Homo homini lupus est

AUS:
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/frankfurt-menschenmenge-behindert-rettungskraefte-bei-wiederbelebung-a-1166284.html


Ein 19-jähriger muss wiederbelebt werden. Solche Einsätze sind kein Spaß. Wir trainieren jahrelang, werden von Spezialisten ausgebildet, pauken bücherweise Fachwissen damit wir in solchen Situationen das Beste für diesen einen Menschen erreichen können. Wir wollen helfen. Leben retten.

Es ist der Sohn meiner besten Freundin. Seine Schwester war mit ihm zum einkaufen, sie steht neben ihm, schreit um sein Leben. Der Vater kommt hinzu, hatte nur kurz das Auto geparkt. Er trommelt vor Wut und Schmerz mit den Fäusten auf eine Mülltonne, beißt sich auf die Finger.

Daneben steht ein andere 19-jähriger, bepöbelt die Rettungskräfte, „ruft zu Störungen auf“. Ich meine – was ist eine gerechte Strafe für so ein Verhalten? Kann man das überhaupt bestrafen?
Was ist das für ein Individuum frage ich mich, so verroht? Wie wird man so?

Und wann genau fing das eigentlich alles an so zu eskalieren?
Ich frage mich – wann war der Moment an dem ich das erste Mal stutzte?
Stutzen, dieses Verb passt sehr gut in unsere Zeit. Ich stutze über den kleinen Mann aus Nordkorea. Der kleine Mann mit den dicken Backen der so viel Hass in sich hat, dass es hinaus muss. Raus aus seinem kleinen Land. Der einem etwas zu pummelig geratenen Dackel gleich die Doggen dieser Welt anbellt und nur Ärger will. Der regelrecht darum bettelt einen auf die Mappe zu kriegen. Koste es was es wolle auch hunderttausende Menschenleben.
Es ist düster geworden da draußen. Dunkle Wolken ziehen auf.

Woher kommt all dieser Hass? Hass fremden Menschen gegenüber? Menschen die eigentlich auch nur Väter und Mütter von, Sohn von, Tochter von oder Bruder von irgendjemandem sind.
Menschen die eigentlich nur ein ganz normales Leben haben wollen, so mit morgens frühstücken, zur Arbeit gehen, Kollegen treffen, Mittagspausenschnack, Feierabend und Fernseh gucken in der Doppelhaushälfte.
Diese fremden Menschen sind alle geliebt von ihrer Mama, von ihrem Papa, von ihren Geschwistern. Keiner ist irgendjemand.
Durch den kursiv geschriebenen Einschub wird aus „einem 19-jährigen“ der Thomas der gerade Abi gemacht hat und sich für Maschinenbau in Aachen eingeschrieben hat. Die persönliche Ebene verändert unsere Wahrnehmung.
Es hasst sich einfach leichter wenn man den Menschen nicht kennt an dem sich gerade die Wut über eigene Missstände und Verfehlungen entlädt. Mein Nachbar ist Alkoholiker, hat den Führerschein erst verloren und dann nie mehr nachgemacht und wegen des Alkohols und des fehlenden Führerscheins arbeitslos. Da könnte man mal bei sich selbst anfangen. Das ist aber unbequem, einfacher ist es die Asylanten zu hassen. Die Asylanten sind eine undefinierbare Masse, da hasst es sich ganz bequem.
Wenn man sich nur mal die Mühe machen würde und den einzelnen Menschen zu betrachten der da in dieser Masse sichtbar wird!

lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit
(Denn der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, kein Mensch. Das gilt zum mindesten solange, als man sich nicht kennt.)

Wann also genau fing das an, dass man einfach einen Menschen beschimpfen und hassen durfte?
Das Feuer war nie aus, auch nicht nach dem zweiten Weltkrieg. Wahrscheinlich brennt dieses Feuer seit es Menschen gibt.
„Uga-uga aus der Höhle hinter dem Wasserfall ist verantwortlich für wasauchimmer, dafür wird er bezahlen.“ Oder so.
Vielleicht war ich zu sehr geschützt in meiner 80er-Jahre-Kind-Wohlstandsblase, aber ich meine es gab mal eine Zeit in der Hass, Missgunst, Neid und Boshaftigkeit nicht so an der Tagesordnung waren wie heute.
Niedertracht ist definiert als eine „bewusst böse Denkweise“.
Mit nichts anderem ist die Verrohung besser zu beschreiben die wir erleben müssen. Auch im Rettungsdienst.

