Wer nicht fragt bleibt dumm. Oder schreibt einen Kommentar unter das Youtubevideo.

„Mir hat noch nie etwas geschadet, was ich nicht gesagt habe.“
– Calvin Coolidge

Keine Ahnung zu haben ist keine Schande. Ich finde es ist eher ein Wesenszug menschlicher Größe, wenn man zugeben kann, von etwas keine Ahnung zu haben.
In den seltensten Fällen wird das aber jemand zu geben. Keine Ahnung zu haben wird als Zeichen von Schwäche, Dummheit oder auch fehlender Berufserfahrung gedeutet. Die Erfahrenen, die haben auf alles eine Antwort. „Ich erkläre Dir, wovon ich nichts versteh“ singt Herbert Grönemeyer und ich habe schon oft an Grönemeyer gedacht während meiner ärztlichen Tätigkeit.
Gerade die Medizin ist eine sehr eitle Wissenschaft und da gehört der Rettungsdienst auch mit dazu. Nicht-Wissen wird verschwiegen, stattdessen wird halbgares 5-Prozent-Wissen mit breiter Brust zum epischen Vortrag und mit einer Teigrolle in Form von unberechtigtem Selbstbewusstsein plattgeklopft und ausgebreitet wird, auf dass es noch größer (und noch platter) erscheint.
In der Präklinik arbeiten wir oft mit Spezialisten zusammen. Spezialisten für Brandschutz (Feuerwehr), für Wasserrettung (DLRG), ja selbst für so etwas scheinbar banales wie die Bereitstellung von Licht gibt es großartige Spezialisten – die Frauen und Männer vom THW. Und damit sind nur mal drei Gruppen genannt.
Ich gehöre auch zu einer Spezialistengruppe, mit unserem Hubschrauber kommen Spezialisten für Luftrettung (Piloten, HEMS) und Notfallmedizin (Notarzt) hinzu.
Jeder Spezialist hat Fachkenntnisse im eigenen Gebiet. Ich kann den Zustand eines eingeklemmten LKW-Fahrers in wenigen Sekunden einschätzen und gebe dem Einsatzleiter der Feuerwehr diese Information weiter. Gemeinsam entscheiden wir ob wir eine Sofortrettung, eine schnelle Rettung oder eine schonende Rettung durchführen. Ich habe bis heute kaum eine Ahnung davon wie man das am besten technisch anstellt, bin aber jedes Mal erstaunt wie schnell, sicher und zuverlässig die Frauen und Männer von der Feuerwehr einen Menschen da raus holen.
Es ist schon ein paar Monate her, da musst ein Patient in einem Klärwerk aus einem Schacht gerettet werden und ich habe den Spezialisten von der Höhenrettung staunend zugesehen, wie sie mit ihren zig Seilen und Karabinern den Patienten sicher und zügig an die Erdoberfläche gebracht haben.
Ich würde mir nie anmaßen die Entscheidungen dieser Gruppe anzuzweifeln oder gar in der Gruppe oder im Internet zu kritisieren.
Bei mir ist das anders. Ich bin Notarzt im Hubschrauber und erlebe regelmäßig, wie unser Verhalten, unsere Entscheidungen und unsere Handlungsweise hinterfragt, kritisiert oder auch offen kritisiert wird. Das wäre okay für mich, wenn wir das im 1:1-Gespräch unter vier Augen klären würden. Ich bin gerne bereit einem ehrlich interessierten Mitarbeiter des Rettungsdienstes zu erklären warum wir einen Patienten nicht fliegen obwohl er oder sie sich das so schön ausgedacht hatte.
Stattdessen werden wir ständig ungefragt gefilmt (EIN HUBSCHRAUBER!!), manchmal ist das Video schon bei Youtube bevor wir an der Zielklinik gelandet sind.
Bei der Zigarette danach wird dann von dem Rettungsfachpersonal diskutiert warum wir das denn so und so gemacht hätten und nicht so und man hätte ja schon alles vorbereitet und überhaupt.
Ich kenne diese Diskussionen, ich war oft genug dabei.
Das hat nichts mit einem qualifizierten Debriefing zu tun.
Ich würde mir wünschen, dass wir einfach mal ehrlich zugeben, wenn wir keine Ahnung haben. Die Spezialisten machen lassen. Sei ein guter Teamleader oder ein gutes Teammitglied.
Ein Beispiel?
Für unseren Piloten wurde eine Landestelle ausgewiesen. Feuerwehr sperrt mit einem ganzen Löschzug eine Landefläche ab. Wir gehen dort runter, starten durch und landen nicht dort sondern 300m weiter und müssen durch die Polizei mit einem Einsatzwagen an die Einsatzstelle herangeführt werden.
Ich glaube, dass da bis heute noch ein paar Leute rumlaufen die uns für komplett bescheuert halten. Genau diese Leute wissen auch bis heute nicht, dass wir von oben das verrottende Gewächshaus direkt nebenan gesehen haben, dessen Scheiben sich im Landeanflug bedrohlich anhoben und teilweise wegflogen. Abbruch der Landung, durchgestartet, neue Entscheidung für einen sicheren Landeplatz.
Ein anderes Beispiel?
Wir werden nachbestellt zu einem Verbrennungstrauma, der RTW ist bereits vor Ort. Sicher 60-70% der Körperoberfläche sind verbrannt. Wir benötigen 20 Minuten für den Anflug, in den 20 Minuten wird original nichts gemacht. Bei Übernahme stellen wir fest, dass der Patient
a) mit knapp 140kg zu schwer für den RTH
b) die Zielklinik bodengebunden gerade mal 15 Minuten weg ist
c) der Patient instabil, stark schmerzgeplagt und mit einer Spontanatmungsfrequenz von 40/min intubationspflichtig ist/wird
Selbst wenn wir den Patienten fliegen würden hätten wir mit dem Umlagern vor Ort (Monitoring wechseln, RTW-Trage auf unsere Trage), dem eigentlichen Flug (Anlassen 2 Minuten, Flug 6 Minuten, Nachlaufen der Triebwerke 2 Minuten) sowie Umlagern an der Klinik (raus aus der Maschine, rein in einen RTW, Fahrt zur Liegendanfahrt, raus aus dem RTW, quer durch die Klinik zum Schockraum) sehr viel mehr Zeit verbraucht als wenn wir bodengebunden direkt fahren.
Klar, der Weg von A nach B, der ist mit dem Hubschrauber schneller. Der lohnt sich aber erst bei längeren Distanzen, weil durch das Drumherum so viel Zeit verloren geht.

