man die Beatmung so einstellt, dass wieder Luft reingeht und so weiter.
Das Leben und Arbeiten auf der Intensivstation macht sehr viel mehr Freude wenn man Freunde hat. Es wird zur Hölle wenn Du Dir Feinde in der Pflege machst. „Wer ist hier der Arzt?“ gehört nicht zu den Sätzen die einem das leben leichter machen.

4) Finde am ersten Tag heraus wo die wichtigsten Dinge gelagert sind und wie sie funktionieren!
Das Reabrett, der Defibrillator, der Wagen für den schwierigen Atemweg, der Notfallwagen für Katheter, die Bronchoskope, Zugänge, Infusionen, (Notfall)-Medikamente.
Es bleibt im Notfall keine Zeit für Erklärungen. Kleinere Notfälle gibt es eigentlich jeden Tag, richtige Notfälle gar nicht so oft wie man denken würden. Wenn es aber einen richtigen Notfall gibt ist es besser wenn Du schon mal weißt wo der Defibrillator steht und wie man ihn anmacht. Und wie man einen Blutdruck misst. Das ist doch banal? Nein, keineswegs. Bei den Defis der R-Serie von Zoll ist zum Beispiel der Knopf für die Blutdruckmessung mitnichten so wie bei allen anderen Defibrillatoren irgendwo im Menu zu suchen. Es ist ein kleiner Knopf an der Seite den man meistens nicht sehen kann, weil da ein Kabel vorhängt. Unabhängig davon meiner Meinung nach eines der besten Geräte, aber das soll hier nicht Thema sein.

5) Lege Dir ein Konzept zurecht
Genau wie in der Notfallmedizin sollte jeder Intensivpatient nach einem festen Schema untersucht werden. Dafür gibt es meistens standardisierte Untersuchungsbögen auf den Intensivstationen. Irgendwas fehlt aber immer auf diesen Bögen. Ich habe noch nie einen wirklich guten, kompletten Untersuchungsbogen gesehen. Deshalb hilft es auch ein eigenes Konzept zu haben.
Wichtigster Punkt – für jeden Patienten sollte für jeden Tag ein ganz konkretes (!) Therapieziel stehen. In den meisten Fällen ist das entweder eine Deeskalation der Therapie (z.B. mit dem Ziel der Verlegung auf die Normalstation) oder Eskalation der Therapie.
Wie kann so ein konkretes Tagesziel aussehen? Zum Beispiel so:

  • erstmalig aus dem Bett herausmobilisiert
  • Medikamente (teilweise) oralisiert
  • Schmerztherapie optimiert
  • Therapielimitierung besprochen
  • Reha-Platz organisiert
  • ZVK entfernt (weil nicht mehr benötigt) und PVK anglegt

6) Nachfragen ist besser als Klugsch***en:
Frag nach – wie macht ihr das?
Sag nicht an Deinem ersten Tag – bei uns in Pusemuckel haben wir das so gemacht.  Das will keiner hören! Wirklich. Wir haben hier auch Strom und fließend Wasser und wenn in Pusemuckel alles besser war dann wärste halt besser da geblieben.
Besser ist es positives hervorzuheben! Ihr habt ein festes Belegungsschema für die ZVKs? Das finde ich klasse, bei uns in … war das immer totales durcheinander, das hat jeder gemacht wie er wollte.
Und deshalb – frag nach Hausstandards / SOPs und halte Dich dran!
Die Pflegekräfte werden es Dir danken, wenn sie ein einziges und nur ein einziges Mal (!) etwas genau. so. vorbereiten können wie es dann auch gemacht wird.

7) Ein ganz wichtiger Punkt (danke an Ø. s.u.):
Versuch nicht den souveränen Großmediziner zu spielen, wenn nichts dahinter steht. Wir sind alle vom Fach.
Unterschätze niemals eine Pflegekraft. Du hast vielleicht an der Uni gelernt, dass Medikament X an Rezeptor Y geht. Die zuständige Pflegekraft weiß dafür wann dieses Medikament wirkt, in welcher Konzentration es wirkt und warum man das bei diesem Patienten vielleicht besser nicht geben sollte.
Unterschätze niemals das Fachwissen eines Patienten der seit 20 Jahren dialysepflichtig ist. Deine Theoriekenntnisse sind nichts wert ohne klinische Erfahrung! Und klinische Erfahrung bekommt man erst nach vielen Jahren, das kann man nicht beschleunigen.

8)
Suche den Kontakt zu den Pflegekräften.
„Die Pflege“ hat ein feines Gespür dafür ob Du Dich für sie und die Patienten interessierst oder nicht. Nutze die Möglichkeit die Viertelstunde bei der Übergabe dabei zu sein. Hör Dir an, welche Probleme es bei den Patienten gibt, bring Dich ein (wenn Du gefragt wirst!).

