Intubieren leicht gemacht – 3 Tipps und ein Trick wie es mit dem Atemweg klappt (Teil 1)

So, der Google-Eintrag wäre mir mit der Überschrift sicher 😉

Der folgende Eintrag ist sehr fachspezifisch und richtet sich daher primär auch an Fachpublikum.

3 todsichere Tipps wie die Intubation fast immer gelingt:
1) Schokokuchen backen
2) Anästhesie anrufen und fragen ob die es mal eben machen können
3) entspannt zugucken, hinterher gemeinsam den Kuchen vernaschen und den gelungen Plan feiern

Das Intubieren, also die Sicherung des Atemwegs über die Einlage eines sgn. Endotrachealtubus in die Luftröhre wird von manchen Anästhesisten als der heilige Gral ihres Fachs gehütet. Es wird in Anwesenheit fachfremder Mitarbeiter (Praktikant, Internist, Rettungsassistent…) stets ein großes Buhai darum gemacht. Furchtbar kompliziert, kann als Nicht-Anästhesist quasi nicht klappen, man braucht 3 Trilliarden Inkubationen um den einfachen Atemweg zu beherrschen… ist klar.

Ich sage immer – die Intubation als handwerkliche Fähigkeit kann man einem Toastbrot beibringen, das Toastbrot muss es nur 1000 Mal machen. Ja, es ist einfach eine Übungssache. Man braucht für eine optimierte Laryngoskopie und die erfolgreiche Intubation noch nicht mal ein Medizinstudium.
Das eigentliche Problem (hört hört!) ist ein ganz anderes. Die Patienten sterben nämlich lange bevor sich der Hobby-Intubateur/Intubateuse an die Stimmritzen machen kann. Der Patient hat zu wenig Schlafmittel, kein Relaxans, vielleicht auch zu wenig Schmerzmittel und dann fängt er an zu würgen und übergibt sich. Der Sauger ist nicht vorbereitet (wer hat heute den Zimmer-Check gemacht?? Da war doch alles abgehakt?), der Patient aspiriert.
Oder er hat zu viel Schlafmittel/Schmerzmittel und die Katecholamine laufen nicht mit. Dann ist kein Arterenol aufgezogen, der Patient wird langsam, bleibt stehen, es wird reanimiert.
Manni der LKW-Fahrer stemmt die Hände in die Hüfte und sagt – na, merkste watt?
Die Intubation ist deshalb so ein risikoreiches und minenübersätes Kampffeld weil es so viele Fallstricke drum herum gibt.

Die Patienten die auf der Intensivstation oder im Rettungsdienst wirklich intubationspflichtig sind oder intubationspflichtig gemacht werden sind wirklich krank. Wenn die einen Tubus brauchen, dann brauchen die einen Tubus. Ein Nicht-gelingen der Intubation ist fast regelhaft mit dem Ableben oder einer Reanimationssituation verbunden.
Das bedeutet maximalen Stress bei allen Beteiligten. Wenn man dann nicht optimal vorbereitet ist, kann das Projekt nur scheitern.

Mein Rat daher: macht eine Checkliste, bereitet Euch vor, entwickelt einen Plan B, bereitet diesen auch vor, kommuniziert miteinander.
Oder so:

1) Plan mit allen (Pflege/Rettungsdienst) kommunizieren
2) Plan vorbereiten (der eingesprühte Tubus nebst Laryngoskop ist kein vorbereiteter Plan!)
3) Plan B (z.B. Larynxtubus! Larynxtubus! Larynxtubus!!) mit allen kommunizieren
4) Plan B vorbereiten
5) Kommunikation!

Über allem steht:
Überleben geht vor Analgesie geht vor Amnesie geht vor Narkose!

Zur Vorbereitung empfehle ich:

  • zwei sichere, periphere VENENZUGÄNGE, 500ml Vollelektrolytlösung rasch infundieren
  • Patient kopfwärts ziehen, LAGERUNG optimieren!, Intubationskissen ggf. Handschuhbox unter den Kopf, Kopfteil erhöhen
  • Zahnersatz / Kaugummi o.ä. raus
  • Monitoring mit PULSOXYMETRIE (Ton an!), EKG, NIBP (1-minütlich!) oder„Radialis-Monitoring“ per Hand durch Assistenz, CO2-Sensor bereit
  • ABSAUGUNG rechts und LARYNGOSKOP mit Spatel links vom Kopf des Patienten griffbereit, Stethoskop vorhanden
  • Ileus? Dann MAGENSONDE legen und unter Sog entfernen
  • Endotrachealtubus (+ eine Größe kleiner) & Führungsstab / Gum-elastic-Bougie & Blockerspritze vorhanden
  • RRsys < 100mmHg vor Intubation dann jetzt präemptiveSTABILISIERUNG mit laufendem NA-Perfusor
    • Beatmungsbeutel mit Reservoir, O2-Fluss maximal
    • PRÄOXYGENIERUNG, ggf. CPAP, > 3 tiefe Atemzüge
    • Intubationsplan und -procedere im TEAM kommuniziert• PLAN B : Guedel / Wendeltubus, Larynxtubus / Intubations-LMA vorhanden und„Plan B“ mit dem Team kommunizieren!
  • Medikamente spritzen in der Reihenfolge:
  • Analgetikum (wirken lassen) > Sedativum > Relaxans > 20ml NaCl-Bolus hinterher >  Intubation & Blockung
  • Auskultation (Epigastrium dann infraclaviculär re. & li.)
  • kommt CO2?
  • Fixierung, ggf. Bronchoskopie / Sekretfalle

Und was nimmt man da so an Medikamenten Narkosearzt?
Zum Beispiel diese hier:

(Es handelt sich hier um einen VORSCHLAG! Medikation für Erwachsenen von ca. 70kgKG, ggf. individiuelle Dosisanpassung beachten!)

• Atropin, Akrinor und Noradrenalin (z.B. Arterenol) bereithalten ggf. präemptiv stabilisieren (s.o.)