Wir haben Piloten die auf ihre Flugzeiten achten müssen. Für die Piloten ist das Wetter am Einsatzort, an der Zielklinik und an unserer Homebase wichtig. Sie achten auch darauf wieviel Krafstoff noch an Bord ist. Gerade im Sommer kann man nicht mit einem vollen Tank fliegen weil die Maschine dann zu schwer wird.
In der Luftrettung kommen Aspekte zum tragen, mit denen man im bodengebundenen Rettungsdienst im Normalfall nichts zu tun hat. Was den erfahrenen Rettungsdienstler aber nicht davon abhält der jungen RS-Azubine mit großen Worten zu mansplainen warum er die und die Entscheidung ganz anders getroffen hätte und man ja nicht allen helfen könne und die müssen ja selber wissen was sie tun.
Wir machen unseren Job, ihr macht Euren Job. Wir arbeiten alle zusammen für die eine Sache. Wir helfen Menschen, wir arbeiten gemeinsam gegen die Zeit und wollen Leben retten und das möglichst sicher und schnell.
Wir sind das #teamblau, Polizei, DLRG, Feuerwehr, THW, Bergwacht und andere. Bei uns arbeiten Pflegekräfte und Ärzte, Spezialisten verschiedenster Art, Ehrenamtliche und Hauptberufliche.

Wenn Du in einer dieser Hilfsorganisationen im #Teamblau mitarbeitest und etwas nicht verstehst – frag uns gerne. Es wird immer jemanden geben, der Dir kompetente Antworten geben kann. Meistens steht hinter jeder unverständlichen Aktion eine bisher unbekannte Information.

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Null zu Null.

Die Ruhe vor dem Sturm.
So nennt man das wohl wenn auf der Rettungsleitstelle nichts zu tun. Wenn alles gesaugt, geputzt, sortiert, abgeheftet und erledigt ist.
Jetzt in diesem Moment sitzen in diesem Land alleine knapp 90 Teams bestehend aus Piloten, Notfallsanitätern und Notärzten welche stets bereit sind alles stehen und liegen zu lassen um loszufliegen und zu helfen. Dazu kommen die weit über 1000 Teams aus Notärzten und Notfallsanitätern die mit ihrem Notarzteinsatzfahrzeug bereit stehen um zu helfen.
Und die zigtausenden Teams von Rettungswagen, Intensivtransportwagen und unzählbaren Feuerwehreinheiten. Polizei, THW, Notfallmanager der Bahn, Tierretter und so weiter.
Wir alle haben etwas gemeinsam. Wir wurden ausgebildet um Menschen (und Tieren 😉 in Not zu helfen. Wir tragen einen Pager, einen DME, ein Funkgerät oder ein Telefon mit uns um im Moment des Notrufes sofort einsatzbereit zu sein.
Wir legen immer alles parat, sind in jedem Moment auf einen Einsatz vorbereitet. Manchmal müssen wir während des Dienstes duschen (ich versuche zum Beispiel immer nach einer Reanimation zu duschen) und dann legen wir alles bereit so dass wir selbst bei einem Alarm unter der Dusche schnell wieder angezogen und einsatzbereit wären.
Wir packen morgens alle Geräte einmal aus, checken den Defi, die Beatmung, gucken die Rucksäcke durch. Danach wird alles verstaut, einsatzbereit gemacht.

Ruhe bedeutet nichts zu tun. Warten.
Was irgendwie absurd ist, weil da draußen geht das Leben ja weiter. Und eigentlich könnte man ja auch was anderes tun, wenn man wüsste dass es so ruhig bleibt. Zum Sport gehen, das Auto durch die Waschstraße fahren und um 15:30 Uhr ins Stadion. Was man eben so an einem Samstag macht.
Weil wir aber nicht wissen wann und wo ein Notfall passiert sind wir immer bereit.
Manchmal sitzt man dann wirklich stundenlag da und es passiert nichts.
Ich fahre ab und zu auch bodengebunden in einem etwas ländlichen Bereich. Da kann es tatsächlich auch mal passieren, dass wir einen „Nuller“ haben. Keinen einzigen Einsatz, den ganzen Tag über. Das kommt dort so drei oder vier Mal im Jahr vor.
Die Raucher fluchen dann meistens weil die erste Schachtel schon vor 15 Uhr leer ist. Ich habe irgendwann all die Arbeit die ich mir mitgenommen habe erledigt und nach ein paar Stunden ist Bücher lesen auch langweilig.
Im Fernsehen läuft sechs Stunden Biathlon und Dschungelschwachsinn, das hält ja auch kein Mensch aus. Dann döst man da so vor sich hin und wenn man ehrlich ist, ist das ein ganz schön doofer Zustand.
Wir haben uns morgens unsere Uniform angezogen, alles gecheckt, gepflegt, gewartet, damit wir Menschen in Not retten können. Nicht damit wir rumsitzen und uns langweilen.
Wenn man dann keinen Einsatz hat, kommt man sich sehr schnell sehr überflüssig vor.
Wir sind quasi arbeitslos.
Das ist gut für den Bürger, weil dem Bürger geht es dann ja gut. Etwas besseres könnte ja eigentlich gar nicht sein, alle achtzig bis hunderttausend Einwohner in unserem Einzugsgebiet erfreuen sich bester Gesundheit!
Oder sie sind zumindest nicht so krank, dass sie jetzt gerade einen Notarzt benötigen.
Das ist ja eigentlich was Schönes.
Das muss man sich dann auch mal sagen und dann geht es wieder.
Dem Bürger geht es gut.
Und ich fahre jetzt nach einem Dienst nach Hause in dem ich nichts erlebt habe.
Muss es auch mal geben. Eine Nullrunde.
Schlecht für uns, gut für den Bürger.

Stabile Seitenlage und Helm ab – oder etwa doch nicht?