9)
Lies Bücher, geh zu Workshops, bilde Dich mit Journals fort.
Du wirst recht bald feststellen, dass im Alltag gut klarkommst. Dann kannst Du in dem Trott weitermachen und Dich die nächsten Monate und Jahre so durchschlagen.
Der Anspruch an unsere Versorgung muss aber sein es nicht irgendwie, sondern so perfekt wie möglich zu machen. Deshalb lies, nutze FOAM (free open access medical education), frag Deinen Chef nach aktuellen Zeitschriften und bearbeite sie. Melde Dich für Vorträge zu Themen die für Dich wichtig sind, Dir aber noch Kopfschmerzen machen – das führt zu einer intensiveren Auseinandersetzung und einem anhaltenden Lerneffekt.
Und lies jeden Abend zwei bis vier Seiten in einem Buch über Intensivmedizin. Das dauert 10 Minuten, tut nicht weh und nach drei bis vier Monaten hast Du das Buch durch. Und hast Patient Blood Management verstanden.

Auch diese Liste lässt sich beliebig erweitern, es soll nur ein Denkanstoß sein.
Wie man einen Patienten auf der Intensivstation konkret untersuchen kann werde ich in einem der nächsten Blogposts erklären, für heute und für den ersten Tag soll das hier erstmal reichen.

PS: Ergänzungen und Erfahrungsaustausch von Fachpersonal (Pflege!!) sind willkommen und werden gerne eingepflegt!

Kommsereinkönnserausgucken. Das erste Mal auf der Intensivstation.

Ich gehe mal davon aus, dass die allermeisten noch nie auf einer Intensivstation waren. Höchste Zeit mal eine paar Informationen dazu zu geben, was da so passiert. Vielleicht erspare ich dem einen oder anderen dafür ein wenig Stress.
Es ranken sich viele Mythen, Halb- und Unwissen um die Station hinter den milchglasbeschichteten Doppeltüren.
In den Niederlanden ist es daher in vielen Kliniken üblich, dass man vor großen Operationen (Prothesenimplantationen, kardiochirurgische Eingriffe etc.) mit den Patienten gemeinsam die Intensivstation besucht, auf der sie im Anschluss an die Operation wach werden.
Dies nimmt bereits im Vorfeld ganz viele diffuse Ängste weg, erleichtert aber auch vielen das Gespräch über eigene Vorstellungen eines selbstbestimmten Heilungsprozess (> Patientenverfügung).

Vor dem ersten Besuch steht die Frage nach den Besuchszeiten. Manche Intensivstationen sind immer zugänglich, andere bieten Kernbesuchszeiten an. Alle haben gemeinsam, dass man erstmal klingeln muss. Wir möchten nicht, dass andere Besucher Deine Mutter/Schwester/Tochter nackt sehen. Wir möchten auch wenn ein Patient abgeführt hat, dass erstmal wieder alles sauber gemacht wird, bevor der Besuch reinschneit. Dafür spielt es auch keine Rolle ob der Patient im Koma liegt oder nicht.
Überhaupt, Würde. Ein großes Wort. Sie zu erhalten ist eine Kunst, eine stetige Herausforderung und Aufgabe eines jeden Mitarbeiters.
Manchmal muss man priorisieren, Überleben geht z.B. nun mal vor Würde. Um bestmöglich helfen zu können müssen wir Menschen manchmal sehr schnell und komplett entkleiden. Bei einem Kreislaufstillstand müssen ggf. Katheter an Hals und/oder Leiste eingeführt, Drainagen in den Brustkorb eingebracht und Klebeelektroden auf Brust und Rücken angebracht werden. Deshalb gibt es für Vatti auch keinen schönen Trainingsanzug sondern das beliebte One-size-fits-all-Hemdchen. Für Kinder mit Clowns und Teddybären drauf. Für Vatti mit langweiligen Mustern (wer entwirft eigentlich sowas geschmackloses?).