Alleine im letzten Monat finden sich etliche Berichte:

Da stirbt ein 59-jähriger Motorradfahrer vor den Augen seiner besten Freunde auf der Autobahn. Das erste was einem LKW-Fahrer einfällt ist sein Smartphone rauszuholen und die Szene zu filmen. Keine erste Hilfe, erstmal ein Video. Für Youtube? Für die Whatsapp-Gruppe „Skatfreunde Keuschbueren“?
Das ist mittlerweile so ein Reflex. Es passiert irgendwas – ZACK! Smartphone raus, Video. Oder wenigstens 10 Fotos. Haste nichts gefilmt ist es nicht passiert.
Wir haben erlebt, dass wir mit einem Patienten im Schockraum der Uniklinik ankamen und dort bereits ein Video (!) von der Unfallstelle gesehen worden war inklusive Abflug unseres Hubschraubers.
Gefilmt, gestreamt, veröffentlicht.

Da passiert ein Unfall auf der A3 – Wohnwagen gegen LKW. Zwanzig Gaffer stehen rum und filmen das. 

Das zieht sich durch alle Altersklassen. Schon 15-jährige sind ganz vorne mit dabei. Und weist man als Rettungsdienst auf das Fehlverhalten hin darf man keine Scham erwarten sondern muss mit aggressivem Verhalten rechnen.

Am Rheinufer in Remagen gibt es genau eine einzige Landestelle an der der RTH nicht landen kann weil ein Spacko dort steht und filmt. Und auch trotz eindeutiger und mehrmaliger Aufforderung nicht Platz macht. Hinterher beleidigt er noch den Piloten.

Geht es noch schlimmer? Na klar.
Da steht ein Mann auf dem Vordach eines Hotels in der Innenstadt von Baden-Baden. Unten stehen 50 Schaulustige, filmen und johlen und rufen dem Mann zu er solle doch endlich springen. 
Da suhlen sich Menschen welche im Leid anderer Menschen.
Das würden Tiere nicht machen. Soweit mir bekannt ist, würde sich ein Tier nie am Leid eines anderen Tieres ergötzen. Es wäre ihm egal, vielleicht. Aber die bewusste Freude darüber, dass es hier jemand anderem richtig dreckig geht ist eine urmenschliche Eigenart.
Blöd nur, wenn man irgendwann selber mal da liegt.
Und keiner zur Hilfe kommt, weil die Rettungsgasse zu ist. Aber dann tröstet vielleicht der Gedanke dass man sich das Elend hinterher aus zwanzig verschiedenen Blickwinkeln anschauen kann.
Wenn man dann noch lebt.

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Täglich grüßt die Rettungsgasse… nicht. Die Katastrophe von Münchberg.

Was am 3.7.2017 auf der A9 bei Münchberg passiert ist haben wahrscheinlich alle mitbekommen. Unweigerlich machen wir uns Gedanken wenn wir die Berichterstattung über so ein Ereignis mitverfolgen. Die Reaktionen dazu können von kompletter Gleichgültigkeit bis zu tiefer Betroffenheit reichen.
Ein solch tragischer Unfall ist sicherlich sehr selten und es müssen mehrere Faktoren zusammenkommen damit eine solche Katastrophe überhaupt entstehen kann.
Für mich stellt sich immer die Frage, was wir aus solchen Situationen für zukünftige Schadenereignisse lernen können.
Wenn ein Patient in unserem Krankenhaus stirbt, dann fragen wir uns – was hätte besser laufen können. Wenn ich als Notarzt einen wirklich kranken Patienten behandelt habe – ein Polytrauma, eine Reanimation o.ä. – dann setzen wir uns nach der Übergabe des Patienten zusammen und bereden das Ereignis. Es kommt jeder zu Wort, es darf jeder sagen wo wir richtig gut waren aber wir überlegen auch was wir noch besser hätten machen können.
Ob man das jetzt Debriefing nennt oder Leichenschnaps oder Traumabewältigung. Reden ist wichtig, das Reden darüber entlastet, nimmt Druck von der Seele.
Diese Zeilen schreibe ich aber aus einem ganz besonderen Grund.
Die Frauen und Männer der freiwilligen (!) Feuerwehr von Münchberg, Gefrees, Helmbrechts und Fleisnitz, sowie die weiteren unzähligen Helfer vor Ort haben einen riesigen Job gemacht und bezahlen mit Ihrer Gesundheit für unsere Sicherheit.
Auch in diesem Szenario wird es Dinge gegeben haben die sehr, sehr gut gelaufen sind (z.B. eine unfassbar kurze Hilfsfrist!), aber auch Dinge die eher suboptimal gelaufen sind.
Wir können mit den Gerätschaften trainieren, Arbeitsabläufe optimieren, unsere Fähigkeiten verbessern. Was wir vom Rettungsdienst nicht durch Training verbessern können, ist die Bildung einer ausreichend breiten und durchgehenden Rettungsgasse.