Ersthelferkurse.
Man findet sie meist an einem Samstag durch einen dieser Kundenstopper vor einer dieser Apotheken, 2. Etage rauf, 3. Tür links, nehmen Sie Platz, bitte, danke.
Und dann geht es los. Wie war der richtige Druckpunkt für die Reanimation nochmal? Zwischen den Brustwarzen, dann vier Finger rauf oder doch drei runter? Meine Finger oder die vom Patienten? Ach so einfach in der Mitte? Bei Kindern auch? Und wenn das weh tut? Und wenn ich eine Rippe breche?
Und in dem ganzen Wirrwarr kommt dann die Erlösung – die stabile Seitenlage. Die ultimative Entschuldigung für alle die nicht mehr wissen was sie genau machen sollen – ab mit dem Patienten in die stabile Seitenlage.
Wenn ich jemanden finde der gerade stirbt, lege ich ihn einfach in die stabilie Seitenlage. Das sieht super aus und klingt auch noch gut.
Stabil, da denkt man an ein stahlverzinktes Schwerlastregal. 112, Seitenlage, fertig.
Im Fernsehen sieht man das ständig, dann muss es ja richtig sein.
Wenn es da nicht ein großes Problem gäbe… bewusstlose Menschen haben so gut wie immer ein erhebliches Kreislaufproblem – um nicht zu sagen, die meisten sind tot und eben nicht bewusstlos.
Die stabile Seitenlage wurde für Menschen gedacht die mit stabilen Kreislaufverhältnissen und eigener Atmung eigentlich so aussehen als wenn sie schlafen, nur dass ihnen die sgn. Schutzreflexe fehlen. Der Schutzreflex setzt ein, wenn wir einen Schluck Wasser in die Luftröhre bekommen. Wir können gar nicht anders als diesen hoch zu husten.
Wenn also ein Bewusstloser der diese Schutzreflexe nicht mehr hat auf dem Rücken liegen bleibt und erbricht, dann macht es kurz schwapp! und die ganze Soße läuft in die Luftröhre, in die Lunge und der Bewusstlose erstickt daran. Die Idee ist, dass man den Bewusstlosen auf die Seite dreht, so dass noch zu Erbrechendes den Weg nach draußen findet.
Eine eher theoretische Konstellation, denn die meisten Bewusstlosen die man so da draußen finden wird, sind nämlich deswegen bewusstlos, weil sie keinen Kreislauf mehr haben. Die sind  reanimationspflichtig, müssen also wiederbelebt werden.
Nicht zu drücken (also eine Herzdruckmassage auf dem Brustkorb anzufangen) und nur die 112 zu wählen in Kombination mit der stabilen Seitenlage ist schlicht und ergreifend sinnlos.
Die stabile Seitenlage ist ebenso wie das völlig überschätzte Dreiecktuch (sic!) über Jahrzehnte in die übermüdeten Gehirne gelangweilter Teilnehmer von Ersthelferkursen eingetrichtert worden.
Das Problem – was ursprünglich mal als Hilfe gedacht war, führt dazu, dass gut gemeinte Maßnahmen (oder auch die bewusste Unterlassung von Maßnahmen) dazu führt, dass tote Menschen nicht als solche erkannt werden und keine Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden.
Keine Atmung oder eine komische Atmung? Dann 112 wählen und mit der Herzdruckmassage starten. Keine Ausreden.
Es ist so einfach und es ist so hilfreich.

Am Ende gehen doch die meisten aus dem Kurs und sind völlig verwirrt wegen der ganzen Details und Ausnahmen.
Lieber nichts machen, bevor ich irgendwas falsch mache.
Genau das kommt raus, wenn man erste Hilfe so kompliziert macht und da müssen wir anpacken. Ich finde wir sollten die stabile Seitenlage gar nicht mehr unterrichten, sie ist in sehr seltenen Fällen wirklich nützlich und am Ende verwirrt sie die Teilnehmer nur.
Lieber nichts machen, bevor ich irgendwas falsch mache.

Würden wir uns bei einem brennenden Weihnachtsbaum auch so verhalten?
Kein C-Rohr im Haus? Kein Schaumwerfer griffbereit? Dann rufen wir lieber die 112 an und warten auf die Profis?
Nein, natürlich würden wir losrennen und einen Eimer Wasser drüber kippen, wir würden im Erstangriff vielleicht die Blumen aus der Vase reißen und das olle Blumenwasser drüberschütten. Wir würden versuchen lieber irgendwas zu machen, bevor wir nichts tun.

Und wie war das jetzt nochmal mit dem Helm?
Da war doch was, wie war das nochmal.
Wenn die Halswirbelsäule gebrochen ist, aber das Rückenmark vielleicht noch nicht beschädigt ist und der Motorradfahrer wach ist, dann ist es nochmal anders als wenn der bewusstlos ist und am Ende denkt man sich dann – boah, komm, lass drauf. Fertig.

Wenn man den Versuch macht im Internet nachzugucken ob man den Helm beim verunfallten Motorradfahrer abnimmt, bekommt man erstmal nicht die Antwort auf das ob sondern darauf wie man den Helm abnimmt.
Das wird dann schnell kompliziert und überhaupt könnte da ja was gebrochen sein und dann, ja dann (hier mahnend fuchtelnden Zeigefinger einfügen!) wenn man den Helm jetzt falsch abnähme, dann macht man dem das Genick kaputt. Rollstuhl olé, dank falscher Ersthelfermaßnahme. Das ist großer, ausgemachter Blödsinn!
Und jetzt nochmal für alle zum mitsingen: der Helm muss ab!
Immer? Ja, immer.
Der Hintergrund ist ganz einfach – grundsätzlich wird ein Motorradfahrer immer seinen Helm selbst abnehmen. Wenn er es denn noch kann.
Wenn nicht – dann muss es diesem Motorradfahrer schon ziemlich schlecht gehen. Damit hat sich ganz selbständig die Patientengruppe herausgefiltert die am allermeisten von der Helmabnahme durch den Ersthelfer profitiert – die mit eingeschränktem Bewusstsein oder nicht ausreichender Atmung.
Der Helm muss ab – so einfach ist das.
Nur wenn der Helm ab ist, lässt sich beurteilen ob der Verunfallte noch atmet, ob vielleicht sogar Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden müssen.

Ich hoffe nicht, dass in Erste-Hilfe-Kursen noch das Märchen von der Querschnittslähmung durch eine unachtsame Helmabnahme erzählt wird. Das ist grober Unfug und gefährdet Menschenleben!
Ein Unfall der ausreicht den Knochen zu zerstören hat so viel Energie, dass das geleeartige Myelon des Rückenmarks so gut wie immer direkt beim Aufprall mit zerstört wird.
Bereits vor mehreren Jahren wurde die Diskussion dazu angestoßen, die Entwicklung geht eher in Richtung eines zukünftig zurückhaltenden, sorgsam reflektierten Umgangs mit der komplexen, zeitaufwändigen und immer auch mit (teils erheblichen) Nebenwirkungen behafteten Immobilisation der Wirbelsäule.
So ein Knochen an sich, ist sehr stabil. Es braucht einiges an kinetischer Energie um einen Knochen zu zerstören. Wenn jetzt innerhalb des Knochens eine geleeartige Masse drin ist, kann man sich vorstellen, dass diese ziemlich sicher beim Unfall direkt mit zerstört wird.
Die Vorstellung, dass der Knochen zerstört wird und das Myelon unangetastet intakt bleibt, ist eher theoretischer Natur.
Es reicht übrigens eine kurzzeitige Quetschung, eine komplette Durchtrennung ist gar nicht nötig für einen Querschnitt. Wir haben schon Patienten behandelt bei denen selbst im MRT kein Schaden mehr gesehen wurde aber klinisch ein eindeutiger Querschnitt bestand welcher sich auch nicht mehr zurück bildete.