Solange der Patient nach einer Operation wach ist, selbständig atmet und nur ein bißchen überwacht werden soll ist der Aufenthalt erstmal nicht viel anders als auf der Normalstation.
Anders als auf der Normalstation ist vielleicht der Monitor. Auf dem Monitor ganz oben ist eine grüne, zackige Linie – das EKG – und die zeigt uns an, dass es im Herz eine Aktivität gibt. Daneben steht noch eine Zahl z.B. 80 das entspricht in etwa dem Puls.
Ob diese Aktivität auch einen Effekt hat sieht man am Blutdruck. Dieser ist entweder eine fortlaufende (meist rote) Kurve und entspricht dem von Herzschlag zu Herzschlag gemessenen Blutdruck. Quasi eine Live-Übertragung. Das geht über einen kleinen Plastikkatheter, meist an der Handgelenksinnenseite oder in der Leiste.
Alternativ gibt es auch eine Blutdruckmessung über eine Blutdruckmanschette. Alle paar Minuten wird die Manschette aufgepumpt und lässt den Druck wieder ab und gibt diesen Blutdruck auf dem Monitor aus.  Zum Beispiel als „120/80 mmHg“.
Dann gibt es noch einen Clip auf einem der Finger (oder am Ohr oder an der Nase…) über den wir den prozentualen Sauerstoffgehalt im Blut messen können. Zum Beispiel als „99 %“.
Für jeden dieser Werte geben wir Grenzen ein.
Die Computer hinter den Monitoren vergleichen konsequent die gemessenen Werte mit den hinterlegten Grenzen. Die Grenzen können wir anpassen. Was für ein Kind normal ist, kann für einen Erwachsenen schon auffällig sein und umgekehrt.
Grundsätzlich stellen wir die Werte sehr großzügig ein. Ein Warnton bedeutet erstmal fast nichts. Es kann ein „Ist das in Ordnung?“ sein oder auch ein „Ich kann gerade keine Werte mehr messen“ bedeuten, z.B. weil der Clip vom Finger gerutscht ist.
Es gibt auch unterschiedliche Stufen von Alarmen. Tertiäralarme, Sekundäralarme, Primäralarme, Arrhythmiealarme oder auch Asystoliealarme. Alarm ist nicht gleich Alarm.
Dementsprechend entspannt darf man als Patient oder Besucher eben auch sein, wenn es am eigenen Bett bimmelt. Ihr könnt darauf vertrauen – wenn es wirklich wichtig ist, sind innerhalb von Sekunden mehrere Fachkräfte am Bett.
Es ist nicht nötig zu der Pflegekraft hin zu gehen und auf den Alarm aufmerksam zu machen. Wirklich nicht. Wir hören das und kommen gucken, wenn es von Relevanz ist.

Das erklärt auch den allgemeinen Lärmpegel auf einer Intensivstation. Beatmungsgeräte, Monitore, Dialysegeräte. Alle wollen uns was mitteilen und das bei zehn, manchmal zwanzig oder mehr Patienten. Dazu die Gespräche unter den Ärzten und Pflegenden, die Telefonate, Schubladen und Tastaturen.
Lärm ist ein großes Problem auf Intensivstationen, denn es bedeutet Stress für die Patienten und die Mitarbeiter. Lärm lässt sich nicht immer vermeiden, wir versuchen ihn aber auf ein Minimum zu beschränken.

Die Desinfektion der Hände ist auch noch ein wichtiger Punkt. Vor dem Besuch auf der Intensivstation ist der Besuch fast wichtiger als nach dem Besuch. Du hast zuhause gerade noch ein Stück Geflügelfleisch zu kleinen Streifen geschnitten? Dann bist Du soeben zum Überträger von MRSA, MRGN und vor allem ESBL-Bakterien geworden. Hochresistente Bakterien, die unseren Patienten das Leben schwer machen. Diese zu Unrecht als „Krankenhauskeime“ bezeichneten Krankheitserreger wurden in der Landwirtschaft gezüchtet, von Landwirten, Schlachtern und Tierärzten als Patienten ins Krankenhaus gebracht und überleben dort in einem stetig vorhandenen Pool von geschwächten, chronisch kranken Patienten.
Besodners an Türklinken aber auch auf fast allen anderen Oberflächen überleben diese Bakterien und werden vor allem per Handschlag weitergegeben.
Ich empfehle die Lektüre der Links. Vermeidet Halbwissen und schafft Grundlagen für den nächsten Party-Smalltalk über die schlimmen Krankenhauskeime.
Deshalb beim Betreten des Krankenhauses, vor dem Betreten der Intensivstation, nach dem Verlassen der Intensivstation und am besten auch nochmal am Ausgang die Hände desinfizieren.