• 20 mg Etomidat i.v. ODER 2 – 5 mg Midazolam (z.B. Dormicum)

• 150 mg Ketamin oder 75 mg Ketamin-S i.v.

• 70 mg Esmeron (oder 100mg Succinylcholin i.v. aber „Sux sucks“ und CAVE mit den vielen KI für Succi!)

Männer: Spatel Gr. 4, ETT 8.0, Eindringtiefe bei Zahnreihe 22cm Frauen: Spatel Gr. 3, ETT 7.0 Eindringtiefe bei Zahnreihe 20cm


Ihr seht, die eigentliche Intubation ist nur ein kleiner Beitrag zu einer sehr anspruchsvollen Prozedur. Das Begleitwerk, die Narkose, das richtige Katecholaminmanagement und natürlich die Therapie der Grunderkrankung ist ein hochkomplexer Vorgang. Und überall wo es komplex ist können sich Fehler und damit verbundene Gefahren einschleichen.
Mir ist kein Toastbrot bekannt, was diesen Themenkomplex sicher beherrscht und das ist auch gut so, somit haben wir von der Gas-Wasser-Drogen-Front auch weitere eine stabile Auftragslage.
In diesem Sinne, schlafen Sie gut,

der Narkosedoc

Manuela, 39J.

Schon im Kindergarten in der Mäusegruppe, in der Grundschule stilles Mäuschen geblieben, Realschulabschluss ohne nennenswerte Vorkommnisse, Tierpflegepraktikum, abgebrochene Friseurinnen-Lehre, erstes Kind, im zweiten Anlauf Einzelhandelskauffrau versucht, Ausbildung abgebrochen und an der Kasse geblieben.
Zweites Kind mit dem zweiten Mann, jetzt kleines Haus gekauft, er selbständig bei der Post als Paketzusteller, wenig Geld, viel Arbeit, wenig Zeit.
Viel Trubel in der Vorweihnachtszeit, nach Weihnachten soll es aber endlich ruhiger werden. Heute Weihnachtsfeier mit dem ganzen Team vom Supermarkt, Tina und Gitti kommen auch. Schweinefilet in Champignon-Rahm-Sauce ist auch da, Manuela nimmt das Hähnchenbrustfilet in Curry-Früchte-Sauce, Kartoffelgratin dabei und hinten drauf noch Rote Grütze mit Vanillesauce.
Ein kurzer Knall, da liegt Manuela auch schon auf dem Tisch. Kurzes Entsetzen im Saal, eigentlich zu früh um dem Alkohol die Schuld geben zu können – dabei hatte Manuela doch nur eine Fanta ohne Eis. Manuela zuckte noch ein paar Mal, Auftritt Hans (*betrieblicher Ersthelfer*). Dicke Decke drunter, Kopf gepolstert, Möbel aus dem Weg, Hilferuf abgesetzt.

Einsatzmeldung: NA Intern Kühlheide 282, Landgasthof Schulze-Oeverding, Krampfanfall, SoSi Mehrfach