Es ist jetzt etwas mehr als ein Jahr her, dass eine Kollegin von mir eine junge Motorradfahrerin versorgt hat, bei der sie als ersteintreffendes Rettungsmittel eintraf. Es waren mehrere Leute vor Ort, aber niemand hat den Helm bei der bewusstlosen Fahrerin abgezogen. Sie lag dort völlig unangetastet und im Helm war bereits unter dem Visier nur Erbrochenes zu erkennen.
Bei Ankunft war die Patientin tot, eine spätere Untersuchung ergab, dass keine größeren Verletzungsfolgen vorhanden waren, am ehesten aber von einer Aspiration (also einem Verschlucken von Nahrungsbestandteilen) in Folge der eingetreteten Bewusstlosigkeit ausgegangen werden musste.
Diese junge Frau ist möglicherweise daran gestorben, dass keiner der Umstehenden sich getraut hat den Helm abzunehmen und ihr einen freien Atemweg zu verschaffen.

Es ist keine Schande von erster Hilfe überfordert zu sein. Fragt mal in der Familie oder bei Freunden und auf der Arbeit nach ob sie wissen was bei einem nicht oder komisch atmenden Menschen zu tun ist und was jetzt mit dem Helm zu tun ist.
Und wenn da Unsicherheiten sind – geht zum Auffrischungskurs. Für Euch, für Eure Mitmenschen. Das kann Leben retten, ganz konkret.

Status 6 all night long

Der Notarztdienst hier im ländlichen Bereich verspricht eigentlich recht ruhig zu sein. In 24 Stunden sind es meist nicht mehr als drei oder vier Einsätze, nachts bleibt der Melder oft komplett ruhig. Nicht in dieser Nacht.

Eine Partygesellschaft rief uns weil die Gasflasche leer war, also fuhren wir mit Sondersignal zum Baumarkt um eine neue Flasche zu besorgen. Beim zweiten Einsatz nahmen wir den Bürgermeister mit, dieser brauchte eine Impfung für den geplanten Sommerurlaub. Bis zur nächsten Kinderklinik ist es relativ weit, wir fuhren gefühlt stundenlang über Land aber die Kinderklinik war nunmal die einzige Klinik die den Bürgermeister impfen konnte.
Zack, den Bürgermeister abgesetzt und ab ging es nach Hause.

Auf der Rückfahrt wurden wir nämlich von der Leitstelle direkt für einen Folgeeinsatz alarmiert. Bewusstloses Kind, Nachforderung vom RTW bei drohender respiratorischer Insuffizienz.

Ich ging in Gedanken das Szenario durch und hatte für meinen Geschmack etwas zu viel Zeit auf einer gefühlt viel zu langen Anfahrt zum Einsatzort.

Das Navi führte uns über Feldwege auf Schleichwege zurück auf Feldwege die immer entweder in einer Sackgasse oder vor einem Gebäude oder vor vor einem Pöller endeten. Für Pöller haben wir eigentlich ein Werkzeug an Bord, damit versuchte ich vergeblich den Pöller umzulegen. Es war auch eigentlich kein Dreikant wie sonst sondern mehr so ein Flaschenöffner, den hatte wohl jemand ausgetauscht.

Mein Fahrer hielt es nicht für nötig mal bei der Leitstelle nachzufragen wo denn der Einsatzort genau sei. Normalerweise kommt dann irgendeine ergänzende Information oder der Anrufer macht sich bemerkbar.

Joko (ja genau, der Halbbruder von Klaas) machte noch ein paar Versuche den Einsatzort anzufahren und brach die Anfahrt schließlich ab.

Ich war fassungslos ob dieser Nonchalance. Nein, sagte Joko, er würde das jetzt nicht finden, die würden schon klar kommen im RTW.

Die Auseinandersetzung fand ein jähes Ende weil ich schließlich ausstieg, das Renn-E-Bike vom Anhänger nahm und auf eigene Faust versuchte den RTW zu finden.

Was ich fand war ein quicklebendiges Kind. Topfit ausgeschlafen und hellwach. Noch bevor ich eine Rückmeldung an die Leitstelle geben konnte weckte mich das Kind brabbelnd und lachte mich freudestrahlend an.
Guten Morgen.

Investition oder Resignation – ein Fachgespräch.

Treffen sich zwei Mitarbeiter in der OP-Umkleide.
A: Mann ich war gestern als Notarzt hier im Nachbarort bei einem Patienten…  ich schätz den auf 130kg, könnten auch mehr gewesen sein. Der war blitzeblau als wir ankamen, Sättigung nicht messbar. War wohl vom Sofa geglitten und hing jetzt in seinem winzigen Wohnzimmerchen zwischen Sofa, Kacheltisch und der Schrankwand. Fraglicher Herdblick, ich hab vor Ort auf ne ICB (Hirnblutung) getippt.
B: Hab ich von gehört. Den haben die Neurochirurgen doch heute Nacht noch entdeckelt, oder? Den haben wir zusammen mit dem Team von der ITS mit 6 Leuten umlagern müssen, das war recht mühselig…
A: Ja genau. Also – GCS 3 (bewusstlos), eindeutige Intubationspflichtigkeit.
Der Notfallsanitäter reicht mir also so ein Einweg-Laryngoskop und nen Standardtubus ohne Führungsstab. Der Typ sah schon nach C/L IV aus. Aspiriert hatte er auch noch, sah wie Erbsen mit Möhren aus.
B: Verbessert die Sicht ja auch nicht gerade.
A: Nee. Ich stell mir den also ein und sehe nichts. Großlumig abgesaugt, es war allerhöchstens der Rand der Epiglottis zu erahnen. Ich dachte wir hätten wenigstens auf dem NEF ein Videolaryngoskop –
B: Nee, das war nur leihweise. Ist schon wieder runter.
A: Ja, hab ich dann gemerkt. Schöner Mist. Ich sag – was haben wir denn an Möglichkeiten? Der Sani meinte
überlege mir das Videolaryngskop Superview2000 zu kaufen.
B: Ich war auf der Messe und habe dort als Angebot das Superview1000 gekauft. Statt 1400€ für 900€. War ein Vorführmodell. Das hab ich jetzt immer in der Tasche dabei, egal wie die Lage vor Ort ist habe ich ein Backup.