Habe ich noch was vergessen?
Fragen gerne in den Kommentaren, Antworten dazu vielleicht in einem weiteren Beitrag.
Grüße von der Intensiv schickt,

der Narkosearzt

Weihnachten auf der Intensivstation und im OP

Wie ist es eigentlich Weihnachten so auf der Intensivstation? Oder im OP? Kann man da froh und munter sein? Man kann.
Es ist eine verschworene Gemeinschaft. Das besondere an der Heiligabend-Krankenhaus-Gemeinschaft ist die Auslese. Nimm die Chefärzte und die Oberärzte weg und setz sie bei Muttern an den gedeckten Weihnachtsschmaus-Tisch. Dann nehmen wir all die Putzfeen weg, die Saubermänner, die Logistiker, die Müllfahrer, die Heizungsinstallateure, Maler und Lackierer und sonstigen fleißigen Helferlein. Ein Notdienst oder gar Feiertagsarbeit ist tariflich nicht vorgesehen, also ab unter den Weihnachtsbaum zuhause. Schon in den Tagen vor Weihnachten werden die Patienten großzügig rausgeschmissen entlassen. Am 22. verlassen nach der Visite die selbständig gehenden das Krankenhaus, am 23. werden dann die mit Gehhilfe rausgefegt und am 24. rollen die Krankenfahrstühle (a.k.a. „Rolli“) durch den Ausgang. Hauptsache irgendwie zu Weihnachten zuhause. Kein Beatmungsschlauch im Mund? Schmerzen irgendwo unterhalb von Frisch-amputiert? Dann nichts wie ab! Nach! Hause!
Sekretärinnen schließen die heiligen Vorzimmer ab, der Pfarrer schließt die Gemeinde in seinen Segen ein und dann die Türen zu.
Und dann ist Ruhe.
Auf der Seite der Patienten bleibt also nur noch die Crème de la Crème der Bodensatz übrig. Die, denen es wirklich schlecht geht.
Und auf Seiten der Arbeitnehmer werden Pflegekräfte und Ärzte auf das unbedingt notwendige Mindestmaß zusammengestrichen. (Also im Grunde genommen so wie immer, aber das ist ein anderes Thema).
Und so sitzen wir da und sind alle an einem Ort, an dem wir nicht sein wollen, aber sein müssen. Es wird dunkel, die Kerzen sterilen LED-Imitate flackern fast schon besinnlich vor sich hin und dann kommen entgegen jede Regel doch noch Freiwillige. Nämlich diejenigen, die tatsächlich in den letzten Wochen vor Weihnachten Lieder geübt (!) haben. Sie ziehen von Station zu Station, treffen sich vor dem Schwesternzimmer und Patienten werden in Betten und mit Sauerstoff auf den Flur geschoben um dabei sein zu können. Und dann werden zwei oder drei Weihnachtslieder gesungen und für einen Moment liegt eine ganz besondere Stimmung in der Luft. Eine Stimmung die einen Geschmack davon gibt, dass es wichtigere Dinge gibt als den Grexit oder Obergrenzen für Klimaerwärmung und Flüchtlinge. Es würden sich viele Probleme lösen lassen, wenn es mehr solcher Momente gäbe. Weniger Distanz und mehr gemeinsames Singen. Kann ruhig schräg sein.

Davon ab ist es meistens einer der ruhigsten Dienste. Die wenigen Notfälle sind dann auch echte Notfälle und selbst von denen finden nur wenige den Weg als Neuaufnahme auf die Intensivstation. Denn wer es irgendwie noch schafft, schleppt sich bis zum 1. Weihnachtstag – was im Regelfall dann logischerweise ein sehr arbeitsreicher Dienst ist.

Und bei aller Ernsthaftigkeit, Professionalität und fachgerechten Durchführung der Eingriffe muss ein wenig Spielraum bleiben um diesem besonderen Moment  ein Augenzwinkern zuwerfen zu können. 

Frohe Weihnachten! Und – singt mal wieder ein Weihnachtslied!

Der Narko-hohoho-sedoc

Das 1. Mal – Auskunft auf einer Intensivstation

Hallo Besucher,

Sie sind sehr besorgt, weil wir einen Menschen in unserer Obhut haben um den Sie sich Sorgen machen. Das tun wir auch.
Was uns unterscheidet sind die Werkzeuge und Techniken die wir einsetzen, damit es dem von ihnen geliebten und von uns behandelten Menschen bald wieder besser geht. Und die Sprache. Im Notfall Hörer abnehmen
Die Abläufe, Therapieansätze und die Organisation einer Intensivstation sind relativ kompliziert und deshalb benötigt man auch sechs Jahre Studium, fünf Jahre Facharztausbildung, ein Jahr Zusatzausbildung und diverse Weiterbildungsmaßnahmen um Intensivmedizin so richtig verstehen zu können. Deshalb wird ihnen der Sohn der Nachbarin (der arbeitet bei der Feuerwehr), die Suchmaschine ihres Vertrauens („Intensivstation Aufenthalt zeitraum“) und auch nicht die Bäcker.blume die Antworten geben können die Sie hören wollen.