Bei unserer Ankunft finden wir Manuela wach, ansprechbar, adäquat und wach vor. Großes Lob an die Ersthelfer, alles richtig gemacht und das erlebt man ja auch selten.
Manuela klagt über Übelkeit, der Großteil des Weihnachtsschmaus hat sich über ihr Pailletten-Top verteilt, die Situation ist ihr sichtlich unangenehm. In einem mit 100 Personen spärlich besetzten 400-Personen-Festsaal so etwas wie Privatsphäre zu kreieren entpuppt sich als ein hoffnungloses Unterfangen. Wir einigen uns auf das kleine Programm vor Ort (Beistand, guter Zuspruch, warme Decke, erste Anamnese) und warten auf den RTW der auch kurz danach eintrifft. Manuela hyperventiliert nun ein wenig, zu viel Aufregung, zu viele Augen die sich das mal ganz genau anschauen müssen. Die Manuela, also nee. Völlig abgestürzt und das um kurz nach 8… ts.
Ich bin kurz wütend auf diese Freizeit-Moralapostel und konzentriere mich auf Manuela, spreche ihr gut zu und meine das auch so, dass Sie das jetzt mal einen feuchten Sch** interessieren sollte was irgendwer über sie denkt.
Manuela beklagt neben der Übelkeit, dass jetzt ihre Finger kribbeln würden, sie erhält eine Hyperventilationsmaske und wir reden ein bißchen miteinander, auch das beruhigt sie.
Ab auf die Trage, Abmarsch, ja schönen Abend noch, nein wir lassen ihnen keine Drogen da für die Party, haha.
Im RTW nochmal die Zusammenfassung und hier wird es etwas medizinisch.
Kein A-Problem, B: Hyperventilation, kein C-problem, D: Blutzucker gut (140mg/dl), E: führendes Problem Übelkeit
Was war passiert?
Laut der Umstehenden Personen habe Manuela gezuckt. Am ganzen Körper. Eine differenziertere Anamnese ist nicht möglich, mit ein bißchen Glück hätte ich irgendwo vielleicht noch ein Video finden können, irgendwer filmt ja immer… Egal. Meine Überlegungen:
Krampfanfall: fremdanamnestisch global, aber kein Zungenbiss, Pat. hat nicht eingenässt, trotz kurzer Anfahrtszeit kein postiktaler Dämmerzustand, kein Krampfleiden bekannt, keine klassischen Trigger (Schlafentzug, Lichtblitze etc.), Vomitus (erbrechen) untypisch
Lebensmittelvergiftung: dafür spricht das schwallartige Erbrechen, erklärt aber nicht den mutmaßlich stattgehabten Krampfanfall
Schlaganfall: überhaupt null Komma null neurologische Defizite, keine Risikoanamnese (Nichtraucherin), Pupillen gleichgroß (!) mittelweit, lichtreagibel
Hirnblutung: Kopfschmerz wird zunächst verneint, im Verlauf mit 4 von 10 angegeben, Pat. empfindet die Schmerzen als im Hinterkopf lokalisiert aber nicht als behandlungsbedürftig, außerdem wie gesagt mit identischer Pupillengröße, Pat. wach, voll orientiert, adäquat und ohne Defizite.
Im RTW entscheide ich mich aufgrund der fortgesetzten Übelkeit und der Agitation für Dimenhydrinat. Ich gebe gerne eine halbe Ampulle langsam i.v. (unter EKG-Kontrolle, CAVE QT-Verlängerung und Rhythmusstörungen!), den Rest dann in die Infusion. Nimmt sehr zuverlässig die Übelkeit, macht müde und beruhigt darüber vielleicht auch ein bißchen – so zumindest mein Therapieansatz. Ich überlege etwas Midazolam zu titrieren denn Sie beklagt als Hauptproblem diese Unruhe, Übelkeit und Angst, will aber erstmal die Wirkung des Dimenhydrinats  abzuwarten.
Wir fahren die Neurologie eines Maximalversorgers an, ca. 20 Minuten bodengebunden.
Auf dem Weg versuche ich mehrmals die Anamnese zu präzisieren. Was ist hier passiert? Mein Bauch sagt mir, dass hier irgendwas im Busch ist.
Manuela fallen nun langsam die Augen zu, klar, Dimenhydrinat ist da. Sie bleibt dabei jederzeit erweckbar, die Übelkeit scheint aber zu bleiben. Manuela muss nun erneut erbrechen und schafft es in Oberkörperhochlagerung so gerade eben die Brocken heraus zu befördern. Mir wird etwas übel. Ich bin heilfroh, dass ich nicht auch noch Midazolam gegeben habe, dann hätten wir hier ein richtiges Problem gehabt.
Die mitfahrende Rettungsassistentin erzählte mir von ihren Erfahrungen mit diesem Medikament und dass Sie davon ja zwei Tage geschlafen habe. Ja, ich habe das auch schon mal genommen und ja, es macht sehr müde, aber das hier war was anderes. Nochmal kurzer Check, Pupillen gleich groß, keine Defizite, nach wie vor die Antwort auf meine Frage „was ist im Moment das Hauptproblem“ – die Übelkeit. Erst auf Nachfrage bejaht sie erneut leichte Kopfschmerzen, sie seien jetzt vorne im Kopf.
Die wechselnde Wachheit und die präzise Kopfschmerzbeschreibung (wenn auch als sehr moderat und von ihr als nicht behandlungsbedürftig beschrieben!) sowie die fortgesetzte Übelkeit lässt meinen Bauch entscheiden die Patientin für den Schockraum anzumelden. Anästhesie, Neurologie, Neurochirurgie.
Ich beiße mir auf die Unterlippe – ist das nicht etwas hoch gegriffen? Schockraum? Für eine Pat. mit einem GSC irgendwo zwischen 13 und 15?
Ich frage Patienten immer danach, was im Moment ihr Hauptproblem ist und ob ich gegen diese oder jene Befindlichkeitsstörung etwas machen soll. Tatsächlich ist es nämlich oft so, dass Patienten ein bestimmtes Symptom als gar nicht so schlimm empfinden. Und bevor ich mir neue Probleme ins Haus hole lasse ich die Medikamente wo sie sind. Keine Wirkung ohne Nebenwirkung.
Manuela blieb bei der Übelkeit, das Kribbeln in den Fingern war bei der Ankunft im Krankenhaus auch weg und ansonsten hatten wir bis auf den leichten Kopfschmerz und die wechselnde Wachheit – nichts.
Ich wurde von der Kollegin etwas komisch angeschaut und bin ganz ehrlich – ich hätte es genauso getan.
In meinem Kopf lief nur vorher das Szenario wie folgt ab: Neurologe untersucht kurz, stellt die Indikation zum CCT, Pat. liegt dort flach, übergibt sich mit mittelguten Schutzreflexen, atmet ihr Curryhühnchen ein und wird reanimationspflichtig. Wir kennen das.
Ich machte also meine Übergabe im Schockraum und musste mir anhören „wieso man für sowas hier hin fährt, Magen-Darm können die in der Waldklinik auch“ (Neurologe), „Übelkeit kann man nicht rausoperieren“ (Neurochirurg), sowie von der Anästhesie „Ich habe auch mal Dimenhydrinat bekommen, davon habe ich zwei Tage geschlafen“ – äh ja, danke, das hatten wir schon.
Ich habe allen Beteiligten ganz ehrlich gesagt, dass auch mir durchaus bewusst ist, dass die sachliche Analyse der Lage keine wirkliche Dramatik erkennen lässt. Ich habe aber auch gesehen, wie die Patientin vor zehn Minuten versucht hat, ihre Bröckchen zu erbrechen und das war eben nicht mehr adäquat und auch nicht nur durch Dimenhydrinat zu erklären.
Die Patientin ging erstaunlicherweise ohne viele Diskussionen ins CCT, das Team versammelt sich dann aus Strahlenschutzgründen immer im Schaltraum, es wird wild durcheinander gequasselt und als die ersten Schichten auf dem Monitor aufliefen wurde es dann doch kurz still.
Monika hatte eine dicke Subarachnoidalblutung.
Für einen kurzen Moment wanderten die ungläubigen Blicke zwischen dem Monitor und mir hin und her. Ich schäme mich dafür, dass ich für einen Moment den Triumph über die Genugtuung genoss, hier nicht übertrieben zu haben. Mein Bauch hatte Recht.
Ich fühlte mich trotzdem schlecht, denn es war die schlechtmöglichste Variante für die Patientin.
Mich hat der Einsatz in vielerlei Hinsicht nachdenklich und demütig gemacht.
Ich bin froh, dass sich mein Bauch mittlerweile zu einem so guten Notfallmediziner gemausert hat und nicht so viel auf klassische Literaturbeschreibungen (aber die hatte keinen Vernichtungskopfschmerz!) gibt.
Ich versuche demütig zu bleiben wenn ich das nächste Mal im Schockraum Patienten annehme die ich als über-triagiert betrachte.
Und ich will in Zukunft wachsam bleiben, auch wenn der Einsatz banal erscheint.