Und so berichteten die Helferinnen und Helfer welche zu dem Busunfall auf der A9 eilen wollten  übereinstimmend über massive Probleme in der Bildung der Rettungsgasse. Probleme bei der Bildung einer Rettungsgasse gab es schon immer, gefühlt ist es in den letzten Jahren aber schlimmer geworden.
Wir sind dafür ausgebildet Menschen zu retten, Feuer zu löschen und Schmerzen zu lindern. Das können wir nur wenn wir auch zeitig genug vor Ort sind.
Als Notarzt im Notarzteinsatzfahrzeug erleben wir es immer wieder, dass trotz eingeschaltetem Sondersignal andere Verkehrsteilnehmer versuchen noch eben schnell links abzubiegen oder eben noch schnell über die Kreuzung zu sausen. Wofür? Für drei Sekunden Zeitgewinn? Damit ich zehn Meter weiter an der nächsten roten Ampel eingeholt werde?
Oft wird dann gesagt, dass es ja jeden von uns treffen könne und dann würden wir uns ja auch wünschen, dass die Hilfe schnell da ist. Warum denn nur so herum? Reicht es nicht aus zu wissen, dass da irgendwo ein Großvater, ein Fünfjähriger, ein x-beliebiger Mensch in Not ist?
Unser Rettungshubschrauber musste vorgestern eine Außenlandung abbrechen weil Fotos und Videos vom landenden Hubschrauber gemacht wurden und die Leute nicht weiter weg gingen sondern immer näher an den Hubschrauber kamen. Die Crew musste 800m weiter landen und wurde von der Polizei sekundär dem Notfallort zugeführt.
Wann verstehen wir es endlich, dass nicht immer nur das ichichich zählt sondern dass es uns allen besser geht, wenn wir Rücksicht nehmen, wenn wir mal zurückstecken. Einen Gang runter schalten, anderen der Vortritt lassen. Wie wäre es wenn wir Fußgänger mal über die Straße gehen lassen auch wenn da mal kein Zebrastreifen ist.  Die 10 Sekunden die ich dadurch verliere kann ich problemlos bei den täglichen 42 Minuten Facebook abknapsen.
Wann raffen es Autofahrer endlich, dass eine Rettungsgasse vorsorglich gebildet werden muss damit der Rettungsdienst zügig durchfahren kann und nicht erst wenn das Tanklöschfahrzeug hupend hinter einem steht. Dann ist es zu spät für die Rettungsgasse!
Ich könnte mich in Rage tippen. Lassen wir das.

Es ist kein Spiel:

Und es ist so einfach:

Danke.

Notarzt? Sind sie richtiger Arzt? 10%-Wissen in der Notfallmedizin Teil 1.

Hat sich eigentlich mal jemand die Mühe gemacht, all die Mysterien, Halb- und Komplettunwahrheiten des Rettungsdienstes aufzuschreiben? Hier eine unvollständige Liste. Ein Anfang.

Ein Notarzt ist ein Arzt ist ein Notarzt.
„Kommt denn gleich auch noch ein richtiger Arzt?“
„Muss man dafür Medizin studieren?“
„Sind Sie denn schon fertig mit der Arztschule?“ (mein Lieblingssatz! Sollte es mir zu wundern geben, dass ich das öfter höre? Egal, ich schweife ab…)
Das sind nur einige der Sätze die ich quer durch die Bank – teilweise schon mehrmals – von Menschen gefragt worden bin. Ich meine, woher kommt das? Ein Notarzt sollte sechs Jahre Studium, ein praktisches Jahr, 18 Monate klinische Tätigkeit und und und… vorweisen können, bevor er auf die Menschheit losdarf.
Wie kommt man auf die Idee, dass man sich „ARZT“ auf den Rücken schreiben darf ohne ein Arzt zu sein? Als Heilpraktiker benötigt man als zwingende Voraussetzung nur einen Grundschulabschluss, das medizinische Ansehen erscheint mir manchmal trotzdem weit höher. Ich sollte mir „Notfallheilpraktiker“ draufschreiben lassen. Gleich mal beim Reflexfoliendrucker meiner Wahl nachfragen…

Geht das nur mir so? Oder erleben das andere Notärzte auch? Und was muss man sich denn z.B. so als Rettungsassistentschrägstrichhelferschrägstrichsanitäter anhören lassen?