Die für Sie relevanten Information hat immer die Pflegekraft die den von ihnen geliebten Menschen umsorgt. Ja, Sie wollen einen Arzt sprechen und das kann ich auch verstehen. Wenn Sie auf einen deutsch sprechenden Arzt treffen der sich darin versteht ihnen komplexe Sachverhältnisse in einfachen Worten ohne Fachtermini erklärbar zu machen, der Zeit für Sie hat und Sie nicht mit mehr Fragen als Antworten zurück lässt – dann sollten Sie den Tag nutzen und schnell noch einen Lottoschein ausfüllen. Die Kombination ist extrem selten.

Sie werden als Angehöriger nicht nachhaken sondern brav nicken („subarachnoidal eingeblutet… Mhm… infauste Prognose… Mhm… massive Mittellinienverschiebung… Aha… destruierendes Ödem“) und am Ende fragen ob alles wieder gut wird. Es liegt in der Natur des Menschen ungern zuzugeben, dass man von einer bestimmten Materie nichts versteht. Ein guter Arzt weiß das vorher und lässt den Angehörigen gar nicht erst in diese Falle laufen.
Machen Sie sich nichts vor – Sie sind nicht vom Fach. Und keiner erwartet das von ihnen. Also haken Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstehen. Und notieren Sie die Fragen zuhause. Im Krankenhaus sind die Eindrücke oft so heftig, dass die ganzen Fragen die zuhause noch so präsent waren plötzlich – verschwinden.

Nutzen Sie den Erfahrungsschatz und die Nähe der Krankenpflegenden zum Patienten. Sie sind es, die die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen haben. Kann er mich hören? Hat sie schon etwas gesagt? Konnte er etwas essen? Benötigt er immer noch so viel Kreislaufunterstützung? Funktioniert die Niere wieder ausreichend? Wie lange wird er noch hier bleiben?

Ich kann ihnen was über die 2x2h-Clearance, über den verbesserten Cardiac-Index und die morphologischen Veränderungen im cCT erzählen, aber bringt Sie das weiter?
Auf die wirklich dringendsten Fragen wird ihnen von uns sowieso niemals eine Antwort geben. Damit kann man nur falsch liegen.
Ob eine bestimmte Erkrankung tödlich ist oder wann genau die Behandlung auf der Intensivstation beendet sein wird lässt sich nur in ganz wenigen Einzelfällen sagen.

Ich würde mich freuen, wenn mehr Angehörige der Kompetenz und Erfahrung unserer Pflegekräfte vertrauen würden. Das sind sehr gute Leute! Die haben drei Jahre eine Ausbildung gemacht und dann noch zwei Jahre eine Fachweiterbildung für Intensivpflege. Die wissen sehr genau was sie da tun und noch mehr – die wissen was der Mensch benötigt um den Sie sich gerade so sorgen.

Wenn Sie also das nächste Mal „einen Arzt sprechen“ wollen auf der Intensivstation – überlegen Sie noch einmal ob die betreuende Pflegekraft nicht der bessere Ansprechpartner ist.

Ich rette also bin ich.