Manuela wurde aufgrund eines spontan geplatzten Aneurysmas durch die Neuroradiologen gecoilt. Manuela hat es der absolut exzellenten Versorgung durch die Neuroradiologen zu verdanken, dass sie schon am nächsten Tag extubiert werden konnte und sich relativ rasch wieder wach, adäquat und ohne erkennbare neurologische Defizite zeigte. Nur die Erinnerung an die Weihnahtsfeier fehlt ihr komplett, aber das lässt sich nachholen.

Watch your step!

Einsatz in einem Recyclingbetrieb „Krampfanfall“. Vorbei am Pförtner, dem Wachschutz hinterher in die Betriebshalle. Auf dem Weg eine bläulich schimmernde Pfütze. O-Ton des vorangehenden Schichtleiters und zwar mit lispelndem „s“ und ohne Übertreibung:

„VORSICHT! DawodiFützederisSäure.“

Ah so.
Kleine Randnotiz und gar nicht so uninteressant (hier hört aber „kurz und klein“ auf) – der Mann lag auf dem Boden, wurde gerade fachgerecht verpackt und hatte ein Monokelhämatom, eine offensichtliche Mittelhandfraktur rechts und Prellmarken am Thorax. Zungenbiss? Einnässen? Krampfgeschehen beobachtet? Fehlanzeige. Wahrscheinlicher als ein Krampfgeschehen war hier wohl ein Kampfgeschehen.  Nach Übergabe des Patienten in der Ambulanz nahmen sich dann auch zwei Schupos seiner an und baten um nähere Informationen zum Geschehen. Schon bei James Bond kann man ja lernen, dass Konflikte sich nicht nur mit Worten lösen lassen. Zweiter Sieger also. Gegenüber der Polizei machte er übrigens keine Angaben.
Es gibt Gruppen die klären sowas lieber unter sich.

Dieter, 52 J., m.

ACHTUNG: sensible Menschen und Träger des sogenannten Blitzherpes (Betroffene werden Bescheid wissen) sollten nur bis zur Einsatzmeldung lesen. Ich meine das wirklich so.

Dyspnoe gehört wohl zu einer der häufigsten Einsatzmeldungen. Dyspnoe bedeutet dass da jemand schlecht oder zu wenig Luft bekommt. Was sich dahinter versteckt ist wie so oft sehr variabel. Mal qualmt die Zigarette noch im Aschenbecher und wir sind Taxi für einen Patienten der so seit 3 Wochen wirklich immer schlechter Luft kriegt. Vorzugsweise nachts um 3. Es kann auch der Status asthmaticus sein, eine Herausforderung für jedes Rettungsdienstteam. Meistens ist es irgendwas zwischen Komfortproblem und akuter Lebensgefahr.

So auch bei Dieter. Dieter hatte irgendwann mal seinen Arbeitsplatz verloren. Umstrukturierung, Outsourcing, sozialverträglicher Abbau. Nach dem Job verlor er seine Frau und dann seine Arbeit und dann auch den Glauben an sich selbst. Viele flüchten sich dann in Alkohol, Dieter fing an zu essen. Das Essen machte ihm Freude. Das Essen war seine einzige Freude. Solange er noch selber zum Einkaufen gehen konnte war für alles gesorgt, um ihn herum wurden Geburtstage gefeiert, Kinder auf die Welt gebracht und das Leben gelebt. Dieter lebte seit dem Verlust des Arbeitsplatzes in einer 1-Zimmer-Wohnung. Vorne direkt hinter der Tür links eine Kochnische, rechts die Fertignasszelle in Leichtbauweise und geradeaus das Wohnzimmer mit Klappcouch. Geklappt wurde schon lange nichts mehr, es klappte ja auch sonst nicht mehr viel in Dieters Leben so, wie er sich das mal erträumt hatte. Nein, mit Alkohol wollte er nichts zu tun haben, damit hatte er als Kind schon schlechte Erfahrungen gemacht. Damals bei seinem Vater. Aber die Eltern waren ja auch schon länger nicht mehr. Überhaupt waren da am Ende nur noch sehr wenige Kontakte. Irgendwann kam der Punkt an dem Dieter selbst der Weg zum Supermarkt zu weit wurde und jemand musste ihm das Essen nach Hause bringen. Zu viel Gewicht. zu wenig Luft.
Dieter schleppte sich vom Bett zur Toilette und zurück. Was ihm blieb waren sein Fernseher, das Essen und die Hoffnung darauf, dass irgendwann die große Wende doch noch kommt.
Dieter schämte sich für seine Situation, für sein Übergewicht und dass er sich nicht mal mehr selbst versorgen konnte. Deshalb ging er nie zum Arzt und rief auch nicht den Rettungsdienst. Spät, viel zu spät griff er dann doch zum Telefon und rief die 112. Mit letzter Kraft schilderte Dieter dem Disponenten seine Not.
Ich kann nich mehr.
Kann nich mehr.
Kemsterbach.
Bahnhofstraße.
Kann nich mehr.

Einsatzmeldung: NA Intern NichsodieToplageehersowokeinerwohnenwill Hochhaus 4. OG Kemsterbach Dyspnoe SoSi Mehrfach