 

Ich habe mal bewusst keine Firmennamen genannt, das ist hier auch nachrangig, es geht um was anderes.
Ich war beeindruckt davon, dass diese Kollegen den Missstand nicht einfach so hinnahmen sondern sogar durch den Einsatz eigenen Geldes ausgleichen wollten. Ich kann die Situation nur allzu gut verstehen. Es gibt nichts ärgerlicheres als aufgrund schlechter oder fehlender Ausrüstung dem Patienten nicht oder nicht richtig helfen zu können.
Es gibt Situationen in der Präklinik in der Spezialausrüstung wie ein intraossärer Bohrer oder ein Videolaryngoskop von Nöten sind um dem Patienten adäquat helfen oder überhaupt retten zu können.
In der Klinik in der ich dieses Gespräch mitgehört habe, habe ich im Rahmen eines Workshops hospitiert. An unserer eigenen Klinik und in dem Rettungsdienst in dem ich tätig bin haben wir sowohl bodengebunden im NEF als auch im RTH ein Videolaryngoskop standardmäßig im Einsatz. Das hat aber auch viel zu lange gedauert, bis sich das durchgesetzt hat.
Mal an die Retter hier – was fehlt auf Eurem Auto/Hubschrauber?
Gäbe es etwas von dem ihr sogar schon mal überlegt habt es Euch privat zu kaufen um es im Einsatz dabei zu haben?

Von Eis und Schnee und Kühlung und Reanimation

Tina hat ein Baby bekommen. Das Kind heißt Emma.
Aus Gründen ist es aber eins der hot topics in der Wissenschaft und erregt die Gemüter. Die einen feiern den Fortschritt der Wissenschaft und die anderen – naja, sie mahnen und üben sich im Krückstockfuchteln und es ist also alles wie immer.
Was ist passiert?
Emma und Tina hätten beste Freunde sein können. Sie hätten sich auf der Krabbeldecke als quasi gleichaltrige Babies anfreunden können, sind jetzt aber Mutter und Tochter. Die Eizelle von Emma wurde über 24 Jahre kryokonserviert, Tina selbst ist gerade mal 25 Jahre alt und hat Emma jetzt ausgetragen. Die ganze Story (mit Foto von Emma und Tina und Benjamin) findet sich hier.
Man kommt nicht umhin über solche Nachrichten zu staunen und – der Mensch ist so – da kommt er nicht raus, er bewertet, er wägt ab und urteilt. Dabei ist es kompliziert. Mal wieder.

Mir geht es aber hier gar nicht um eine ethisch moralische Bewertung. Rein wissenschaftlich betrachtet denke ich mir für meinen Teil ein leises – hui.
Ich meine – 24 Jahre! Vor 24 Jahren wurden die fünfstelligen Postleitzahlen eingeführt und es wurden schlimme Dinge mit Text und Tönen gemacht, die Älteren unter uns erinnern sich noch.
Also mal frei von Ethik, Moral, Anstand und „Darf-er-das?“ – ist das nicht sensationell? So banal ist eine Kryokonservierung nämlich nicht zu machen, der ganze Prozess ist hochkomplex.

Es gibt viele (noch) ungelöste medizinische Probleme. Zum Beispiel können wir für Menschen mit einem Herzstillstand ganz viel tun und sie retten – wenn wir schnell genug sind.
Gerade beim Herzstillstand rennt aber die Zeit rasend schnell weg. In den ersten Minuten setzt bereits ein Zelltod im Gehirn ein, bereits nach wenigen Minuten ist ein irreparabler Hirnschaden entstanden. Wenn also zum Beispiel jemand im Büro einen Herzinfarkt erleidet kann das Herz in einen Herzrhythmus verfallen der so ungleichmäßig wird, dass es schließlich stehen bleibt.
Meistens wird dann der Notruf (112…) abgesetzt und – dann passiert nichts. Manchmal werden die Rettungskräfte eingewiesen, gelegentlich wird der Tote (!) in die stabile Seitenlage gelegt.
Viel zu selten wird die einzig richtige und zwingend notwendige Hilfe in Form einer Herzdruckmassage durchgeführt.
Wird das Gehirn nicht mehr mit frischem Blut und Sauerstoff versorgt können die Zellen keine Energie mehr produzieren, sie stellen die Arbeit ein, der Mensch wird innerhalb von Sekunden bewusstlos. Mindestens ein genauso großes Problem wie die fehlende Zufuhr von frischen Nährstoffen ist der fehlende Abtransport anfallender Stoffwechselendprodukte. Jede Zelle (meines Körpes… 😉 ist darauf angewiesen, dass die anfallenden Stoffwechselendprodukte – also das was am Ende der Hormonproduktion, der Energiesynthese und anderer Zellaufgaben übrig bleibt –  abtransportiert und fachgerecht entsorgt wird.
Werden diese Produkte nicht entsorgt steigt ihre Konzentration innerhalb der Zelle und kann einen Zelltod induzieren. Vereinfacht gesagt erkennt die Zelle – hier stimmt was nicht. Sie kann dann selbständig entscheiden sich lieber selbst zu töten bevor sie noch die anderen in Probleme bringt. Was die Zelle nicht weiß ist, dass die Nachbarzelle gerade das selbe Problem hat und die selbe Lösungsstrategie gewählt hat. Genauso wie tausende und ggf. Millionen andere Zellen. Das ist ein riesiges Problem denn der eingeleitete Zelltod bedeutet letztlich eine Öffnung der Zellporen und ein Aufquellen bis zum Zerplatzen der Zelle. Was bei einer einzelnen Zelle eine pfiffige Lösung zur Entsorgung ist, stellt bei einer gleichzeitig einsetzenden Zelltod von Millionen von Zellen ein großes Problem dar. Es kommt zum Hirnödem und zum Tod weiterer – bisher gesunder – Zellen die regelrecht zerquetscht werden.

Wie schön wäre es also, wenn man diesen Prozess aufhalten oder zumindest bremsen könnte?
Und genau das hat man versucht. Seit Jahrzehnten laufen dazu Versuche, eine der größten hat im Rahmen einer Auswertung der INTCAR (international cardiac arrest registry) Datenbank 2012 gezeigt, dass die verzögerte Einleitung einer milden Kühlung des Patienten das neurologische Ergebnis (kann selber essen, selber trinken, sich selbst pflegen…) dramatisch verschlechtert. Je langsamer die Kühlung eingeleitet wird, desto schlechter sind die Chancen wieder ein selbständiges Leben führen zu können.
Also kühlen wir Menschen nach einer Reanimation mit Kühlpacks, manche nehmen kühle Infusionen und manchmal müssen auch Tiefkühlpommes tun.
Konsequenter wäre es Patienten zu kanülieren (also mit großen Gefäßzugängen zu versorgen) und das warme Blut rasch durch eine kühle Spülflüssigkeit zu ersetzen. Zukunftsmusik? Irgendwie ja, aber was wäre die Medizin ohne die Pioniertaten unerschrockener Mediziner. Mit dashamwaimmerschonsogemacht würden wir heute noch Schröpfen.

Es gibt erste vielversprechende Ergebnisse aber noch ist das alles sehr experimentell. Bereits 2005 wurde populärwissenschaftlich über die Pioniertaten berichtet. Im Grunde genommen geht es um nichts weniger als den Körper für einen bestimmten Zeitraum auf Standby zu stellen und wieder zu aktivieren.
So beeindruckend die ersten Versuche anliefen, so frustrierend klein sind die Fortschritte, aber es gibt sie.