Weaning IntensivtransportNicht-Mediziner äußern sich gerne bewundernd oder auch anerkennend über meine Arbeit und wünschen sich sie könnten das von ihrer Arbeit auch sagen. Für Außenstehende ist es ganz einfach – wer mit Blaulicht durch die Gegend rast um Menschen in Not zu helfen tut Gutes. Wer sich die Nächte um die Ohren schlägt um Menschen auf der Intensiv mit Hilfe von Medikamenten und Maschinen ein Überleben zu ermöglichen tut etwas sinnvolles. Wer den Tod eines Menschen verhindert und Familien die Möglichkeit gibt mit dem von ihnen geliebten Menschen weitere Zeit zu verbringen und nicht auf eine weitere Beerdigung gehen zu müssen tut per Definition etwas sinnvolles.
Was so selbstverständlich erscheint ist bei genauer Betrachtung etwas ganz anderes. Wenn man einzelne Patienten über Monate auf der Intensivstation begleitet, kathetert,  dialysiert, bronchoskopiert, tracheotomiert und unzählige Male in den OP fährt, Hochs und Tiefs miterlebt und mit den Angehörigen durchlebt und bespricht – und diese Patienten dann zwei Wochen später in der Reha versterben kommt man ins Nachdenken.
Ich fahre im Moment viele Intensivtransporte und begegne dort immer wieder Menschen die sehr unglücklich aussehen.
Erst letzte Woche habe ich mehrere Patienten zum Weaning gefahren. Das sind Patienten die lange auf einer Intensivstation behandelt wurden und dort über lange Zeit beatmet wurden. Die Atemmuskulatur verschwindet unter eine Beatmung innerhalb von Tagen und muss dann mühsam wieder antrainiert werden um ein selbständiges Atmen zu ermöglichen. Diesen Prozess der Entwöhnung von der Beatmung nennt man Weaning.
Alles gut und sinnvoll bei Patienten die vorher ein selbständiges Leben geführt haben und bei denen Aussicht auf Besserung besteht. Aber das wird immer seltener.
Erst letzte Woche fuhr ich einen Patienten der im Januar (!) diesen Jahres aufgrund einer Lungenentzündung bei schwerer Lungengerüsterkrankung (COPD GOLD IV D, Heimsauerstofftherapie) mal wieder beatmungspflichtig wurde. Im Rahmen der Lungenentzündung kam es zur Blutvergiftung, der 78-jährige Patient wurde mehrfach reanimiert, irgendwann tracheotomiert (Wechsel vom Beatmungsschlauch auf eine Beatmung per „Luftröhrenschnitt“) und dann nicht richtig wach. Nach zweieinhalb Monaten auf der Intensivstation wurde der komatöse Patient in ein Beatmungsheim abgeschoben. Dort wurde er jetzt im Lauf von Monaten wacher und nach zehn Monaten wird er jetzt zum Weaning gefahren. Dieser Mensch liegt seit fast einem Jahr beatmet im Bett und kann sich nicht mal an der Nase kratzen wenn diese juckt. Was er von der Umwelt mitbekommt lässt sich nicht sagen, aber es ist doch so: entweder er bekommt das ganze Elend und die tagelange Einsamkeit mit was ein furchtbarer Zustand ist. Oder er bekommt nichts mit und wabert gedanklich einem Karpfen gleich durch die Tage, Jahre und Gezeiten. Ist dieser Zustand dann besser? Elend erleben oder nichts mitbekommen? Dann könnte man doch auch tot sein, oder?
Früher habe ich mich gefragt ob ein solches Leben noch Sinn macht – heute weiß ich es. Es macht keinen Sinn. Für mich. Das ist meine Meinung! Es muss nicht Deine sein. Das darf und soll jeder für sich entscheiden.
Mir fehlt aber zunehmend der Sinn in der Arbeit wenn ich mich mit Maximaltherapie um Patienten kümmern soll die für sich keine Maximaltherapie wollen und diese sogar zu Lebzeiten mehrfach abgelehnt haben. Und die dann trotzdem eine Maximaltherapie bekommen weil – man kann ja nie wissen! Vielleicht ist es gar nicht seine/ihre Patientenverfügung! Vielleicht ist das Lungencarcinom ja gar nicht final metastasiert sondern nur ein Krampf durch Unterzuckerung? Vielleicht vielleicht vielleicht. Und erst wenn alle Katheter im Menschen drin sind und die Beatmungsmaschine erbarmungslos ihre Luft in die kaputte Lunge pumpt wird nach ein paar Tagen entschieden, dass wir uns jetzt – ja, ist vielleicht doch besser – zurückziehen.
Wir erleben undankbare, gequälte und oft leidende Patienten und Angehörige und investieren Milliarden für die letzten Lebenswochen am Ende eines 80, 85 oder (aktuell auf Bett 33.1) 103 Jahre zählenden Lebens.

Und dann ist da noch die Palliativmedizin.
Der Gegenentwurf zur sinnlosen Ressourcenverschwendung in der Intensivmedizin. hier hat die klassische Medizin kapituliert, hat den Sieg der Krankheit anerkannt und – zieht sich zurück!
Der Mediziner kann nicht mehr gewinnen, da verlässt er doch lieber gleich das Feld. Auf in den nächsten Kampf, neuen Gegner suchen, neuen Menschen helfen.
Dabei benötigen gerade und am allermeisten genau diese Patienten Hilfe! Palliativmedizin ist grundsätzlich realtiv übersichtlich. Es gibt weitaus kompliziertere Felder in der Medizin die man beackern kann. Eigentlich gibt es nur drei Medikamente (Morphin, Cortison und Benzodiazepine) und die größte Herausforderung liegt in der Abrechnung mit den zahlungsunwilligen Krankenkassen – aber es ist so sinnvoll!
Hier erlebe ich Patienten die für jede Zuwendung in Form von Worten, Zeit oder luftnotnehmenden Medikamenten unglaublich dankbar sind. Hier geht es nicht ums heilen, aber trotzdem um Medizin. Es geht um das feine Gespür für den Moment, um das Wissen wann ein Wort zuviel ist und wann Gespräche gut tun. Es geht viel um Zeit und wenig um medizinische Fakten.
Es geht um Dankbarkeit und sinnvolle Arbeit. Um das gute Gefühl am Ende eines langen Tages, um ein zufriedenenes Lächeln beim Einschlafen nach einem unruhigen Nachtdienst.
Ich komme ins Nachdenken.

Mein Alltag. „Intensivstation“ der Film.