Als NEF waren wir zuerst vor Ort. Raus aus dem Auto, Beatmungsgerät, Absaugung, Notfallrucksack und Monitoring/Defi-Einheit mitgeschleppt. Rein in den Aufzug, vierte Etage, Tür auf, Verwesungsgeruch.
Wer einmal gerochen hat, wie verwesendes Fleisch riecht, vergisst diesen Geruch nie. Es sind Gerüche wie der von Sommerregen auf heißem Asphalt, Gerüche die man sich so realistisch vorstellen kann, weil sie eingebrannt sind.
Bei unserer Ankunft kroch bereits durch die Aufzugtür ein so ekelerregendes Gasgemisch, dass alle Signale auf Flucht standen. Entgegen unserer Natur sollten wir dahin gehen, wo der Geruch immer stärker wurde.
Die Geruchsmischung bewegte sich irgendwo im Dunstkreis von Verwesung, Kot, Urin und Schweiß. Eine säuerlich, aggressive und sehr kompakte Mixtur die sich in der Nase, in der Haut  und sogar in schwer entflammbarer Berufskleidung festsetzt. Die Tür zur Wohnung hatte Dieter noch irgendwie geöffnet bekommen, dahinter saß er auf einem besonders verstärkten Küchenstuhl, die Arme auf die Küchenzeile verschränkt, den Kopf nach unten, schwerst luftnötig und nur bedingt ansprechbar. Die Wohnung war nicht vermüllt und trotzdem verwahrlost. Auf dem Boden lag eine zentimeterdicke Schicht aus nennen-wir-es-mal-Staub (hellgrau) und Dreck (dunkelgrau) und diversen Zutaten wie zum Beispiel Tabakresten (braun). Die Situation war relativ schnell erfasst, Dieter musste hier raus und zügig ins Krankenhaus. Reserven hatte er zum Zeitpunkt des Eintreffens schon so gut wie gar keine mehr, das war auch ohne Pulsoxymetrie ersichtlich. Ständig fährt ein Famulant oder Praktikant mit und ausgerechnet heute waren wir zu viert. RTW (RA + RS) und NEF (RA+NA). Vier Leute für geschätzte 200kg. Eine Nachforderung eines weiteren RTWs oder gar eines Bergetrupps hätte Dieter nicht mehr überlebt. Dafür waren einfach keine Kapazitäten mehr da.
Also wuchteten wir ihn unter seiner Mithilfe vom Küchenstuhl aufs Feuerwehrstühlchen, von dort auf die Trage, in den RTW und dann mit Sonderrechten in die nächstgelegene Klinik. Ich fahre selten mit Sondersignal. Das erhöhte Unfallrisiko (tagsüber bis zu 26fach erhöht, nachts ca. 35fach) wiegt meines Erachtens nach in den seltensten Fällen den abzuwendenden Schaden auf. In diesem Fall war alles anders.
Auf der Fahrt verschlechterte sich Dieter unter laufender Sauerstofftherapie bis zur Intubationspflichtigkeit, wir übergaben ihn im Schockraum mit einem unter Katecholaminen noch erhaltenen Kreislauf wo er umgehend reanimationspflichtig wurde. Unter der laufenden Reanimation zeigte sich im transthorakalen Echo ein aus der Lunge fortgesetzter, im Ventrikel stehender Thrombus. Selbst mit einer veterinärmedizinischen Dosis Lyse hätte sich dieser Trümmer nicht aufgelöst. Der Thrombus war zu groß und fügte sich damit nahtlos ein in die lose Folge aus der Reihe geratener Probleme. Zu viele Probleme, zu viel Einsamkeit, zu viel Essen, zu viel Gewicht, zu wenig Hygiene, zu wenig Bewegung, zu viel Thrombose.

Dieser Einsatz hing uns lange nach.

Epilog:
Das Hochhaus in dem seine Wohnung lag und in der auch der Einsatz war liegt direkt auf meinem Weg zur Arbeit. Jeden Tag fuhr ich an diesem Hochhaus vorbei. Zwei Tage nach unserem Einsatz wurden in seiner Wohnung die Fenster aufgerissen und blieben so für vier Tage komplett geöffnet, danach „auf Kipp“. Für vier Wochen. Tag und Nacht.
Es wurden am Ende sogar die Tapeten abgerissen und die Wohnung kernsaniert
Mittlerweile wohnt wieder jemand in der Wohnung.

Immer schön frisch bleiben.

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Die Notfallmedizin hat mich von Anfang an begeistert.
Bereits die ersten Mitfahrten bei erfahrenen Kollegen fand ich sehr aufregend. Temp 100 in der Innenstadt – hui. Geblitzt worden – egal!
Hochmotiviert mit dem Ziel einem Menschen in Not helfen zu können.
Dann die ersten eigenen Fahrten – hui². Eigene Patienten behandeln!
Kein Oberarzt im Hintergrund den ich fragen muss.
Kein Oberarzt im Hintergrund den ich fragen kann.
Beim Blick auf den Dienstplan wird die Spalte „NEF“ auf den eigenen Nachnamen abgesucht. Jeder Dienst bedeutet eine Menge Zeit dringend zu erledigende Dinge vom Schreibtisch zu bekommen. Lecker umsonst essen in der Kantine. Traurige, lustige aber auch dramatische Erlebnisse mit Kollegen und Kolleginnen. Viel Banalität und Langeweile, aber eben auch diese Minuten in denen es im Kopf kribbelt.
Und immer die bange Frage – was erwartet uns vor Ort?
Der auf dem Melder als „Kind (11)“ angemeldete war dann nicht 11 Jahre, sondern klitzekleine 11 Monate – Adrenalin.
Die bewusstlose Person macht uns selbst die Tür auf – Entspannung.
Die Reanimation im Altenheim (zu der ich mit genau diesem Gedanken hingefahren bin) entpuppt sich als 20-jährige Altenpflegehelferin mit Lungenembolie – volle Konzentration, maximale Therapie, alle sind hellwach dabei.

Klar, so lange ich hier rumsitze geht es dem Bürger gut.
Es ist auch sehr komplex, jemandem der sich nicht für die Notfallmedizin begeistert, erklären zu können, was genau die Faszination ausmacht. Es ist dieses Ostinato im Hintergrundrauschen der Großstadt. Wir sind immer da, nur für den Fall.
Es geht gar nicht um das Leid der Menschen. Mir sind auch kaputte Autos egal, das Gaffer-Gen fehlt mir.
Was ist es dann?
Ich glaube, es geht mir um die Herausforderung gegen den Gegner zu gewinnen. Mein Patient erleidet ein Trauma, eine Krankheit schlägt erbarmungslos zu.
Ab diesem Moment arbeitet der Gegner gegen uns. Der Gegner hat Vorsprung.
Er arbeitet mit starken Schmerzen, mit einer zunehmenden Schwächung des Kreislaufs und hat viele Booster (laute Umgebung, Chaos an der Einsatzstelle…) und Multiplikatoren (Begleiterkrankungen, Bltuverdünner…) auf seiner Seite die dem Gegner helfen sollen zu gewinnen.