Ich glaube dass die Kühlung das nächste große medizinische Thema wird. Offensichtlich haben wir die richtigen Mechanismen dazu noch nicht komplett verstanden, aber wir sind auf dem Weg.
Wenn ihr also das nächste Mal die letzte Packung Pommes aus der Tiefkühltruhe holt überlegt es Euch gut – ihr könntet damit nicht nur Leben sondern Hirnmasse retten!

MITTENDRIN STATT NUR DABEI – SELBER MAL NOTARZT SEIN Teil 2

In einem Wort – Hui!
Ich bin sehr positiv überrascht von der regen Beteiligung aber auch von der Qualität der Beiträge. Da wurde von SAPV-Teams gesprochen (spezialisierte, ambulante Palliativ-Versorgung), es wurden Handlungsstränge aufgezeichnet, Therapiemöglichkeiten evaluiert. Das hat mir sehr, sehr gut gefallen!
Ich werde im Anschluss sämtliche Kommentare veröffentlichen und empfehle es sehr die Kommentare der anderen durchzulesen. Da steht sehr viel gutes drin und ich komme nicht umhin den Begriff der  Schwarmintelligenz einfließen zu lassen. Gerade von denen die ihr Licht unter den Scheffel stellen („Ich bin nur Praktikant/Schüler/Famulant…“) waren ganz tolle Ansätze dabei.
Das lässt doch für die Zukunft des Gesundheitssystems hoffen, da ist viel Substanz zwischen den Zeilen erkennbar 😉

Ich denke es ist schon beim lesen klar geworden – einen einfachen und 100% richtigen Algorithmus gibt es für ein solches Szenario nicht.
Es gibt verschiedene Lösungsmöglichkeiten, es gibt aber auch Situationen im Rettungsdienst bei denen man trotz sorgfältiger Überlegung und größtmöglicher fachlicher Expertise manchmal nur das kleinere Übel wählen kann.
Genau so war es dann auch mit Aydan. Wenn wir uns was wünschen können dann wäre es wohl die Heilung dieses kleinen Menschen.
Eine Heilung war in diesem Fall ausgeschlossen, ein baldiges Ableben war absehbar. Entsprechende Gespräche hatten im Vorfeld stattgefunden. Dass Aydan sterben würde war allen klar, es ging nur um das wann und wie.
Das wann wurde jetzt plötzlich konkret, über das wie habt ihr Euch ausführlich Gedanken gemacht. Ich finde es sehr beeindruckend wie differenziert die Stellungnahmen hierzu ausfielen. Chapeau!
Ich hätte vielleicht deutlicher dazu schreiben sollen dass wir natürlich umgehend versucht haben die somatische Situation zu optimieren. Nach dem A (freihalten des Atemwegs, Inspektion der Trachealkanüle, Absaugen) kommt das B (Sauerstoff auf 100%, Beatmung intensiviert..).

Weil einfach ja jeder kann haben wir hier nicht nur mit einem medizinisch herausfordernden Fall zu tun, wir bewegen uns auch in einem anderen Kulturkreis mit einem teilweise völlig anderen Krankheitserleben und einer anderen Trauerkultur.
Da die intensivmedizinischen Maßnahmen keinen Erfolg zeigten wurden wir zu einer Entscheidung vor Ort gezwungen. Die Ausgangslage war für mich nicht eindeutig genug um hier dem mutmaßlichen Sinne der Patientin oder der Eltern entsprechend einen Verzicht auf Therapie auszusprechen.
Diese Thematik ist fachjuristisch sehr komplex und wird in der Rechtsprechung auch lange nicht so eindeutig gehandhabt wie man sich das so denken und wünschen würde.
Der Entlassungsbrief der Klinik und die Gesamtsituation gibt ein relativ eindeutiges Bild, es ist aber eben nur relativ und nicht absolut eindeutig.
Auch aufgrund meiner Erfahrung mit ähnlichen Situationen und der teils sehr emotional überladenen Akutsituation der Trauerbewältigung – teilweise mit Androhung strafrechtlicher Verfolgung –  haben wir uns für eine Maximaltherapie entschieden. Dies tue ich nie alleine sondern immer in einer kurzen Rücksprache mit dem Team was vor Ort ist. Sollte ein einzelnes Mitglied des Teams ein Problem mit der Behandlung haben kann er oder sie für administrative Aufgaben (Rückmeldung an die Leitstelle, Telefonat mit der Klinik, Betreuung der Angehörigen etc.) aus der Akutversorgung rausgezogen werden. Sollten mehrere Mitglieder des Teams signalisieren, dass sie mit der vorgeschlagenen Behandlung ein Problem haben, ist es immer ratsam das eigene Handeln zu überdenken.
Letztlich bleibt die Entscheidung für oder gegen eine Therapie eine grundsätzlich ärztliche Entscheidung.
Wir haben zunächst unser eigenes Beatmungsgerät im kontrollierten Modus angeschlossen, auch um einen Gerätedefekt des Heimbeatmungsgeräts auszuschließen. Diese Heimbeatmungsgeräte sind so ziemlich für jede Überraschung gut – eine Fehlerquelle weniger.
Aydan hat über einen MAD von mir großzügig aber altersentsprechend Midazolam erhalten, dann haben wir einen intraossären Zugang gelegt.
Mit dieser Maßnahme hatten wir nicht nur unserer kleinen Patientin etwas Gutes getan sondern auch allen anderen gezeigt dass wir alles versuchen um Aydan zu helfen.
Die umfangreichen, invasiven Maßnahmen machten es auch dem mittlerweile eingetroffenen Vater besser begreifbar, dass Aydan trotz aller Bemühungen sterben werden würde.
Ich hätte mir sehr gewünscht im Rahmen einer optimalen ambulanten Weiterversorgung (z.B. mit PSU-Team, religiösem Beistand, Familie etc.) die Patientin vor Ort zu belassen.
Das klingt in der Theorie aber viel einfacher als es konkret umsetzbar ist. In unserem Fall hätte das PSU-Team eine Stunde Vorlauf gehabt, ob und wann der Imam dazukommen konnte war unklar und man sollte sehr, sehr vorsichtig dabei sein abzuschätzen wie lange ein Sterbeprozess dauert.
Da wir als NEF-RTW-Team nicht stundenlang vor Ort verbleiben könnnen entschieden wir uns nach sorgfältiger Abwägung für einen Transport in die nahegelegene Kinderklinik.
Im Verlauf zeigte sich dort, dass die invasive Beatmung nicht zurückgefahren werden konnte. Im Sinne der Patientin wurde auf das ursprüngliche Unterstützungsmuster der Beatmung deeskaliert, die folgende respiratorische Insuffizienz wurde nicht mehr behandelt und Aydan verstarb am dritten Tag.