Wer schon immer mal wirklich fundiert wissen sollte, wie so die Arbeit auf einer Intensivstation aussieht, dem sei das aktuelle „kleine Fernsehspiel“ im ZDF zu empfehlen.
Ich habe mir die komplette Sendung angeschaut und kann sagen: ja, so sieht mein Alltag aus. Viele medizinische Möglichkeiten, die nicht immer alle zu jeder Zeit und bei jedem Patienten sinnvoll sind.
Der Film kommt ohne Kitsch und ohne nervige Sprecher-Kommentare aus und bleibt dabei sehr authentisch. Authentisch ist überhaupt die passendste Beschreibung für diese Doku.
Es sind immer die gleichen Fragen von Leben, Sterben, Entscheidungen, Möglichkeiten, Grenzen.

Den Film gibt es in voller Länger hier:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2038338/Intensivstation?bc=kua884716
Außerdem wird der Film wohl übermorgen (am 03. Januar 2014) um 20:15 Uhr sowie am 04. Januar 2014 auf ebenfalls auf zdf.kultur um 00:30 Uhr nochmals ausgestrahlt.
Ich wünschte es gäbe mal eine ebenso unaufgeregt sachliche, natürliche und eben authentische Reportage über die Anästhesie. Oder den Rettungsdienst.
Und weil der Film so toll ist, hat man ihm auch gleich eine eigene Homepage verpasst, auf die sei hier am Schluss auch noch hingewiesen:
http://www.intensivstation-film.com

Antidepressium als Raumspray?

Gibt es (noch) nicht. Würde manchmal aber ungemein helfen.
Ich habe bei der Durchsicht der letzten Einträge gesehen, dass diese doch einen etwas betrübenden Einschlag haben. Und jetzt wo selbst die Costa Concordia wieder aufrecht steht wäre es doch schön, auch hier mal wieder was erfreuliches zu lesen.
Der Grund ist einfach, dass ich auf der Intensivstation sehr oft mit Tod und den Tagen davor konforntiert werde. Da dieser Blog eben auch eine Art Tagebuch darstellt dominieren im Moment also diese Themen.
Da ich in meinem persönlichen Umfeld mehrmals und auch hier von verschiedenen Seiten über einen Tipp zur persönlichen Vorsorge gefragt worden bin, werde ich demnächst mal einfach meine Patientenverfügung veröffentlichen. Das stellt keine Beratung dar, erstetzt nicht das ärztliche Gespräch und soll doch ein Wegweiser für all jeden sein, die gerne verhindern möchten als Wachkomapatient im Pflegeheim zu landen.

Und zu dem Antidepressivum als Raumspray habe ich mal eine nette Geschichte erlebt. Im Rahmen meines Innere-Tertials des PJ’s wurde Herr Brönzel (72j, m., COPD, art. HTN etc.)  zur Optimierung seiner bestehenden Therapie eingewiesen. Er bekam dafür ein Medikament was er als Tablette einnehmen konnte und sollte morgens, mittags und abends ein Spray inhalieren. Dafür nimmt man das „Asthmaspray“ in den Mund, drückt den einzig vorhandenen Knopf und holt eben tief Luft. Fertig.
Herr Brönzel hatte einen enormen Verbrauch dieses Inhalationssprays und nach der Wirksamkeit und Anwendung eben dieser Sprays gefragt antwortete Herr Brönzel auch freimütig (ihr ahnt es bereits…) „Die Dinger helfen mir gut. Sehr gut. Immer wenn ich schlecht Luft krich, dann sprüh ich das so“ – er sprüht das Spray einem Raumspray gleich durch sein Zimmer, man meint kurzzeitig einen Regenbogen zu sehen – „und dann krieg ich auch gleich besser Luft“.
Es ist eben nicht selbstverständlich, dass Patienten so ein Ding sehen und gleich wissen, wie das funktioniert. Hier ist der Doc gefragt, Herr Brönzel kann nichts dafür. Ich weiß ja auch nicht, wie das Grundierungsmittel für die Haftfläche des Winkelstücks am  Flansch einer neu zu installierenden Toilettenschüssel zu wählen ist. Siehste. Das wiederum hätte Herr Brönzel gewusst. Also, Aufklärung ist alles! 😉

Norbert, 53 J. männlich

Norbert griff sich filmreif an die Brust und hätte einen Seufzer ausgestoßen, dafür war aber nicht genug Luft in den Lungen. Also verkniff er nur das Gesicht und schnappte das berühmte Fisch-auf-dem-trockenen-Lied. Zwei Minuten später lernten wir uns kennen. Guten Tag, Narkosearzt mein Name sie haben uns gerufen, wir reanimieren dann mal.
Das war an einem nicht zu sonnigen Montag um 14:15 Uhr.