Es ist die Herausforderung sich in kürzester Zeit einen Überblick zu machen. Einen Plan zu erstellen. Bereite bitte diese Medikamente vor, ruf Du bitte dort an, mach Du bitte das.
Der Gegner sieht nicht tatenlos zu, es werden neue Ereigniskarten auf den Tisch geworfen.
Blutdruckabfall? Trumpf im Ärmel = habe Arterenol in die Infusion gepackt, lasse ich auf mittelhart mittropfen Puls peripher gut tastbar.

Die Situation erkennen, Optionen prüfen, eine Option wählen, durchführen und bewerten. Ständig mit dem Team im Kontakt bleiben, effektiv kommunizieren, erkennen wer noch welche Kompetenzen und Reserven zur Verfügung und hat und wer nicht.

Es ist kein Spiel. Es ist ein Wettkampf.
Es geht um Sieg oder Niederlage, es geht darum wie man gewinnt. Elegant, schnell, kurz und schmerzlos (man verzeihe mir dieses Wortspiel…). Die Therapie kann improvisiert, schmutzig, radikal, langsam, vorsichtig, aggressiv oder in begründeten Fällen auch fernab der Leitlinien stattfinden.
Entscheidend ist unterm Strich. Es geht um die Ungewissheit und das Nicht-mehr-Planbare.
Es erinnert mich an die Wanderungen mit meinem Großvater durch die Schweizer Berge. Wir konnten immer nur bis zum nächsten Felsvorsprung schauen. Meistens kam dahinter der nächste Anstieg, ein weiterer sich serpentinenartig schlängelnder Wanderweg um den Berg herum. Viel zu selten kam die ersehnte Bergstation mit Spielplatz und Verpflegung. Die Motivation blieb der Reiz des Unerwarteten. Es könnte sein. Wir müssen mal schauen. Erstmal nur bis da vorne.

Es sind die komplexen, schwerverletzten oder schwerkranken Patienten. Es sind die großen Herausforderungen die bei mir dieses Kribbeln im Kopf auslösen.
Am Rande der Komfortzone muss ich wach sein, auf Fehler lauern, entdecken, beheben, selber keine machen. Haken schlagen und den Patienten sicher ans Ziel führen. Ich bin wie der Bergführer, der die Gletscherspalten umgehen muss.

Und am Ende gilt es die eigene Arbeit ständig neu zu bewerten. Was war besonders gut? Was hätten wir besser machen können? Wo besteht Nachholbedarf?

Nach einem NEF-Dienst gehen viele Einsätze in der Bedeutungslosigkeit verloren. Fehleinsätze, Banalitäten. Es bleibt aber immer ein Destillat über was mich reifen lässt, demütig macht und am Ende dankbar zurück lässt, den für mich schönsten Beruf der Welt zu haben.

Meine liebste Notfall-App

Ich möchte gerne ein wenig von Euch wissen. Zuerst bekommt ihr aber natürlich etwas von mir. Ich plaudere mal aus dem Nähkästchen was ich so als Notarzt immer gerne bei mir habe.
Es geht um Apps. In einem früheren Post habe ich ja mal von den kleinen Helferlein geschrieben, die einem den Einsatz einfacher machen können. Ähnlich ist es mit Apps. Mein Smartphone habe ich eigentlich immer dabei und ich wäre ja doof, wenn ich das nicht nutzen würde.

Ein Kind, 7 Jahre, Autist, stürzt aus dem Fenster. 8m tiefer auf Steinboden aufgeschalgen, mehrfach frakturierte Arme, V.a. Unterschenkelfraktur links, Blut aus dem Ohr. Das Kind ist auf starken Schmerzreiz noch so leidlich erweckbar, weint dann vor Schmerz, dämmert aber rasch ein. Sättigung 92%, Rest o.p.B.
Hubschrauber ist bestellt, ca. 12 Minuten Anflugzeit.
Nächstes Krankenhaus bodengebunden in 15 Minuten, Traumazentrum ohne Neurochirurgie in 20 Minuten, Kindertraumazentrum mit Neurochirurgie in 55 Minuten.

Dieses Kind benötigt jetzt eine Narkose und daran führt auch kein Weg vorbei. Dafür benötigt es Medikamente. Aber wie viel?

medizinische apps die man als notarzt gebrauchen kannEs gibt das Kinder-Notfall-Lineal und andere Hilfsmittel. Es gibt auch andere Apps. Mich hat „Ana Paed“ (2,99€) überzeugt, denn es ist das einzige, bei dem ich Medikamente ergänzen kann (das kann das viel gelobte „Pedi Safe“ nämlich nicht).
So habe ich nicht nur Ketamin hinterlegt, sondern auch Ketamin S und diese jeweils in i.m., s.c. oder i.v.-Dosierung wahlweise zwecks Analgesie oder Narkose.
Ehrlich gesagt habe ich das mittlerweile auch im Kopf, aber in den Anfangsjahren war mir das immer eine Hilfe. Ich habe mir das grob im Kopf überschlagen wieviel ich wovon nehmen würde, habe nochmal bei „Ana Paed“ reingeschaut und dann meinen Plan mitgeteilt.
Mir ist die Diskussion um pro und contra lang und breit bekannt – ich habe dazu mal einen Vortrag auf einem Kongress ausgearbeitet. Es ist ganz einfach so – ich habe diese App für meine Arbeitsweise als am effektivsten kennengelernt. Auf dem Hubschrauber haben wir aber auch noch das Lineal. Meistens benötigen wir keins von beiden, aber es ist gut es dabei zu haben.

Außerdem nutze ich regelmäßig den IFAP-Index, gratis als Download im Appstore. Dort kann ich falls notwendig noch vor Ort recherchieren, ob ein Medikament aus der Hausmedikation des Patienten für mich Relevanz hat. Insbesondere die neuen, oralen Antikoagulantien haben teilweise abenteuerliche Namen die man als solche nicht unbedingt sofort erkennt.