Ich freue mich auf Eure Rückmeldungen und bitte – immer freundlich bleiben, ich bin es auch 😉

Nachtlager

Waltraud war die breite Treppe die zu ihrer kleinen Wohnung ins Obergeschoss führte  in den letzten 52 Jahren sicher tausende Male rauf und runter gegangen. Anfangs noch mit den Kindern um sie zum Schulbus zu bringen, später dann um die Kinder zum Auto zu bringen und zum einkaufen und um den Müll rauszubringen und um im Keller Wäsche zu waschen. In den letzten Jahren dann immer häufiger um die Enkel nach einem Besuch zu verabschieden.

Damals – als die Kinder noch zum Schulbus gingen – baute man Treppen wieder mit großen Steinplatten die quer verlegt wurden, man konnte mit den Händen nicht gleichzeitig das Treppengeländer und die Wand berühren, so breit waren die Treppen. In der Nachkriegszeit war hier die Übergangsverwaltung der amerikanischen Streitkräfte untergebracht. Gegenüber wurde die erste Feuerwache der Stadt untergebracht. Als Waltraud und Gerrit die Wohnung im Obergeschoss zugesagt bekamen war die Freude groß, Wohnraum war knapp, da wurde auch eine eigentlich als Büro gedachte Unterkunft gefeiert wie ein Lottogewinn. Zu Waltraud und Gerrit kamen Bernd und Karsten. Zu den spärlichen 38m2 kamen weitere 43m2 in Form eines Durchbruchs zur Nachbarwohnung und Moderninisierung hinzu.
Die gegenüberliegende Feuerwach wurde ebenfalls ausgebaut, ein großer zentraler Turm und rechts und links mehr als 15 groß nummerierte Ausfahrten. Eine Tauchergruppe, etliche Spezialfahrzeuge, ein Schlauchboot und unzählige Rettungswagen gehörten zur Ausstattung.

Die Enkel waren immer gerne bei Oma Walli, am Küchenfenster stehend konnte man gut sehen welche Fahrzeuge gerade zum Einsatz los sausten. Die Feuerwehr mit Blaulicht und Sirene und die Enkel mit einem Eis in der Hand.
Nebenan begann die Stadtpromenade mit den Biergärten. Am Wochenende war es da immer sehr voll, die Menschen waren gerne draußen und konnten das Leben genießen.
Waltraud hatte große Ehrfurcht vor den Feuerwehrleuten die Tag und Nacht, bei Regen und Schnee ausrückten. Egal ob Feiertag, WM-Finale oder 37 Grad im Schatten – die Frauen und Männer von der Feuerwehr rückten aus wann immer gerade Leben gerettet werden mussten. Kaum verging mal eine Stunde ohne einen Einsatz.

Als Waltraud nach dem Gottesdienst gegen Sonntagmittag nach Hause kam kochten die Kartoffeln bereits eine ganze Weile. Es sollte Bierfleisch mit Apfelscheiben geben, dafür braucht man Äpfel und Äpfel gab es im Keller.
Waltraud ging die Treppe runter, so wie sie die Treppe in den letzten 51 Jahren ihres Lebens unzählige Male herunterging. Es müssen Millimeter gewesen sein die sie den Fuß zu weit nach vorne setzte aber diese Millimeter reichten um in Millisekunden den Halt zu verlieren. Sie rutschte weg, knallte mit dem Hüftknochen auf den Steintreppen auf und kam zum liegen. Für einen Moment war es sehr still, dann kam Gerrit zur Hilfe.

Hilfe wäre jetzt das Stichwort gewesen. Ein Anruf bei der 112 und ein signalfarbener Trupp hätte Waltraud die Treppe runtergetragen und ins Krankenhaus gebracht.
Es war aber ja Sonntagmittag und irgendwann sollten die Feuerwehrleute sich ja auch mal ausruhen können. Darin waren sich Waltraud und Gerrit einig, nein, so schlecht ginge es ihr ja nun nicht.
Gerrit holte ihr erstmal eine Decke, die Steintreppe war doch recht kühl. Und die Kartoffeln waren auch gar, die gab es jetzt mit Bierfleisch ohne Apfelscheiben. Abends waren sogar noch ein paar Reste übrig, auch die aßen sie.
Zwischendurch hörten sie den Alarm, bestimmt ging es da um Leben und Tod. Klar, da muss man anrufen, das geht ja nicht anders. Gerrit polsterte seine Waltraud mit mehreren Kissen so, dass sie etwas besser liegen konnte.
Er brachte ihr eine Lampe und ein paar ihrer Bücher so dass sie etwas lesen konnte.

Mein Melder löste am Montagmorgen aus mit:
„Einsatz, Notarzt, Sondersignal. Nachforderung Schmerztherapie. W. G. Schmellkers, Florianstraße 21, Großtstadt,
ENR #42842 8:12“
Beim Einsatzstichwort „Schmerztherapie“ ist für gewöhnlich ein Rettungswagen bereits vor Ort, auch ein Zugang liegt meist schon und ich habe dann die dankbare Aufgabe den Patienten schmerzfrei spritzen zu dürfen oder auch eine Kurznarkose zu machen um die Patienten mobilisieren zu können. Mir bot sich ein reichlich skurriles Bild. Diese ältere Dame, stabilisiert in einem Berg von Kissen und Decken. Augenscheinlich war sie nicht erst vor einer Stunde gestürzt.
Nach dem üblichen Dialog aus warum-ham-se-denn-nich-eher und wir-kommen-doch-gerne blieben wir zwischen Scham und Verwunderung alleine mit unseren Gedanken.
Wie selbstlos muss ein Mensch denken, dass er sich und seine Schmerzen einer extrem unangenehmen Oberschenkelhalsfraktur als so unwichtig erachtet, dass er nicht um Hilfe ruft? Zumal die Hilfe doch direkt gegenüber war, quasi in Rufweite!

Und uns allen fielen spontan zwanzig sinnfreie Einsätze ein, bei denen Anrufer aus Unwissen, Absicht oder Langeweile für unnütze Arbeit und Ressourcenverschwendung gesorgt haben.
Zwanzig Einsätze, alleine in der letzten Woche.

http://www.spiegel.de/panorama/110-und-112-missbrauch-von-notrufen-nimmt-zu-a-1164711.html

Intubieren leicht gemacht – 3 Tipps und ein Trick wie es mit dem Atemweg klappt (Teil 1)

So, der Google-Eintrag wäre mir mit der Überschrift sicher 😉

Der folgende Eintrag ist sehr fachspezifisch und richtet sich daher primär auch an Fachpublikum.