Am Mittwoch war Norbert unterwegs zu seiner Schwester. Norbert wohnt da wo man viele Berge sehen kann, seine Schwester wohnt da wo man viel nichts und viel Wasser sehen kann. Bei seiner Schwester musste er erstmal einen langen Spaziergang mit dem Hund machen weil ihm die lange Autofahrt doch ungewöhnlich stark zugesetzt hatte. Irgendwie schmerzte auch das Bein. Muss das Wetter sein. Außerdem, was von selbst kommt, geht auch von selbst. Vielleicht morgen mal zum Arzt. VIelleicht.
Trotz frischer Seeluft hatte er das Gefühl gar nicht richtig durchatmen zu können und legte sich viel früher als sonst hin weil der erste Tag an der See ja sowieso immer ganz müde macht. Norbert fuhr ausnahmsweise schon am Samstag nach Hause. Am Montag musste er wieder zur Arbeit und da wollte er sich noch ein wenig ausruhen, so von zuhause.    
Am Sonntag tat ihm das Bein weh. Am Montag ging Norbert mit dem Hund und seinem wehen Bein raus, obwohl er so schlecht Luft bekamn.
Im Park brach Norbert dann zusammen. Eine Passantin (die Heldin der Geschichte!) eilte zu ihm hin, rief den Rettungsdienst und blieb bei Norbert. Als der RTW ankam (ohne Notarzt) ging es Norbert schon besser. Er wolle nicht ins Krankenhaus, es geht schon wieder, alles halb so schlimm. Der RTW fuhr weg, Norbert bekrabbelte sich und wollte weitergehen. Ein paar Meter weiter brach er erneut zusammen. Erneuter Anruf unserer Heldin beim Feuerwehr-Callcenter die darauf etwas genervt reagierten. Es wäre bereits ein RTW vor Ort gewesen. Die Passantin blieb dabei, der RTW kam erneut, diesmal mit Notarzt, der Patient wurde (immer noch gegen seinen Willen aber mit viel gutem zureden) ins Krankenhaus gebracht. Dort kam er nach der Aufnahme zunächst auf die Überwachungsstation, ein CT sollte im Verlauf erfolgen. Dazu kam es nicht mehr. Dafür lernten wir uns dann kennen.

Norbert jappste nur noch als ich ihn sah, hatte aber noch einen schwach tastbaren Puls. Auf dem Weg zum CT wurde Norbert pulslos, also brachen wir das ab und bogen unter Reanimation (im Bett!) links ab auf die Intensivstation. Es war das erste und bisher einzige Mal, dass wir einen Pat. fahrend reanimiert haben. Sah bestimmt filmreif aus. Wie in einem echten Krankenhaus.
Auf der Intensiv erwartete uns eine doppelte Intensivbesetzung (Schichtwechsel) und wir konnten uns mit sechs Leuten abwechseln. Norbert hatte in Millisekunden sämtliche Katheter in sämtlichen vorhandenen und nicht vorhandenen Körperöffnungen und es lief eine Reanimation nach Lehrbuch, das ERC wäre stolz auf uns gewesen. Im Notfallecho sah man einen riesengroßen rechten Ventrikel, die Klinik und die Anamnese ließen nur einen Schluss zu > Rescuelyse. Dabei wird ein Medikament gegeben, was ca. 1000€ kostet dafür aber auch Blutgerinnsel auflösen kann und zwar pronto. Dafür kann man dann auch mal 1000€ nehmen.
Wir haben Norbert 60 Minuten reanimiert, danach gekühlt (schützt das Gehrin), aufgewärmt und nach zwei Tagen den Beatmungsschlauch entfernt. Am vierten Tag konnte er die Intensivstation verlassen, ging direkt in die Reha (mit Marcumar, einem Blutverdünnungsmittel) und war schon bei der Verlegung ohne erkennbare, neurologische Defizite. Kein Hirnödem, keine Wortfindungsstörungen, keine Schluckstörungen, Norbert war komplett der alte! Und wollte erstmal nen Kaffee.
Leider haben wir Norbert nie mehr wiedergesehen, eine Intensivschwester traf ihn beim einkaufen.
Ich glaube, er war sich nie darüber bewusst, wie viel Glück er gehabt hat. Wäre er auf der Wiese im Park reanimationspflichtig geworden, er wäre wahrscheinlich ein Wachkomapatient. Wenn überhaupt.

Norbert blieb in drei Jahren Tätigkeit auf dieser Intensivstation der einzige Patient den ich erlebte, der eine Reanimation ohne neurologisches Defizit überlebte und wieder ohne Abstriche ganz der alte wurde.