Wenn ich auf der Anfahrt zu einem Patienten dieses „was macht man da nochmal genau“-Gefühl bekomme schaue ich gerne bei der – etwas überalteten aber kostenlosen und sehr übersichtlichen – Notmed.info-Seite rein. Großartige Arbeit des Kollegen dort drüben, leider von 2010 und teilweise nicht mehr komplett up to date. Aber egal, wenn lau, dann tau!
Ich habe mir den Link zum Glossar im Telefon „zum Homebildschirm“ hinzugefügt. Da findet man schnell mal was zur Pantherpilzvergiftung. Oder so.

Im Klinikalltag hat mir die „Bleeding Card“ (welche auch „zum Homebildschirm“ hinzugefügt werden kann) schon manches mal Orientierung gegeben.

Das sind die Apps die ich wirklich regelmäßig nutze und die mir im Notarzt-Alltag aber auch in der Klinik helfen.
Und weil man das ja heute immer dazu sagen muss: ich bekomme kein Geld dafür, das ist meine ehrliche Meinung.

Jetzt bin ich auf Eure Rückmeldung gespannt! Gibt es da draußen nutzvolle, vielleicht sogar kostenlose Tools und Apps die mir helfen können?
Vielen Dank für Eure Rückmeldungen im voraus,

der Narkosedoc!

Ich bin dann mal weg. Innerlich.

Endstrecke, one way.

Nee nee, keine Angst. Der Narkosedoc bleibt. Er bleibt auch da wo er ist, mir geht es ganz gut.
Es geht um Arbeitsmoral, innere Kündigungen, Motivation, Belastung und Qualität und darüber ist schon viel gesprochen und noch mehr geschrieben worden. Arbeit ist ein großer Teil des menschlichen Lebens, manchmal bleibt sogar links und rechts davon kaum noch Zeit für etwas anderes.
Ich habe in meiner medizinischen Laufbahn drei Gründe für schlechte Versorgungsqualität erlebt.
1) wir wollen aber können nicht
2) wir können aber wollen nicht
3) wir wollen nicht UND können nicht
Kategorie 1 ist der kleine Grundversorger im ländlichen Raum der sich auf einem seinr zwei Intensivbetten („wir haben hier so einen Monitor und der Strom ist auch an“) um einen Patienten mit ARDS kümmern muss. Da geht einfach gerätetechnisch nicht mehr und auch die Ausbildung gibt einfach keine ECMO-Therapie her. Der Kunde muss da weg und zwar schnell und das ist dann eben so. Gerade im Rettungsdienst und noch häufiger in der Luftrettung (Guuuuut, dass ihr da seid!) lernt man diese Kategorie kennen. Da hilft man gerne und wird nach Kräften unterstützt.
Kategorie 2 hat technisch vielleicht die Voraussetzungen, vielleicht ist man sogar ganz gut ausgebildet. Jahrelanger Raubbau am Gesundheitssystem hat aber zu Verschleiss am Personal geführt und der Frust sitz tief. Die medizinischen Fähigkeiten sind zwar noch vorhanden aber sie werden nur noch wiederwillig eingesetzt. Das kann an der Uhrzeit (nachts um 3), an dem Patienten (Der Dicke wiegt 180kg! Selbst schuld!) oder tausend anderen Gründen liegen. Kategrie 2 hat mich in den letzten Jahren zunehmend verärgert und es wird schlimmer.
Kategroie 3 setzt allem die Krone auf und breitet sich rasant aus. Es fehlt an Ausbildung, ganz grundlegenden Sprachfähigkeiten, handwerklichem Können oder eben allen dreien. Und es fehlt die Bereitschaft diesen desolaten Zustand zu ändern.
Stirbt ein Patient wird den Angehörigen gesagt das sei eben so. Da könne man nichts ändern. Oh, gehen Sie mal bitte zur Seite, da kommt der nächste. Oh, auch kaputt. Naja. Hat ja angefangen.
Ich könnte Euch an dieser Stelle etliche Beispiele alleine aus den letzten Wochen nennen, aber es führt ja zu nichts. Nein, wir werden das Problem nicht lösen, aber wir werden es zunehmend spüren. Beim eigenen Krankenhausaufenthalt, in der Familie, in ein paar Jahren.

Der Anspruch an meine eigene Arbeit war immer meinen Aufgabenbereich so gut wie möglich zu erledigen. Nicht irgendwie oder so wie wir es seit zwanzig Jahren machen sondern so gut es gemäß aktuellem, wissenschaftlichem Stand möglich ist.
Als Anästhesist kommt man mit Kategorie 1 da sehr gut klar. Wir sind die Alles-für-Sie-Abteilung und helfen gerne. Meistens. Es sei denn mein Gegenüber kommt aus Kategorie 2 oder 3. Dann klopft auch in meinem Kopf der kleine Mann etwas lauter und es möchte einfach ein saftiges „… SAMMA! HACKTS?!?“ raus.
Es geht hier nicht um Leitlinien-Klugschiss, um Kongressnews oder Level-C-Empfehlungen sondern um Basics. Um lebenswichtige Basics die den kompletten Behandlungsverlauf entscheiden und von jedem Anfänger sicher beherrscht werden sollten.
Darum, dass man einem Patienten nachdem man ihn intubiert auch beatmet und nicht einen Sauerstoffnasenpömpel mit Pömpel in den Tubus steckt.

Manchmal ist es frustrierend.