3 todsichere Tipps wie die Intubation fast immer gelingt:
1) Schokokuchen backen
2) Anästhesie anrufen und fragen ob die es mal eben machen können
3) entspannt zugucken, hinterher gemeinsam den Kuchen vernaschen und den gelungen Plan feiern

Das Intubieren, also die Sicherung des Atemwegs über die Einlage eines sgn. Endotrachealtubus in die Luftröhre wird von manchen Anästhesisten als der heilige Gral ihres Fachs gehütet. Es wird in Anwesenheit fachfremder Mitarbeiter (Praktikant, Internist, Rettungsassistent…) stets ein großes Buhai darum gemacht. Furchtbar kompliziert, kann als Nicht-Anästhesist quasi nicht klappen, man braucht 3 Trilliarden Inkubationen um den einfachen Atemweg zu beherrschen… ist klar.

Ich sage immer – die Intubation als handwerkliche Fähigkeit kann man einem Toastbrot beibringen, das Toastbrot muss es nur 1000 Mal machen. Ja, es ist einfach eine Übungssache. Man braucht für eine optimierte Laryngoskopie und die erfolgreiche Intubation noch nicht mal ein Medizinstudium.
Das eigentliche Problem (hört hört!) ist ein ganz anderes. Die Patienten sterben nämlich lange bevor sich der Hobby-Intubateur/Intubateuse an die Stimmritzen machen kann. Der Patient hat zu wenig Schlafmittel, kein Relaxans, vielleicht auch zu wenig Schmerzmittel und dann fängt er an zu würgen und übergibt sich. Der Sauger ist nicht vorbereitet (wer hat heute den Zimmer-Check gemacht?? Da war doch alles abgehakt?), der Patient aspiriert.
Oder er hat zu viel Schlafmittel/Schmerzmittel und die Katecholamine laufen nicht mit. Dann ist kein Arterenol aufgezogen, der Patient wird langsam, bleibt stehen, es wird reanimiert.
Manni der LKW-Fahrer stemmt die Hände in die Hüfte und sagt – na, merkste watt?
Die Intubation ist deshalb so ein risikoreiches und minenübersätes Kampffeld weil es so viele Fallstricke drum herum gibt.

Die Patienten die auf der Intensivstation oder im Rettungsdienst wirklich intubationspflichtig sind oder intubationspflichtig gemacht werden sind wirklich krank. Wenn die einen Tubus brauchen, dann brauchen die einen Tubus. Ein Nicht-gelingen der Intubation ist fast regelhaft mit dem Ableben oder einer Reanimationssituation verbunden.
Das bedeutet maximalen Stress bei allen Beteiligten. Wenn man dann nicht optimal vorbereitet ist, kann das Projekt nur scheitern.

Mein Rat daher: macht eine Checkliste, bereitet Euch vor, entwickelt einen Plan B, bereitet diesen auch vor, kommuniziert miteinander.
Oder so:

1) Plan mit allen (Pflege/Rettungsdienst) kommunizieren
2) Plan vorbereiten (der eingesprühte Tubus nebst Laryngoskop ist kein vorbereiteter Plan!)
3) Plan B (z.B. Larynxtubus! Larynxtubus! Larynxtubus!!) mit allen kommunizieren
4) Plan B vorbereiten
5) Kommunikation!

Über allem steht:
Überleben geht vor Analgesie geht vor Amnesie geht vor Narkose!

Zur Vorbereitung empfehle ich:

  • zwei sichere, periphere VENENZUGÄNGE, 500ml Vollelektrolytlösung rasch infundieren
  • Patient kopfwärts ziehen, LAGERUNG optimieren!, Intubationskissen ggf. Handschuhbox unter den Kopf, Kopfteil erhöhen
  • Zahnersatz / Kaugummi o.ä. raus
  • Monitoring mit PULSOXYMETRIE (Ton an!), EKG, NIBP (1-minütlich!) oder„Radialis-Monitoring“ per Hand durch Assistenz, CO2-Sensor bereit
  • ABSAUGUNG rechts und LARYNGOSKOP mit Spatel links vom Kopf des Patienten griffbereit, Stethoskop vorhanden
  • Ileus? Dann MAGENSONDE legen und unter Sog entfernen
  • Endotrachealtubus (+ eine Größe kleiner) & Führungsstab / Gum-elastic-Bougie & Blockerspritze vorhanden
  • RRsys < 100mmHg vor Intubation dann jetzt präemptiveSTABILISIERUNG mit laufendem NA-Perfusor
    • Beatmungsbeutel mit Reservoir, O2-Fluss maximal
    • PRÄOXYGENIERUNG, ggf. CPAP, > 3 tiefe Atemzüge
    • Intubationsplan und -procedere im TEAM kommuniziert• PLAN B : Guedel / Wendeltubus, Larynxtubus / Intubations-LMA vorhanden und„Plan B“ mit dem Team kommunizieren!
  • Medikamente spritzen in der Reihenfolge:
  • Analgetikum (wirken lassen) > Sedativum > Relaxans > 20ml NaCl-Bolus hinterher >  Intubation & Blockung
  • Auskultation (Epigastrium dann infraclaviculär re. & li.)
  • kommt CO2?
  • Fixierung, ggf. Bronchoskopie / Sekretfalle

Und was nimmt man da so an Medikamenten Narkosearzt?
Zum Beispiel diese hier:

(Es handelt sich hier um einen VORSCHLAG! Medikation für Erwachsenen von ca. 70kgKG, ggf. individiuelle Dosisanpassung beachten!)

• Atropin, Akrinor und Noradrenalin (z.B. Arterenol) bereithalten ggf. präemptiv stabilisieren (s.o.)

• 20 mg Etomidat i.v. ODER 2 – 5 mg Midazolam (z.B. Dormicum)

• 150 mg Ketamin oder 75 mg Ketamin-S i.v.

• 70 mg Esmeron (oder 100mg Succinylcholin i.v. aber „Sux sucks“ und CAVE mit den vielen KI für Succi!)

Männer: Spatel Gr. 4, ETT 8.0, Eindringtiefe bei Zahnreihe 22cm Frauen: Spatel Gr. 3, ETT 7.0 Eindringtiefe bei Zahnreihe 20cm


Ihr seht, die eigentliche Intubation ist nur ein kleiner Beitrag zu einer sehr anspruchsvollen Prozedur. Das Begleitwerk, die Narkose, das richtige Katecholaminmanagement und natürlich die Therapie der Grunderkrankung ist ein hochkomplexer Vorgang. Und überall wo es komplex ist können sich Fehler und damit verbundene Gefahren einschleichen.
Mir ist kein Toastbrot bekannt, was diesen Themenkomplex sicher beherrscht und das ist auch gut so, somit haben wir von der Gas-Wasser-Drogen-Front auch weitere eine stabile Auftragslage.
In diesem Sinne, schlafen Sie gut,

der Narkosedoc