Wusstet ihr schon, dass…

Notarzt Parkplatz… man als Notarzt 25€ pro Einsatz bekommt? Brutto. Nach Steuern und Abzügen bleiben so 15€ Pi mal Daumen. Soweit so gut, finde ich OK. Obwohl, rechnen wir mal zusammen:

– wir fahren unter Lebensgefahr mit im Schnitt 25-fach erhöhtem Unfallrisiko zum Patienten
– wir suchen den Patienten unter Tage, in verschwefelten Recyclingwerken, im Steinbruch an einer eigengefährdenden Abbruchkante und auf der Autobahn auf
– wir machen eine körperliche Untersuchung, erstellen eine oft umfangreiche Anamnese bei einem uns bisher komplett fremden Patienten, beklopfen, behören, riechen, fühlen, schmecken und kombinieren all diese Eindrücke zu einer Verdachtsdiagnose
– wir setzen dafür das Know-how ein, was wir in 6 Jahren Studium, mindestens zweijähriger klinischer Tätigkeit (plus praktisches Jahr!), Seminaren, Workshops, Fortbildungen und endlosen Stunden über Büchern gesammelt haben
– wir legen bei schlechten Lichtverhältnissen an dicken Armen bei Patienten mit „Rollvenen“ und gerne auch hinter der Couch einen Venenzugang
– wir geben hochwirksame Medikamente deren einfache Unterdosierung oder Überdosierung gravierende Konsequenzen haben kann
– wir übernehmen juristische Verantwortung für die Konsequenzen möglicher Fehlbehandlungen
– wir fahren immer raus – nachts um 3 wenn alle schlafen, morgens um halb 7 wenn andere sich nochmal rumdrehen und abends um 23:30 Uhr wenn die letzten Lichter ausgehen
– wir sind stets meistens freundlich, verständnisvoll und hilfsbereit
– wir verbringen all diese Stunden im NEF und nicht bei unserer geliebten Familie, unseren Kindern, unseren Freunden und verpassen Grillpartys, Geburtstagsfeiern, gemütliche Weihnachtsessen oder die ersten Schritte des eigenen Kindes
– wir reanimieren, intubieren, infundieren, injizieren, thorakotomieren und narkotisieren
– wir vermitteln, beraten, moderieren, besänftigen, deeskalieren und entscheiden

Für 25€. Bodengebuden (NEF oder ITW) genauso wie Luftgebunden (RTH).
Immer noch OK für mich, ich mache den Beruf sehr gerne und tatsächlich aus Berufung.
Aber halt! Es gibt was extra!
Für die Todesfeststellung und Leichenschau kann (und muss) ich als Arzt nach GOÄ 55€ berechnen.
Ein Beispiel: Der Pat. ist leblos und reanimationspflichtig, wir schackern anderthalb Stunden, intubieren, lysieren, defibrillieren etc. und bringen den Pat. mit stabilem Kreislaufverhältnissen ins Krankenhaus und retten sein Leben. Macht 25€.
Ein anderes Beispiel: Der Pat. ist leblos und reanimationspflichtig, wir brechen die Reanimation ab und stellen den Tod fest. Macht 80€.

So, finde den Fehler!
Eine interessante Woche noch allerseits, sonderrechtliche Grüße,

der Narkosearzt

§7 der Notfallmedizin: Du kannst nicht keine Entscheidung treffen.

Herr Büllendal hat 82 Jahre seine Lebens erfüllt und glücklich hinter sich gebracht. Es genügte ihm. Den Begriff Makuladegeneration konnte er nicht aussprechen, was er in der Praxis für ihn bedeutete merkte er dafür von Jahr zu Jahr umso mehr.
Nichts zu sehen heißt Abschied von den Dingen nehmen, nichts zu hören heißt Abschied von den Menschen nehmen.
Herr Büllendal hatte erst seine Frau um viele Jahre überlebt, zu den Kindern gab es schon lange keinen Kontakt mehr. Das 13-stöckige Hochhaus bot die Anonymität einer Großstadt, die ihm noch verbliebenen vertrauten Nachbarn hatten sich in den letzten Jahren in Altenheime verabschiedet oder zur ewigen Ruhe gelegt.
Die Welt um Herrn Büllendal wurde kleiner, enger, leiser. Trauriger.
Am frühen Vormittag eines gewöhnlichen Großstadt-Donnerstags ging Herr Büllendal ans Fenster seiner im 5. Stock liegenden Eigentumswohnung.
Und sprang.

Herr Büllendal ist nicht tot. Er überlebt den Sturz schwerstverletzt.
Initial kritisches A, kritisches B, kritisches C, kritisches D.
Offenes Schädel-Hirn-Traum, einseitig instabiler Thorax, multiple Extremitätenverletzungen, instabile Beckenfraktur. Thoraxdrainagenanlage und Intubation erfolgten durch den Notarzt vor Ort. Parallel wurde ein RTH alarmiert der den Pat. übernahm und in unserem Schockraum ablieferte – unter Reanimationsbedingungen.
Innerklinisch wurde der Pat. durch ein 12-köpfiges Team aus Anästhesie, Unfall- und Neurochirurgie, Pflegekräften und Radiologen behandelt reanmiert. Rhythmus bei Aufnahme: Asystolie. Laufende Reanimation seit 15 Minuten.
Zwanzig Minuten nach Ankunft im Schockraum immer noch Asystolie. Weite, lichtstarre Pupillen. Und innerlich der leise Wunsch Herr Büllendal möge es doch bitte geschafft haben. Nach zähen 30 Minuten, Anlage zweier weiterer Thoraxdrainagen, ZVK, Arterie, Sono und viel anderem Gedöhns kommt vom Teamleader die Rückfrage an das Team ob noch jemand eine Idee zur Rettung des Patienten habe.
Wir entschließen uns im Konsens zum Abbruch bei insgesamt infauster Gesamtkonstellation.

Freier Fall aus 15m Höhe. Erst nach erneuter Rückfrage beim einliefernden Notarzt wird nun ein möglicher Suizid erwähnt. Die Polizei habe einen Abschiedsbrief gefunden. Man sei sich aber zunächst nicht sicher gewesen ob er nicht vielleicht doch nur ausgerutscht sein könnte, daher habe man behandelt. Man weiß ja nie.

Manchmal macht Notfallmedizin keinen Spaß. Manchmal tröstet noch nicht mal der Gedanke „es versucht zu haben“. Manchmal fragt man sich aber auch was wir da eigentlich machen. Verhältnismäßigkeit. Ressourcenplanung und so.

http://www.welt.de/regionales/berlin/article1062452/Patient-lag-14-Stunden-in-der-Notaufnahme.html